Diverses

Siegfried Mielke/ Stefan Heinz: Eisenbahngewerkschafter im NS-Staat. Verfolgung – Widerstand – Emigration (1933-1945). Metropol-Verlag Berlin 2017, 816 Seiten,
36 €. ISBN: 978-3-86331-353-1. Rezension für die „Neue Westfälische“ (Bielefeld) vom 14. September 2018

Vorbemerkung: Diesen Beitrag habe ich für die NW verfasst und dorthin versandt. da er aber bislang nicht veröffentlicht wurde, ist er nun hier zu lesen.

Ostwestfalen-Lippe ist eine Region mit einer großen Geschichte der Eisenbahn. Allein Bahnknotenpunkte wie etwa Bielefeld und Minden und Herford waren und sind von überregionaler Bedeutung für die Infrastruktur. Doch auch hier wird die Bahngeschichte durch zwölf Jahre der Diktatur verdunkelt, denn auch hier sorgten Eisenbahner für den reibungslosen Ablauf von Deportationen und Militärtransporten. Doch die landläufige Identifikation des Systems „Deutsche Reichsbahn“ mit dem System Hitlers funktioniert nur bedingt. Zu dieser Erkenntnis sind die Berliner Wissenschaftler Siegfried Mielke und Stefan Heinz gekommen, als sie im Rahmen eines großen Forschungsprojektes über Gewerkschaften in der NS-Diktatur der Frage nachgingen, ob die Reichsbahn tatsächlich widerstandslos dem menschenfeindlichen Regime unterworfen wurde. Sie stießen auf zahlreiche Widerstandsgruppen innerhalb der organisierten Eisenbahner, die heute leider längst vergessen worden sind. Und diese Mutigen und für die Demokratie Prinzipienfesten fanden Mielke/Heinz auch in Ostwestfalen und Lippe.
Wilhelm Düe (1882-1960) wurde in Lage geboren und hatte vor 1933 die Funktion des Betriebsratsvorsitzenden des Bahnbetriebswerkes Bielefeld inne, gleichzeitig war er Mitglied des Bezirksbetriebsrates der Direktion Hannover. Er gehörte, was ihm die Gestapo nicht nachweisen konnte, einem kleinen Widerstandszirkel an und besaß wohl Verbindungen zur EdED (Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands). Nach dem Verhör im August 1940 musste er auf freien Fuß gesetzt werden und übernahm nach 1945 Funktionen in der Bielefelder Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED), einer TRANSNET-Vorläuferin. Die Gruppen der nach dem Gewerkschaftsverbot (2. Mai 1933) illegal gegründeten EdED standen in Kontakt zur Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), sammelten Situationsberichte aus ihren Arbeitsgebieten und verteilten konspirativ Materialien. Der spätere GdED-Vorsitzende und SPD-MdB Hans Jahn war hier die Schlüsselfigur.
Heinrich Lücking (1884-1968), geboren in Neuenbeken, erlernte den Beruf des Eisenbahnschlossers und war seit 1922 SPD-Mitglied in der Paderborner Stadtverordnetenversammlung. Seit 1933 in der illegalen EdED aktiv, wurde er nach dem 2. Mai 1933 in „Schutzhaft“ genommen und tagelang verhört, vermutlich gefoltert, und stand seitdem unter strenger Polizeiaufsicht. Nach dem gescheiterten Attentat am 20. Juli 1944 verhaftete ihn die Gestapo erneut. Nach 1945 gehörte er zu den führenden Politikern der SPD in Paderborn und im Bezirk Ostwestfalen-Lippe. Funktionen übernahm Lücking auch in der GdED.
Wilhelm Pichtsmeyer (1891-1977) erblickte in Bünde das Licht der Welt, erlernte den Malerberuf und engagierte sich schon während der Novemberrevolution in der Rätebewegung. Auch er Sozialdemokrat und Verbandsfunktionär, fand den Kontakt zu der Widerstandsgruppe an der Berliner „Nordbahn“ um Lorenz Breunig und Franz Apitzsch und führte u.a. Sammlungen für verhaftete Kollegen durch. 1939 verhaftete ihn die Gestapo in Berlin und überführte ihn ins KZ Sachsenhausen. Im Januar 1940 wurde er entlassen. Nach dem Krieg blieb er zunächst in Thüringen, floh aber 1952 nach Hessen, wo er sich in der GdED und in der Arbeiterwohlfahrt engagierte.
Friedrich Siemon (1916-1990) stammte aus Veltheim (Porta Westfalica) und unterstützte die illegale Arbeit der EdED. Insbesondere leistete er Kurierdienste für die Widerstandsgruppe „Sozialistische Front“, die zur linken Sozialdemokratie zählte. Nach seiner Verhaftung 1936 wurde er am 28. Oktober 1937 vom OLG Hamm zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt.
Diese vier und Dutzende Eisenbahner gegen Hitler sind in Kurzbiographien aufgelistet und somit unserer Erinnerung zurückgegeben. Das Verdienst von Mielke/Heinz liegt darin, ein differenzierteres Bild von den Eisenbahnern unter dem Hakenkreuz gezeichnet zu haben, das nicht nur von reibungslosen Abläufen im Sinne von Diktatur, Krieg und Holocaust gekennzeichnet ist, sondern auch vom Sand, den Mutige dem Regime ins Getriebe zu werfen versucht hatten.