Konkrete Utopie

Was wir verloren haben, was wir gewinnen können: Spontane Gedankengänge
Mein Essay vom 7. Mai 2010 und Leitartikel 2011, rückblickend betrachtet und aktualisiert am 22. Februar 2017

Vorbemerkung vom 22. Februar 2017
Als ich diesen Text im Mai 2010 in kürzester Zeit niederschrieb, taumelte Griechenland gerade in seine erste Phase der Schuldenkrise hinein, von der es sich noch lange nicht erholt hat. Doch beflügelte mich die damals für alle Europäerinnen und Europäer spürbare allgemeine Kapitalismuskrise, meine persönliche Vorstellung von einer besseren Welt etwas konkreter zu formulieren. Wie möchte ich zukünftig leben, was wünsche ich meinen Mitmenschen für ihr Leben, mit welchen Werten und Prinzipien können wir alle zusammenleben, als gemeinsame Weltbürgerinnen und Weltbürger, so unterschiedlich wir auch immer sein mögen, ob von der Kultur her, von der Sozialisation, von der Weltdeutung, und – unterschiedlicher geht es kaum – vom Geschlecht.
Rückblickend muss ich sagen, finde ich diesen Text auch fast sieben Jahre später noch immer anregend. Deshalb habe ich ihn nach einem spontanen Dialog mit meiner alten Freundin und Genossin Birgit Gärtner ihr einmal zugesandt. Prompt kam eine ausführliche und sehr feinsinnige Antwort mit der Anregung, ihn nochmals zu veröffentlichen. Kritik übte Birgit, so kenne ich sie, natürlich auch: Die Sprache klingt zu männlich. Vielleicht ist das so, vielleicht mein Stil, aber ich dachte mir, schau einfach einmal kritisch darüber und ändere, was vielleicht zu dieser Kritik berechtigt. Mal sehen, was dabei herauskommt, es ist eine „work-in-progress“-Geschichte.
Keine Geschichte im Sinne von Fiktionalität ist jedenfalls die augenblicklich sehr schwierige Weltlage. Die Spannungen nehmen deutlich zu, gerade die USA drehen an der Schraube des Kalten Krieges, Russland steht wieder im Fokus der Feindbildproduktion wie ehedem die UdSSR. Despoten wie der türkische Staatspräsident Erdogan wiegeln die Massen auf und würgen die Demokratie ab. Rechtspopulistinnen wie Frauke Petry und Marine le Pen sind im wahrsten Sinne hoffähig, ihnen wird der rote Teppich der Talkshows ausgerollt etc.; Rechtspopulisten wie Geert Wilders rütteln an den Türen der Macht. Sie alle drehen das Rad der Geschichte zurück: Arbeitnehmerrechte, soziale Rechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte werden beschnitten, Freiheitsrechte staatlich eingeschränkt. Solidarität gilt fast als Vaterlandsverrat, bezieht man sie auf Flüchtlinge oder auf Probleme von nichtdeutschen Minderheiten, zumal von Frauen. Gewaltverherrlichung, sexualisierte Gewalt, all diese Scheusslichkeiten haben zugenommen. Und man kommt auch nicht um die Feststellung herum, dass sich im Schoß unserer Gesellschaft, die sich doch eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten durch den Druck von Links, durch die Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegungen deutlich zivilisiert und in Richtung von mehr Gleichheit bewegt hatte, neue Teilkulturen entstehen, die antidemokratisch, antiegalitär, frauenfeindlich und gewaltträchtig sowie nationalistisch sind. Dies betrifft nicht nur den politischen Rechtsradikalimus, sondern auch die nationalistische Subkultur deutscher Türken usw. Wenn wir, die fortschrittlichen Kräfte der politischen Parteien und Bewegungen, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Sozialverbände, die Basisinitiativen und die Medien, die Selbstorganisationen von Betroffenen, die Willkommensbewegungen usw. hier nicht jede und jeder die Rechte einer/s jeden Einzelnen verteidigen, verteidigen wir niemanden.
Gegen Ende des Textes schrieb ich von einem Beinahe-Atomkrieg, den die Menschheit nur als Ganze verhindern konnte, um dann den Weg in die Barbarei für alle Menschen zu verlegen.Ich fürchte, ich habe damals den richtigen Riecher gehabt. Ein US-Präsident Trump oder Fundamentalisten gleich welcher Observanz gefährden die Welt und das Leben der Menschheit, wenn wir sie lassen! In diesem Sinne hoffe ich, dass mein Remake auch heute anregend sein kann, selbst wenn ich sprachlich vielleicht nicht aus meiner Haut heraus kann. Birgit, ich hoffe, du siehst mir das nach.

