Geschichte

Umbrüche und persönliche Weichenstellungen zwischen Kreml und Kordskamp. Das Jahr 1988. Historische Notiz 162 vom 31. Januar 2018

Vor dreißig Jahren vollzogen sich, teils noch im Stillen, weltpolitisch entscheidende Umbrüche und Weichenstellungen, ohne die die Epochenwende von 1989-1991 undenkbar gewesen wäre. Was in das Ende des sozialistischen Weltlagers einmünden sollte, bereitete sich 1988 vor und wuchs in eine Bewegung hinein, die man zunächst als Rebellionen gegen die poststalinistischen Zustände in den Staaten des Warschauer Paktes bezeichnen könnte, begleitet von einer antistalinistischen Revolution von oben in der UdSSR und in Ungarn. In Polen wurde schon 1988/89 das Machtmonopol der PVAP (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) durch die „Solidarnosc“ gebrochen, nachdem das jahrelange Kriegsrecht die Gärungen im Lande nicht unterbinden konnte. Auch in der Bundesrepublik und in der DDR bahnten sich Veränderungen an, und nicht zuletzt im Persönlichen. Davon handelt die „Historische Notiz“ 162. Mit „Kordskamp“ ist meine damalige Wohnung im Bielefelder Osten gemeint, die sich in der Straße „Am Kordskamp“ mit der Hausnummer 2 befand.
Richtet man den Blick zurück ins Jahr 1988, so fallen zumindest mir einige Ereignisse aus der deutschen Politik beiderseits von Grenze und Berliner Mauer, aber auch aus dem Entspannungsprozess zwischen dem Westen und dem Ostblock ein. In der Innenpolitik der BRD schwächelte die Regierung Helmut Kohls aus CDU/CSU und FDP zusehends. Die „Barschel-Affäre“ in Schleswig-Holstein und der mysteriöse Tod des Ex-Ministerpräsidenten in Genf warfen ihre Schatten auf die christlich-liberale Koalition. So erreichte die SPD in Schleswig-Holstein bei den Neuwahlen zum Kieler Landtag am 8. Mai 1988 mit 54,8% ein Traumergebnis in einem Bundesland, und legte satte 9,6% im Vergleich zu 1987 zu. Die Union verlor im Gegenzug 9,3%, die FDP flog aus dem Landtag. Björn Engholm wurde neuer Ministerpräsident im Land zwischen Nord- und Ostseeküste, trat aber 1993 zurück, als bekannt wurde, dass er schon 1987 von der gegen ihn aus dem Hause Barschel geführten Kampagne wusste.
Am 10. November hielt Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht eine Rede im Bundestag, in der er Hitler als „Faszinosum“ bezeichnete. Sicher nicht in böser Absicht gemeint, verletzte Jenninger damit jedoch die Gefühle der Opfer und das Gefühl von Anstand und musste postwendend zurücktreten, Damit machte er den Weg frei für eine Nachfolgerin, die in einem Atemzug mit Eugen Gerstenmaier, Wolfgang Thierse oder Norbert Lammert das Ansehen des zweithöchsten Staatsamtes prägte: Rita Süssmuth (CDU), bis dahin Familienministerin. Eine kleine Regierungsumbildung war die Folge. Auf Süssmuth folgte Ursula Lehr (CDU), mit ihr kam Helmut Haussmann (FDP) ins Wirtschaftsministerium, da Martin Bangemann (FDP) dieses Amt und den FDP-Vorsitz aufgab und als EG-Kommissar nach Brüssel wechselte. Die FDP wurde nun von Otto Graf Lambsdorff geführt, womit erstmals ein wegen seiner Verstrickungen in den Flick-Spendenskandal Vorbestrafter einer demokratischen Partei vorstand.
