Novemberrevolution 1918/19

Der Januaraufstand als Schnittpunkt zwischen den Revolutionsphasen. Vortrag für das Symposium zum Dragonerareal am 13./14. April 2018, verfasst am 12. April 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, mit Ihnen zusammen und mit meinen geschätzten Kollegen über eine historische Stätte nachzudenken, die in der Erinnerungskultur unseres Landes bislang keine allzu bedeutende Rolle spielen konnte. Die Gründe dafür sind vielfältig, mitunter hoch politisch, aber darüber zu reden ist nicht mein Thema. In meinem Beitrag möchte ich die Januarkämpfe 1919 in der gebotenen Kürze in die Ereignisketten und Richtungsauseinandersetzungen der Novemberrevolution einordnen, also ihren historischen Ort zu bestimmen versuchen. Und ich betone vorweg, dass ich die Erinnerungskultur zur Novemberrevolution im vereinten Deutschland für bislang deutlich unterentwickelt erachte. Von daher sind Ratschlagsveranstaltungen wie die heutige zu begrüßen und in ihren Ergebnissen zu verbreiten, sollen sie Wirkung entfalten.

Sehr geehrte Damen und Herren,
am 9. November 1918 brachte der vierte Massenstreik das alte und morsche Gebälk der Hohenzollernmonarchie zum Einsturz. Die taktische Koalition der radikalen revolutionären Kräfte um die Revolutionären Obleute, die roten Matrosen, die USPD und andere linkssozialistische Kräfte mit den Vertretern einer rein politischen, parlamentarisch-demokratischen Transformation formierte den „Rat der Volksbeauftragten“, gebildet aus je drei Vertretern der MSPD (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und der USPD (Haase, Dittmann, Barth). Doch schon innerhalb der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte, auf die sich die Macht der provisorischen Regierung vor allem stützte, brachen von Beginn an heftige Debatten um die Richtung und die Reichweite der Revolution aus. Sollte sie, wie es die MSPD und die mit ihr verbündeten demokratischen Parteien des ehemaligen „interfraktionellen Ausschusses“ erstrebten, nach Abtragung des Alten und Morschen auf den verbliebenen Fundamenten eine bürgerlich-demokratische Republik verwirklichen? Oder wäre die soziale Revolution die angemessene Entwicklungsperspektive auf der Basis eines Bruches mit dem Kapitalismus als solchem? Zwar herrschte seit der doppelten Ausrufung der Republik am Nachmittag des 9. Novembers durch Philipp Scheidemann versus Karl Liebknecht eine Keimform von Doppelherrschaft, deren Konflikte in jedem Falle ihrer Austragung und Entscheidung harrten. Die Kompromissmasse des „Rates der Volksbeauftragten“ jedenfalls war faktisch schon nach wenigen Tagen weitestgehend ausgeschöpft, nachdem der Rat sein „Regierungsprogramm“ am 12. November beschlossen und publiziert hatte. Die weiteren Wochen bis Weihnachten 1918 bedeuteten vor allem aus Sicht der um die MSPD herum gebündelten Kräfte ein Einschlagen von Richtungspflöcken und für die USPD das Schlucken so mancher Kröte, teils auch aus taktischen Fehlern. Nehmen wir zwei Vorentscheidungen: Das geheime Ebert-Groener- Bündnis vom 10. November und das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November. Letzteres verschaffte der Gewerkschaftsbewegung und der Arbeiterschaft jene kollektiven Rechte, für die sie seit ihrer Gründung gekämpft hatte, Streikrecht, Koalitionsfreiheit, Tarifrecht, Achtstunden-Arbeitstag, aber es verzichtete auf die Sozialisierungen der Schlüsselindustrien wie den Bergbau und die Schwerindustrie. Für die Ereignisse des Januar 1919 aber besaß das Ebert-Groener-Bündnis eine besonders schwerwiegendere Bedeutung. Die Zusicherung der ehemaligen OHL an Friedrich Ebert, den Kampf gegen den sogenannten „Bolschewismus“ im Dienste der neuen Regierung zu führen, verschaffte den uniformierten Hauptstützen des Kaiserreichs nicht nur Luft, sondern auch die Sicherheit der Fortexistenz alter Befehlsstrukturen und der konservativ-nationalistischen Hegemonie. Der „Militärerlass“ vom 12. November 1918, bei dessen Verabschiedung im Rat der Volksbeauftragten die USPD einen Konflikt scheute, stellte genau dieses sicher. Aus Frontheimkehrern und Freikorps wurden Regierungstruppen, deren alte Feindbilder, „die Franzosen“ und „die Russen“, nun eine neue Dimension erhielten, die der nun zu bekämpfenden Revolutionäre. Grundsätzlich war die Frage der künftigen Struktur der bewaffneten Macht zu klären. Nachdem General Groener noch am 10. November mit Ebert telefoniert und die Truppen der neuen Regierung unterstellt hatte, einigte man sich auf den Einsatz der alten Armee zur Wahrung von Ruhe und Ordnung, zur Bekämpfung des „Bolschewismus“, und auf die Demobilisierung der Truppen unter Leitung der Generalität. Damit sollten zugleich die Versuche des Arbeiter- und Soldatenrates zur Bildung einer eigenen bewaffneten Macht, der „Roten Garde“, konterkariert werden. Am 12. November verabschiedete der Rat der Volksbeauftragten einstimmig einen Erlass zur Wahrung der Vorrechte der Offiziere, so dass die Soldatenräte auf eine beratende Funktion beschränkt und ebenfalls in die Staatsschutzaufgaben eingebunden wurden. Die regionalen Gliederungen insbesondere der USPD, aber auch zahlreiche ihr nahestehende Zeitungen protestierten in den folgenden Tagen scharf gegen diesen als gegenrevolutionär eingestuften Militärerlass. Die Folgen dieser Grundsatzentscheidung jedoch betrafen unmittelbar das Areal, über das wir an diesem Wochenende reden werden.

Nach Ferdinand Lassalle sind Verfassungsfragen immer Machtfragen. Dessen war sich die gemäßigt- sozialistische bzw. republikanisch-parlamentarische Strömung um MSPD, Generalkommission der Gewerkschaften, Demokraten und Zentrumspartei vollständig bewusst. Und so hatte es noch unmittelbar während des Massenstreiks des 9. November Absprachen auf höchster Ebene gegeben: Bei der Vereidigung Friedrich Eberts als Reichskanzler durch den Prinzen Max wurde bereits vereinbart, dass „im Reichstag ein Gesetzentwurf vorgelegt wird, der die Wahlen zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung ausschreibt. Diese Versammlung würde dann entscheiden, wie Deutschland künftig regiert werden soll. Ebert: Mit dem Gedanken dieser Nationalversammlung könnten wir uns einverstanden erklären“, wie sich der scheidende Kanzler Max von Baden erinnerte. Doch noch war Kaiser Wilhelm II. Staatsoberhaupt. Interessant ist der Dissens zwischen Scheidemann und Ebert: „Für mich waren in jener Stunde der Kaiser mitsamt der Monarchie erledigt. Ebert sah die Situation, wie wir bald erkennen werde, anders an.” Ging es der MSPD-Spitze um eine rein politische Revolution und um die Vermeidung einer sozialen, so war die Reichweite der politischen Umgestaltung selbst noch nicht entschieden. Doch gegen Mittag wurde die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt, die Monarchie war auch als parlamentarische Monarchie gemäß der Okoberreformen nicht mehr zu halten. Damit hatten die Massen die Parteien des ehemaligen interfraktionellen Ausschusses bereits weiter getrieben, als diese es beabsichtigt hatten. Und deren gemeinsamer Wunsch nach Verhinderung einer sozialen Revolution bzw. Kanalisierung der Massenbewegung in republikanisch-parlamentarische Bahnen erklärt die drei wesentlichen Beschlüsse des Rates der Volksbeauftragten: Den eben skizzierten Militärerlass, das Regierungsprogramm, das in weiten Teilen dem praktischen Forderungsteil des „Erfurter Programms“ der SPD von 1891 entsprach, auf das sich besonders entschieden die USPD berief, und das Vorantreiben des Zusammentretens einer Verfassunggebenden Versammlung anstatt der Konstituierung eines Rätesozialismus. Die aus diesen Grundsatzentscheidungen resultierenden Konflikte und sozialen und politischen, mit zunehmender Konfrontation ausgetragenen Kämpfe führen uns direkt hinein in das Zeitungsviertel und das Dragonerareal, von hier aus weiter in den Osten Berlins an die Standorte der „Märzkämpfe“ mit ihren rund 1200 Toten, als die regierungsamtlichen Ferischärler mit MG´s und Kanonen in die Arbeiterquartiere schossen. Doch damit befassen sich Ralf Hoffrogge und Mark Jones ausführlich.

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich möchte nun drei massive militärische Konfrontationssituationen und deren jeweils politische Wirkungen in den Blick nehmen, um meine Verortung der Januarkämpfe als Schnittpunkt zwischen den Revolutionsphasen näher zu beleuchten. Dabei habe ich die Periodisierung der langen Revolutionsphase in England zwischen 1640 und 1689 sowie jene der Großen Französischen Revolution von 1789-1795 vor Augen. Auch diese beiden wirkungsmächtigen europäischen Durchbruchsrevolutionen in das bürgerliche Zeitalter weisen rückblickend für die Historikerinnen und Historiker vergleichbare Züge auf: Erstens eine Phase der Erhebung für neue politische Rechte bzw. für die politische Gleichheit, gestellt und erkämpft von einem gemäßigten bzw. gemäßigt radikalen Bündnis aus den aufstrebenden Klassen und Schichten der Gesellschaft. Was in England der Kampf um die Rechte des Parlaments bedeutete, spiegelte sich in Frankreich im Kampf für die Nationalversammlung, die Menschenrechte und die Abschaffung der Privilegien des ancien regime wider. Im November 1918 bewegte die Menschen der Wunsch nach Frieden, nach Beendigung des daraus resultierenden Elends, die Einlösung der ihnen seit Jahrzehnten vom Halbabsolutismus des Kaiserreichs verwehrten politischen Mitsprache in Staat und Gesellschaft, aber auch nach zumindest deutlichen Konturen wirtschaftlicher und sozialer Demokratie bzw. nach Zähmung oder Brechung des „Absolutismus des Kapitals“. In allen genannten Revolutionen aber zeigte sich, dass die hegemonialen und ökonomisch aufstrebenden Kräfte und Bündnisse erst in einer breiten Koalition mit teils unterprivilegierten Volksschichten die konsensfähigen Forderungen durchsetzen, um ab diesem Moment des Erfolges das Mittel der Machtsicherung durch Abgrenzung anzuwenden. Das Zensuswahlrecht in Frankreich, weiterhin die lediglich konstitutionelle erste Verfassung entsprechen hier systematisch dem Regierungsprogramm und der Durchsetzung der Nationalversammlung während der Novemberrevolution. Und so bildeten sich als Machtfragen während der Novemberrevolution die Militärfrage, die Verfassungsfrage und die Sozialisierungsfrage heraus. Betrachten wir also nun den Ablauf der entsprechenden Machtkämpfe in der Abfolge der Ereignisse.

Am 6. Dezember, zehn Tage vor dem Zusammentreten des 1. Allgemeinen Reichsrätekongresses, spitzte sich die Konfrontation unvermittelt zu: Es erschütterten Berlin am 6. Dezember mehrere bewaffnete Zusammenstöße. Ausgangspunkt waren Versammlungen des Spartakusbundes, die friedlich verliefen. Doch hatten sich Gardefüsiliere, die sich der Regierung unterstellt hatten, an der Ecke Chausseestraße/Invalidenstraße schussbereit aufgestellt und eröffneten das Feuer auf die Spartakusdemonstranten. 16 Tote und 12 Schwerverletzte sowie zahlreiche weitere Verletzte forderte die Beschießung seitens der Regierungstruppen. Gleichzeitig kam es zu durch mehrere Tausend Soldaten zu Solidaritätsbekundungen vor der Reichskanzlei für Ebert, den sie zum Reichspräsidenten ausrufen wollten. Parallel dazu verhinderte Barth den Versuch anderer Uniformierter, den Vollzugsrat im Abgeordnetenhaus zu verhaften. Dieser Gewaltakt wurde als Putschversuch verurteilt, die Rolle der Mehrheitssozialdemokratie schien ambivalent. Die Lage spitzte sich jedenfalls spürbar zu. Der „Vorwärts“ berichtete am 7. Dezember über „Straßenkampf im Norden Berlins“ in einer relativ verharmlosend klingenden Wortwahl, gab jedoch unterschwellig dem Spartakusbund zumindest eine Mitschuld an den blutigen Zusammenstößen. Der „Vorwärts“ und Scheidemann spielten die versuchte Inhaftierung des Vollzugsrats als „Köpenickiade“ herunter. Am 9. und 10. Dezember richteten sich die Stellungnahmen im „Vorwärts“ massiv gegen Liebknecht und gegen „Spartakus-Exzesse“, was die Verschärfung der Tonlage widerspiegelt. Der „Vorwärts“, während der Revolutionstage im November „das Blatt der Revolution“, wie auch Richard Müller konzedierte, zog durch derartige Stellungnahmen immer mehr den Unmut radikalerer Kräfte auf sich. Doch kam es nach diesem Gewaltausbruch zunächst zu keinen weiteren gefährlichen Zusammenstößen in Berlin, stand doch der Reichsrätekongress vom 16. bis 21. Dezember vor der Tür. Auf ihm sollte über die Zukunft des revolutionierten Deutschen Reiches, über die Sozialisierung und über die Militärfrage diskutiert und beschlossen werden. Nach einer ersten militärischen Machtprobe folgte also die politische. Die Mehrheit der 489 Delegierten im Preußischen Abgeodnetenhaus jedenfalls stand auf Seiten der MSPD (296), wohingegen die USPD (96) und die 11 „Vereinigten Revolutionäre“ die radikale Linke repräsentierten. Ferner standen 24 Delegierte der DDP nahe, 25 bezeichneten sich nur als Soldaten, weitere 37 machten keine Angaben. Somit konnte die MSPD auf eine solide Mehrheit von über 60 % setzen.

Zum 19. Dezember war die Entscheidung über die Zukunft Deutschlands anberaumt worden: Nationalversammlung oder Räteverfassung? Für die MSPD begründete Max Cohen-Reuß den Antrag auf Einberufung einer Konstituante, für die USPD Ernst Däumig die Implementierung einer Räteverfassung. Nach den beiden Statements, die durchaus auch Vermittelndes formulierten, votierte eine überwältigende Mehrheit von 400 gegen 50 Stimmen für den Antrag Cohens, die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 durchzuführen. Die USPD setzte auf eine Verschiebung der Wahlen, aber ihr entsprechender Antrag auf einen späteren Wahltermin am 16. März verfiel mit vergleichbarer Stimmenzahl der Ablehnung. Damit konnte sich die von der MSPD angeführte, von Gewerkschaften und Demokraten unterstützte Position deutlich durchsetzen, was der „Vorwärts“ am 20. Dezember mit der Schlagzeile „Wahlen am 19. Januar. Sieg der Sozialdemokratie auf dem Kongreß“ goutierte und hinzufügte: „Wir stehen nur für unsere eigene Politik ein, nicht aber für die Politik kleinerer Gruppen, die allen Boden unter den Füßen verloren haben“. Damit war die demokratische Entscheidung über den künftigen Verfassungsprozess gefallen.
Doch vor Weihnachten 1918 kam es zu einer weiteren Eskalation zwischen Gemäßigten und Radikalen und der auf der jeweiligen Seite stehenden Truppen. An den beiden Tagen vor dem Weihnachtsfest kam es rund um das Berliner Schloss zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Einheiten der „Volksmarinedivision“ und den regulären Regierungstruppen unter dem Befehl des „Großen Hauptquartiers“ um General Groener. Die Ursachen lagen im Machtkampf um die Durchsetzung des Militärerlasses einerseits, der die Kommandogewalt den Offizieren zuerkannt und alle Truppenteile ihrer Befehlsgewalt unterstellt hatte, und andererseits im Bestreben der Regierung, nach der Richtungsentscheidung pro Nationalversammlung die radikale Revolutionspartei auch militärisch zu entmachten. Die Erinnerungsliteratur der politisch Beteiligten fällt naturgemäß unterschiedlich aus. Scheidemann erinnerte sich vor allem daran, dass Otto Wels (MSPD) als Stadtkommandant das Ziel radikaler physischer Gewalt war, wohingegen Georg Ledebour (USPD) darauf verweist, dass der Volksmarinedivision die Zahlung des Soldes verweigert werden sollte bzw. die Matrosen dies als Faktum befürchteten. Außerdem lief das Gerücht durch Berlin, die Volksmarinedivision würde im Schloss marodieren. Noch am 16. Dezember 1918 erklärten sich die Räte der Berliner Garderegimenter mit den roten Matrosen solidarisch. Diese beriefen sich auf eine Vereinbarung mit dem Finanzministerium, nach der sie am 20. Dezember das Schloss räumen würden, wenn ihnen ein anderes Quartier zur Verfügung gestellt würde. Obgleich das Ministerium die Vereinbarung torpedierte, übergab die Volksmarinedivision die Schlüssel zum Schloss dem USPD-Volksbeauftragten Barth, der mit Wels über die Auszahlung des Solds verhandelte, doch Wels stellte sich stur. Daraufhin beschlossen die Matrosen für den 23. Dezember eine Demonstration vor Wels’ Amtssitz. Auf Anordnung Eberts wurden aus Potsdam reguläre Truppen nach Berlin beordert, um die Demonstration aufzulösen. Doch die Matrosen besetzten aus Protest Teile der Reichskanzlei und sperrten den Telefonverkehr, was aber kurz darauf beendet wurde. Die Regierungstruppen eröffneten das Feuer auf die Matrosen und töteten drei von ihnen, gleichzeitig begann Wels mit der Ausgabe des Solds. Die erzürnten Matrosen nahmen ihn und zwei weitere Personen gefangen. Es drohte eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Regierungstruppen und der Volksmarinedivision, die lediglich auf Intervention Barths bei Ebert und Landsberg vermieden werden konnte. Barth und Ledebour waren als Vermittler eingeschaltet worden. Doch bereits am folgenden Morgen des 24. Dezember eskalierte der Konflikt erneut. Um 8 Uhr eröffneten Regierungstruppen das Feuer auf den Marstall, der von der Volksmarinedivision belegt war. Im Nu solidarisierten sich Hunderte von Arbeitern mit den Matrosen und ließen sich bewaffnen. Nach einer Feuerpause, um Frauen und Kinder aus der Schusslinie zu nehmen, kam es abermals zum gegenseitigen Beschuss, wobei die personell weit unterlegenen Matrosen und Arbeiter sich nicht aus dem Marstall vertreiben ließen und einen Waffenstillstand erwirkten, der einem Sieg gleichkam: Wels wurde frei gelassen, aber abgesetzt, die Division blieb bestehen, die Regierungstruppen mussten sich zurück ziehen. Doch die Zusammenarbeit zwischen MSPD und USPD war de facto zerbrochen. Dieser Riss führte wenige Tage darauf zum Austritt der USPD-Mitglieder aus dem Rat der Volksbeauftragten. Damit war die Zweckkoalition zwischen Gemäßigten und Radikalen endgültig zerbrochen und dadurch der Weg für die entscheidenden Auseinandersetzungen praktisch frei gemacht. Doch blieb der politische Sieg der Mehrheitssozialdemokratie und ihrer Verbündeten fraglich, wenn nicht die militärische Vorherrschaft durchgesetzt würde.

Dies nun, sehr geehrte Damen und Herren, führt uns direkt in die Januarkämpfe hinein, somit auch zum 1. und zum 2. Garde-Dragoner-Regiment, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Zeitungsviertel stationiert waren.
Zum Jahreswechsel 1918/19 gründete sich die KPD, die zum Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung aufrief. Gleichzeitig versuchte die preußische Regierung, auch sie nun ohne USPD-Mitglieder, den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) mit der Begründung abzusetzen, er habe bei den Weihnachtskämpfen die Volksmarinedivision mit Waffen unterstützt. Am 4. Januar erhielt er seine Entlassungsurkunde, ausgestellt vom preußischen Innenminister Eugen Ernst (MSPD); die USPD-Mitglieder waren am Vortag aus der preußischen Regierung ausgetreten. Der „Vorwärts“ vom 5.1.19 ließ zusätzlich eine weitere Kraftprobe, diesmal mit der Berliner Polizei, als wahrscheinlich erscheinen .
Die Leitung der USPD und die Revolutionären Obleute riefen für den 5. Januar zu einer Solidaritätskundgebung mit Eichhorn auf, an der sich rund 100 000 Menschen, die „Freiheit“ vom 6. Januar schrieb gar über „Hunderttausende“, beteiligten. Die aufgeheizte Stimmung eskalierte und mündete ein in die spontanen Besetzungen des Gebäudes des „Vorwärts“ und anderer Zeitungen im Berliner Zeitungsviertel. Die blutigen Ereignisse nahmen ihren Lauf, die als „Januaraufstand“ oder „Spartakusaufstand“ in die Geschichte eingingen. Besonders die Besetzung des „Vorwärts“ trieb die Eskalationsspirale voran. Das MSPD-Zentralorgan wurde nun durch die Besetzer als „Organ der revolutionären Arbeiterschaft Groß-Berlins“ herausgegeben und glich inhaltlich stark der „Roten Fahne“ der KPD. Durch diese spontanen und eher auf Aktionismus denn auf strategischer Planung beruhenden Zeitungsbesetzungen sollten der Sturz der „Regierung Ebert-Scheidemann“, den ein von den Revolutionären Obleuten und der Berliner USPD initiierter Revolutionsausschuss am 6. Januar 1919 erklärt hatte, und der dazu eingeleitete Generalstreik unterstützt werden. Für den Revolutionsausschuss hatten Ledebour, Liebknecht und Paul Scholze dieses Dokument unterschrieben. Doch hatten die Aufständischen ihre eigene Stärke über- und die Handlungsmöglichkeiten der Regierung unterschätzt. Schon am 6. und 7. Januar bot sich die USPD-Führung an, zwischen Aufständischen und Regierung zu vermitteln, wie die „Freiheit“ berichtete; als Zeichen des guten Willens verzichtete sie auf den Aufruf zu weiteren Massenstreiks. Innerhalb der MSPD-Führungsebene entbrannten heftige Debatten über das Für und Wider von Verhandlungen, eine Vermittlungsinitiative von Karl Kautsky wurde schließlich negativ beschieden, so dass sich die Befürworter eines harten Kurses zur Entsetzung der Pressehäuser durchgesetzt hatten. Weder erschien der „Vorwärts“ bis zum 12. Januar einschließlich, auch die „Volkszeitung“ und die „Morgenpost“ waren wie andere Organe der Verlage Büxenstein, Mosse, Scherl, Ullstein und das Wolffsche Telegraphenbüro besetzt. Während der Tage der Verhandlungen kam es immer wieder zu Scharmützeln mit Toten und Verletzten in der Innenstadt und um das Zeitungsviertel. Unterdessen wurde dem Volksbeauftragten Gustav Noske der Oberbefehl über die Regierungstruppen übertragen, dabei fiel der berüchtigte Satz, dass einer der „Bluthund“ sein müsse. Am 9. Januar beschloss die Regierung die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes. Trotz zahlenmäßig bedeutender Unterstützung aus vielen Berliner Großbetrieben für eine friedliche Lösung begannen Regierungstruppen mit Angriffen auf die besetzten Zeitungshäuser, die teilweise freiwillig geräumt wurden. Am 11. Januar schließlich gingen die Freikorps gegen die Besetzer des „Vorwärts“ vor, wobei es zu willkürlichen Erschießungen kam. Unter den Regierungstruppen unter dem Kommando Noskes waren auch die beiden Dragoner-Regimenter. Schon am 12. Januar eröffnete der „Vorwärts“ sein Wiedererscheinen mit den Worten: „Das ‚Vorwärts’-Gebäude wurde gestern von den Truppen des Oberbefehlshabers Noske (Regiment Potsdam) im Sturme genommen und von der Abteilung Kuttner besetzt. Die Regierungstruppen hatten 5 Tote und einige Verwundete, die Verluste der Spartakisten sind zahlenmäßig noch nicht festgestellt, aber sehr groß.“ Friedrich Stampfer kommentierte am nächsten Tag apodiktisch: „Mit Spartakus und allen, die ihm nahestehen und ihn fördern, ist eine Einigung unmöglich. Sie war unmöglich, lange bevor Blut im Bruderkrieg geflossen war, sie ist noch unmöglicher jetzt.“ Die bekanntesten Opfer der Militäraktion zur Niederschlagung des Januaraufstandes waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die von Soldaten der Gardekavallerie-Schützendivision am 15. Januar 1919 hingerichtet wurden.

Das politische Nahziel der Erhebung, die Verhinderung der Wahlen zur Nationalversammlung, war gescheitert, das Ziel der Militärs, sich wieder zur Macht im Staate zu erheben, hingegen ein Stück weit näher gerückt. Die radikale Revolutionspartei hatte eine schwere Niederlage erlitten, militärisch wie politisch. Damit kann die erste Revolutionsphase, die demokratisch-republikanische, als abgeschlossen bezeichnet werden. Die folgenden Märzkämpfe in Berlin und die ihr vorausgehenden Massenstreiks im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland eröffneten eine zweite Revolutionsphase, die der Rätebewegung, auf die Ralf Hoffrogge eingehen wird. Zwar hatte sich die gemäßigte Revolutionspartei vordergründig durchgesetzt, jedoch um den Preis der Erstarkung der gegenrevolutionären Militärs. Mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 würden diese der Regierung ihre Rechnung präsentieren.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!