Besprechung 2

Rainer Holze/Marga Voigt (Hrsg.), Eine „Stunde Null“ in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus. Edition Bodoni 2016, 269 S. Besprechung vom 22. November 2017

Am 8. Mai 1945 unterschrieb Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel vor der sowjetischen Kommandantura in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation NS-Deutschlands. Diese Urkunde besiegelte die Befreiung Deutschlands und Europas vom Hitlerfaschismus als der barbarischsten Diktatur, die die Welt je heimgesucht hat.
Siebzig Jahre später organisierten das Berlin-Brandenburgische Bildungswerk e.V. und der Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung auf dem „Kulturgut Marzahn“ gemeinsam ein Kolloquium zum Thema „Der 8. Mai 1945. Eine „Stunde Null“ in den Köpfen?“. Diese wissenschaftliche Tagung, so heben die Herausgeber hervor, blieb bundesweit die einzige ihrer Art, die die geistige Situation der Zeit rückblickend untersuchte.
Die auf der Tagung gehaltenen Vorträge, ergänzt um einige nachgereichte Beiträge, finden sich nun in dem von Rainer Holze und Marga Voigt herausgegebenen Buch wieder, das als zweiter Band der Reihe „Zwischen Revolution und Kapitulation“ erschienen ist. Auf insgesamt 269 Seiten versammelt dieser Band 17 Beiträge und einen mehr als 30 Seiten starken Anhang inklusive Personenregister und eines Verzeichnisses ausgewählter Literatur sowie Abbildungen relevanter Dokumente, darunter das sozialistische „Buchenwalder Manifest“ von 1945.
In ihrem Einleitungsbeitrag „Der 8. Mai 1945 und die geistige Situation der Zeit nehmen Rainer Holze und Reiner Zilkenat vom „Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ die These Hans Mommsens auf, der zur Machtübertragung an Adolf Hitler und die NSDAP schrieb: „Nicht das Versagen der republikanischen Politiker, sondern das Zusammenspiel der Gegner des demokratisch-parlamentarischen Systems in Wirtschaft, Armee, Bürokratie und Justiz und die mutwillige Mobilisierung nationalistischer, antikommunistischer und antisemitischer Ressentiments riefen die Endkrise des parlamentarischen Systems hervor…Hitler erhielt die Macht aus den Händen der alten Eliten“ (S. 15) Der immer wieder gern von konservativer Seite vorgebrachten Deutung, nach welcher das Scheitern Weimars auf das totalitäre antiparlamentarische Zusammenspiel von Faschisten und Kommunisten zurückzuführen sei, erteilte Mommsen damit eine klare Absage. In die Tradition dieser Deutung Mommsens und in jene des antifaschistischen Widerstands gegen die NS-Diktatur stellen sich die beiden Autoren.
Als zur geistigen Situation der Zeit gehörend analysierten Holze/Zilkenat die ungeheure Skrupellosigkeit und Planmäßigkeit der Kriegs- und Vernichtungsverbrechen des Nazismus, aber auch die Korrumpierung größerer Teile der Bevölkerung, die schwiegen, weil ihnen die Raubzüge vor allem im Osten Europas, aber auch im eigenen Land materielle Vorteile verschafft hatten, oder die ihre Mitwisser-, gar Mittäterschaft verbargen. Und so blieb die geistige Auseinandersetzung mit dem Faschismus zynisch, bestenfalls vordergründig, wie Anna Seghers resümierte: „Was man dem Hitler nicht verzeiht, dass er den Krieg verloren hat.“ (S. 19) Dass es auch in der Arbeiterschaft unmittelbar nach 1945 noch zum Teil erhebliche geistige Überreste faschistisch geprägten Denkens gab, sogar bis in die sozialistischen Parteien hinein, wird dankenswerter Weise nicht verschwiegen. Die geistige Situation nach 1945 war eben nicht schwarz oder weiß, sondern mit trüben braunen Elementen durchtränkt. Das galt für die „verlorenen Ostgebiete“ genau so wie angeblich ursprünglich gute Absichten der Hitlerei.
In diese politisch-kulturellen Rahmenbedingungen hinein, geschaffen durch zwölf Jahre permanentes nazistisches Trommelfeuer, galt es die Entnazifizierung Deutschlands unter der Ägide der Siegermächte umzusetzen, und zwar im praktischen Handeln vor Ort als auch mit den Menschen. Vor allem hieß das, der sich schnell verbreitenden Selbstinszenierung der Täter als machtlose Rädchen im Befehlsgetriebe oder gar als Opfer beizukommen. So mancher ehemalige Nazi konnte vor allem im Weststaat BRD Karriere machen, einige besonders Schuldige wurden nach Südamerika geschleust, andere dienten im Kalten Krieg mit ihren im NS-Staat erworbenen und zum Teil für die Kriegsführung verwendeten Fähigkeiten. Doch bei alledem, so zitieren Holze/Zilkenat einmal mehr Anna Seghers, gab es genügend Anlass zur Hoffnung. Besonders die junge Generation wäre der Schlüssel zu einer besseren Zukunft.. Auch viele Intellektuelle und Künstler, vor allem aber die Kräfte der Arbeiterbewegung, sie waren 1945 die Träger eines möglichen und von Vielen energisch geforderten Neubeginns.
Eine „Stunde Null“ im Sinne eines geistig-kulturellen Vakuums gab es im Mai 1945 also keineswegs. Es rangen viele Konzeptionen eines Neubeginns miteinander, gleichzeitig konkurrierte das Drängen auf neue Wege und gesellschaftlichen Fortschritt mit Vorstellungen der Restauration kapitalistischer Verhältnisse. Wie Günter Benser in seinem ersten Beitrag (S. 29-46) nachweist, gab es einen „sozialistischen Zug der Zeit“, als konservative Regierungen abgewählt wurden, selbst Churchill, und in vielen Ländern Verstaatlichungen durchgeführt wurden, die die Hoffnung auf einen dritten Weg zum Sozialismus nährten. Gleichzeitig, so Benser, erfolgte zunächst eine tatsächliche juristische Abrechnung mit den Schuldigen des Faschismus, wobei die Entnazifizierung in der sowjetischen Zone die im Grunde „konsequenteste und effektivste“ war, wie Benser den Zeithistoriker Christoph Kleßmann (Bielefeld/Potsdam) zitiert. (S. 43) Er beklagt abschließend, dass mit dem Aufkeimen des Kalten Krieges die interalliierte Kooperation dem Systemkonflikt und dem Wettrüsten wich, so dass viele systemübergreifende Konfliktlösungsmechanismen , die damals vielversprechend erarbeitet worden seien, heute verschüttet sind.
Gisela Notz hebt die bedeutende Rolle der Frauen in der Nachkriegsgeschichte hervor. (S. 47-60) Sie betrachtete die Überlebensarbeit der Frauen im Allgemeinen und die überparteilichen Frauenausschüsse sowie den Beginn der sozialdemokratischen Frauenpolitik im Besonderen. Die Vielfältigkeit der Arbeit der überparteilichen Frauenausschüsse war beeindruckend. Neben „klassischen“ Bereichen der sozialen Arbeit tauchten Initiativen zur Abschaffung des § 218 StGB auf, forderten Frauen demokratische Schulreformen, die vollständige ökonomische und rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau sowie die Vergesellschaftung von Großbetrieben.Auch der Internationalismus und die antifaschistische Aufklärung wurden nicht vernachlässigt. Dass eine eigenständige und überparteiliche Frauenpolitik nicht allerorts auf Zustimmung stieß, verdeutlicht Gisela Notz am Aufbau der sozialdemokratischen Frauenpolitik. Die Konzeption der „intransingenten Opposition“ bzw. die Frontstellung der SPD zur Adenauerschen CDU wie zur KPD/SED bot wenig Spielraum für überparteiliches Engagement. Die Frauen wurden zur Mitarbeit in der SPD aufgerufen, die Zusammenarbeit mit dem in der SBZ gebildeten „Demokratischen Frauenbund Deutschlands“ geriet sogar unter das Damoklesschwert der Unvereinbarkeit. Das Parteiengagement in der noch männerdominierten SPD stieß gleichzeitig auf durchaus traditionell geschlechtsspezifisch motivierte Grenzen.
In zwei aufeinander folgenden Beiträgen nehmen Peter Brandt und Jürgen Hofmann die Neuordnungskonzeptionen innerhalb der Sozialdemokratie und der KPD unter die Lupe. Peter Brandt vergleicht zunächst die divergierenden Ansätze von Hermann Brill und Otto Grotewohl. (S. 61-81) Hierbei vertrat der Thüringer Hermann Brill eine stark basisdemokratisch-radikalsozialistische Konzeption, die auf eine pluralistische Einheitspartei im Geiste des von ihm mitverfassten „Buchenwalder Manifests“ abzielte. Grotewohl hingegen bevorzugte eine stärkere zentralistische Orientierung der SPD, die sowohl moderne demokratische als auch klassische sozialistische Vorstellungen zur Geltung bringen sollte, sah sich doch die SPD gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht als die eigentliche Ansprechpartnerin an. Obwohl im Berliner Zentralausschuss die Übereinstimmungen mit der KPD mehrheitlich beträchtlich ausfielen, formulierte dieser und explizit auch Grotewohl noch im Sommer 1945 Positionen, die eine eigenständige Vorstellung des künftigen, demokratisch-sozialistischen Weges zum Ausdruck brachten. Brill und Grotewohl entgegen stand Kurt Schumacher in den Westzonen. Pluralismus der Parteienlandschaft, die Ablehnung einer Fusion von SPD und KPD, aber antikapitalistische Strukturreformen im Sinne einer „sozialistischen Planwirtschaft im demokratischen Rechtsstaat“ (Viktor Agartz) entwickelten dennoch eine sozialistische Handlungsoption für die SPD in den Westzonen. Doch diese wurde schnell durch die Besatzungsmächte gebremst. „Wirtschaftsdemokratie“ schlug sich in einigen Verstaatlichungen und in Montanmitbestimmung und Betriebsverfassung nieder, dabei jedoch blieb es. Alternative sozialistische Ansätze in der Sozialdemokratie fielen den Mühlen des Kalten Krieges zum Opfer; was blieb, war die Konfrontation zwischen SPD und SED als Widerspiegelung der Blockteilung. Eine „Stunde Null“ gab es auch hier nicht, sondern zahlreiche Anknüpfungspunkte an vielfältige Diskurse des Sozialismus.
Jürgen Hofmann weist in seinem Beitrag (S. 83-95) auf die Bemühungen der KPD zur systematischen Auseinandersetzung mit den Bestandteilen und Hinterlassenschaften des Faschismus hin. Dabei blieb auch eine kritische Selbstreflexion nicht aus, denn „der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen, (wäre) falsch“, wie er aus dem KPD-Aufruf vom 11. Juni 1945 zitiert. Stattdessen orientierte der KPD-Aufruf auf die „Aufrichtung eines antifaschistischen, demokratischen Regimes, einer parlamentarisch-demokratischen Republik“. (S. 83f) Hofmann sieht hier eine Divergenz zwischen Neuorientierungen im Exil und den „Kategorien der Jahre 1918-19“, wie sie noch in den Köpfen der im Land verbliebenen Kommunisten vorgeherrscht hätten. Im Vordergrund stand die aktive gesellschaftlich-politische Überwindung des Faschismus. Schulreformen, Personalpolitik, Kulturarbeit, aber auch die innerparteiliche Schulung fußten auf dieser Zielstellung. Die Gründung des „Kulturbundes“ und die Bildung der „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“ am 14. Juli 1945 ebenso. Als Schwachpunkt analysiert Hofmann die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus; die Dimitroffsche Charakterisierung des Faschismus aus dem Jahr 1933 betrachtete vor allem dessen klassenspezifische Anbindung an die Interessen des großen Kapitals und die diktatorischen Mechanismen ihrer Durchsetzung. Doch gerade an der Kulturpolitik sei zu erkennen, dass auch hier die klassischen kulturellen Errungenschaften mit einer neuen politisch-gesellschaftlichen Kultur verbunden werden sollten. „Stunde Null“ – auch hier ein wenig tragfähiger Begriff.
Diesen hier ausführlich vorgestellten Beiträgen folgen weitere, das Betrachtungsspektrum ausdehnende von Siegfried Prokop („Die Intelligenz im Jahre „1945“), Jörg Roesler (Flüchtlinge), Günter Benser (Antifa-Ausschüsse) und Kurt Schneider (Nationalkomitee Freies Deutschland). Außerdem beleuchten Andreas Diers die marxistische Schulungsarbeit Wolfgang Abendroths, Jörg Wollenberg das Scheitern der Nachkriegspolitik des demokratischen Sozialismus sowie Harald Wachowitz die Interpretationsgeschichte des 8. Mai 1945 in BRD und DDR. Fünf kürzere Texte, teils aus persönlicher Rückschau, von Heinz Engelstädter, Heinz Sommer, Roger Reinsch und Günter Wehner runden die Publikation ab, ergänzt um einen das Projekt begleitenden Katalogtext.
Die „Stunde Null“hat es so nicht gegeben. Vielmehr, und das arbeiten die Beiträge dieses Bandes nachvollziehbar und eindrücklich heraus, versuchten die Sozialisten beider Parteiströmungen und die fortschrittlichen Kräfte nach der Befreiung vom Faschismus Wege zu erarbeiten und aufzuzeigen, die ein tatsächlich neues, im Kern demokratisch-sozialistisches Deutschland konstituieren sollten. Es ist gut und verdienstvoll, dass in dieser Zusammenschau an diesen progressiven Ideenfundus erinnert wird.