Besprechung

Das „andere Deutschland“ oder „die unbekannte DDR“? Siegfried Prokop wagt einen differenzierten Blick von links auf den zweiten deutschen Staat. Rezension vom 25. Juli 2017, Langfassung

Siegfried Prokop: Die DDR hat´s nie gegeben. Studien zur Geschichte der DDR. Edition Bodoni, Neuruppin/Buskow 2017, 307 S., 20 €.

Wer seinem Buch den Titel „Die DDR hat´s nie gegeben“ verleiht, der will gewiss eine provokante Auseinandersetzung um Geschichtsbilder und um Geschichtspolitik führen. Und die ist 28 Jahre nach dem Fall der Mauer wirklich und unabweisbar nötig. So dominierten während der Zeit des „kalten Krieges“ die die staatliche Existenz eines zweiten deutschen Staates, der DDR, leugnenden und auf prinzipielle Ablehnung bedachten Bezeichnungen wie „Ostzone“, „SBZ“, „Pankow“ oder aus Bundeskanzler Kiesingers (CDU) Mund „Phänomen“, um dem Alleinvertretungsanspruch des Bonner Weststaates in seinem Innern Geltung zu verschaffen. Dem entsprach bekanntlich die von Walter Hallstein entwickelte und nach ihm benannte außenpolitische „Hallstein-Doktrin“, nach welcher ein Staat, der die DDR diplomatisch anerkannte, mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch die BRD bestraft werden müsse, da eine Anerkennung der DDR im Denken der Adenauerschen Politik der Stärke als ein unfreundlicher Akt gegen die BRD anzusehen sei. In diesem Kontext der Restauration und des kalten Krieges hat es die DDR tatsächlich für viele damalige Zeitgenossen und Politiker nicht gegeben. Die kommunistische Partei der alten BRD wiederum, die DKP, verweigerte sich lange beharrlich einer kritischen Auseinandersetzung mit der DDR und ihren Widersprüchen und Konflikten und machte eine marxistisch orientierte und gleichzeitig kritische DDR-Analyse damit nicht einfacher.
Nach der vollzogenen Einheit Deutschlands durch die Eingliederung der wieder geschaffenen Länder der DDR gemäß Artikel 23 GG am 3. Oktober 1990 leugnet zwar niemand mehr ernsthaft die 41jährige Existenz der Deutschen Demokratischen Republik, das offizielle Geschichtsbild aber wird konfiguriert durch die Leitbegriffe „Unrechtsstaat“ und „Diktatur“ sowie die Mangelwirtschaft, ergänzt um die Machenschaften der Staatssicherheit, und mündet ein in die Deutung, die DDR sei von Anfang an nicht existenzfähig gewesen, so dass man ihre Geschichte vor allem von ihrem Ende her zu verstehen habe. Dass eine solche Betrachtungsweise vor allem politisch bedingt ist und die Siegerpose der kalten Kriegs-Gewinnler repräsentiert, muss hier wohl kaum näher erläutert werden. Sie greift zu kurz und ist schlicht unhistorisch.
Dagegen wendet sich Siegfried Prokop in seinen 23 Texten aus den vergangenen 20 Jahren vehement. Der Titel ist einem Graffiti entlehnt, das in Berlin-Mitte an der Spree vorgefunden wurde. Der Autor selbst lehrte Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, nahm Gastprofessuren in Paris, Moskau und Montreal wahr und wirkte als Vorsitzender der Alternativen Enquetekommission „Deutsche Zeitgeschichte“. Insofern stellt dieses Buch als Textsammlung auch sein Wirken im Ringen um eine nicht auf die repressive Seite der DDR reduzierte Geschichtsbetrachtung heraus. Demgemäß enthalten seine Studien und Vorträge viele Elemente einer auf Differenzierung, politische Konfliktbetrachtung und Detailkenntnis setzenden Herangehensweise, die in der Tat Prozesse innerhalb der DDR rekonstruieren, die einem dichotomischen DDR-Bild zuwiderlaufen. Gleichzeitig versucht Prokop, Ansatzpunkte für eine den Anforderungen einer demokratischen sozialistischen Politik und Vision entsprechenden Debatte zutage zu fördern. Dabei geht der Autor kritisch mit allen Protagonisten der DDR-Geschichte um, es gibt weder prinzipielle Loyalitäten noch Aburteilungen, Stalin, Ulbricht, Honecker und Andere werden an ihrem jeweiligen politischen Handeln gemessen und nicht voreingenommen bewertet.
