Geschichte

Ferdinand von Schill (1776-1809) – tragischer Held oder preußischer Warlord? Historische Notiz 178 vom 28. Mai 2019

Am 31. Mai jährt sich zum 210. Mal der Todestag eines in den vergangenen Jahrzehnten fast völlig vergessenen Rebellen, der es in den Jahren der napoleonischen Besetzung großer Teile des Territoriums des 1806 untergegangenen „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ gewagt hatte, mit seinem Rebellenzug den übermächtigen Kaiser der Franzosen und dessen Besatzungstruppen herauszufordern. Ferdinand von Schill, geboren am 6. Januar 1776 in Wilmsdorf bei Dresden, gefallen in Stralsund, als er von einer Kugel tödlich getroffen wurde, während sich seine Freikorps gegen die anrückende französische Übermacht vergeblich wehrten. Heute, in den Zeiten der deutsch-französischen Freundschaft, ist Schills Rebellion kaum noch von historischer Relevanz als Mythos eines Kampfes gegen Fremdherrschaft, aber im Kontext ihrer Preußenrezeption nahm sich die DDR und mithin ihre Geschichtswissenschaft des Freischärlers an und versuchte, unter den Auspizien des kalten Krieges ihn als möglichen Vorkämpfer gegen die Bedrohung durch den kapitalistischen Westen zu betrachten. Doch zu einem klaren Bild und einer eindeutigen Bewertung gelangte man letztlich nicht. Von daher lohnt der Blick auf die Ereignisse zwischen 1806 und 1809 ohne Voreingenommenheit.

Ferdinand von Schill – eine biographische Skizze
Ferdinand Baptista von Schill entstammte einer Soldatenfamilie. Sein Vater Johann Georg von Schill (1736–1822) war Kavallerieoffizier in der österreichischen, später in der sächsischen, zuletzt in der preußischen Armee. Von seinem Vater wurde Schill im Jahr 1790 dem Grafen Kalckreuth vorgestellt, dem Kommandeur des renommierten Dragonerregiments Anspach-Bayreuth mit dem Ehrennamen „Die Hohenfriedberger“, welcher Schill als Fähnrich aufnahm. In Pasewalk diente Schill, seit 1793 als Sekondeleutnant, im genannten Dragonerregiment, das seit März 1806 den Namen Königin-Dragoner trug.(1) In der Schlacht bei Auerstedt im Oktober 1806 wurde Schill durch einen französischen Säbelhieb schwer am Kopf verletzt. Er rettete sich in die Festung Kolberg,, meldete sich als gesund zurück zum Dienst und begann, anstatt Geld und Rekruten in die Festung zu bringen und Aufklärung zu betreiben, einen Kleinkrieg gegen die französischen Invasionstruppen, die dem nach Memel geflüchteten preußischen König Friedrich Wilhelm III. folgten, zu führen. „Danzig, von Graf Kalckreuth verteidigt, fiel erst im Mai 1807, Graudenz an der Weichsel und Kolberg an der hinterpommerschen Ostseeküste (mit Gneisenau, Nettelbeck und Schill) blieben unbezwungen“.(2) Der „Friede von Tilsit“ halbierte Preußen und brachte die Rheinbundstaaten bis in die anhaltinischen, thüringischen und sächsischen Gebiete hinein und schuf das sog. „Königreich Westfalen“, als dessen Herrscher Napoleons Bruder Jerome Bonaparte, „König Lustig“ genannt, residierte. Unterdessen begannen im Rumpf-Preußen Reformer wie Karl Friedrich Freiherr vom und zum Stein, August von Hardenberg, Wilhelm von Humboldt und August Neidhardt von Gneisenau ihr Reformwerk, das Preußen modernisieren und seinen erneuten Aufstieg zur Großmacht einleiten sollte. Es galt nach der Niederlage gegen Napoleon die von oben ausgegebene Devise „Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht“, die Reformen sollten Preußen revitalisieren, aber endlich auch bürgerliche Teilhabe ermöglichen und wirtschaftlichen Aufschwung durch Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit initiieren. Gymnasiale und akademische Ausbildung sollten die Abkömmlinge des aufstrebenden Bürgertums und Kulturträgern machen und mit dem preußischen Staat versöhnen, so wie es idealtypisch die frisch gegründete Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin symbolisierte. Doch auch der militärische Widerstand gegen Napoleon schwelte weiter, die Heeresreformen durch Gneisenau und Boyen dachten über die reine Landesverteidigung hinaus. Und hier spielte der Heißsporn Ferdinand Baptista von Schill eine zentrale Rolle. Für seinen militärischen Mut in Kolberg und trotz zahlreicher nicht geglückter Überfälle aus dem Hinterhalt nach dem Muster von Freischärlern war von Schill bereits 1807 von Friedrich Wilhelm III. vom Major befördert worden. Als am 10. Dezember 1808 die französischen Truppen nach mehr als zweijähriger Besetzung Berlin räumten, rückte Schill unter dem Jubel der Berliner mit seinem Husarenregiment in die preußische Hauptstadt ein, wo die Berliner „ihre Helden“ und den König feierten.(3)