Was wir verloren haben, was wir gewinnen können: Spontane Gedankengänge (Mai 2010)

Eine Lebensspanne von fünfzig Jahren gestattet es, Bilanz zu ziehen; Bilanz zu ziehen in einer Zeit der heftigen Turbulenzen und Weichenstellungen, die über unser eigenes Leben weit hinausreichen werden, weil sie grundsätzlichen Charakter haben. Klimawandel, Weltfrieden, Kooperation oder Kampf der Kulturen, Weltbevölkerungsentwicklung, um nur einige der Grundfragen unserer Daseinsentwicklung zu benennen. Von Bedeutung ist daneben auch die Frage, ob in den Ländern, die über eine entwickelte oder sich entwickelnde Wirtschaft verfügen, die Bedürfnisse der Menschen oder die Herrschaft des Profits die grundlegende Achse des Handelns bilden und bewegen.
Doch zu der akademischen Komponente dieser Frage ist genug geschrieben worden – auch von mir. Wenden wir uns also Alltäglicherem zu, nämlich der Ebene der Wahrnehmung. Wie also hat sich die Welt verändert, was lohnt noch der Trauer um den Verlust, wo lässt die unangenehme Gegenwart eigentlich Besseres erwarten?

Was wir verloren haben

Der Blick auf die Nachrichtensendungen offenbart bereits Wesentliches. Die „Tagesschau“ oder „Heute“ im Jahre 1980 kamen fast völlig ohne Bilder von Opfern, Toten und Verstümmelten aus. Die Nachricht wurde trotzdem gemeldet, die Bildfolge blieb ruhig und unaufgeregt, hingegen vermitteln schnelle Szenen- oder Schnittfolgen heute den Eindruck, als ob es wettkampfmäßig darum ginge, in begrenzter Zeit ein Höchstmaß an Katastrophenmeldungen loszuwerden. Überhaupt Katastrophen: Nicht dass ihre Zahl größer geworden wäre, aber die Summe der „bad news“ dominiert den Sendeablauf. Im Grunde regieren Schrecken und nackter Horror den Informationsfluss.
Es wird eine kranke Sau nach der anderen tagtäglich durchs Dorf gejagt: Terroranschläge, Umweltkatastrophen, Sexualverbrechen, Datenraub und Co. Und im Zentrum von „RTL-Aktuell“, „Heute“ oder „Tagesschau“ – das goldene Kalb, die heilige Börse, die Kathedrale des Kapitals. Die Kursverläufe des DAX oder des Dow Jones, die Laufbänder der Aktienkurse sind die Gesangbuchangaben der modernen Religion, die Epistellesung übernehmen die Analysten, die Bewertung predigen die Hofvikare von St. Kapitalismus. Die Gemeinde vor dem Fernsehaltar bangt vor den Hirtenworten der Deuter der Worte ihrer geldlichen Gottheiten. Die alten Instanzen traditioneller Moral, die Kirchen, besonders die katholische Kirche, haben durch ihre Verfehlungen an Glaubwürdigkeit eingebüßt