In seiner Einführung gliedert Prokop die DDR-Geschichte in vier Perioden. Erstens in die antifaschistisch-demokratische Ordnung in der sowjetischen Besatzungszone bis zur Staatsgründung am 7. Oktober 1949, dann auf sie folgend die Ära Ulbricht von 1949-1970. Nach Ulbrichts Absetzung trat die DDR in die Ära Honecker (1971-1989) ein, um nach der „Wende“ in die Periode des demokratischen Aufbruchs überzugehen, die mit dem 3. Oktober 1990 beendet wurde. Die meisten hier einbezogenen Texte sind der Auseinandersetzung mit der Ära Ulbricht zuzuordnen. Im Folgenden sollen Beispieltexte zu allen vier benannten Perioden beispielhaft angeführt werden.
„Die vier Mächte und die deutsche Frage“ aus dem Jahr 1999 konstituiert die analytische und deutende Basis der Gedankengänge Prokops. So stellt er fest, dass mit dem Ende des Hitlerfaschismus auch das Reich als der Kommunikationsraum für Klassenkämpfe und politische Auseinandersetzungen untergegangen war: „Das Reich bot das Feld, auf dem gegensätzliche politische und soziale Kräfte, vor allem das Bürgertum und das Proletariat, ihre Auseinandersetzungen austrugen“. Dabei sei der einheitliche, seit 1871 bestehende Nationalstaat von der Linken nie in Frage gestellt worden. (S. 21) Doch nach der Niederlage des Faschismus im II. Weltkrieg und der gescheiterten Selbstbefreiung der Deutschen sei ein Vakuum entstanden, dass in beiden späteren Staaten unterschiedlich gefüllt wurde, was in den Jahren 1945-1949 vor der „doppelten Staatsgründung“ grundgelegt wurde: „Nicht wenige Deutsche erlagen der Versuchung, sich mit nihilistischer nationaler Selbstverleugnung in einen nebulösen Kosmopolitismus oder in ein zunächst nicht näher definiertes Europäertum zu flüchten. Lediglich aus dem Kampf des „anderen Deutschlands“ gegen den Hitlerismus ließ sich ein würdiger Patriotismus begründen, der nicht im Widerspruch zu internationalem Denken stand.“ (S. 22) So sehr diese Feststellung auch Hand und Fuß besitzt, irritiert doch ein wenig die sicherlich völlig unbewusste partielle verbale Anlehnung an Ausführungen Armin Mohlers oder Bernhard Willms, beides Nationalkonservative der „Bonner Republik“. Als mitentscheidend für den weiteren Fortgang der politischen Grundrichtung hin auf die Spaltung Deutschlands ermittelt P. die Regelung der Reparationsfrage auf der Potsdamer Konferenz. Da letztlich Reparationsgebiete festgelegt wurden, die primär den Besatzungszonen entsprachen, waren die sowjetischen und polnischen Reparationsforderungen größtenteils aus der sowjetischen Besatzungszone zu entnehmen, die ökonomisch den westlichen Zonen unterlegen war. Dadurch geriet die spätere DDR a priori in einen wirtschaftlichen Rückstand, den sie nie wettzumachen vermochte bzw. mit ihrer Umsteuerung der Industriepolitik auf die Stärkung der Schwerindustrie seit 1952 schnell – am 17. Juni 1953 – mit schweren Legitimationsverlusten und Unruhen bezahlte. Dass diese Reparationsfestlegung auf diese Weise getroffen wurde, führt P. auf strategische Fehleinschätzungen Stalins zurück. Als Gegenleistung für die Zustimmung der Westalliierten zur Grenzfestlegung der deutsch-polnischen Grenze zwischen Swinemünde und der Lausitzer Neiße gemäß Stalins Forderung habe dieser in die Schaffung von Reparationsgebieten eingewilligt, die die Westzonen bevorteilten und so die Spaltungsentwicklungen über die „Bizone“ von 1947, die Währungsreform von 1948 mit anschließender Berlin-Blockade und Luftbrücke (1948/49) bis hin zur Trizone 1949 und der Gründung der BRD am 23. Mai 1949 vorstrukturierten. (S. 46-47, 58-61) Kritische Debatten über Stalins Hegemonialpolitik in Ostmittel- und Osteuropa habe es in der DDR gegeben, führt P. an und nennt dabei Anton Ackermann, Wolfgang Harich und Fritz Behrens. Doch Ansätze zu einer politischen Veränderung im Sinne von mehr Unabhängigkeit der Länder des RGW bzw. Warschauer Vertrages von der vorgegebenen Vorbildfunktion der UdSSR bzw. einer eigenen Perspektivsetzung auf dem Weg zum Sozialismus seien spätestens zu Zeiten Chruschtschows unterbunden worden. (S. 60/61) Dennoch zeigten spätere Diskussionen innerhalb des Kulturbundes der DDR, den „Klubs der Intelligenz“ oder im „Forschungsrat der DDR“ in den fünfziger und frühen sechziger Jahren, „dass in einer spezifischen Phase Gremien in der DDR eine Rolle spielten, die nicht der Logik des sowjetischen Modells unterlagen.