Historische Notiz 165

Ende der antiken Welt und Aufstieg einer neuen Supermacht: Der Fall Konstantinopels am 29. Mai 1453. Historische Notiz 165 vom 2. Mai 2018

Vor 565 Jahren veränderte die Eroberung Konstantinopels die Welt auf einschneidende Weise. Der Aufstieg des Osmanischen Reiches zur Supermacht im Südosten Europas und im Nahen und Mittleren Osten schuf einen völlig neuen, für die europäischen Mächte unzugänglichen Machtbereich, in dem der Islam als Religion herrschte und der über seine eigenen Handelsnetze verfügte. Die Seidenstraße, der uralte Handelsweg in Asien bis nach China, war nicht mehr nutzbar. Wie ein Riegel legte sich das vom Bosporus aus regierte Osmanische Reich um die alten Handelsstraßen und schloss an die anderen islamischen Reiche im Mittleren und Fernen Osten an. Wer die neuen Gesetze ignorierte, riskierte sein Leben. Europa musste umdenken. Neue Möglichkeiten waren gefragt. An die Belagerung und Eroberung Konstantinopels und die nachhaltigen Folgen erinnert diese 165. Historische Notiz.

Konstantinopel – Das “neue Rom“ im Niedergang
Der Aufstieg Konstantinopels zum „neuen Rom“ verdankt sich seinem Namenspatron: Kaiser Konstantin, der von 306-337 n.u.Z. herrschte. Dorische Siedler hatten Byzantion ca. 660 v.u.Z. gegründet. Doch erst die Alleinherrschaft Konstantins verschaffte ihr jenen Ausnahmestatus als Metropole und neuer Hauptstadt des Imperium Romanum, dessen Machtzentrum mit Konstantin nun nicht mehr am Tiber, sondern am Bosporus lag und das durch die Nähe zum griechischen Kulturbereich nun hellenistischer wurde und durch die Erhebung des Christentums zu einer der Staatsreligionen nun auch christliche Züge annahm. Nach der Reichsteilung von 395 n.u.Z. wurde Konstantinopel, wie sie nun offiziell hieß, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches. Es entstanden die Hagia Sophia als größte christliche Kirche ihrer Zeit und der „Codex Justinian“, die umfassendste Gesetzessammlung des römischen und spätantiken Rechts. Konstantinopel wurde zur größten nachrömischen Stadt des europäischen Kulturkreises mit einer Einwohnerzahl von bis zu einer halben Million, hatte sich von Angreifern mit einer dreifachen Mauer geschützt und den Arabern getrotzt. Doch ab dem 11. Jahrhundert setzten die frühtürkischen Seldschuken dem Byzantinischen Reich zu, das schleichend immer mehr Territorien aufgeben musste. Doch erst der innerchristliche Konflikt zwischen dem lateinischen Papsttum in Rom und dem orthodoxen Patriarchat in Konstantinopel, der das „Morgenländische Schisma“ von 1054 auslöste und so das Christentum spaltete, sowie der nachfolgende Dualismus, als dessen Speerspitze vor allem Venedig nach größerem Einfluss im östlichen Mittelmeerraum strebte, schwächten die Abwehrkraft der Kaiser in Byzanz. Am 13. April 1204 plünderten Kreuzfahrer Konstantinopel drei Tage lang und hinterließen ein Werk der Verwüstung, von dem sich die Metropole nie wieder erholte. Zwar wurden die Lateiner 1261 wieder aus Konstantinopel vertrieben, doch sollte sich bald ein neuer, mächtigerer Feind der Metropole nähern: Die Osmanen.

Die osmanische Expansion seit 1326
Das künftige Großreich erhielt seinen Namen von dem Stammesfürsten Osman I., auch Ataman genannt, der um 1258 geboren wurde und seit der Jahrhundertwende 1299/1300 als Emir herrschte. Schon 1301 besiegte er die Byzantiner bei Kujunhissar bei Nikomedia (Izmit) und rückte so nahe an die Kaiserstadt des Byzantinischen Reichs heran. 1326 fiel Bursa, Nikäa und Nikomedia unterlagen 1331 und 1337 den Osmanen, deren Namensgeber allerdings schon 1326 gestorben war. Doch blieben die türkischen Eroberungen, die vor allem der Eingliederung anderer Turkstämme in das Herrschaftsgebiet der Osmanen dienten, auf den asiatischen Teil des Byzantinischen Reiches beschränkt. Bei seinem Tod erstreckte sich sein Territorium über eine Fläche von etwa 18000 Km², also die Hälfte der Fläche Nordrhein-Westfalens (1).
Osmans Sohn Orhan wiederum vervierfachte den Territorialbesitz und errichtete 1354 nach einem schweren Erdbeben einen ersten Brückenkopf auf der europäischen Seite der Dardanellen. Die Hauptstadt des Kernreiches der Osmanen wurde bis 1365 Bursa. Von hier aus expandierte das junge Reich in jene Gebiete auf dem europäischen Kontinent, die durch den Zerfall Bulgariens, des griechischen Teils des Byzantinischen Reiches und der politischen Strukturen auf dem Balkan ein Machtvakuum erzeugten: Makedonien und Zentralbulgarien fielen um 1380 den Osmanen zu, Ostthrakien mit der Hauptstadt Adrianopel (Edirne) schon 1365. Edirne wurde nun die Hauptstadt des Osmanischen Reichs, das sich auf rund 260.000 Km² erweitert hatte.
1389 kam es zur ersten großen Schlacht auf dem Amselfeld bei Pristina im Kosovo, wo das osmanische Heer gegen die serbischen Truppen siegte. Ihr Sultan Murad I., der auf dem Amselfeld einem serbischen Attentäter zum Opfer fiel, schlug eine zahlenmäßige Übermacht unter serbischer Führung. Nach Leopold von Ranke (1795-1886) sind Einzelheiten der Schlacht „durch nationalen Stolz und den vagen Charakter der Überlieferung verdunkelt, aber das Ergebnis ist sicher: Von dem Tage an waren die Serben der türkischen Macht unterworfen“. (2)
Nach einer Niederlage der Osmanen gegen die Mongolen bei Angora (Ankara) 1402 löste sich der Würgegriff um Konstantinopel scheinbar, doch nach dem Tod des Mongolen-Khans Timur Lenk (Tamerlan) 1405 wandten sich die Osmanen wieder dem Rumpfstaat Byzanz zu. Sultan Murad II. eroberte fast den gesamten Balkan und 1430 Thessalonike. Varna am Schwarzen Meer fiel 1444, die zweite Amselfeldschlacht 1448 führte zur Niederlage der Ungarn. 1451 folgte Mehmet II. seinem Vater Murad II. auf den Thron. Schon 1422 hatte dieser erfolglos Konstantinopel belagert. Nun wollte sein Sohn durch die Einnahme Konstantinopels den entscheidenden Schlag führen und sein Reich um das „zweite Rom“ arrondieren (3).

Belagerung und Fall Konstantinopels
Der schlaue Stratege Mehmet II. bereitete den Angriff auf die christliche Bastion am Bosporus zunächst diplomatisch vor, indem er 1452 einen Waffenstillstand mit Ungarn schloss und sich mit Venedig arrangierte. Von anderen christlichen Armeen befürchtete er zu Recht keinerlei Widerstand mehr. Am 31. August 1452 wiederum hatten Vortrupps der Osmanen am europäischen Bosporusufer eine Trutzburg erbaut, die als Brückenkopf dienen sollte. Als byzantinische Gesandte höhere Unterhaltszahlungen für den bei Hofe in Konstantinopel weilenden Prinzen Orhan einforderten, eskalierte der diplomatische Konflikt und es folgte die osmanische Kriegserklärung.
Doch kam es im Winter 1452/53 zu keinerlei Kampfhandlungen, allerdings zu einer entscheidenden Aufrüstung. Mehmet II. ließ Belagerungsgeschütze herstellen, um die Schutzmauern um Konstantinopel brechen zu können. Ab Januar 1453 wurde das Vorfeld der Metropole erobert und eingeebnet. 80.000 Krieger und Dienstpersonen rückten nun auf Konstantinopel vor.
Am 6. April 1453 begann die eigentliche Belagerung nach dem Freitagsgebet der Muslime. Der Beschuss der äußeren Maueranlagen durch die Belagerungskanonen sprengte den dreireihigen Mauerring, führte aber noch nicht zu einer Entscheidung. Kleinere Scharmützel zeigten wechselndes Kriegsglück. Mehmet II. ließ Teile seiner Flotte über Land vom Bosporus ins Goldene Horn schleppen, um vom Wasser aus die Festung anzugreifen und die byzantinischen Verteidigungslinien auszudünnen. Doch noch vermochte das „griechische Feuer“, ein jahrhundertelang verbessertes Brandmittel auf der Basis von Erdöl bzw. Pech, die Angreifer zurück zu schlagen. Noch am 7. und 12. Mai 1453 konnten sich die eingeschlossenen Verteidiger gegen Sturmangriffe der osmanischen Truppen behaupten. Doch schrumpften zusehends Vorräte und Moral der Eingeschlossenen.
Mehmet II. schickte kurz darauf eine Kapitulationsaufforderung an Kaiser Konstantin XI. Palaiologos mit der Garantie, die Bevölkerung in diesem Fall vor der Sklaverei zu bewahren. Doch Konstantin, der um die Aussichtslosigkeit der Situation wusste und den Kampf nicht scheute, lehnte ab, so dass der Generalangriff nur noch eine Frage von Tagen sein konnte.
Die byzantinischen Truppen fielen am 28./29. Mai 1453 prompt auf die erprobte Kriegstaktik Mehmets herein. Dieser hatte seine schwächsten Truppenteile vorgeschickt, damit die Verteidiger von ihrem Erfolg überzeugt sein konnten. Nach dem ersten Scharmützel wähnten sich die Byzantiner im Vorteil, als sämtliche Geschütze auf einem Mal gegen die Stadt abgefeuert wurden. Beschuss erfolgte sowohl von der Land- als auch von der Seeseite aus, so dass sich Verwirrung in der Festung ausbreitete. Durch eine Mauerbresche an der Romanos-Pforte drangen nun die Soldaten Mehmets gegen die Stadt vor und begannen ihr Eroberungswerk. Mehrere authentische Quellen von beiden Seiten schildern die Eroberung und ihre Gräuel, in der sich die Osmanen allerdings nicht von den Kreuzrittern 249 Jahre zuvor unterschieden: Raub und Plünderung, Versklavung und Vergewaltigung, Mord und Totschlag säumten den Verlauf des Dienstags am 29. Mai 1453. Kaiser Konstantin XI. Palaiologos wurde getötet und enthauptet, sein Kopf wurde als Trophäe gezeigt. Dann wurde die Stadt offiziell zur Plünderung freigegeben. In diesem Zuge erfolgte auch die Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee. Sechzigtausend Gefangene und eine unübersehbare Beute führten die Eroberer weg (4). Doch merzten die Eroberer nicht die vollständige Identität des ehemaligen Ostroms aus, sie ließen bewusst den Griechen und ihrer Glaubens- und Rechtstradition Raum in ihrem Reich, zum beiderseitigen Nutzen, versteht sich.

Fazit: Kein vollständiger Untergang
So konnten griechische Kultur- und Rechtstraditionen, Wissenschaften und die orthodoxe Kirche überleben. Allerdings war im südöstlichen Mittelmeerraum ein Machtkoloss entstanden, der die europäischen Reiche herausforderte und auch militärisch zum Handeln zwang. Der Abfluss von Kunst und Wissenschaft aus Konstantinopel, der trotz aller Toleranz stattfand, führte von Italien aus zur Renaissance und zum Übergang vom Spätmittelalter in die frühe Neuzeit. Die Entdeckungen der Portugiesen und Spanier auf dem Weg um Afrika herum und nach Amerika sind ohne die Sperre des Landweges nach Osten nicht denkbar, genau so wenig allerdings auch die Sklavenwirtschaft im Zuge der Besiedlung Amerikas. Europa blickte nun stärker nach Westen und fand dadurch eine neue Identität, die ursprüngliche Akkumulation (Karl Marx) und den Kapitalismus. Insofern und wegen weiterer Folgen war die Eroberung des jetzigen Istanbul eine weltgeschichtliche Zäsur. Und gerade für diese sensible Großregion zwischen Bosporus und Persischem Golf gilt noch heute, dass Diplomatie und Geduld bessere Ratgeber sind als Waffen und Kriegsgeschrei.

Anmerkungen
1) Ferenc Majoros/Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300-1922, Wiesbaden 2004, S. 93-100.
2) Leopold von Ranke, zit. nach Majoros/Rill, S. 116. Vgl. auch Friedrich Merzbacher, Europa im 15. Jahrhundert, in: Propyläen Weltgeschichte, Band 6: Weltkulturen. Renaissance in Europa, herausgegeben von Golo Mann und August Nitschke, Farnkfurt am Main 1986, S. 422-428.
3) Merzbacher, S. 423. Majoros/Rill, S. 150-155.
4) Merzbacher, ebd. Majoros/Rill, S. 161-164.