Wolfgang Abendroth-Forum

Der Partisanenprofessor

Als „Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer“ – so bezeichnete Jürgen Habermas einst Wolfgang Abendroth. Und der Rheinische Merkur charakterisierte ihn 1956 als eine „Rote Blüte im kapitalistischen Sumpf“. Beide Bezeichnungen gereichen Wolfgang Abendroth sicherlich zur Ehre – bleiben jedoch sehr an der Oberfläche stecken.
Wolfgang Abendroth (1906-1985) ist durch sein politisches und wissenschaftliches Wirken und Werk in den kommunistischen, sozialistischen und sozialdemokratischen Strömungen der ArbeiterInnenbewegung bis zu seinem Tod am 15. September 1985 immer präsent gewesen – aber mit wenigen Ausnahmen ist erst nach seinem Tode versucht worden, sein Wirken und Werk umfassender wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Das Besondere und ganz Spezifische am Leben und am wissenschaftlichen sowie politischen Werk von Abendroth besteht darin, dass er einer der ganz wenigen Völker- und VerfassungsrechtlerInnen in der BRD gewesen ist, der wissenschaftlich und politisch stets ausdrücklich von den Positionen, von den Interessen der ArbeiterInnenbewegung ausgegangen ist – und dabei immer historisch-materialistische Positionen im Sinne des Marxismus vertreten hat.
Anlässlich des 30. Todestages von Abendroth ist vor ein paar Tagen ein interessanter, gut lesbarer Band als Einführung in sein Leben und Werk erschienen.
Der Band enthält neben einem biographischen Essay von Gregor Kritidis – der als Mitarbeiter an dem Projekt der Herausgabe der „Gesammelten Schriften“ Abendroths beteiligt ist – fünf Aufsätze aus den 1950er und 1960er Jahren, die für die politisch-wissenschaftlichen Positionen Abendroths, insbesondere für seine Interpretation des Grundgesetzes, beispielhaft sind. Bislang nicht veröffentlichte Briefe beleuchten schließlich exemplarisch drei seiner zahlreichen politischen Aktivitäten.
In dem Band werden Leben und Werk Abendroths in die jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhänge eingebettet, neben „dem Menschen“ Wolfgang Abendroth werden auch die Menschen in seiner engeren Umgebung berücksichtigt und es werden Aussagen einiger seiner Zeitgenossen präsentiert.
Leider behandelt der Band aus unerfindlichen Gründen nur den Zeitraum bis Anfang der 1970er Jahre – nicht jedoch die ganze Zeit bis zu dem Tod Abendroths im Jahr 1985. Und leider wird auch nicht das für das Verständnis seines juristischen und politischen Werkes ganz grundlegende und einzigartige wissenschaftliche Programm Abendroths thematisiert, an dem er spätestens seit seiner Dissertation in den 30er Jahren über die sogenannten „B- und C- Mandate“ des Völkerbundes bis zu seinem Tode gearbeitet hat.
Im Rahmen seines wissenschaftlichen Wirkens hatte Abendroth nämlich –offensichtlich anknüpfend an die Analyse der Bewegungsgesetze der Ökonomie der bürgerlichen Gesellschaft durch Karl Marx, Friedrich Engels, W.I. Lenin, etc. – das sehr anspruchsvolle Programm formuliert, die historischen Bewegungsgesetze des Systems der Internationalen Beziehungen und im dialektischen Zusammenhang damit vor allem auch die des bürgerlichen Staates in Deutschland zu untersuchen und darzustellen, da das Erkennen dieser spezifischen Bewegungsgesetze seiner Meinung nach für eine wissenschaftliche, und damit tendenziell auch politisch erfolgreiche Strategie und Taktik der deutschen und internationalen ArbeiterInnenbewegung elementar wichtig ist.

Gregor Kritidis: Wolfgang Abendroth oder „Rote Blüte im kapitalistischen Sumpf“
Karl Dietz Verlag
Berlin 2015
144 Seiten

9,90 €

ISBN-13: 9783320023188

Andreas Diers, Bremen