Begleiterscheinungen

Zwischen Easyjet am Boden und Delphi im Himmel. Begleiterscheinungen, Teil 47 vom 9. August 2019

Wer mit Easyjet oder Ryanair fliegt, hat die Ungewissheit im Handgepäck, ob der Abflug pünktlich stattfindet ob es nicht doch gravierende Verspätungen einzukalkulieren gilt. So bescherte uns die Billigairline Easyjet einen Delay von rund drei Stunden auf dem Flug nach Athen. Aus den anfangs angekündigten 90 Minuten entstand eine Verdoppelung dadurch, dass wir eine Stunde im Flugzeug festsaßen ohne Abfluggenehmigung. Die Gründe für solche Unannehmlichkeiten entstehen bei „low cost carriern“ wie den Genannten häufig in der Bodenbehandlung am „Katzentisch“ infolge mangelnder Zahlungen dieser Airlines an die Flughafengesellschaften für Leistungen am Boden wie Koffertransport, Abfertigung etc. Wenn es knapp wird, ziehen diese natürlich die zahlungsbereiteren Airlines vor. Und so kann es kommen, dass man am Boden bleibt oder im Flugzeug schwitzt, weil nichts passiert.
Wie gesagt, geschah uns das soeben in Berlin-Schönefeld. Natürlich kamen wir in Athen an, wo – wie ich immer wieder betonen muss – vieles viel besser klappte als in Berlin. Athen selbst verjüngt sich zusehends, besonders in den Vierteln rund um die Plaka oder in der Exarcheia, wo Jugend, Studierende, Touristen und die Lebenskünstler aus aller Welt aufeinander treffen. Am Monastiraki pulsiert dieses moderne Athener Herz, der politische Blutkreislauf pumpt rund um den Syntagma-Platz. Dazwischen liegen die Einkaufs- und Sightseeingzonen der Plaka. Und mittendrin alte byzantinische Kapellen und Ruinen links und rechts der Straßen oder unter ihr, überdeckt zum Reinschauen. Fast 3000 Jahre Geschichte im Vorbeigehen.
Rund drei Stunden dauert die Anreise per Bus zum Omphalos, zum Nabel der Welt: Delphi. Eine magisches Wort mit mystischen Assoziationen: Orakel, die Orakelpriesterin Pytheia, Nebelschwaden, geheimnisvolle Prophezeiungen, Vieldeutigkeiten. Ödipus, Krösus, Alexander der Große, alle haben sie das Orakel besucht. Also auch wir, wenngleich nicht als Krieger oder Machtpolitiker, sondern als Mitglieder einer Studiengruppe meiner Schule. Die Route führte uns vorbei an Thiva, dem antiken Theben, durch die südthessalische Ebene, wo die Berge wegrücken und Platz für Landwirtschaft, Olivenhaine, Baumwolle etc. freigeben. Auf dem Weg dorthin erzählt uns Katerina, unsere Tourismusführerin, die Sage von König Ödipus, nicht ohne den Verweis auf Siegmund Freud und dessen psychoanalytische Adaption des „Ödipus-Komplexes“ vorzunehmen.
Abgebogen von der Autobahn nach Thessaloniki führt uns die Straße über Livadia nach Delphi immer höher in die böotische Bergregion zwischen Helikon und Parnassos, dem Wirkungskreis des antiken Dichters Hesiod (ca. 8. Jahrhundert v. Chr.), der uns viele der alten Göttersagen überlieferte. Der Blick ins Gebirge mit dem ansteigenden Gelände, nachdem wir die Baumwollfelder des trocken gelegten ehemaligen Kopais-Sees hinter uns gelassen haben, über eine eindrucksvolle, breite und kurvenreiche Hangstraße an den Parnassos, hinauf in die Höhe von 900 Metern, ist atemberaubend. Das Bergdorf Arachova übrigens ist geprägt vom Skitourismus am Parnassos! Dann geht es leicht hinab nach Delphi, dem antiken Zentralheiligtum der Griechen, die hier Apollon huldigten, dem Gott des Lichtes und der Weissagung. Einer Sage zufolge soll ein Ziegenhirt auf der Suche nach einer Ziege die Erdspalte mit den berauschenden Dämpfen entdeckt haben, über der sich zunächst der Gaia-Kult (Erdgöttin), dann der Apollonkult erhob. Hier, so definierten die alten Griechen, sei der „Omphalos“, der „Nabel der Welt“. Die Priesterin Pytheia, über der Erdspalte auf einem Dreifuß, einem Tripodon sitzend, befragt von Ratsuchenden, offenbarte in mystischen, oft zweideutigen, weil nicht nur von den Priestern, sondern auch vom Ratsuchenden selbst zu deutenden Worten, die Zukunft oder die Antwort auf eine konkrete Frage, den Weg des Lebens und dessen Wegkreuzungen. Wie wir wissen, münzten die Priester ihre Deutungshoheit auch in politische und ökonomische Macht um.
Von all dem sind nur noch Ruinen zu sehen, im Museum auch wertvolle Funde wie die des Wagenlenkers oder des Stieres aus Gold und Silber. Das Eindrucksvollste der Kultstätte findet das Auge in einer grandiosen Landschaft aus Bergen und grünen Tälern, steilen, aber anmutigen Hängen und schroffen Gipfeln, dazwischen Schluchten, mal sich öffnend, mal sich verengend, aber stets dominiert von einer einzigartigen Berglandschaft, wie sie typisch ist für Griechenland. Grandios oder göttlich, beides kann Wahrheit für sich reklamieren. Hier ist es in der Tat himmlisch, weil die Menschen hier sicher die Nähe und die Existenz „ihrer Götter“ zu erfahren und zu wissen glaubten.
Die olympischen Götter, sie würden wohl kaum mit einem low-cost-carrier gen Himmel und wieder hinab befahren sein. Zu groß wäre die Gefahr, wichtige Verabredungen und Verpflichtungen zu versäumen, was Streit unter den Menschen, aber auch unter Ihresgleichen nach sich gezogen hätte. Dem Himmel so nah – das ist Delphi! Easyjet gemahnt da eher an Sisyphos. Denn auch der Rückflug – ein Déjà vu. Siehe Hinflug!

(Geschrieben am 9.und 11. August 2019 in Delphi und Athen)