Geschichte

Das Ende des „kretischen Krieges“ und der Beginn langer Unterdrückung. Die Eroberung Heraklions durch das Osmanische Reich im September 1669. Historische Notiz 180 vom 19. August 2019

Die europäische Hegemonie im östlichen Mittelmeer war längst Geschichte, seit die Kreuzzüge 1291 endgültig verloren gegeben wurden, 1453 Konstantinopel vom Osmanischen Reich erobert worden war und seither der Drang der neuen Supermacht an der Levante sich mehr und mehr nach Westen wandte. Belgrad wurde 1521, Rhodos 1522 eingenommen, 1529 stoppte der Siegeszug vor den Toren Wiens, die Seeschlacht von Lepanto, die mit einer militärischen Katastrophe der osmanischen Flotte endete, schien zunächst dem christlichen Europa etwas Ruhe zu verschaffen. Doch führte die militärische Lagebereinigung zwischen Wien und Istanbul, in der die Einflusszonen im Mittelmeerraum abgesteckt wurden, zur Eroberung Zyperns 1571 und zum Angriff der „Hohen Pforte“ auf die Insel Kreta, die im September 1669 mit der Aufgabe von Chandax bzw. Candia, wie das heutige Heraklion in den Herrschaftsperioden der Araber und der Venezianer auch hieß, endgültig an das Osmanische Reich fiel und hier ein Schattendasein führte. An diesen „kretischen Krieg“ und die jahrelange Belagerung Heraklions erinnert die 180. „Historische Notiz“.

Ein Piratenakt als Auslöser des Krieges
Nachdem in der Seeschlacht von Lepanto der türkische Vormarsch auf Südeuropa zunächst gestoppt schien, wurde es zwischen 1571-1644 ruhiger um Kreta und dessen venezianische Herrscher. Doch diese Ruhephase, begleitet von einem nicht unbeträchtlichen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, währte nicht lange. Das Osmanische Reich stabilisierte sich langfristig wieder, während Europa nach den Jahren von Reformation und Gegenreformation in das Zeitalter der Religionskriege eingetreten war und sich somit selbst erheblich schwächte. Zudem ging die Blütezeit Venedigs sichtbar zu Ende, mithin war die mächtige Lagunenstadt kaum mehr in der Lage, ihre Besatzungstruppen auf Kreta zu unterhalten. Der kretische Historiker Theocharis Detorakis schrieb: „Es genügt anzufügen, dass sie unmittelbar vor dem Kretischen Krieg nicht in der Lage war, mehr als 4000 Söldner auf ganz Kreta zu unterhalten. Zum ersten Mal in dieser langen Periode der Venezianerherrschaft zahlte die Metropole keine regelmäßigen Löhne für die Offiziere und Soldaten, die, um leben zu können, dazu gezwungen waren, verschiedene Berufe wie Schneider, Friseur, Schuhmacher etc. auszuüben“.(1) Allmählich verfielen die Befestigungsanlagen auf der Insel, außerdem gingen die Venezianer eher von einem Angriff auf Süditalien aus und vernachlässigten ihren Vorposten. Die Kreter selbst waren in Volksmilizen organisiert, etwa 14.000 Mann stark, aber eine viel zu niedrige Personalstärke, um sich gegen eine Supermacht zu behaupten. Nicht zuletzt beutete Venedig die Insel und ihre Fruchtbarkeit in einer Weise aus, die sie bei den Kretern unbeliebt bleiben ließ, so dass diese von einer osmanischen Eroberung keine gravierenden Verschlechterungen befürchteten.
Der Kriegsausbruch geht auf einen Piratenakt zurück. Die Johanniter, die von Zypern nach Malta vertrieben worden waren, kaperten 1644 vor der kretischen Küste ein türkisches Schiff, das Pilger nach Mekka bringen sollte. Die Gefangenen wurden nach Chania gebracht und dort dem venezianischen Heer übergeben. Dies löste 1645 die osmanische Invasion aus. Im Juni dieses Jahres rückte eine mächtige Flotte mit 100 Kriegsschiffen, 350 Transportschiffen und 50.000 Mann gegen Kreta vor, darunter befanden sich etwa 7.000 Janitscharen, die berüchtigten Eliteeinheiten des Sultans.(2) Am 23. Juni erreichte die Angreifer Chania und begannen mit dem Angriff auf die damalige Inselhauptstadt. Knappe zwei Monate hielten die Verteidiger der Belagerung stand, doch am 17. August 1645 fiel sie bei einem Sturmangriff beinahe in die Hände der Osmanen. Fünf Tage später, am 22. August, waren die Chanioten mit ihren Kräften und Vorräten am Ende und übergaben die Stadt. Ein Rückeroberungsversuch von 1646 scheiterte. Nach diesem Sieg wandten sich die osmanischen Truppen Rethymnon zu, das sie seit September 1646 zu belagern begannen. Sofort begann die venezianische Kommandantur mit der Evakuierung der Frauen und Kinder nach Chandax/Heraklion. Am 11. Oktober drangen die Angreifer in die Stadt ein, die Verteidiger verschanzten sich in der Fortezza, der Stadtfestung, die sie 23 Tage halten konnten. Dann mussten auch sie sich ergeben. Am 13. November 1646 übernahmen auch in Rethymnon die Eroberer die Macht. Immer größere Gebiete Kretas fielen nun an die Osmanen, viele Menschen versuchten nun, Raub, Verschleppung und Mord zu entgehen, indem sie zum Islam konvertierten.Im Mai 1648 nun standen die Truppen des Sultans vor den Mauern von Candia/Heraklion.

Die Belagerung von Candia (1648-1669)
Es dürfte die längste Belagerung der Geschichte gewesen sein, die im Mai 1648 in Candia ihren Anfang nahm. Schon im August schlossen sie einen Belagerungsring von der Landseite her, der den Venezianern nur noch den Nachschub vom Meer her offen ließ. Der Ausbau der Hafenfestung Koules, auch heute eine Sehenswürdigkeit Heraklions, erwies sich als große Hilfe für die Verteidiger. Es gelang den Osmanen nicht, in die Stadt vorzudringen, kleinere Scharmützel bei wechselndem Kriegsglück führten nicht zu grundlegenden strategischen Gewinnen für die eine oder andere Seite. Die starke venezianische Flotte hielt den Gegner von allzu machtvollen Operationen von der Seeseite aus ab und verhinderte groß angelegte Landungsmanöver. Ihr Kommandant war der berühmte Admiral Francesco Morosini, zu dessen Ehren auf dem zentralen Platz Heraklion, der Platia Eleftheria, dem Platz der Freiheit, ein Brunnen umbenannt wurde. So blieben die Jahre von 1650-1666 eine Periode des Stillstands, in der auch mit religiös-ideologischen Waffen gekämpft wurde. Den christlich-orthodoxen Kretern widerstrebte die Vormundschaft der katholischen Kirche, die mit Venedig über sie gekommen war. Die Türken versprachen indes die Wiederherstellung der orthodoxen Kirche und vertieften so die Spannungen zwischen Kretern und Venedig.
Als im August 1664 die Spannungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich bzw. Österreich und dem Osmanischen Reich durch den Vertrag von Vasvar/Eisenburg deeskaliert wurden, bahnte sich die entscheidende Wende an. Nicht mehr in Ostmitteleuropa gebunden, konnte die Hohe Pforte nun wieder Truppen nach Kreta mobilisieren und rückte im Frühjahr 1667 vom Peloponnes her auf Heraklion vor. Im November 1667 lief Oberst Andreas Barotsis zum Angreifer über und verriet diesem die Schwachstellen der Befestigungsanlagen. Weitere Verräter folgten, zumal der Oberkommandierende Ahmet Köprülü Goldmünzen als Belohnung ausgesetzt hatte, man spricht von 700.000.(3) Unterstützungskontingente aus Frankreich, den Niederlanden und aus dem Heiligen Römischen Reich verstärkten 1667/68 die Verteidiger, doch deren Uneinigkeit schwächte sie wiederum. Und so rückte das Ende der Kämpfe näher, als zwischen dem 16. und 21. August 1669 die Franzosen aus der Festung flohen. So beschloss Morosini, zwecks Übergabe der Stadt Verhandlungen aufzunehmen.

Die Übergabe und Räumung Heraklions (16.-28. August 1669)
Nach Jahren der Schein- und Realgefechte, der Tunnelgrabungen und Verschanzungen sowie des Nervenkrieges waren die Verteidiger, nicht zuletzt durch Krankheiten, endgültig geschwächt. Die Abreise der französischen Freiwilligen unter dem Kommando des Herzogs von Navaille „hinterließ die Belagerten in einem hoffnungslosen Zustand. […] Die Verteidigung wurde mit unvorstellbarer Tapferkeit noch wenige Tage aufrechterhalten, aber niemand glaubte daran, dass die Festung noch lange standhalrten konnte.“(4) Morosini bot Verhandlungen zur Übergabe an.
Detorakis weiter: „Diese begannen bereits Ende August in absoluter Verschwiegenheit und dauerten etwa 20 Tage an. Die Repräsentanten des Köprülü waren Ahmat Agas und der griechische Dolmetscher Panajotis Nikousios, den Köprülü extra zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Die Vertreter von Morosini waren der Schotte Annant und der kretische Adelige Stephanos Skordilis. Der Vertrag, der mit größter Sorgfalt ausgearbeitet wurde, wurde am 16. September unterschrieben und sofort wurden die Kämpfe eingestellt.“(5) Morosini bekam zwölf Tage Zeit, die Stadt zu räumen und zu evakuieren. Er hatte erwirkt, dass die christliche Bevölkerung aus Candia mitsamt ihrem mobilen Eigentum abziehen konnte. Am 27. September 1669 war die Räumung abgeschlossen, die christlichen Bewohner traten von der vorgelagerten Insel Dia die Abreise an. Viele flohen auf die Ionischen Inseln, die noch bis 1797 zu Venedig gehörten.
Morosini konnte auch einen beträchtlichen Teil der venezianischen Staatsdokumente retten und von der Insel nach Venedig wegbringen, wo Venedig die trügerische Hoffnung aufrecht erhielt, dereinst die Insel wieder zurück zu erlangen. Insgesamt verloren rund 130.000 Türken ihr Leben vor Candia, die Kreter und Venezianer verloren rund 30.000 Menschenleben. Damit wurde Kreta osmanisch, General Köprülü fand eine bis auf die Grundmauern zerstörte Stadt vor, als seine Truppen in sie einzogen. „Durch den Friedensvertrag vom 6. September 1670 wurde die letzte große osmanische Eroberung im Mittelmeerraum besiegelt. Es war ein bedeutsamer Gewinn, allerdings teuer erkauft, mit viel Blut und mit Prestigeverlust im Seekrieg“.(6) Kreta brauchte lange, sich von dieser furchtbaren Zeit zu erholen, denn es wurde im Osmanischen Reich zu einer wenig bedeutenden Provinz. Blutig wurden alle Aufstandsversuche niedergeschlagen.
Schaut man sich heute in Chania, Rethymnon oder Heraklion um, findet man überall zahlreiche Bauten aus der venezianischen Zeit. Gerade Chania schmückt sich mit diesem Erbe, aber auch die beiden anderen Städten können in dieser Hinsicht viel bieten. Vor allem aber Rethymnon, besonders auf der Fortezza, wirkt sichtbar das osmanische Erbe nach. Die Kreter aber kämpften bis 1898 um ihre Unabhängigkeit von Istanbul, die sie 1898 erreichten. Dem griechischen Staat traten sie während der Balkankriege 1912/13 bei. Die Gräuel der osmanischen Herrschaft aber sind Teil der jüngeren kretischen Geschichte und sind nicht vergessen. Die griechisch-türkischen Beziehungen bleiben auf diese Weise verkrampft.

Anmerkungen
1) Theocharis Detorakis: Geschichte von Kreta, Heraklion 1997, S. 243.
2) Die Janitscharen wurden oft aus christlichen Familien eroberter Gebiete rekrutiert, besonders streng ausgebildet und oft vom Sultan selbst befehligt. Sie galten als brutal, fanatisch und unerbittlich. https://de.wikipedia.org/wiki/Janitscharen, Zugriff am 19. August 2019.
3) Detorakis, S. 257.
4) Ebd., S. 258.
5) Ebd.
6) Ferenc Majoros/Bernd Rill: Das Osmanische Reich 1300-1922, Wiesbaden 2004, S.276.