Schills Rebellenzug
Überall in Europa regte sich der Widerstand gegen die Napoleonische Hegemonie. So hatten sich die Spanier erhoben und banden beträchtliche Truppenteile des Kaisers, in Tirol entbrannte ein bäuerlicher Befreiungskrieg unter Andreas Hofer; am 12. April 1809 wurde Innsbruck besetzt, der Gegensatz zwischen Russland und Frankreich wurde immer deutlicher. Und in Preußen ächzten die Menschen über die dem besiegten Staat auferlegten Kontributionen, die die Wirtschaft niederhielten und das Volk hungern ließen. So entwickelte sich auch in Preußen, aber auch in vielen anderen deutschen Territorialstaaten, ein deutsches Nationalbewusstsein, das durch ein gemeinsames Ziel miteinander verbunden wurde: Die Herrschaft Napoleons abzuschütteln. Und da bot sich Ferdinand von Schill als Vorkämpfer an. Er brachte die Eigenschaften mit, die dem entsprachen: „Was Schill wirklich erst volkstümlich machte, waren Eigenschaften, die der sponatanen Unruhe und der Abneigung gegen Kadavergehorsam entsprachen. Nicht als Drillmeister gepreßter oder gedungener Liniensoldaten, sondern als Freikorpsführer, als eine Art von Guerillas, hatte er die Höhen seines Ruhms erklommen“.(4) Heute würde man sagen, Schill war der Typ eines „Warlords“. Und mit diesen Eigenschaften schätzte ihn auch Gneisenau, sein Vorgesetzter bei der Verteidigung Kolbergs. Und Schill führte in seinem Regiment eine andere Disziplinordnung ein, indem er die Körperstrafen abschaffte und das Adelsprivileg bei den Offiziersstellen aufhob. Dies machte ihn bei seinen Soldaten beliebt, nicht gefürchtet, wie beim Rest der Armee, wo noch die Zwangsordnung herrschte.
Am 28. April 1809, nachmittags gegen 4 Uhr, „stampfte das Zweite Brandenburgische Husarenregiment über regenfeuchte Straßen. Zwei Schwadronen Husaren und eine Schwadron reitender Jäger verließen Berlin durch das Hallesche Tor. Zwei weitere Husarenschwadronen ritten die Linden entlang, passierten die Posten des Brandenburger Tores, bogen dann nach Südwesten ab, um dem Regiment in Richtung Potsdam zu folgen“.(5) Schill gab vor, ein Manöver durchzuführen, doch um 6 Uhr ließ er anhalten. Er schwor seine Truppen auf den Krieg gegen Napoleon ein, verschwieg aber, dass es sich um eine vom König nicht gedeckte Einzelaktion handelte. In Potsdam bewaffnete man sich und ritt weiter gen Westen. Der ursprünglich geplante Angriff auf Magdeburg, statt eines preußischen Vorwerks nun Grenzfestung des „Königreichs Westfalen“, wurde abgeblasen, da die Franzosen Wind bekommen hatten, stattdessen ritt Schill auf Brück zu, im napoleonischen Sachsen liegend. Die Belagerung des Städtchens musste er aufgeben, da sich die Bürger ihm verschlossen, ein Omen? Danach wandte sich Schill nach Dessau, auch hier blieben Erfolge aus: „Man jubelte Schill und seinen Soldaten zu, entscheidende Taten blieben aber aus. Der Funke der Begeisterung zündete noch nicht. Das Unternehmen Schills blieb isoliert und ging nicht in einer allgemeinen Erhebung auf.“(6) Dies zeigte sich auch in den folgenden Tagen in Köthen und Halle, als sich nur wenige Freiwillige dem Schillschen Freikorps anschlossen. Dennoch rückte Schill weiter nach Westen vor, in Richtung des Kerngebietes des napoleonischen Westfalen. Dessen König Jerome Bonaparte ließ am 5. Mai ein Kopfgeld von 10000 Franken auf die Ergreifung Schills aussetzen. Die Jagd auf die Rebellen war eröffnet.(7)
Bei Arneburg an der Elbe, im Herzen der Altmark, stießen noch einmal 152 Soldaten, die in Kolberg gekämpft hatten, hinzu. Doch mit dem Angriff auf Dömitz im Mecklenburgischen, begann der Weg in die Niederlage. Als Schill erfuhr, dass General Gratien mit holländischen Hilfstruppen gegen ihn anritt, entschied er sich für den Rückzug Richtung Küste. Verfolgt von den Truppen Gratiens floh Schill mit seinen Getreuen über Rostock und Wismar nach Stralsund, wo er sich verschanzte. Mecklenburgische Soldaten, die er seinen Verbänden angeschlossen hatte, desertierten prompt und ergaben sich den Soldaten Napoleons. Unterdessen gewannen die bayerisch-französischen Truppen auch in Tirol die Oberhand zurück, der Anführer des Aufstands, Andreas Hofer, sollte im Februar 1810 schließlich gefangen genommen und am 20. Februar bei Mantua standrechtlich erschossen werden.
Die Geschichte der Niederlage Schills in Stralsund ist schnell erzählt: „Am 27. Mai 1809 hatten sich bei Wismar napoleonische Hilfstruppen vereinigt. Sie zogen als ein drohender Heerhaufen ostwärts: 2500 Holländer unter der Führung des französischen Generals Gratien, 2500 Dänen unter General Ewald. Sie erreichten Rostock am 28., Ribnitz am 29., rückten am 30. über die hölzerne Recknitzbrücke nach Damgarten vor und weiter in Richtung Stralsund.“(8) Mittags gegen halb eins begannen die Verfolger ihren Sturmangriff auf die Küstenstadt. Nach einer Stunde waren die Verteidiger aus den Reihen Schills militärisch am Ende. Im Straßenkampf wurden die Schillschen Freischärler zurückgedrängt. Wer nicht getötet oder gefangen genommen war, floh aus der Stadt. Auch Schill wurde erschossen, als er in den Tod reiten wollte. Er war beides zugleich, ein preußischer Warlord alten Geistes und ein tragischer Held.
Was nun geschah, gehört zu den furchtbarsten Begleiterscheinungen von Kriegen. Nach der Identifizierung Schills ließ General Gratien dem Toten den Kopf abtrennen und als Trophäe nach Kassel zu Jerome Bonaparte bringen. Elf Offiziere, die nach ihrer Flucht gefangen wurden, fanden am 16. September 1809 in Wesel den Tod durch Erschießung. Vierzehn weitere Freischärler wurden unter den Gefangenen ausgelost und in Braunschweig erschossen. Die anderen wurden zum Strafdienst auf der Galeere verurteilt.(9)
Schills gescheiterter Rebellenzug hatte erwiesen, dass die Zeit für eine Volksbewegung oder einen Volkskrieg gegen die napoleonische Herrschaft noch nicht herangereift war. Dies sollte sich 1812/13 ändern, als Napoleons „Grande Armée“ vor Moskau scheiterte und den verlustreichen Rückzug antrat. Hier war es Generalfeldmarschall Yorck von Wartenburg, der am 30. Dezember 1812 in der „Konvention von Tauroggen“ die Seiten wechselte, sich mit Russland verbündete und so die Befreiungskriege gegen Napoleon, die mit dem Sieg über den Korsen in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 gewonnen werden sollten, eröffnete. Das Geheimnis des Sieges von 1813 und der Niederlage Schills von 1809 liegt darin, dass Schill für die alte Ordnung focht, wohingegen es den preußischen Reformern gelungen war, durch mehr politische Teilhabe der Bürger und neue Freiheiten und Rechte das Volk für sich zu gewinnen. Man hatte endlich die Sorgen und Nöte der Menschen begriffen und nach gangbaren Lösungen gesucht, statt nur auszuweichen.
Wer also auch heute angesichts fortschreitender Delegitimierung der herrschenden Parteien nach Antworten sucht, könnte sie genau in den Sorgen und Nöten – und Teilhabeansprüchen! – der Bürgerinnen und Bürger finden.

Anmerkungen

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Schill, Zugriff am 27. Mai 2019. Als
Sekondeleutnant bezeichnet man einen Unterleutnant im niedrigsten Offiziersrang.
2) Gerd Heinrich: Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1984,
S. 284.
3) Vgl. Helmut Bock: Schill. Rebellenzug 1809, Berlin (DDR) 1988(4.), S. 20-23. Unter „Husaren“
verstand man Truppen der leichten Kavallerie, mit traditionellen Uniformen bekleidet, die auf die
Kämpfe auf dem Balkan gegen das Osmanische Reich zurückgeführt werden.
4) Ebd., S. 43.
5) Ebd., S. 99.
6) Günter Vogler/Klaus Vetter: Preußen. Von den Anfängen bis zur Reichsgründung. Köln 1981,
S. 160.
7) Bock, S. 143-144.
8) Ebd., S. 185.
9) Vetter/Vogler, a.a.O.