Historische Notiz 151

Der kurze Frühling Russlands zwischen Parlamentarisierung und Sozialismus? Die Februarrevolution in Russland von 1917 und ihre historische Bedeutung. Historische Notiz 151 vom 18. Februar 2017

Am 23. Februar 1917, folgt man dem in Russland bis heute gültigen julianischen Kalender, nach unserer Zeitzählung der 8. März des gregorianischen Kalenders, endete in Russland die Zarenherrschaft durch eine revolutionäre Erhebung. Exakt 370 Jahre lang herrschten die Zaren seit Iwan dem IV. (Iwan der Schreckliche) mit unumschränkter Macht in Moskau, später in Petersburg. So lange hielt der Zarismus das Volk rückständig und unterdrückt in einem Riesenreich, dessen beinahe nur natürlichen Grenzen vom Nordmeer bis zum Pazifik, von der Ostsee bis an die zentralasiatischen Hochgebirge reichten.
Da die „Februarrevolution“ zwischen der ersten bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905/06 und der Oktoberrevolution 1917 angesiedelt ist, muss man nach ihrem „historischen Ort“ fragen, also nach ihrer Einordnung in einen historischen Prozess der Zeitenwende für ganz Europa und die Welt bis zum Ende des „Kalten Krieges“.Dieser Aufgabe widmet sich nun die „Historische Notiz“ 151.

Russland zwischen Mittelalter und Moderne: Der Weg zur ersten bürgerlichen Revolution von 1905/06
Dass das Zarenreich im 19. Jahrhundert immer mehr den Anschluss an die ins Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen geratene Entwicklung im übrigen Europa und den Vereinigten Staaten verloren hatte offenbarte der verlorene Krim-Krieg von 1853-1856. Im Kampf um den Zugang vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer durch die Dardanellen, für die Großmacht Russland ein Nadelöhr zur Wahrung seines Einflusses im Südosten und in der Levante, hatte es einen in seinem Verlauf schrecklichen Krieg gegen das Osmanische Reich vom Zaun gebrochen, das aus geostrategischen Gründen von Frankreich und England unterstützt wurde, die den Einfluss des Zaren vom Balkan bis Ägypten eindämmen wollten. Russland unterlag, weil es sowohl technisch als auch militärisch der Koalition zwischen Istanbul, London und Paris nichts entgegenzusetzen hatte. Die Folgen der Niederlage, also Gebietsverluste an der Donaumündung, und der gravierende Machtverlust im europäischen Konzert der Pentarchie, also dem Gleichgewichtsgefüge zwischen Großbritannien, Frankreich, Österreich, dem Deutschen Bund und Russland, legten einschneidende Modernisierungsmaßnahmen im Zarenreich nahe. Nicht nur die „Transsib“ wurde begonnen, auch Bildungsreformen traten ins Leben, die Wehrpflicht und eine Heeresreform traten in Kraft, vor allem wurde 1861 die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben, um die Mannstärke eines Wehrpflichtheeres überhaupt zu garantieren. Doch verlangten diese Reformmaßnahmen, die nicht ohne Grund den Preußischen Reformen von 1807-1813 nach der Niederlage gegen Napoleon glichen, erhebliche finanzielle Anstrengungen, zu denen auch der Adel herangezogen wurde. Aus diesem Grunde verkaufte das Russische Reich auch seine jenseits der Beringstraße gelegene Provinz Alaska an die Vereinigten Staaten für eine Zahlung von 7,2 Millionen US-Dollar.
Doch änderte die Bauernbefreiung tatsächlich wenig am bemitleidenswerten Alltag der Bauern in Russland. Fronarbeit, Armut, Abhängigkeit vom Adel blieben beinahe unverändert bestehen, nur der formale Rechtsstatus der Bauern war nun der von Freien. Um 1900 jedoch führte der Anstieg der Getreidepreise erneut zu einer Verschlechterung der Lebensverhältnisse auf dem Land.

Der russisch-japanische Krieg und die Revolution von 1905-1907
Das Industrieproletariat hatte sich in nur wenigen industriellen Zentren des Zarenreiches wie in Moskau, St. Petersburg, im Baltikum und im Donbass dank massiver staatlicher Eingriffe entwickelt und betrug 1913 etwa 3 Millionen Arbeiter. Insgesamt lebten 1897 rund 87 % der 129 Millionen Menschen auf dem Lande, etwa 13 %, also 16,5 Millionen, in den Städten. In England lebten zur gleichen Zeit etwa 77%, im Deutschen Reich immerhin 54% in den Städten. Politisch dominierten entsprechend in Russland nicht sozialistische Strömungen wie in Deutschland, Frankreich oder England die Befreiungstheorien der Beherrschten, sondern anarchistische, sozialrevolutionäre oder utopistische Lehren (Bakunin, Kropotkin, Tschernytschewskij). Die Sozialdemokratie hatte sich erst 1895 illegal gegründet und war seit 1903 in die gemäßigten „Menschewiki“ (Minderheitler) und die radikalen „Bolschewiki“ (Mehrheitler) gespalten. Neben dem in eine Führungsrolle hineinwachsenden Wladimir I. Lenin besaß die russische radikale Sozialdemokratie in Leo Trotzki einen weiteren fähigen Revolutionär und Organisator, die Menschewiki in Julius Martow.
So wie der Krimkrieg schonungslos die Rückständigkeit Russlands offengelegt hatte, führte ein weiterer Krieg zur ersten russischen Revolution von 1905-1907. Nachdem im Januar 1904 Japan russische Schiffe in Port Arthur (Dalian/China) angegriffen hatte, entbrannte der russisch-japanische Krieg, der erneut die militärische Schwäche des Zarenreiches bewies. Die Jahreswende 1904/05 besiegelte faktisch die russische Niederlage und führte im Januar 1905 direkt zu Massenaktivitäten. Am 9. Januar 1905 demonstrierten rund 150000 Menschen in Petersburg, nachdem die Putilow-Arbeiter in den Streik getreten waren. Die Regierung beschloss, im Falle einer Kundgebung vor dem Winterpalais schießen zu lassen. Als sich tatsächlich die Demonstranten in Richtung Schlossplatz bewegten, wurde das Feuer eröffnet. Auch Frauen und Kinder waren unter den Demonstranten, von denen mehrere hundert durch die Bewaffneten getötet wurden. Hatten vor dem Schloss viele Petersburger noch auf den Zaren gehofft, wandte sich ihr Unmut nun direkt gegen den Herrscher, der nichts gegen den „Blutsonntag“ unternommen hatte. (1) Jetzt richteten sich die Forderungen der Massenbewegung auf die Abschaffung der Reste der Leibeigenschaft, Arbeiterräte (Sowjets) bildeten sich spontan in den industriellen Zentren, Massenstreiks führten zu einer Stimmung des Aufruhrs gegen das Zarensystem. Doch auch tollkühne Aktionen wie der Aufstand des Panzerkreuzers „Potjomkin“ im Sommer 1905 führten nicht zu einer akuten Chance für eine sozialistische Revolution. Nach der Besiegelung der Niederlage gegen Japan im Sommer 1905 ging nun die zaristische Regierung daran, einige halbherzige Reformen wie die des Wahlrechts nach dem besitzbürgerlichen Zensuswahlrecht, der Einberufung einer darauf fußenden Volksvertretung (Duma) und einer verbesserten Rechtsstellung der Bauernschaft einzuleiten. Dies konnte die erhitzen Gemüter jedoch nicht beruhigen, so dass sich die Auseinandersetzungen bis zu den „Stolypinschen Reformen“ zwischen Sommer 1906 und Februar 1907 hinzogen und es zu standrechtlichen Erschießungen von Aufständischen kam. Inzwischen waren die Arbeiterräte bezwungen und viele fortschrittliche Duma-Abgeordnete nach Sibirien verbannt worden. Die Revolution war gescheitert, Russland nun aber zu einer konstitutionellen Monarchie geworden. Der Weg einer weiteren Parlamentarisierung lag genau so nahe oder fern wie der eines sozialistischen Russlands, für das die Bolschewiki unter Lenin, Trotzki, Swerdlow und Kalinin illegal wirkten. Die Menschewiki wie Martow und Alexander F. Kerenskij wiederum setzten auf ein Bündnis mit den Liberalen (Kadetten) und auf die Stärkung der Duma.

Die Februarrevolution
Als Bestandteil der Triple-Entente trat Russland am 30. Juli 1914 nach der Beschießung Belgrads durch Österreich-Ungarn an der Seite Serbiens in den Krieg ein. Am 1. August 1914 erklärte Wilhelm II. seinem Cousin Nikolaus II. den Krieg, in den danach auch England und Frankreich verstrickt waren. Im Kampf gegen Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich trieb Russland erneut auf eine militärische Niederlage zu, die Schlacht von Tannenberg (Ende August 1914) gegen das von Hindenburg befehligte Ostheer endete in einer schweren Niederlage der „Reußen“. Während der Kriegshandlungen brachen immer mehr Massenaktionen und Streiks gegen die Zarenherrschaft aus, Hunger und Not radikalisierten die Massen, die immer stärker auf eine revolutionäre Lösung drängten. Frieden, Arbeit und Brot bewegten die Arbeiterklasse und zunehmend die Bauernschaft, so dass Lenins Theorie eines revolutionären Klassenbündnisses zwischen Arbeitern und Bauern nahm quasi tagtäglich neue Gestalt annahm. Doch befand sich Lenin selbst im Zürcher Exil, waren die Bolschewiki noch außerstande, die eher spontanen Arbeiteraktionen zu leiten. Und so begann die Februarrevolution mit mehr oder minder spontanen Massenstreiks im Januar 1917 und wuchs sich zu einer Streikwelle von mehr als 670000 Arbeitern aus. Am 18. Februar traten wie schon 1905 die Arbeiter der Petersburger Putilow-Werke in den Generalstreik und wurden von den Arbeitern der Nachbarwerften unterstützt. Nikolaus II. setzte auf Gewalt. Am 25. Februar schrieb er: „Wir befehlen, schon morgen die Unruhen in der Hauptstadt zu liquidieren, da sie in der schweren Zeit des Krieges mit Deutschland und Österreich nicht geduldet werden können. Nikolaj.“(2) Nach dem blutigen Ausgang der Demonstration am 26. Februar liefen nun ganze Soldatenregimenter, die die Polizei gegen die Demonstranten unterstützen sollten, zu den Streikenden über, es kam zur Selbstbewaffnung der Aufständischen, zum Sturm auf Polizeistationen, zu Bahnhofsbesetzungen. Am 26.2. schrieb Dumapräsident Rodsjanko an Nikolaus II.: „Die Lage ist ernst. In der Hauptstadt ist Anarchie. Die Regierung ist gelähmt. Verkehr, Versorgung und Heizung sind in voller Verwirrung. Die allgemeine Unzufriedenheit wächst. Auf den Straßen wird ordnungslos geschossen. Truppenteile beschießen sich gegenseitig. Es ist unumgänglich nötig, sofort einer Persönlichkeit, die das Vertrauen des Landes genießt, die Bildung einer neuen Regierung anzuvertrauen. Eine Verzögerung ist unmöglich…Rodsjanko“ (3) Am 28.2. bildete sich aus der Duma heraus das „Provisorische Komitee“, das erklärte, nun die Macht zu übernehmen, also eine Revolution „von oben“ vollzog, um eine Revolution „von unten“ zu verhindern – eine Strategie, die im Oktober 1918 auch im Deutschen Reich ergriffen wurde, um die Monarchie zu retten.
Am 2. März 1917 bildete sich eine bürgerlich-liberal dominierte „Provisorische Regierung“ des Fürsten Lwow. Ihr gehörte als Justizminister auch der Menschewik und Sozialrevolutionär Alexander F. Kerenskij an. (4) Sie strebte eine politische Revolution an, Russland sollte parlamentarisiert und demokratisiert werden, gleichzeitig sollten die Reformen ausgesetzt werden, solange Russland seine Kriegsverpflichtungen in der Entente wahrnähme. Dies führte zu einer weiteren Welle der Empörung. Parallel zur „Provisorischen Regierung“ nämlich hatte sich in Petersburg der Petrograder Sowjet der Arbeiter gebildet, dem mehrheitlich Menschewiki und Sozialrevolutionäre angehörten, u.a. auch Kerenskij. Doch der Arbeitersowjet zeigte sich in der Friedensfrage entschlossener und bestritt der Regierung die Initiative. Er setzte gegenüber der Regierung das Recht der Soldaten durch, dass Soldatenkomitees zu bilden seien, die Offiziere einer Soldatenwahl unterliegen und den Beschlüssen des Petersburger Sowjets zu folgen ist. Damit war mit ihm ein zweites Machtzentrum entstanden, das die Komponente der Revolution „von unten“ zum Ausdruck brachte und so eine Situation entstehen ließ, die zum entscheidenden Hebel der Bolschewiki werden sollte: Die „Doppelherrschaft“ zwischen Regierung und Arbeiterräten, in welcher der Machtkampf zwischen einer bürgerlichen und einer sozialistischen Revolution ausgetragen werden musste.(5) Ein gemeinsames Ziel aber erreichte die revolutionäre Bewegung noch gemeinsam: Am 2. März 1917 dankte Nikolaus II. als Zar ab, sein Bruder Michail, als Nachfolger auserkoren, verzichtete tags darauf auf die Zarenkrone.
Die Februarrevolution hatte die autokratische Zarenherrschaft nach 370 Jahren gestürzt. Die Revolution war politisch scheinbar erfolgreich. Doch nun griff unvermittelt das Deutsche Reich in den Gang der Ereignisse ein, indem es russische Revolutionäre unter Führung Lenins von Zürich aus in einem Zug nach Petersburg reisen ließ, um in Russland die Verhältnisse zu destabilisieren und Russland zum Separatfrieden zu drängen, um die deutschen Truppen an die Westfront zu bringen. Dass Außenministerium und Oberste Heeresleitung dadurch die Revolution neu entfachen würden entzog sich wohl der Phantasie der Reichsleitung. Schien die Februarrevolution den notwendigen Durchbruch für das rückständige Russland auf dem Weg zu Parlamentarismus, Demokratie und Moderne erbracht zu haben, senkte sich die Waagschale nun zunehmend den Bolschewiki und der sozialistischen Revolution zu,