Für die Unionsparteien fiel der überraschende Tod des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß am 3. Oktober ins Gewicht, der einem Herzanfall erlag. Wie kein Anderer verkörperte das bajuwarische Urgestein die Ära Adenauer und deren Nachwirkungen, den Filz und den Kalten Krieg. Kurz zuvor hatte er mit zwei Milliardenkrediten westdeutscher Banken der DDR über Finanzengpässe hinweg geholfen und dafür im Gegenzug Grenzerleichterungen erreicht. In der DDR begann sich Opposition zu regen. Schon im November 1987 hatte ich einen Polizeieinsatz gegen die Umweltbibliothek in Ost-Berlin mitbekommen. Am 15. Januar 1988 fand anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts die Kundgebung von Bürgerrechtlern am Rande der staatlichen Kundgebung statt, auf der das Transparent mit Rosas Ausspruch über die Freiheit der Andersdenkenden hochgezeigt wurde. Die Folgen waren Festnahmen und wiederum Proteste gegen diese Maßnahmen, aber auch eine weitere Zentrierung der Opposition unter dem Dach der Kirchen. Dass SED und DDR-Regierung angesichts von Glasnost und Perestrojka in der UdSSR zunehmende Nervosität offenbarten, zeigte sich am 19. November im Verbot der sowjetischen Monatsschrift „Sputnik“, die mit Kritik an den Missständen im realen Sozialismus nicht sparte und damit Tabus verletzte, die zumindest in der DDR noch galten. Dies geschah kurz nach dem Moskau-Besuch Bundeskanzler Kohls, bei dem dieser und Michael Gorbatschow mehrere Abkommen unterzeichneten und von verbesserten bilateralen Beziehungen sprachen. Dass der frühere CDU-Scharfmacher Manfred Wörner am 1. Juli 1988 als NATO-Generalsekretär sein Amt antrat, passte in das Bild des Tauwetters, hatten doch beiden deutsche Staaten in den Jahren der Eiszeit nach der NATO-Atomraketenstationierung 1983 an einer Deeskalation gearbeitet. So nahm die EG am 15. August 1988 offizielle Beziehungen zur DDR auf, nachdem der RGW („Comecon“) und die EG am 25.6. einen gemeinsamen Ausschuss vereinbart hatten. Ebenfalls am 1.7. vollzog sich zwischen dem Senat von West-Berlin und der Regierung der DDR ein Gebietsaustausch unbewohnter Flächen, um Enklaven zu beseitigen. Dies betraf das „Lenné-Dreieck“ am Potsdamer Platz und Flächen in Lübars und Neukölln.
In der BRD musste man sich an der Zapfsäule umgewöhnen: Verbleites Benzin wurde 1988 verboten. Das war ein erster Schritt auf dem Weg zu größerer Luftreinheit durch den Einsatz von Katalysatoren (KAT) in den Verbrennungsmotoren. Die größten Veränderungen vollzogen sich im Lande des politischen Sorgenkindes im sozialistischen Lager, der Volksrepublik Polen. 1988 waren noch immer die Folgen des 1981 verhängten Kriegsrechts spürbar, aber die Solidarnosc war trotz Repressionen längst von einer Gewerkschaft zur Oppositionsbewegung geworden, die dem Verbot zuwider Streikfähigkeit bewies und die PVAP und die polnische Regierung zu Zugeständnissen zwang. Die Wirtchafts- und Versorgungslage im Land war bekanntermaßen seit langem katastrophal, Reformen überfällig und das Aufbrechen der innenpolitischen Konfrontation unumgänglich. So fanden am 31. August 1988 erstmals Gespräche zwischen der Regierung und der Solidarnosc statt, die den Weg für die Reformen von 1989 ebneten und zunächst auf einen neuen Weg jenseits vom westlichen Kapitalismus und östlichem Staatssozialismus hinaus liefen. Ähnliches vollzog sich in der Volksrepublik Ungarn. Gorbatschow selbst bekräftigte 1988, dass jedes sozialistische Land seinen eigenen Weg bestimmen könne, was natürlich im Rahmen der sozialistischen Entwicklungslogik zu verstehen war. Bald sprach man von der sogenannten „Sinatra-Doktrin“, die die alte „Breshnew-Doktrin“ aus der Zeit nach der Unterdrückung des „Prager Frühlings“ von 1968 ablöste und eine neue Souveränitätsfestlegung bedeutete: „I did it my way“. Dies bereitete ungewollt den Boden für die Auflösung des sozialistischen Lagers.
A propos Michail Gorbatschow: Am 7. Dezember stellte der sowjetische Staatsratsvorsitzende vor der UN-Vollversammlung neue Abrüstungsschritte in Aussicht. Im gleichen Jahr hatte die Sowjetunion ihre schwerste militärische Niederlage durch die Genfer Afghanistan-Abkommen einräumen müssen. Nach beinahe neun Jahren Krieg waren die sowjetischen Truppen am Hindukusch besiegt und zogen sich zurück. So entstand jenes Machtvakuum in Zentralasien, in das nach jahrelangem Krieg islamistische Milizen wie die Taliban einrücken konnten und den Nährboden schufen, aus dem Al Quaida und der IS erwuchsen, nicht ohne durch gravierende strategische Fehler der USA gefördert zu werden: Die Politik des „Regime Change“ hinterließ fast ausschließlich Katastrophen. Doch insgesamt schien die Konfrontation zwischen Ost und West sich ihrem Ende zuzuneigen und die Welt wieder sicherer geworden zu sein.
Das empfand ich auch so im Juni 1988, als ich vom Interdisziplinären Zentrum für Konservatismusforschung (IZK) unter Leitung von Prof. Dr. Ludwig Elm für einen Studienaufenthalt nach Jena eingeladen wurde, wo ich eine sehr interessante Woche verbrachte und meiner Examensarbeit den letzten Schliff verpassen konnte. Ich habe darüber in einer „Begleiterscheinung“ geschrieben. Parallel dazu fand in der BRD die Fußball-EM statt, die die Niederlande als Sieger feierte, nachdem sie im Halbfinale knapp, aber nicht unverdient die DFB-Auswahl aus dem Rennen geworfen hatte, Ruud Gullit und Marco van Basten, dessen phänomenales Tor im Endspiel gegen die UdSSR zu den Goals des Jahrzehnts gehören dürfte, prägten diesen Wettbewerb. In Jena schaute ich auch die Übertragung des „Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert“ im DDR-Fernsehen, das ein unvergesslicher Ausdruck unser aller Solidarität mit dem großen Freiheitsvorkämpfer eines Südafrika für alle Bürgerinnen und Bürger ohne Unterschiede und Apartheid wurde. Unter anderem Tracy Chapman, Chrissie Hynde, UB 40, Little Steven, Dire Straits und Eric Clapton, Bryan Adams, Whoopi Goldberg, Joe Cocker und Peter Gabriel („Biko“) etc. trugen zu einem Highlight des Jahrzehnts bei, als sich Künstler aller Genres und Stile für ein Ende der Apartheid und die Freilassung Mandelas einsetzten. Ich selbst habe jahrelang immer wieder an Soliaktionen für den ANC und Nelson Mandela teilgenommen und gewiss nicht wenig Geld gesammelt.
Aus Jena zurück, hieß es zunächst, die gewonnenen Erkenntnisse in das Manuskript der Examensarbeit zu übertragen und dieses zu beenden, denn ich wollte noch einige Wochen bei dem Brackweder Autozulieferer und Fahrradproduzenten Rabeneick arbeiten. Diese Wochen bedeuteten in erster Linie wenig Schlaf, denn vor der Schicht trug ich noch die „Neue Westfälische“ aus, dann hieß es acht Stunden richtig ranklotzen für gutes Geld, das ich für den nächsten Griechenland-Urlaub benötigte. Im Spätsommer standen Athen, Leros und Patmos auf der Wunschliste. Da die Inlandsflüge mit „Olympic Airways“ ziemlich preisgünstig waren, flogen wir von Athen aus mit einer 18sitzigen Dornier-Propellermaschine nach Leros, incl. eines schwarz gekleideten und tiefgebräunten alten knorrigen Leroten, der einen beeindruckenden Knotenstock mit sich trug und eine unglaubliche Ruhe ausstrahlte, wie man sie bei den schicksalsgebeutelten Griechen häufig findet, die Diktatur, Besetzung, Bürgerkrieg, Monarchie, erneute Diktatur und Aufschwung nach deren Ende miterlebt hatten. Das Land begann sich endlich zu erholen und bot Augenweide für Augenweide. Über Leros habe ich schon einmal geschrieben (2015), Patmos hingegen besticht durch seine Wespentaille, seine Orte und Buchten und vor allem durch das Johanneskloster und das Kloster der Offenbarung über jener Höhle, in der dem Heiligen Johannes die Offenbarung zuteil geworden sein soll. Patmos ist eine Insel für „Sinnsucher“.