Wir haben die Ruhe verloren, das Maß und die Mitte. Das Klingeln des Handys oder die schnellen Terminfestsetzungen per SMS, Email und Co. treiben uns zu immer mehr vor sich her. Das soll uns glauben machen, wir seien wichtig, oder dass wir wirkten, als ob wir wichtig wären. Aber in der schnöden Realität sind wir doch lediglich Getriebene eines fremd gesteuerten Zeittaktes, Rädchen im Getriebe, angetrieben durch das Räderwerk des goldenen Kalbes. Nein, wir sind nicht wirklich wichtig als Individuen. Aller Individualitätskult im Fernsehen und im Internet ist eine Verkaufslüge für Produktwerbung. Nicht die Mitte zählt, nicht die Substanz, sondern die glatt polierte Oberfläche. Und auch das kommt in den Nachrichten zum Ausdruck, wenn es lediglich platte Floskeln aus dem Zentrum unseres Parlamentarismus zu berichten gibt: Nein, die Reden sind vielleicht oft gar nicht so schlecht, aber wer bekommt das denn überhaupt noch mit, es sei denn, er ist Dauerkunde bei Phoenix. Und so wirkt auch die Politik so seltsam fern von den Betroffenen, viel ferner, als sie es ohnehin schon längst ist. Aber Redeschlachten zwischen Strauß und Wehner, Brandt und Barzel wurden eben noch vor dreißig Jahren in langen Sequenzen in der Tagesschau wiedergegeben, so dass die Zuschauerin und der Zuschauer mehr erfuhren als nur noch die Plattitüden, sondern sich über die Substanz ein Urteil bilden durften. Und auch das Wetter wurde nicht gesponsert von einer Großbank oder einem Konzern, sondern es kam einfach vom Himmel.
Nein, Maß, Mitte, Ruhe und Substanzverlust sind Feststellungen, die zu keinem milden Urteil über die Gegenwart führen können! Ganz nebenbei sind noch der Respekt und die Pietät draufgegangen, alle Achtung vor dem Leben und vor dem Tod ist futsch, gesponsert von…?

Wer den Rundfunk abhört könnte Vergleichbares feststellen. Allein die Tatsache, dass die Lautstärke während des Werbeblockes deutlich zunimmt, damit selbst der Toilettengänger der Botschaft nicht entkommen kann, dass Mario Barth im Media-Markt doch nicht blöd ist, zeigt, was wirklich wichtig sein soll: unsere Abrichtung als steuerbare Konsumtrottel!
Die Musikprogramme kommen häufig aus der Konserve Schema F, allein der Zufallsgenerator beeinflusst die Reihenfolge zwischen mehreren Anbietern. Ohnehin gehören die meisten privaten Radioprogramme zu einem oder zu zumindest mehreren vergleichbaren Konzernen, die zudem noch von denselben Musikvertrieben beliefert werden. Das Resultat: Überall Phil Collins, Michael Jackson und ähnliche Geistesgrößen auf den Ätherwellen, nur zeitversetzt…Gut, dass wenigstens die Öffentlich-Rechtlichen noch Programme vorhalten, deren Substanz die letzten Mohikaner, die sich dem Kulturverfall entgegenstemmen, bedienen können und ihnen Nachrichten übermitteln, die dieser Bezeichnung würdig sind. Gut, es gibt ja noch Jazz- oder Klassikradio aus dem Lager der Privaten, aber Star FM als Rockerradio wird spätestens dann peinlich, wenn „Hygieneartikelhersteller“ die Verkehrsnachrichten featuren.

Verloren haben wir die Nähe und die Vielfalt, nicht nur, was den Einkauf angeht. Die Nähe der „Tante Emma Läden“ mitsamt des Pläuschchens im Laden, in dem die Waren noch ausgegeben und ausgewogen wurden, wo man auch noch „anschreiben lassen“ konnte, die ging bereits in den siebziger Jahren verloren. In jedem Discounter heute das gleiche Sortiment, billig, aber auch fad! Fleisch kann kaum noch gebraten werden, es sei denn, man gewinnt den Wettlauf gegen das verkochende Wasser im Topf! Aber Hauptsache, voller Bauch kritisiert nicht gern!!

