Historische Notiz 173

Karl Marx und Friedrich Engels um die Jahreswende 1858/59: Zwischen italienischer Revolution und der Revolution der politischen Ökonomie. Historische Notiz 173 vom 4. Januar 2019

„Marx200“ ist Geschichte. Doch das Marx-Jahr 2018 weckte zweifellos ein erneutes Interesse an dem großen Philosophen, Ökonomen und revolutionären Vorkämpfer Karl Marx (1818-1883). Und im kommenden Jahr geht es um seinen kongenialen Mitstreiter Friedrich Engels (1820-1895), Grund genug also, am Thema dran zu bleiben. Dies gilt für ihre Biographien ebenso wie für ihre Aktualität. Denn gerade im Zeitalter der Globalisierung erleben wir einen Kapitalismus, wie ihn Marx und Engels bereits 1848 im „Kommunistischen Manifest“ beschrieben: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“ (1)
Das sollte zur Begründung der Relevanz der Arbeiten von Marx und Engels hinreichend sein. Doch womit beschäftigten sich beide in London lebenden Exilanten vor 160 Jahren exakt? Schauen wir ihnen also einmal genauer über die Schulter.

Anzeichen möglicher Eruptionen – Das Jahr 1858
Friedrich Engels schrieb in seinem Leitartikel für die „New York Daily Tribune“ am 23. Dezember 1858 über „Europa im Jahre 1858“: „Vom 2. Dezember 1851 bis Mitte dieses Jahres war der europäische Kontinent in politischer Hinsicht wie mit einem Leichentuch bedeckt. Die Mächte, die dank ihrer Armeen siegreich aus dem großen revolutionären Kampf hervorgegangen waren, durften nach ihrem Belieben regieren, Gesetze erlassen oder umstoßen, befolgen oder verletzen, wie es ihnen gerade gefiel. Überall waren die Vertreterkörperschaften zu einem bloßen Schein herabgewürdigt worden; es gab kaum irgendwo eine Parlamentsopposition; die Presse war geknebelt; und hätte es nicht dann und wann ein plötzlich aufflammendes Feuerzeichen gegeben […] dann hätte man denken können, der europäische Kontinent habe nach der Erfahrung von 1848 alle Ideen von einem politischen Leben aufgegeben und der Militärdespotismus, das cäsarische Regime sei überall als die einzig mögliche Regierungsform hingenommen worden.“(2) Dann plötzlich erwachten die liberalen Kräfte zunächst in Russland, dann in Preußen, dann im noch lange nicht in einem Staat vereinten Italien und auch im Frankreich Napoleons III. Von Liberalen ins Werk gesetzte Veränderungen schienen möglich zu werden. Ein wenig Revolutionserwartung gar schien aufzukeimen, wenn Engels schrieb: „Das Jahr 1858 hat eine starke Ähnlichkeit mit dem Jahr 1846, das ebenfalls ein politisches Wiedererwachen in den meisten Teilen Europas einleitete und sich ebenfalls durch eine Anzahl von Fürsten, die Reformen anstrebten, auszeichnete, Fürsten, die zwei Jahre später ohnmächtig hinweggerafft wurden vom Ansturm der revolutionären Flut, die sie entfesselt hatten.“(3) Und ähnliche Artikel von Marx und Engels begleiteten diese Welle liberaler Hoffnungen, die ganz Europa erfasst zu haben schien. Es stellte sich für Marx und Engels vor allem eine generelle Entwicklungsalternative: Die Umwandlung Deutschlands in einen demokratischen Nationalstaat, voran getrieben durch eine revolutionär-demokratische Volksbewegung, oder „unter der Vorherrschaft des militaristischen Preußens, […] Einheit in einem reaktionären Staat […], der einer riesigen Kaserne gleichkommen mußte“.(4) Wie wir wissen, blieb diese Hoffnung eine Scheinblüte. In Preußen entschied der frischgebackene Ministerpräsident Otto von Bismarck im Herbst 1862 den Machtkampf mit dem von den Liberalen dominierten Abgeordnetenhaus zugunsten von König Wilhelm I. Es folgten die drei „Reichseinigungskriege“ von 1864-1871. Doch die publizistische Alltagstätigkeit der beiden widmete diesen Tendenzen ein großes Augenmerk. Während Engels vor allem aktuelle politische und militärische Studien betrieb, konzentrierte sich Marx auf die Ökonomie. Engels veröffentlichte im April 1859 anonym seine Schrift „Po und Rhein“, die sich mit dem italienischen Einigungskrieg gegen Österreich (Risorgimento) und der anwachsenden Kriegsgefahr in Europa befasste. (5) Parallel dazu arbeitete Marx an einer Revolutionierung der Wirtschaftswissenschaften. Indem er den Blick von der Nationalökonomie weglenkte und auf die Bewegungsgesetze des Kapitals zu schauen begann, entstand mit ihm die Politische Ökonomie als Bestandteil des wissenschaftlich und nicht mehr utopisch-idealistisch verstandenen Sozialismus. Blicken wir also nun auf Marx.

Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie
Wie seine Frau Jenny schrieb, wurde Karls Schaffenskraft durch gesundheitliche Probleme gebremst: „Nur daß mein lieber Karl öfter an der Leber litt, eine Krankheit, die er sich wohl durch zu vieles Sitzen und zu angestrengtes Studieren und Arbeiten zugezogen hat und die ihn auch abhielt, ein größres Werk, dessen ersten Hefte jetzt in Berlin erscheinen werden, schon früher herauszugeben.“(6) Seit dem Oktober 1857 arbeitete er an der „Kritik der politischen Ökonomie“, die zur Grundlage seines späteren Hauptwerkes „Das Kapital“ werden sollte. (7) Seine „Studierstube“ war vor allem die Bibliothek des Britischen Museums.(8) Marx beschrieb seinen Arbeitseifer mit folgenden Worten: „Ich abeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner ökonomischen Studien“, und :„Ich arbeite ganz kolossal, meist bis 4 Uhr morgens“.(9a) Kurz darauf erkrankte er und schrieb selbstkritisch an Engels : „Ich hatte die Nachtarbeiten – begleitet zwar nur mit Limonade auf der einen Seite, aber auf der andern with an immense deal of tobacco – zu sehr übertrieben.(9b) Nach einigen konzeptionellen Änderungen konnte Marx seinem Freund am 29. November 1858 endlich mitteilen, dass Jenny mit der Reinschrift – Marxens Handschrift war sehr unleserlich – begonnen hatte. Die Transkription für den Verlag war am 21. Januar 1859 abgeschlossen.(9c)
Das Bemerkenswerteste an der „Kritik der Politischen Ökonomie“(10) ist neben der systematischen Betrachtung des Kapitals im Ersten Buch und der weiteren Analyse des Geldes und seiner Zirkulation sowie seiner Maßeinheiten, seiner Vergegenständlichung als Zirkulationsmittel (Münzform etc.) und seiner Zweckformen (Schatz, Zahlungsmittel, Weltgeld), ergänzt um angehängte theoretische Erörterungen sein Vorwort. Das Vorwort zu dieser Studie. datiert auf den Januar 1859 entpuppt sich dadurch nicht zwangsläufig als dessen endgültige Version, denn am 23. Februar 1859 schrieb Marx aus London an Ferdinand Lassalle: „Lieber Lassalle. Ich habe heute an Duncker das Vorwort geschickt. Du bist wohl so gut, dafür zu sorgen, daß, sobald das Manuskript gedruckt ist, mir das Honorar zugeschickt wird.“(11)
Dennoch fasste Marx in diesem recht kurzen Text die Grundbestandteile der materialistischen Theorie von der historischen Entwicklung prägnant zusammen. Deshalb soll hier ein ausführliches Zitat folgen.

Das Vorwort zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ (Auszug)
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“(12)
Sowohl die Bestimmung des Bewusstseins als eines gesellschaftlich erzeugten und reflektierten, basierend auf der materiellen Interessenlage (Arbeiter oder Bourgeois, Bauer oder Grundherr, Freier oder Sklave?) als auch die Extraktion der Produktionsweise und der Produktivkräfte als der Basis für jede Form und Ausprägung von Staat und Gesellschaft und Recht (Produktionsverhältnisse), also der Überbau, gehören zu den Eckpfeilern des wissenschaftlichen Sozialismus. Gleichzeitig ergibt sich die Veränderbarkeit und Überwindbarkeit von Gesellschaftsformationen (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus) nicht aus politischem Wollen, sondern nur auf der Basis existenzieller Widersprüche zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsweise: Weil der Kapitalismus die Gewerbefreiheit und die Freiheit der Person benötigte, um überall und mit einem Heer von Arbeitskräften billig zu produzieren, musste die alte Rechts- und Gesellschaftsordnung der Leibeigenschaft, des Zunftzwangs und der Herrschaft des Adels gebrochen werden. Das geschah bekanntlich 1776 in den Vereinigten Staaten, 1789 in Frankreich und danach bis 1848/49 im weiteren Europa, wenn auch noch lange nicht vollständig und gleichzeitig. Dies formuliert zu haben ist die Großtat des Vorworts. Wie Kapitalismus „funktioniert“ beschäftigte Marx nun den Rest seines Lebens. „Das Kapital“ mit seinen drei Bänden (MEW 23-25), die „Theorien über den Mehrwert“ (MEW 26.1/26.2/26.3) sowie die „Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie“ (MEW 42) sind die Hauptresultate dieses jahrzehntelangen Schaffens. Es wird uns hoffentlich noch lange beeinflussen und erstaunen lassen. Nach einigem Hin- und Her schließlich erschien die „Kritik der Politischen Ökonomie“ am 11. Juni 1859 bei Franz Duncker in Berlin.

Anmerkungen

1) Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in MEW 4, S. 466.
2) Friedrich Engels, Europa im Jahre 1858, in MEW 12, S. 654. Am 2. Dezember 1851 errichtete Napoleon III. per Staatsstreich seine bonapartistische Diktatur in Frankreich.
3) Ebd., S. 656.
4) Heinrich Gemkow u..A.: Karl Marx. Eine Biographie. Berlin (DDR) 1968, S. 239.
5) Engels: Po und Rhein, in MEW 13, S. 225-268.
6) Jenny Marx: Brief an Louise von Westphalen in Berlin vom 10. Februar 1859, in Rolf Hecker/Angelika Limmroth (Hrsg.): Jenny Marx: Die Briefe, Berlin 2014, S. 246.
7) Siehe zur Werkgeschichte Wolfgang Schneider: Einführung in Marx´ Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin (DDR) 1988; Hannes Skambraks: Einführung in Marx´ Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin(DDR) 1982.
8) Karl Marx. Englischer Alltag, Berlin (DDR) 1968, S. 284.
9a) Karl Marx: Briefe an Friedrich Engels vom 8. und 18. Dezember 1857, in MEW 29, S. 225 und 232.
9b) Ders., Brief an F. Engels vom 16. Januar 1858, in ebd., S. 259-260.
9c) Ders.: Brief an F. Engels vom 29. November 1858, in ebd., S. 372.
10) Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, in MEW 13, S. 3-160.
11) Karl Marx: Brief an Ferdinand Lassalle vom 23. Februar 1859, in MEW 29, S. 579.
12) Vgl. Anmerkung 10, S. 8-9.