Aktueller Kommentar

„Spielball“ Mesut Özil. Aktueller Kommentar vom 23. Juli 2018

Es war die Zeit der „geistig-moralischen Wende“ Helmut Kohls seit 1982. Es herrschte eine Wirtschaftskrise, von rechtsaußen hetzten NPD und Neonazis gegen die Türken in Deutschland, die „den Deutschen“ die Arbeit wegnähmen, und die Bundesregierung setzte sogar eine Rückkehrprämie für Türken ein, die „nach Hause“ ausreisen wollten. Sehr erfolgreich war diese finanziell angereizte Ausladung nicht. Aber der Türkenhass zeitigte fröhliche Urstände und vielerorts las man an Häuserwänden „Türken raus“. Skinheads in grünen Bomberjacken und mit Springerstiefeln erinnerten an braune SA-Horden etc. Im Wohngebiet im Bielefelder Osten fand sich plötzlich, nahe der BP-Tankstelle an der Oldentruper Straße, ebenfalls ein „Türken raus“ angesprüht. Gemeinsam mit einem heute bekannten politischen Fernsehjournalisten nahm ich Autolack zur Hand, wir übersprühten den Schandfleck, so dass man stattdessen „Nazis raus“ lesen konnte.
Irgendwann danach, nach der Einheit von 1989/90 und den von Rechtsradikalen angerichteten Gräueltaten gegen Türken begriff die Politik, dass Integrationsmaßnahmen notwendig seien. Gerade der Sport, die Schulen, überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen, sie alle sollten Wesentliches leisten. Sogar Gesetze wurden verändert, z.B. das Staatsbürgerschaftsrecht, das den türkischen Deutschen nun die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichte. Das trug Früchte. Ein positives Beispiel: Mesut Özil, der begnadete Fußballer, ein Leistungsträger des deutschen Fußballs seit rund einem Jahrzehnt. Gestern hat er sich von der DFB-Auswahl verabschiedet und es mit rassistischen Pöbeleien begründet. Da wird er nicht gelogen haben, denn wie schon vor 30 Jahren gegen die Deutschtürken und vor 10-15 Jahren gegen die Afrodeutschen dchlägt der Hass wieder zu. Und insofern ist Mesut Özil sicherlich auch ein Opfer des wieder um sich greifenden Rassismus im Umfeld von Pegida, AfD, NPD und anderen Nazis geworden. Und das ist verabscheuungswürdig. Aber ist das die ganze Geschichte? Ist sein Rassismusvorwurf nicht – wie bei Benzema – eine Retourkutsche zur Schuldabwehr? Mesut Özil hat sich, und wahrscheinlich in vollster Absicht, selbst in diese Lage hinein begeben, als er sich für ein Promo-Foto mit dem Autokraten und Antidemokraten Recep Tayyip Erdogan hergab. Vergessen wir nicht, dieser Mann, heute autoritärer Präsident der Noch-Republik Türkei, hat auf einer Veranstaltung in Deutschland einmal gesagt, dass Assimilation ein Verbrechen sei. Er meinte aber nicht Assimilation im Sinne einer Verschmelzung, sondern Integration schlechthin. Mesut Özil distanzierte sich auch nachher, selbst bei seinem Besuch bei Bundespräsident Steinmeier, nicht von dieser Erdogan-Begegnung mit Symbolcharakter. „Für meinen Präsidenten“ stand auf einem der Trikots. Das war schon ein starker Tobak der Desintegration. Klar, diese Tendenz „pro Erdogan“, weit verbreitet unter türkischen Deutschen mit türkischer Wahlberechtigung – aber nicht nur dort -, widerspiegelt tatsächliche Benachteiligungen und soziale und kulturelle Probleme, aber davon leben Populisten eben. Der eine propagiert die Islamophobie, der andere den Vorrang des „weißen Amerika“, Erdogan das „Türkentum“ und den Neo-Osmanismus. Özil ging wohl sehr bewusst in diese „Falle“ und bekannte sich gestern mehr oder weniger erneut zu Erdogan. Schauen wir, ob er sich zukünftig weiter vor dessen Karren spannen lässt oder gar seine Karriere in der Auswahl der Türkei fortsetzen will.
Dieser Rücktritt ist ein Sieg Erdogans und eine Niederlage der Integration, wie wenig überzeugend diese auch immer gewesen sein mag. Populisten spalten, wo es eben geht, und sie finden zielsicher die Spaltungslinien einer Gesellschaft, die sie demagogisch vertiefen können. Man wird kaum lange auf eine entsprechende Reaktion aus dem Lager der Gaulands und Höckes warten müssen, sie wird hämisch und rassistisch ausfallen. Seehofer wird folgen, schließlich steht Bayern auf dem Spiel. Und die Kluft zwischen „Biodeutschen“ und vielen Deutschtürken wird sich weiter vertiefen, wie abgesprochen schlagen Erdogan und Gauland auf diesen Problemsack ein und wollen doch dessen Träger treffen: die politische Demokratie und die offene Gesellschaft.
Zwar wohne ich bekanntlich nicht mehr in Bielefeld, aber ich ahne, was jetzt kommen wird. Die Türkenfeindlichkeit wird neue Ausmaße annehmen, allein schon deshalb, weil es 1984 noch keine „social medias“ gab. Aber ein neues „Türken raus“ wird sich über die realen und virtuellen Häuserwände verbreiten und Schandflecke hervorbringen. Autolack wird nicht reichen, um das zu übertünchen. Wir sollten dennoch, wo immer wir es können, reale oder virtuelle Sprühflaschen dabei haben. Und ich hoffe, dass Mesut Özil, der begnadete Fußballer, der sich zum Spielmacher Erdogans machte, nachdenkt und die richtigen Worte findet, damit seine Causa nicht als ein Menetekel politischer Unkultur verstanden werden muss. Doch damit rechne ich, ehrlich gesagt, nicht mehr.

Und im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass der Kapitalismus überwunden werden muss!

(Geschrieben in Pitsidia/Südkreta)