Der Verlust an Nähe betrifft auch das Zwischenmenschliche; wer grüßt, ist von gestern oder hat ein Problem. Aber dieser Verlust positiver Signale unter Menschen widerspiegelt das Konkurrenzprinzip des Kapitalismus unserer Tage. Warum sollten wir friedlich miteinander umgehen, wenn wir doch sowieso um die ohnehin knapper werdenden Arbeitsplätze wetteifern? Männerbilder, Frauenbilder: Zurück zur Machogesellschaft. Und ansonsten führt uns die Vorabendserie vor, wie wir unsere Haut zu Markte zu tragen haben: schön, reich, cool, erfolgreich und perfekt im Ami-small-talk. Grauenhaft! Und damit man nun ja nicht auf den gutmenschelnden Gedanken kommt, sich mit den Bedrängten zu solidarisieren, werden diese unter dem Deckmantel von Erziehungsberatung , Ernährungshilfe und Schuldenmanagement nach allen Regeln der Verdummungskunst vorgeführt. Wer nach unten noch treten kann, buckelt umso bereitwilliger nach oben! Auch das gab es vor dreißig Jahren noch nicht, da war Solidarität ein Grundwert und noch kein „Unwort“!
Solidarisch kann sein, wem die Zeit zum Nachdenken gegeben ist. In einer Schule, die vor allem die beschleunigte Ausbeutungsfähigkeit ihrer „Kunden“ herstellen will und nicht die individuelle Entfaltung ihrer Schülerschaft zum Ziel hat, in einer Universität, in der man vor allem der Pflicht zu genügen hat, die einem die Studienordnung auferlegt, statt sich auch ein Kürprogramm nach eigenen fachlichen Neigungen zu organisieren, wird man für das „Wirtschaftsleben“ präpariert. Ich kannte noch Schulen des Lebens, in denen auch das gesamte Leben noch eine Rolle spielte.
Ja, ich sage mit Inbrunst, früher, vor rund dreißig Jahren, war Vieles besser. Es war langsamer, gehaltvoller, näher, maßvoller, intimer, ehrlicher, ganzheitlicher, solidarischer, politischer und gerechter. Und viel friedvoller und aufgeschlossener, gerade was Rollenverhalten anbelangt.

Heute ist Vieles zwar bunter, schneller verfügbar, günstiger, wenn nicht billig, aber meistens steckt dahinter nichts als bloße Verpackung, mindere Qualität, schnellerer Verfall, mit anderen Worten der Drang nach dem schnellen Geld.
Und dass Geld den Charakter verderben kann, dafür bieten genügend finanzwirtschaftliche Anschauungssubjekte den Beweis.
Und weil wir ganz nebenbei unsere Umwelt ruinieren, zulassen, dass unsere Kinder zu Pornokonsumenten manipuliert werden, gewähren lassen, dass unsere Löhne gen Null streben, damit einige dieser Subjekte so reich werden können, dass sie ganze Staaten zu unterwerfen vermögen, deshalb trauere ich nicht bloß der alten Zeit hinterher, ich will gleichzeitig, dass diese heutige kaputte und moralisch verkommene Welt vergeht. Ich weiß, dass wir vieles gewinnen werden, wenn wir einiges grundsätzlich überwinden. Und darüber will ich nun schreiben.