Parlamentarismus oder Sozialismus? Ein Fazit
Nachdem am 24. Oktober 1917 die Bolschewiki um Lenin und Leo Trotzki die politische Macht erobert hatten, war die Phase der Februarrevolution und der bürgerlich-liberalen Herrschaft in Russland beendet. Duma und die folgenden Regierungen, deren letzter Regierungschef Alexander Kerenskij wurde, hatten ausgedient. Hatte die Februarrevolution überhaupt eine realistische Chance?
Die einzige Chance zur Konstituierung Russland als eines auf dem Parlamentarismus und der Gewaltenteilung verfassten Staates hätte darin bestanden, den Krieg zu beenden und die drängendsten innenpolitischen Probleme wie den Hunger, die Armut, die schreienden Ungerechtigkeiten auf allen Ebenen von Staat, Gesellschaft und Recht zu lösen. Dann hätten sich die bürgerlichen Revolutionäre und die Menschewiki jenen Vertrauensvorschuss erwirtschaftet, der radikale Lösungen wie die Diktatur des Proletariats erschwert hätte. Doch die provisorischen Regierungen von Fürst Lwow bis Alexander Kerenskij stellten die Bündnistreue zur Entente und die Kriegführung über die Sorgen der Menschen. Das wurde ihnen seit Lenins „Aprilthesen“ zum Verhängnis und ermöglichte es Leo Trotzki, den Aufstand des Oktober 1917 zu organisieren, der die bürgerliche Republik stürzte. Lenin als Theoretiker und Stratege und Trotzki als Organisator machten sich die zunehmende innenpolitische Zuspitzung zunutze, um die Bolschewiki an die Macht zu bringen und, so wie es 70 Jahre lang schien, ein neues Zeitalter zu begründen. Doch erfüllten sich nur die wenigsten in die Oktoberrevolution gesetzten Hoffnungen.
Der historische Ort der Februarrevolution liegt in ihrem Charakter als Katalysator der sozialrevolutionären Prozesse dieser Epoche. Nicht nur in Russland, auch in Österreich und Deutschland fielen die Throne; die SAG als Vorläufer der USPD trug unmittelbar nach der Februarrevolution die Ereignisse in Reichstag und in die Öffentlichkeit. Im April 1917 legten die „Aprilstreiks“ die Rüstungsproduktion kurzfristig lahm. So blieb zwar in Russland der Parlamentarismus auf der Strecke, gab aber das Signal für die Arbeiterbewegung in anderen Ländern aus, dort das Werk der revolutionären Umgestaltung in Angriff zu nehmen.

Anmerkungen

1) Geschichte der UdSSR in drei Teilen, Moskau 1977, Band 1, S. 319-321.
2) Telegramm des Zaren an den Kommandanten des Petersburger Militärbezirks, General Chabalow, in: Die russische Revolution 1917, Hg. Von Manfred Hellmann, München 1964, S. 117.
3) Telegramm des Dumapräsidenten Rodsjanko an den Zaren, in ebd., S. 119.
4) Zu Alexander F. Kerenskij siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Fjodorowitsch_Kerenski, Zugriff am 16. Februar 2017.
5) Karl-Heinz Ruffmann, Sowjetrußland, Struktur und Entfaltung einer Weltmacht, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 8, München 1969(2.), S. 20.