Aktueller Kommentar

Das Kapital als Naturwesen. Die Mär vom „scheuen Reh“. Aktueller Kommentar vom 12. April 2019

Winston Churchill, glaube ich, war es, der einmal anmerkte, dass Manche, gemeint waren wohl die Labour Party und die Gewerkschaften, das Kapital als eine Kuh ansähen, die man trefflich melken könne. Er aber halte dagegen, dass das Kapital das Pferd sei, das den Karren der Wirtschaft ziehe. Folglich, so mein Rückschluss, solle man es hegen und auf gutes Futter achten. Außerdem sei das Pferd ja ein Fluchttier, so könnte man weiterdenken, das schnell aufgeschreckt wird und dann davon galoppiert. Nun ja.
Ein ähnliches Bild zeichnet die Metapher des „scheuen Rehs“, die den Charakter des Kapitals ebenfalls naturorientiert deutet. Auch hier wird dem Menschen zum Abstand halten geraten, um dem Pferd oder dem scheuen Reh bloß nicht zu nahe zu kommen. Ok, wir haben verstanden!
Ich glaube weder Churchill noch den politischen Waidmännern der FDP bzw. den Politikern und Hofökonomen mit gleichem Zungenschlag. Denn die historische Erfahrung zeigt, dass das Kapital sich eher als Raub- denn als Fluchttier verhält. Schon die Fußnote 250 auf Seite 788 des Marxschen „Kapital“, Band 1, nicht einmal von ihm selbst stammend, sondern vom „Quarterly Reviewer“ spricht von der Bereitschaft des Kapitals, bei 100 % Profiterwartung alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß zu stampfen.
Kapital ist hingegen wie Wasser, das ja nicht bergauf, sondern bergab fließt und sich seinen Weg sucht. Es sammelt sich stets an der tiefsten Stelle, also am niedrigsten Lohn, am niedrigsten Steuersatz, bei den lockersten Umweltauflagen und dort, wo Arbeiterschutz ein Fremdwort ist. Das kann den Profit, hier abgebildet als Wassertiefe, enorm erhöhen. Es kann aber auch Überschwemmungen bewirken, natürlich dort, wo es sich wie die Schneeschmelze als Flutwelle über die Landschaft verbreitet, also über die sozialen und menschlichen Rechte. Dann verwandelt das Kapital alles Bisherige in Profit, in Wasser, das mit rasender Geschwindigkeit zu Tal fließt.
Eine solche Lage haben wir gerade am Wohnungsmarkt. Um nicht zu ertrinken, sammeln sich die Menschen am Rande des Tales und fordern Maßnahmen gegen die Überflutung. Das ist ihr natürliches Recht. Es muss etwas getan werden, man muss den Wasserstrom regulieren, d.h. der Staat muss massiv und auf vielfältige Weise eingreifen. Durch bechleunigten sozialen Wohnungsbau, durch strikte Mietpreisregulierungen, durch Rückkäufe und Enteignungen. Letzteres übrigens entspricht der Weisheit alter Kulturen. Bereits die Sumerer und Ägypter, später die Griechen und Römer verstanden sich hervorragend auf den Wasserbau und schufen so die Grundlagen großer Weltkulturen. Vor allem vor Ort nahmen die Menschen quasi genossenschaftlich die Verteilung selbst in die Hand, nach Regeln, die von allen geschaffen wurden und allen dienten. Wenn man will, war das schon Sozialismus.
Was nutzt den Menschen eine Wald- oder Weidefläche, die sie aus Vorsicht vor dem vermeintlichen Fluchtinstinkt des Rosses oder des Rehs nicht betreten dürfen? Sie dürfen ihnen lediglich beim Fressen zusehen und dann staunen, dass sie fort sind, sobald die Nahrungsgründe abgeweidet sind. Das macht nicht satt, sonden wütend. Auch das Ertrinken ist keine besonders beglückende Perspektive.
Ich finde, da ist es doch sinnvoller, das Reh im Wald zu lassen und das Pferd zu zähmen. Und noch besser ist es, gemeinsame Maßnahmen zum Schutz vor Überflutung und zur Bewässerung der Felder sowie zur gerechten Wasserverteilung zu ergreifen. Dazu müssen die Ressourcen wieder denen zurück gegeben werden, die darauf angewiesen sind. Die Forderung nach Enteignung ist nicht nur berechtigt, sondern sie ist quasi natürlich-logisch. Braucht irgendjemand verkleidete Raubtiere oder Flutkatastrophen?

Und im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass der Kapitalismus überwunden werden muss!