Was wir gewonnen haben werden – ein Rückblick nach vorn

Wir werden freiere Menschen werden. Denn letztlich beschränkt sich die gegenwärtige Freiheit auf die Pseudoauswahl zwischen Produkten, gleich ob wir uns im Supermarkt befinden, vor dem Fernsehgerät, dem Computer oder in der Wahlkabine. Wozwischen wir die Freiheit zur Wahl haben bestimmen Andere, nämlich Konzerne. Sind sie fort, können wir unsere Freiheit so gestalten, dass sie den Namen „Freiheit“ auch verdient. Niemand kann uns hindern, einen Teil unserer Lebensmittel gemeinsam mit Nachbarn oder anderen Mitmenschen gemeinsam und genossenschaftlich selbst zu produzieren. Dann haben wir nicht nur die Freiheit, uns selbst mit Lebensmitteln zu versorgen, über deren Reinheit wir selbst die Kontrolle besitzen, sondern auch die Freiheit, über unsere Arbeit selbst zu verfügen. Wir können mit unseren Mitgenossinnen und Mitgenossen selbst organisieren, wie, wann und wie viel wir an Arbeitszeit einbringen oder an Vermögen. Unseren materiellen Einsatz und unseren Arbeitseinsatz bekommen wir selbstverständlich zurück, in Form des Ernteanteils, des Verkaufserlöses usw. Wir haben die Freiheit, unseren Anteil am Gesamtprodukt selbstständig zu bestimmen, wie wir es möchten und können. Das kommt auch den Familien zugute, dass man über seine Arbeitskraft selbst verfügen kann. Nicht alles klappt immer auf Anhieb, aber die Kompromisse sind stets von gutem Willen getragen. Jedenfalls können wir uns die Familienzeiten viel besser einteilen. Die Familie ist insgesamt wieder stärker zu einer Lebensgemeinschaft geworden, in der Liebe und Zuwendung, das Teilen und das Weitergeben von Werten, Erfahrungen und Fähigkeiten im Vordergrund stehen.

Wir werden einen anderen Anteil unseres Arbeitsvermögens frei dafür einsetzen können, uns mit anderen für das Wohl unserer Gemeinschaft einzusetzen, indem wir als Lehrerinnen und Lehrer, als Ärztin, als Bäcker, als Technikerin arbeiten und diese Qualifikationen in den Dienst aller stellen. Das wäre sozusagen die Ebene der Arbeit, in der wir unsere Fähigkeiten zu dem Beruf machen, der gleichzeitig unsere Berufung ist. Was mich betrifft, würde ich Lehrer bleiben, Wissenschaftler sein, gleichzeitig vielleicht in einer Kooperative arbeiten. Dann wäre all das, was mich interessiert, auch in Form von Arbeit, die gesellschaftsdienlich ist, verwirklicht. Das ist für mich Teil meiner Freiheit.
Zu dieser Freiheit gehört ebenso die Selbstverwaltung. Dort, wo ich meine Fähigkeiten einbringe, entscheide ich auch mit. Gemeinsam mit meinen Mitgenossenschaftlerinnen und Mitgenossenschaftlern regeln wir unsere Vorhaben und Verpflichtungen in der Kooperative, mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Haus des Lernens organisieren wir alles, was die Bildung und Ausbildung betrifft, die Volksbildung usw. Und wir entsenden unsere Delegierten in den Gemeinderat, um mitzubestimmen, wie es in unserer Gemeinde voran geht. Und so muss Politik ablaufen, die bürgernah ist, sie muss von den Bürgerinnen und Bürgern dort besprochen und entschieden werden, wo sie betroffen sind, nicht von „Produkten“, zu denen die klassischen Parteien längst degeneriert sind. Entscheidungen werden an der Basis getroffen und von dort aus in die nachfolgenden Gremien getragen. Wählt man mich zum Delegierten, halte ich mich selbstverständlich an die Entscheidungen meiner Ebene. Kommen wir im Gremium nach reiflicher Überlegung zu anderen Ergebnissen, so stimme ich mich mit meiner Ebene ab und entscheide nicht über meine Kolleginnen oder Genossenschaftler hinweg. So viel Rätedemokratie muss sein! Außerdem regeln wir auch unsere Verwaltung und unsere Einrichtungen selbst.

Im Übrigen besteht meine Freiheit auch darin, mich frei von Not und Arbeitslosigkeit zu fühlen, denn Arbeit gibt es für alle, da sie nach Bedürfnis und nicht nach Gewinnerwartung existiert. Überschüsse kommen allen zu Gute, zu fest vereinbarten Teilen. Das können Lebensmittel sein, Bildungsleistungen, Nachbarschaftsdienste, Fahrdienste usw. Vielleicht brauchen wir dann gar kein Geld mehr, irgendwann jedenfalls, wenn sich alles eingespielt hat. Im Übrigen stört es mich nicht, wenn mein Nachbar in die Kirche oder meine Mitbewohnerin in die Moschee geht, denn wir haben uns längst darauf geeinigt, dass es gleich ist, ob Gott, Allah oder die rationale Überlegung uns dahin bringen, das zu tun, was uns allen nutzt. Diese Freiheit gönnen wir uns!
Ali ist im Übrigen unserer Cheftechniker, der unsere Solarstromanlage kontrolliert und wartet und die Schülerinnen und Schüler unserer Gemeindeschule mit ihren Geheimnissen vertraut macht. Wer sich dafür interessiert, lernt dort schnell, wie er seine eigene Stromanlage baut, den Wasserverbrauch durch Sekundär- und Tertiärkreisläufe wesentlich reduziert, die Umwandlung von Abwässern zu Dünger und Verbrauchswasser realisiert. Das ist längst Gemeinwissen.
Unser eigenes Gemeindeinformationsprogramm produzieren wir längst selbst. Neben den Hauptinformationen aus aller Welt, aus Europa und aus Deutschland machen wir unser eigenes Radio-, Fernseh- und Multimediaprogramm für alle. Die Schülerinnen und Schüler und die Jugendlichen haben ihren Raum dafür und senden aus Schule und Freizeitzentrum. Kein Problem! So unkompliziert kann Freiheit sein, wenn man es endlich aufgegeben hat, dem Anderen zu nehmen, was ihn ausmacht. Kriege kennen wir nur noch aus dem Geschichtsunterricht, wo wir erfahren, wie knapp die Welt vor wenigen Jahren an der Totalzerstörung vorbeigeschrammt ist. Allein die Massen von Menschen, die sich den verantwortungslosen Herrschenden in den Weg gestellt haben, ihr Mut hat uns allen auf dem Planeten das Leben gerettet! Seitdem normalisiert sich auch das Klima langsam wieder. Es hat gewaltige Katastrophen gegeben, so ist halb Bangla Desh zeitweilig im Indischen Ozean verschwunden, die Südküste der USA durch Hurrikanes und Ölpest unbewohnbar geworden, haben Erdbeben, Stürme und Wassermassen vor einigen Jahren unbeschreibliche Opfer gefordert, aber das Opfer dieser Menschen war nicht umsonst. Alle Regierungen haben sich darauf geeinigt, ab sofort nur noch erneuerbare Energien zu nutzen. Die Verbindung der Forschung in aller Welt zu einem „Gehirn“ hat es möglich gemacht.
So haben wir es erreicht, dass auch die Ärmsten der Armen jetzt ein sicheres Leben führen können, ohne Krankheiten, Armut und Hunger. Die Menschen begegnen sich überhaupt mit Respekt, seit sie angesichts des drohenden Atomkrieges gemeinsam ihre unersättlichen Regierungen, Militärs und Finanzmanager gestürzt haben. Seitdem brauchen wir Geld nur noch, um umzurechnen, aber auch das ist bald Vergangenheit.
Wir haben natürlich alle unsere Sorgen, Probleme und Konflikte. Aber niemand kann mehr so tief fallen, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Wir sind solidarisch und gerecht und respektvoll mit allen Lebewesen und mit allen Elementen der Natur, weil wir gelernt haben, wie schnell man unendlich viel für immer zerstören kann.
Wenn man mich fragt, wie diese Lebensweise heißt, die wir führen, dann sage ich, es ist die Lebensweise, die uns allen die größtmögliche Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und ein Maß an Zufriedenheit schenkt, wie es Menschen seit vielen Jahrhunderten gefordert haben. Ist doch gleich, ob sie Sozialismus oder solidarische Gesellschaft oder einfach Menschlichkeit heißt. Auf die Substanz kommt es an! Und die wollen wir zurückerobern! Und jede und jeder hat das Recht auf Glück! Steht dies nicht sogar in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika?