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Peter Brandt: „Trotzkismus“ in Deutschland – Supplement von „Sozialismus“ 4/2018. 45 Seiten, ISBN 978-3-89965-882-8, VSA-Verlag Hamburg. Rezension vom 17. April 2018

Der „Trotzkismus“, so Peter Brandt, „besaß und besitzt im linkssozialistischen Spektrum, namentlich im vergangenen halben Jahrhundert, ein größeres Gewicht, als die zahlenmäßig bescheidene Stärke der einschlägigen Gruppierungen vermuten ließe. Das scheint mir unbestreitbar“ (S.1). Mit dieser These eröffnet der Autor die historische Darstellung der Organisationswelt und der Wirkung jener Strömung zwischen traditionellem Sowjetkommunismus und sozialdemokratischem Reformismus, die nach ihrem Namensgeber Leo Trotzki (1879-1940) noch mit weiteren bedeutenden Publizisten wie Ernest Mandel (1923-1995) oder Michalis Raptis (1911-1996) verbunden wird. Zum trotzkistischen Jugendverband Griechenlands stieß in den Jahren vor der Metaxas-Diktatur auch der spätere Ministerpräsident und PASOK-Gründer Andreas G. Papandreou (1919-1996). Der Autor selbst, Peter Brandt, gehörte um 1970 in Westberlin zu einer trotzkistisch geprägten Organisation, wie er selbst angibt (S.2).
Der begriff „Trotzkismus“ diente vor allen Dingen zur Abgrenzung und Verfolgung der Anhänger der antistalinistischen Opposition in der KPdSU, während der Phase der Stalinschen Säuberungen als Legitimierung der Schauprozesse u.a. gegen Sinowjew, Kamenew und Radek. Die deutsche SAP und die spanische POUM wurden mit Hilfe dieser Bezeichnung ebenfalls denunziert, im Falle der POUM gar während des spanischen Bürgerkrieges von sowjetkommunistischen Anhängern bekämpft (S.9).
Doch was kennzeichnet den „Trotzkismus“ eigentlich als politische Strömung des Linkssozialismus bzw. Kommunismus und welche Organisationsformen prägte er aus? Peter Brandts Abhandlung verdeutlicht die Grunddisposition „trotzkistischen“ Organisationsverständnisses, nämlich den Internationalismus, was die meisten der sich als „trotzkistisch“ verstehenden Parteien und Gruppierungen auszeichnete. Auch die bekannteste, von den Lehren Trotzkis beeinflusste deutsche Partei, die „Gruppe Internationaler Marxisten“ (GIM) verstand sich als Sektion einer „Weltpartei der sozialistischen Revolution“ (S. 4f). Dringt man zum Kern der inhaltlichen Identität dieser eigenständigen radikalsozialistischen Strömung vor, so kann man die folgenden Basispositionen identifizieren: Erstens die „permanente Revolution“ als Konsequenz der nur global möglichen Weltrevolution zwingt alle revolutionären Kräfte zur ständigen Entwicklung von „Übergangsprogrammen“ zur Weiterentwicklung der „Arbeiterstaaten“ und zur Unterstützung der revolutionären Bewegungen. Zweitens die Kritik an den Formen der stalinistisch geprägten Herrschaft in den sozialistischen Staaten als „Herrschaft einer bürokratischen Kaste“ über das Proletariat. Eine „politische Revolution“ müsse diese Kaste entmachten. Und drittens die Grundauffassung, dass revolutionäre Kräfte keine Verantwortung für restriktive, sich aus der Logik des Kapitalismus ergebende Maßnahmen übernehmen dürfen (S.37). Letztlich viertens gehört ein Organisationsverständnis dazu, dass die Unversehrtheit der eigenen Programmatik der Unversehrtheit der eigenen Organisation vorzieht. So erklärt sich die permanente Tendenz zur Aufspaltung und Wiederannäherung.
Im Gegensatz zum programmatisch hehren Anspruch („reine Lehre“) dieser Strömung zeichnet Brandt die eigentlich ständige, nur von wenigen Aufschwüngen unterbrochene personelle Schwäche und mangelnde Verankerung trotzkistischer Organisationen in der Arbeiterbewegung nach. Eigenständige Parteigründungen zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus wie die GIM oder die „Unabhängige Arbeiterpartei“ (UAP) verblieben in der politischen Bedeutungslosigkeit. Erfolgreicher hingegen wirkten zeitweilig Versuche des „Entrismus“, also des geschlossenen Wirkens in den Gewerkschaften und Parteien, in der BRD besonders in der SPD und bei den Jungsozialisten. Dieses geschlossene Auftreten machte sich nicht zuletzt bei Demonstrationen und Protesten geltend. Aber eine politische Nachhaltigkeit der Verankerung blieb auch hier die Ausnahme. Die Wende der SPD hin zu neoliberalen Positionen des „Schröderismus“ aber forcierte die Abwendung der an Trotzki orientierten Aktivistinnen und Aktivisten von der Sozialdemokratie und führte viele an die Seite der WASG und über die Parteifusion mit der PDS in die Linkspartei. Das Verhältnis zu den „Grünen“ war ohnehin unterkühlt, „hauptsächlich wegen der Abwendung von der Klassenfrage als dem zentralen Gegenstand sozialistischer Politik“. Dennoch traten EX-GIM-Mitglieder wie Kerstin Müller und Andrea Fischer den „Grünen“ bei und machten dort Parteikarriere oder kamen in eine Ministerstellung (S.25f). In der Phase der Erosion und des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers unterstützten Organisationen wie die GIM oder die „Vereinigte Sozialistische Partei“ (VSP) die Solidarnosc´ und begrüßten das Aufbegehren der Arbeiterschaft gegen die Parteihierarchie im Ostblock, weil dies, so Brandt, „in die ideologische Optik des Trotzkismus“ passte (S.27).
Gegenwärtig arbeiten viele an Trotzki orientierte Linkssozialisten in führenden Positionen der Partei DIE LINKE mit, so etwa Christine Buchholz, Nicole Gohlke und Janine Wissler. Die „Sozialistische Linke“ und die durchaus attraktive Zeitschrift „Marx21“ bilden den Artikulationsraum ihrer Positionen. „Linksruck“ ist ebenfalls eine Zeitschrift aus diesem Spektrum. Doch kann auch hier personell eher von einer Stagnation gesprochen werden. Und so sieht Peter Brandt angesichts der manchmal schwer nachzuvollziehenden Spaltungen und Neubildungen die Zukunftsfähigkeit dieser ideologisch gewiss anregenden, weil unabhängigen, linkssozialistischen Strömung eher pessimistisch: „Neben denjenigen, die etwas bewegen wollen, wird es solche trotzkistische Zirkel geben, die ihre Aufgabe und Existenzberechtigung fast ausschließlich darin sehen, andere linke und namentlich andere trotzkistische Ansätze zu kritisieren und zu belehren“ (S.45).