“ (S. 82) Insgesamt aber sei es beiden deutschen Staaten, von denen die DDR ein von der Sowjetunion eher widerwillig ins Leben gerufenes Kind gewesen sei, nicht möglich gewesen, den von den Besatzungsmächten vorgegebenen Handlungsrahmen im Kontext von kaltem Krieg und Systemauseinandersetzung zu überschreiten; bestenfalls habe man ihn mehr oder weniger gut im eigenen Interesse ausnutzen können. (S. 94) Dies nimmt P. auch für die Rolle der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 in Anspruch, auf der „der beschleunigte Aufbau des Sozialismus“ beschlossen wurde, was die Konfliktlage in der DDR verschärfte und zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 führte. SED-Führung und DDR-Regierung hätten diesen Kurswechsel allerdings mitgetragen und könnten nicht aus der Verantwortung für diese Staatskrise entlassen werden. (S. 157)
Die zweite Hälfte der Ära Honecker stand zweifellos unter den Sternen einer politischen und wirtschaftlichen Krise, verursacht durch die Erhöhung der Rohstoffpreise, die Vernachlässigung der Landwirtschaft und der Konsumgüterproduktion sowie durch Wettrüstung, symbolisiert durch die atomare „NATO-Nachrüstung“ und die Stationierung der SS-20-Raketen in der DDR. Infolge des massiven ökonomischen Druckes auf durch die Überrüstung auf die Wirtschaft der UdSSR habe diese ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Bündnispartnern vernachlässigt und zu deren Krisenentwicklung, in Polen und der DDR besonders spürbar, beigetragen. P. schlussfolgert: „Unter diesen Bedingungen wäre eine Neubestimmung außenpolitischer Grundkonstanten der DDR erforderlich gewesen; ein Paradigmenwechsel von der Sowjetunion weg…Erforderlich wäre ein prinzipiell neues Verhältnis zur Bundesrepublik gewesen, was eine Modifizierung der bisherigen Positionen in der nationalen Frage erforderlich gemacht hätte.“ (S. 246) Wie ein roter Faden zieht sich die Suche nach Koordinaten eines „deutschen Weges zum Sozialismus“ durch seine Arbeiten, beginnend bei Anton Ackermann und sich fortsetzend über Rudolf Herrnstadt, Fritz Behrens und Wolfgang Harich. Als sich im Zuge der Raketenkrise Erich Honecker anschickte, mit Helmut Schmidt und später mit Franz Josef Strauß und Helmut Kohl eigene außenpolitische Akzente über die deutsch-deutsche Grenze hinweg zu setzen, rief dies das Misstrauen Moskaus hervor. (S. 250) Doch während sich in den achtziger Jahren die außenpolitische Entspannung durchsetzte und verbesserte ökonomische Rahmenbedingungen erlaubte, hielten die DDR-Regierung und die SED an der ökonomisch kostspieligen Politik der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ fest, die immer häufiger kreditfinanziert werden musste. Vor den Folgen der Krise, also Stagnation, Unmut, Massenflucht und Legitimationsverlust, verschloss die DDR-Führung die Augen. Dass so das Machtmonopol der SED verfiel und weder Egon Krenz noch Hans Modrow eine realistische Chance besaßen, die Existenz der DDR als erneuertes demokratisch-sozialistisches Staatswesen zu retten, ist bekannt. Im Schlusstext bezieht sich P. erneut auf Fritz Behrens, den er aufmerksam zu studieren empfiehlt und dessen Position er referiert, dass es sich bei der DDR im eigentlichen Sinne noch nicht um eine sozialistische Gesellschaft handelte, sondern um eine „neue – und wahrscheinlich letzte – Variante der alten bürgerlichen Gesellschaft“. (S. 300) So gesehen hat es die
DDR, so wie sich selbst gern offiziell sah, womöglich tatsächlich nicht gegeben. Und so bleibt vieles an Prokops Analysen und Deutungen anregend und zur Prüfung aufrufend, Widerspruch erregend und erhellend. Es ist ein Buch, über das Linke kontrovers diskutieren werden und sollten. Der Blick in die Feinheiten des zweiten deutschen Staates und auf die Analysen eigenständiger Denker und Diskurse kann uns helfen, genauer zu definieren, wie eine solidarische, demokratische und sozialistische Gesellschaft der Zukunft anvisiert werden könnte.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn