Historische Notiz 164

Republik oder Restauration? Der „Frankfurter Wachensturm“ vom 3. April 1833. Historische Notiz 164 vom 21. März 2018

Neben den demokratischen und revolutionären Aktivitäten des „Hambacher Festes“ vom 27. Mai 1832, der „Göttinger Sieben“ von 1837 und dem Aufstand der schlesischen Weber von 1844 gehört der „Frankfurter Wachensturm“ vom 3. April 1833 zu den auffälligen Ereignissen in der Phase nach der europaweit ausstrahlenden „Julirevolution“, nach Karl Marx der „Revolution der Bankiers“ in Paris von 1830, die vergeblich versuchten, konstitutionellen oder demokratischen Fortschritt in den Staaten des „Deutschen Bundes“ durchzusetzen, der vollständig vom „Metternichschen System“ beherrscht wurde. Diese nach dem österreichischen Staatskanzler benannte autoritäre und restaurative Herrschaft im locker zusammen gefügten „Deutschen Bund“ unterdrückte demokratische, nationale und republikanische Strömungen mit Hilfe der 1819 in Kraft gesetzten „Karlsbader Beschlüsse“, übte Pressezensur und Bespitzelung aus und verhängte Berufsverbote gegen missliebige Wissenschaftler. Die „Göttinger Sieben“, darunter die Gebrüder Grimm, sollten 1837 Bekanntschaft mit diesem Maulkorbregime machen, das sich von Wien aus über den Bundessitz, die Freie Reichsstadt Frankfurt am Main, über die Bundesstaaten erstreckte, mal mehr, mal weniger restriktiv. An den „Frankfurter Wachensturm“, einer spektakulären revolutionären Aufstandsaktion, erinnert diese 164. Historische Notiz.

Liberalismus oder Restauration? Die Jahre ab 1830
Die Julirevolution in Paris, die der Restauration der durch die Französische Revolution abgesetzten Bourbonenherrschaft ein Ende setzte und eine großbürgerlich geprägte konstitutionelle Monarchie an deren Spitze setzte, sahen sich nicht zuletzt die Liberalen im „Deutschen Bund“ getrieben, die politischen Verhältnisse etwas aufzuhellen. Insbesondere in den kurzzeitig zum napoleonischen „Rheinbund“ gehörigen Staaten im Südwesten und Süden regten sich konstitutionell-liberale oder liberal-demokratische Kräfte. Sie einte eine gemeinsame Vorstellung: „Freiheit und Einheit: wollte man das liberale Programm des „Vormärz“, der Zeit von der französischen Julirevolution von 1830 bis zu den deutschen Märzrevolutionen von 1848, auf eine knappe Formel bringen, so wäre es dieses Begriffspaar“. (1). Die in der zweiten badischen Kammer dominierenden Liberalen, die dort auch gegen „Karlsbad“ Front machten, nötigten der Regierung im Dezember 1831 ein fortschrittliches Pressegesetz ab, das aber umgehend auf Intervention des Frankfurter Bundestages im Juli 1832 durch den Großherzog von Baden zurückgenommen wurde. Carl Theodor Welcker und Carl von Rotteck brachten noch im Oktober 1831 einen auf die Herstellung einer gemeinsamen parlamentarischen Vertretung aller Deutschen gerichteten Antrag in den Landtag ein, der ein gewähltes „Volkshaus“ forderte. Parallel dazu regten sich auch in der zweiten württembergischen Kammer um Paul Pfitzer national-liberale Aktivitäten. Diese südwestdeutschen Strömungen lassen sich eher als „konstitutionalistisch“ klassifizieren, deren Liberalismus richtete sich auf begrenzte Reformen und ein Mindestmaß an bürgerlichen Freiheiten.
Radikaler hingegen wirkten in der bayerischen Pfalz Liberaldemokraten wie Philipp Jacob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth, die im Januar 1832 in Zweibrücken den „Deutschen Preß- und Vaterlandsverein“ gründeten. Dieser bildete den publizistischen und personellen Kern des „Hambacher Festes“ vom 27. Mai 1832, das bis zu 30.000 Menschen mobilisierte(2). Neben der vollständigen Einführung der Freiheitsrechte und einer Einigung der deutschen Staaten, die zumindest von großen Teilen der Versammlung republikanisch gestaltet werden sollte, forderten die Teilnehmer auch die Gleichberechtigung der Frauen und den Frieden unter den Völkern. Doch was Wirth unter der „gesetzlichen Revolution“ tatsächlich verstanden wissen wollte blieb unklar. Dass aber Gedanken an eine Volksinitiative durchaus massiv debattiert wurden, zeigt der gescheiterte Versuch Siebenpfeiffers am 28. Mai im nahen Neustadt, einen Vertrauensmännerausschuss zu bilden und dem fürstlichen Bundestag in Frankfurt als Gegenparlament gegenüberzustellen(3).
Schon damals zeigten sich starke Differenzierungen innerhalb der liberalen Gesamtbewegung: hier die gemäßigten Liberalen des Südwestens, dort die radikaleren Republikaner der Pfalz oder gar jene in der jakobinischen Tradition, in Preußen die antifranzösischen national-liberalen wie Fichte, Jahn und Arndt. Doch der Bundestag sah in ihnen allen eine Bedrohung der Fürstenherrschaft, der es massiv mit einer Verschärfung der Karlsbader Unterdrückungspraxis zu begegnen gelte.

Vermehrte Repression: Die „sechs Artikel“ und die „zehn Artikel“ des Deutschen Bundes vom 28. Juni/5. Juli 1832
Nach Auffassung Heinrich Heines hätte es an den tagen rund um das Hambacher Fest die Möglichkeit eines Volksaufstandes gegen die repressive Fürstenmacht gegeben. Dies schienen jene genauso zu empfinden, so dass sich die Regierungen Österreichs und Preußens veranlasst sahen, mit verstärkten Repressionen zu reagieren und diese Maßnahmen über den Deutschen Bund flächendeckend umzusetzen. So wurden am 28. Juni 1832 die die „Karlsbader Beschlüsse“ ergänzenden „Sechs Artikel“ in den Bundestag eingebracht und dort beschlossen. Im Einzelnen enthielten sie, dass auch von Bundesseite gegen fortschrittliche Beschlüsse der Kammern in den Bundesstaaten eingeschritten werden könne (Art.1), dass die Budgetkompetenzen der Kammern bei dem Bund widersprechenden Beschlüssen kassiert werden konnten (Art.2), dass die Gesetzgebung der Länder dem Bund unterzuordnen sei (Art.3), die Kontrolle der Länder über eine besondere, für sechs Jahre benannte Kommission (Art. 4), eine Eingriffspflicht von Bund und Bundesstaaten gegen die freie Meinungsäußerung (Art.5) sowie das Kontrollrecht des Bundes über die Bundesstaaten in den genannten Angelegenheiten (Art.6). Somit gab sich der Bund erhebliche Zentralkompetenzen als Eingriffsrechte gegen möglicherweise unter dem Druck liberaler Bewegungen ausscherender Bundesstaaten und zugleich polizeiliche und juristische Interventionsrechte gegen Oppositionelle. Noch schärfer wurden die Überwachungsgesetze in den „Zehn Artikeln“ vom 5. Juli 1832 gefasst, sie dehnten die Repression auf Vereine, Druckschriften, Versammlungen und sämtliche öffentliche Willensbekundungen wie das Pflanzen von Freiheitsbäumen oder das Tragen von Schwarz-Rot-Gold aus und strebten die umfassende Überwachung der Opposition im gesamten Bund an. Außerdem erlaubten sie das militärische Vorgehen gegen die Opposition von der Bundesebene aus(4). Diese Repressionsartikel sorgten z.B. für das Verbot des „Jungen Deutschland“, einer revolutionsfreundlichen Literaten- und Intellektuellenbundes, dem auch der Frankfurter Ludwig Börne angehörte, neben Heinrich Heine und Georg Büchner einer der sprachgewaltigsten Demokraten unter den Intellektuellen(5). Auch teilten nicht wenige liberale Angehörige des Adels die fortschrittlichen Gedanken dieser Zeit, wie etwa Bettina von Arnim, die Börnes Hoffnung auf ein „goldenes Zeitalter“ mittrug, irgendwo gelagert zwischen Romantik und Vormärz(6). Bei manchen richtete sich der Unmut und der Wille zu grundlegenden Veränderungen direkt gegen den Bundesrat mit seinem Sitz in Frankfurt. Dort entwickelte sich eine Verschwörung zum Sturz der absolutistischen Ordnung.

Die Franckh-Koseritz’sche Verschwörung und der Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833

Das Hambacher Fest und die repressive Reaktion des Staates dämpften die Hoffnungen vieler demokratischer Revolutionäre auf eine baldige und friedliche Umgestaltung in Deutschland im Sinne von Einheit und Freiheit. In dem Maße, wie die legalen Bestrebungen der Unterdrückung anheim fielen, verstärkten sich verschwörerische Umsturzabsichten, vor allem in der Pfalz und am Bundessitz in Frankfurt am Main. Schon nach der Julirevolution hatten sich vor allem im Südwesten republikanische Geheimklubs gebildet, die nach dem Hambacher Fest stärkere Verbindungen untereinander knüpften. Ausgehend vom Oberleutnant Ernst Ludwig Koseritz und dem Buchhändler Friedrich Gottlob Frankh, verstärkt um den Kaufmann Georg David Hardegg und weitere Militärangehörige, deren Treffpunkt die Weinschenke „Räuberhöhle“ in Ludwigsburg wurde, begann man den allgemeinen militärischen Aufstand für das Frühjahr 1833 zu planen. Dabei wähnte man sich der Unterstützung der Mehrheit der süd- und südwestdeutschen Bevölkerung sicher. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn konservative Pfarrer verrieten den Behörden illegale Flugblattverteilungen, so dass gegen ende Januar 1833 eine erste Verhaftungswelle einsetzte, in deren Verlauf Hardegg und Frankh am Februaranfang 1833 sistiert wurden. Doch verrieten sie nichts von den Aufstandsplänen. Koseritz und weitere Verschwörer, die unbehelligt geblieben waren, forcierten nun ihre Aktivitäten. Den Auftakt zur Volkserhebung sollte nun am 3. April 1833 die Erstürmung der Hauptwache und der Konstablerwache im Bundessitz Frankfurt am Main bilden. Mit den zum Überlaufen gewonnenen Bewaffneten gedachte man in den Bundestag einzudringen und die Sitzung zu zerschlagen, um von dort aus das Signal für den allgemeinen Aufstand zu geben. Im gesamten Verschwörungsbereich würden dann militärische Erhebungen stattfinden, so war der Plan. Doch noch am Tag der geplanten Erstürmung distanzierten sich südwestdeutsche Verschwörer vom Vorhaben, das außerdem verraten wurde. Die Verschwörer erfuhren zwar noch rechtzeitig von dem Verrat, gaben aber dennoch das Signal zum Angriff, da sie auf Unterstützung durch hessische Bauern und Frankfurter Bürger hofften. Diese Unterstützung blieb jedoch aus, so dass das Militär, das die Studenten bereits erwartete, leichtes Spiel hatte. Bei dem Schusswechsel gab es 9 Tote und 24 Verletzte. Die Aktion brachte den Studenten viele Sympathien in ganz Deutschland ein, auch von Menschen, die ihr Vorgehen als überstürzt abgelehnt hatten, der Bundestag aber beschloss die vorübergehende Bundesexekution gegen die Freie Stadt Frankfurt. Seitdem war ständig eine Garnison von 2.500 österreichischen und preußischen Soldaten in Frankfurt stationiert, welche die städtische Souveränität herausforderte, während die fürstlichen Bundestagsdiplomaten die Freie Stadt fortan als „liberales Nest“ schmähten. Als die Gefangenenwärter den inhaftierten Aufständischen später zur Flucht verhalfen, wurde dies in einer Vielzahl von Flugblättern und Liedern gefeiert. Am 30. Juni 1833 wurde die Bundeszentralbehörde (mit Sitz in Frankfurt) geschaffen, welche als Inquisitionsorgan bis zur Auflösung im Jahr 1842 gegen mehr als 2000 Verdächtige ermittelte, die im „Schwarzen Buch“ registriert wurden.Viele der Verschwörer flohen deshalb in die USA . Wegen Hochverrats wurden schließlich 39 Personen zum Tode verurteilt, später jedoch wurden die Urteile in zum Teil lebenslange Haftstrafen umgewandelt(7). Unter den Aufständischen befand sich auch der spätere Mitbegründer der Arbeiterbewegung, Karl Schapper, ein Zeitgenosse von Wilhelm Weitling und Stefan Born. Koseritz wurde zum Tode verurteilt, später aber nach Amerika ausgeschifft.
Als Folge der Niederschlagung des populär gewordenen Wachensturms – Hannes Wader machte ihn durch das Lied „Die freie Republik“ bekannt -, setzte eine neue Verfolgungswelle ein: Bis 1836 wurde 206 Burschenschaftler verurteilt, davon 39 zum Tode. Die Todesstrafen wurden später in lange Haftstrafen umgewandelt. Zu den Verfolgten gehörte auch der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter. Zunächst waren damit weitere demokratische und liberale Umsturzbestrebungen zerschlagen. Doch es sollte sich zeigen, dass diese Niederhaltung des deutschen Liberalismus und seiner radikalen Strömungen nicht von Dauer bleiben sollte. Die zunehmende soziale Not führte nach 1844 zum Wiederaufschwung der revolutionären Bewegung, die letztlich in die Märzrevolution von 1848 einmünden sollte. Der gescheiterte „Frankfurter Wachensturm“ und das Hambacher Fest erwiesen sich als geschichtsmächtiger, als es ihre Gegner durch die Restaurationspolitik wahrhaben wollten.

Anmerkungen

1) Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bonn 2002, S. 80.
2) https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Pre%C3%9F-_und_Vaterlandsverein, Zugriff am 19. März 2018.
3) Winkler, S. 82. Peter Brandt, 150 Jahre Hambacher Fest, in ders.: Freiheit und Einheit, Band 1, Neuruppin 2017, S. 299f.
4) http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/1_C_NS_Sechs_Artikel_Zehn_Artikel.pdf, Zugriff am 20. März 2018. Peter Brandt, ebd., S. 304.
5) Ingeborg Drewitz, Bettina von Arnim. Romantik-Revolution-Utopie, München 1980 (3.), S. 166.
6) Ebd., S. 188.
7) https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Wachensturm, Zugriff am 21. März 2018.