1988 sah es für die Rolling Stones nicht besonders zukunftsträchtig aus: Mick Jagger hatte 1987 mit „Primitive cool“ seine zweite, eher durchschnittlich ausgefallene Solo-LP herausgebracht. Weit mehr begeisterte mich dann Keith Richards erstes Soloprojekt „Talk is cheap“ mit den „X-pensive Winos“. Rock ´n` Roll der ungeschliffenen Art, ohne Effekte, aber mit viel Herz und Keiths´ typischem Gitarrenspiel, umrahmt von einer Begleittruppe, der auch Sarah Dash von LaBelle mit ihrer ausdrucksvollen Stimme angehörte. Ein Live-Bootleg und ein offizielles Livealbum folgten auf dem Fuße und zieren meine Plattensammlung.
Doch nach dem Urlaub auf den Dodekanes ging es an das Abtippen der Examensarbeit, die ich am 18. Oktober einreichte. Bald darauf sollte ich nach Essen zur Dependance des Peter Lang Verlages reisen, um die Veröffentlichung vertraglich vorzunehmen, zu der mir mein Prüfer Prof. Dr. Albertin geraten hatte. „Konservatismus und nationale Identität in der Bundesrepublik Deutschland“ wurde mein wissenschaftlicher Erstling im Frühsommer 1989. Mit der Angabe der Arbeit rückte ich endgültig in die Prüfungsphase meines Studiums ein, die im Januar 1989 begann und im Juni endete. Das Ende der Studienzeit feierte ich natürlich – in Griechenland über sechs Wochen! Ansonsten erinnere ich mich daran, dass das Frühjahr 1988 sehr angenehm war, so dass ich meine Lektüre für die Arbeit stets auf dem Innenhof des genossenschaftlichen Wohnkomplexes zwischen Prießallee, Am Töllenkamp und Ehlentruper Weg, geschützt vor Wind und Kälte und in der Sonne sitzend bewältigte. Auch der Sommer war warm und beständig und ich wurde so langsam richtig schön braun. Und ein bisschen klüger nebenbei auch, zumindest wissenschaftlich. Überhaupt war die Wohnung „Am Kordskamp 2“ eine Oase der Ruhe, nicht zu klein, preiswert, mit netten Nachbarn usw. Ich fühlte mich bis zu meinem Weggang nach Berlin Anfang 1992 stets sehr wohl dort.
1988 starb der Bundeskanzler der ersten „GroKo“, Kurt Georg Kiesinger (CDU), den Beate Klarsfeld 1968 wegen seiner NS-Vergangenheit geohrfeigt hatte. Auch Robert Calvert von der Rockband Hawkwind, der auch Lemmy Kilmister (Motörhead) angehört hatte, verschied ebenfalls, so wie auch der Lyriker Erich Fried und der große Mime Gert Fröbe. Johannes Gaitanides, den griechischen Publizisten, hatte ich immer gern gelesen; 1988 ging auch er. Der Herausgeber der Zeitung „Die Neue“, Konkurrentin der TAZ, Carl Guggomos, starb in diesem Jahr, später wurde er wohl aus MfS-Agent enttarnt. Den „eisernen“ Trevor Howard habe ich immer gern gesehen, in britischen Filmen spielte er vorwiegend Militärkommandeure oder Agenten, auch er segnete das Zeitliche. Ein bisschen ähnlich war Friedrich Joloff auf deutschen Bühnen und im Film. Ein völlig anderes Kaliber war der alte Rock ´n` Roller und Countrysänger Roy Orbison (Traveling Wilburys). Alle sie haben auf irgendeine Weise ihre Spuren hinterlassen, sei es im Gedächtnis als Oberst Villa in der „Raumpatrouille“ (Joloff) oder als Bestandteil meiner Musiksammlung.
1988 war ein gutes Jahr, für die Welt überwiegend, und auch für mich persönlich. Doch Veränderungen deuteten sich an, zwischen Kreml und Kordskamp. Der Kreml als Symbol des Sozialismus der sowjetischen Prägung ging Ende 1991 nieder, mein beruflicher Wechsel nach Berlin folgte auf dem Fuße zu Beginn 1992. Dazwischen hatte sich die Welt grundlegend gewandelt.