Arthur Stadthagen

Arthur Stadthagen (+ 5. Dezember 1917). Ursprünglich als „Kalenderblatt“ für das „Neue Deutschland“ vom 17. Oktober 2017(Unveröffentlicht)

Mit Arthur Stadthagen verstarb am 5. Dezember 1917 der erste Volljurist, der für die Sozialdemokratie in den Reichstag gewählt wurde. Im Jahr 1890, dem Jahr des Scheiterns der Verlängerung des Bismarckschen „Sozialistengesetzes“ an der Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien und der Entlassung des „Eisernen Kanzlers“ durch Kaiser Wilhelm II., eroberte der in der Arbeiterschaft sehr populäre Berliner erstmals den Wahlkreis Niederbarnim in der Stichwahl für die Sozialistische Arbeiterpartei. Mit jeder Reichstagswahl wuchs sein Vorsprung vor seinen Konkurrenten deutlich an, 1912 waren es 71,6 %, die in diesem nördlich um Berlin herum gelegenen, sich stetig verstädternden Gebiet für den Sozial- und Rechtspolitiker stimmten. Der heutige Berliner Norden, damals vorwiegend aus Bauerndörfern und Vorstädten bestehend und dort rapide wachsend, gehörte dazu.
Arthur Stadthagen wurde am 23. Mai 1857 als dritter Sohn des Orientalisten und Rabbiners Dr. David Stadthagen in Berlin geboren. Er wuchs in einer bildungsbürgerlichen Familie gemeinsam mit vier weiteren Brüdern auf, absolvierte das Friedrichs-Gymnasium und studierte Rechtswissenschaften an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität. Als nebenberuflicher Stenograph im Reichstag haben ihn wohl besonders die kämpferischen Sozialdemokraten wie August Bebel und Paul Singer beeindruckt, so dass er sich um 1885 der vom „Sozialistengesetz“ illegalisierten Sozialdemokratie anschloss und die Opfer der Sozialistenhatz vor Gericht verteidigte. Schon bald nannte man ihn daher „Anwalt der Armen“, der selbst von mehr als tausend Prozessen zwischen 1884 und 1892 sprach, die er für die Sache der „kleinen Leute“ führte. Dieses Engagement vor Gericht, auch für Arbeiterfrauen, brachte ihm im November 1892 das Berufsverbot als Anwalt ein. Fortan wirkte Arthur Stadthagen als Redakteur des „Vorwärts“ und anderer SPD-Blätter, als Rechtsberater und als populärer Schriftsteller. 1895 veröffentlichte er „Das Arbeiterrecht“, in dem er sowohl den geltenden Rechtsstand des damals noch nicht so geheißenen Arbeits- und Sozialrechts zusammentrug und für die Arbeiterschaft und die kleinen Leute mit Musterformularen versah, die das Recht unmittelbar anwendungsfähig werden ließen. Vier Auflagen bis 1904, und das „Arbeiterrecht“ war ein “Bestseller“, ebenso wie sein zweiter Ratgeber, der „Führer durch das bürgerliche Gesetzbuch“, gleichfalls in vier Auflagen. Diese Veröffentlichungen machen ihn zu einem Pionier des Arbeits- und Sozialrechts.
Als Volks- und Parlamentsredner gehörte der Freund von Georg Ledebour, Emanuel Wurm, Rosa Luxemburg und Hugo Haase dem „marxistischen Zentrum“ der SPD an, war zugleich marxistisch denkender Rechtslehrer, z. B. an der Parteischule, als auch auf praktische Verbesserungen hinwirkender Reformer in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. An der Schlusserarbeitung des BGB im Reichstag 1896 wirkte er äußerst kritisch mit. Seine Reden waren scharfzüngig und oft provokant, manchmal vielleicht zu lang. Daran hinderte ihn auch seine chronische Tuberkulose nicht, die ihn zeitlebens schwächte. Nachdem er 1916 als Burgfriedenskritiker die SAG mitbegründet hatte, aus der Redaktion des „Vorwärts“ entlassen worden war und mit der USPD einen Neuanfang im alten marxistischen Geiste suchte, erkrankte Arthur Stadthagen während des Septemberkongresses der „Zimmerwalder“ in Stockholm schwer. Er starb am 5. Dezember 1917 in der Klinik am Bayerischen Platz in Schöneberg an einer Bauchfell- und Nierenentzündung.