Geschichte

„Ehrlicher Makler“ oder Nutznießer der Mächtekonkurrenz? Der Berliner Kongress von 1878 und die Bismarcksche Außenpolitik. Historische Notiz 167 vom 18. Juni 2018

Außenpolitik galt noch vor wenigen politischen Generationen als ein Prärogativ der Monarchen und wurde vor allem bilateral, selten multilateral, im Grunde fast nie als internationale Politik konzipiert und ins Werk gesetzt. Spärlich, eigentlich nur nach heftigen Kriegen und Eruptionen, etwa nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) oder nach der Niederlage Napoleon Bonapartes (1813-15) fanden Friedenskonferenzen statt, die sich mit der Implementierung und Stabilisierung einer neuen Mächteordnung befassten und auf höchster Ebene einen sensiblen Interessenausgleich herzustellen versuchten: Der „Westfälische Frieden“ von 1648 und der „Wiener Kongress“ von 1814/15 lassen sich als diese Ausnahmen erwähnen, einem Zeitalter entstammend, als die Monarchien vor allem Europas noch weit von einem „Völkerbund“ und von „Vereinten Nationen“ entfernt waren. Als ein dritter Versuch einer Friedenskonferenz lässt sich der „Berliner Kongress“ vom Juni/Juli 1878 anführen, nachdem das europäische Machtgefüge durch die Entstehung neuer Nationalstaaten wie dem Deutschen Reich, das Preußen in vergrößerter Form ersetzte, und Italien in Unordnung geraten war. Gleichzeitig schwächelte das Osmanische Reich zusehends, nachdem sich schon Jahrzehnte vorher die Griechen unabhängig gemacht hatten und nun Balkan mit seinen vielen Völkergruppen den Nationalismus entdeckt hatte und gegen die Vormacht der Osmanen zu ziehen begann. Diesem „Berliner Kongress“, dessen Zentralfigur letztlich Reichskanzler Otto von Bismarck war, der sich, wie 64 Jahre vor ihm Fürst von Metternich, den Kongress zu koordinieren und zu einem guten Ende zu führen bestrebt zeigte. Diesem diplomatischen Kraftakt widmet sich die 167. Historische Notiz. In Zeiten, in denen sich tradierte Bündniskonstellationen aus der Zeit des Kalten Krieges aufzulösen beginnen, weil die USA statt einer transatlantischen nun eine unilateralistische Außenpolitik betreiben, sollte man ruhig an Gepflogenheiten erinnern, die zwischen Eigeninteresse und Sicherheitsbedürfnis, zwischen Geopolitik und Friedenswahrung eine Tugend voraussetzten, um ans Ziel zu gelangen und Gewalt zu vermeiden: Staatskunst.

Grundzüge der Bismarckschen Außenpolitik: Gleichgewicht und gegenseitige Abhängigkeit
In seinem „Kissinger Diktat“ von 1877 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck die Eckpfeiler seiner Außenpolitik formuliert. Um die Gefahr einer Einkreisung des Deutschen Reiches durch England, Frankreich und Russland zu vermeiden bzw. eine Konstellation auf „westmächtlicher Basis“ (England, Frankreich) unter Hinzuziehung Österreich-Ungarns zu verhindern schlug er vor, die Konflikte zwischen Österreich-Ungarn und Russland in Richtung Balkan „zu gravitieren“, also fernzuhalten, zweitens Russland diplomatisch auf ein Bündnis mit Berlin angewiesen sein zu lassen, drittens einen Interessenausgleich zwischen England und Russland – vor allem im östlichen Mittelmeer – zu ermöglichen, viertens England und Frankreich wegen der gleichen Region zu entzweien und fünftens, zu enge Beziehungen zwischen Russland und Österreich zu Lasten des Deutschen Reiches nicht zuzulassen. Bismarcks Ziele galten einer „Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“(1).
Wie überlegt und notwendig derartige Überlegungen Bismarcks waren, schrieb er in seinen „Gedanken und Erinnerungen“, in denen er von einer chiffrierten Anfrage des russischen Zaren Alexander II. im Herbst 1876 bezüglich einer Neutralität Deutschlands im Falle eines russisch-österreichischen Krieges berichtete. Bismarck antwortete in der ihm eigenen sybillinischen Art, dass das Deutsche Reich die Freundschaft zwischen beiden Mächten viel höher achte als einen Krieg, Sei dieser „zu unserem Schmerze“ nicht zu verhindern, „so könnten wir zwar ertragen, daß unsere Freunde gegeneinander Schlachten verlören oder gewönnen, aber nicht, daß einer von beiden so schwer verwundet und geschädigt werde, daß seine Stellung als unabhängige und in Europa mitredende Großmacht gefährdet würde“.(2) Gleichzeitig ließ er die russische Regierung wissen, dass sie nur im Falle eines russisch-türkischen Krieges mit Neutralität rechnen könne, denn das Osmanische Reich schwächelte ohnehin seit Jahrzehnten. Der Balkan als die nordwestliche Region des Riesenreiches des Osmanen bot genügend Konfliktstoff zwischen Wien und St. Petersburg, ging es doch dort sowohl um konfessionell-politische Fragen (Katholizismus oder Orthodoxie), die serbischen Ambitionen als Regionalmacht und das diesbezügliche russische Patronat und um die militärische Kontrolle des östlichen Mittelmeeres. Alle potenziellen Konfliktparteien einschließlich des britischen Empire erhofften sich baldige Ableben der Osmanen in Südosteuropa und das Antreten eines stattlichen territorialen und politisches Erbes. Der russisch-türkische Krieg von 1877/78, der mit einer schweren Niederlage Istanbuls endete, beschloss eine Reihe von antiosmanischen Kriegen auf dem Balkan, die zur Unabhängigkeit Serbiens und Bulgariens führten und das Osmanische Reich weiter in Richtung Kleinasien zurückdrängten.
Bismarck hatte durch seine Antwort an St. Petersburg einen Krieg Russlands gegen Österreich zu verhindern geholfen, den „Frieden von San Stefano“ aber, der eine Vorherrschaft Russlands auf dem gesamten Balkan incl. über die Meerenge zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer erbrachte, sah auch er als Grund für einen künftigen Krieg an. Unterdessen aber teilten zum Zeichen ihres Nichtangriffswillens Wien und St. Petersburg die Beute: Damit Wien sich aus dem russisch-türkischen Krieg heraus hielte, erhielt es die Zusicherung St. Petersburgs, ungestraft Bosnien und Herzegowina annektieren zu dürfen. (3) Diese Krisensituation auf dem Balkan führte bei Bismarck zur Niederschrift des „Kissinger Diktats“.

Der Berliner Kongress
Im „Frieden von San Stefano“ hatte Russland weitgehende Einflussgewinne auf dem gesamten Balkan errungen. Der nahezu gesamte europäische Teil des Osmanischen Reiches stand nun unter der Hegemonie St. Petersburg. Ein großbulgarischer Staat solle entsstehen und weit in den Westbalkan, teilweise bis ins heutige Albanien und in den heutigen griechischen Epirus hineinreichen. Gleichzeitig rückte Russland gefährlich nahe an Konstantinopel heran und war seinem Ziel, die Kontrolle über die Dardanellen in der Hand zu haben, sehr nahe gekommen. Gleichzeitig wurden Serbien, Montenegro und Rumänien von Istanbul unabhängig. Außerdem griff St. Petersburg nun auf kaukasische Gebiete (Armenien, Batumi – heute Georgien, usw.) zu. Doch damit hatte Russland das geheime Neutralitätsabkommen mit Österreich-Ungarn vom 15. Januar 1877, das auf Bismarcks eingangs geschilderte Antwort an Russland zurückgeht, verletzt, das neutrale Balkanstaaten vorsah, aber keinen Großstaat unter russischer Hegemonie.(4)
Umgehend protestierte Österreich-Ungarn gegen diese panslawistische Politik Russlands, das sich als die Schutzmacht aller slawischen Völker sah. Österreichs Außenminister Andrassy protestierte und forderte eine Revision des Vertrages und eine europäische Konferenz. Auch England sah seine Interessen bedroht, da es wegen des bulgarischen Großstaates befürchtete, Russland könne den nun erlangten Zugang zum Mittelmeer zur Ausweitung seiner Macht in der Ägäis nutzen. London entsandte eine Flotte ins Marmarameer und bot dem Sultan in Istanbul militärische Unterstützung an, sollte es zu einem erneuten Konflikt mit Russland kommen. Krieg zwischen diesen europäischen Vormächten lag in der Luft, das Gleichgewicht der Kräfte schien bedroht.
Das sah Reichskanzler von Bismarck als Gelegenheit, seine Gleichgewichtspolitik, die ja auch dem Schutze des jungen Deutschen Reiches vor einem Zweifrontenkonflikt dienen sollte, in die internationale Waagschale zu werfen. Er bot an, einen Kongress in Berlin zur Vermittlung zwischen den Konfliktparteien zu organisieren. Zuhilfe kam ihm dabei, dass Berlin auf dem Balkan keine Interessen verfolgte und sich deshalb als „ehrlicher Makler“ betätigen könne. So könnten der europäische Frieden gesichert und Deutschland aus Krisenheraus gehalten werden.
Am 13. Juni 1878 eröffnete Bismarck in der Reichskanzlei den Berliner Kongress, der nun einen Monat lang tagte und auf Ausgleich zwischen den Mächten sann. Anwesend waren die fünf Staaten der „Pentarchie“, also England, Frankreich, Österreich-Ungarn, Russland und das Deutsche Reich, sowie das Osmanische Reich. Beratend nahmen Griechenland, Rumänien und Serbien teil, deren Unabhängigkeit von Istanbul ebenfalls geschützt werden sollte. Doch wie seinerzeit üblich, hatte es bereits im Vorfeld bilaterale Absprachen gegeben, die allerdings erst auf dem Kongress selbst nach erwiesener Tragfähigkeit wirksam werden sollten, so insbesondere zwischen England und dem Osmanischen Reich bzw. London und St. Petersburg. (5) „Jeweils zwei führende Politiker der europäischen Großmächte und aus der Türkei waren nach Berlin gereist: Andrássy und Heinrich von Haymerle (1828-1881) für Österreich-Ungarn, Benjamin Disraeli (1804-1881) und Robert Arthur Salisbury für Großbritannien, Alexander Gortschakow (1798-1883) und Peter Schuwalow (1830-1903) für Russland, William Henry Waddington (1826-1894) und Paul Desprez für Frankreich, Alexander Carathéodory und Mehmed Ali für die Türkei. Die in Berlin akkreditierten Botschafter dieser Länder nahmen als weitere Bevollmächtigte an den Verhandlungen teil. Italien war mit nur zwei Bevollmächtigten vertreten: Luigi Corti (1823-1888) und Eduardo de Launay. Zur deutschen Delegation zählten neben Bismarck der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Bernhard Ernst von Bülow (1815-1879), und Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst.“(6) Wie auch schon auf dem „Wiener Kongress“, als der Walzertakt den diplomatischen Takt beeinflusste, brauchte es eine geschickte Kongressregie de deutschen Reichskanzlers, um in einer Mixtur aus bi- und multilateralen Verhandlungen, Vieraugengesprächen und Unterhändlertreffen in den Berliner Botschaften, im Palais Radziwill (Reichskanzlei) , im Außenministerium sowie in mondänen Hotels die Basis für eine Verständigung zu schaffen.
Russlands Ambitionen im Südosten Europas mussten gedämpft werden, ohne es zu brüskieren. Das Osmanische Reich sollte wiederum aus dem Südosten Europas mehr und mehr abgedrängt werden, brauchte aber eine Entschädigung. Und Österreich-Ungarn, das misstrauisch darauf achtete, nicht vom Balkan verdrängt zu werden, auf den auch Italien blickte, besaß ein Interesse an einer Abpufferung gegenüber dem Panslawismus Russlands. Bismarck (und der britische Premier Benjamin Disraeli von London aus) hatten es am leichtesten, gemeinsame Positionen zu finden, und so wurden der Vertrag von San Stefano zuungunsten Russlands revidiert. Großbulgarien trat nicht ins Leben, sondern ein Istanbul tributpflichtiges Fürstentum und die noch zum Osmanischen Staatsverband gehörigen Provinzen Ostrumelien und Mazedonien wurden vereinbart. Rumänien, Montenegro und Serbien wurden endgültig unabhängig, Österreich-Ungarn durfte gegen den Protest der „Hohen Pforte“ Bosnien und Herzegowina annektieren. So war die Reaktion in Russland eher ernüchtert, die Beziehungen zu Deutschland kühlten spürbar ab, bis Bismarck 1887 den „Rückversicherungsvertrag“ mit Moskau abschloss, Bismarck selbst durfte sich der internationalen Anerkennung erfreuen, seine Gleichgewichtspolitik hatte ihre Nagelprobe auf dem internationalen Parkett bestanden.

Nur eine Phase
Doch blieb diese Entkrampfung eine nur vorübergehende Phase. Schon nach der Entlassung Bismarcks am 18. März 1890 ließ Wilhelm II. Den Rückversicherungsvertrag auslaufen und verließ sich stattdessen auf den „Zweibund“ mit Wien, später erweitert mit Italien zum „Dreibund“, der aber den Zweifrontenkonflikt gegen England, Frankreich und Russland ermöglichte. Zwischen 1887 und 1908 löste sich das vereinigte Bulgarien (Bulgarien und Ostrumelien) vom Osmanischen Reich und geriet in Konkurrenz zu Griechenland und Serbien, was 1912/13 zu den beiden Balkan-Kriegen führte. Das Osmanische Reich verlor in ihnen seine letzten griechischen Festlandsbesitzungen, Albanien erklärte sich unabhängig.
Der Berliner Kongress schuf zwar die Grundlage für die heutige in großen Teilen Struktur der europäischen Staatenwelt, konnte aber die Konflikte, die teilweise noch heute bestehen (Kosovo), nicht lösen. Der Grundgedanke Bismarcks, dass sich die Großmächte der Pentarchie notfalls auch über die Köpfe der kleineren Staaten einigen müssten, ließ sich angesichts der Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem Balkan nicht mehr realisieren. Und zumindest der Panslawismus Russlands und der Blick der Serben als Südslawen nach St. Petersburg überdauerten die diplomatische Niederlage Russlands in Berlin. Im Sommer 1914 entlud sich die alte Konkurrenz zwischen Wien, St. Petersburg und Belgrad in den Schüssen von Sarajewo, die in den Ersten Weltkrieg führten. Ob Bismarcks Gleichgewichtspolitik, hätten seine Nachfolger oder Wilhelm II. sie weitergeführt, diese Katastrophe verhindert hätten, muss unbeantwortet bleiben. Der Keim zu neuen Konflikten jedenfalls wurde auch in Berlin am 13. Juli 1878 paraphiert, als der Berliner Kongress zu ende ging. Bismarck war hier sicher der „ehrliche Makler“, aber die Politik, um die es ging, blieb auf Hegemonie und Imperialismus ausgerichtet.

Anmerkungen
1) Otto von Bismarck, Das Kissinger Diktat (1877), zit. nach Michael Stürmer, Bismarck und die preußisch-deutsche Politik, München 1970, S. 100f.
2) Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. Reden und Briefe. Einführung von Theodor Heuss, Berlin o.J., S. 301.
3) Ebd.
4) https://de.wikipedia.org/wiki/Budapester_Vertrag, Zugriff am 18. Januar 2018.
5) https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Kongress, Zugriff ebendann.
6) https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/berliner-kongress-1878.html, Zugriff ebendann.