Historische Notiz 168

Bröckelnde Fronten – Schneidige Siegespropaganda. Die Kriegsniederlage auf dem Weg zur deutschen Revolution 1918/19. Historische Notiz vom 27. August 2018

Am 9. November jährt sich, von Vielen leider verdrängt und vergessen, die deutsche Revolution des November 1918, als der Kaiser gehen musste und die Throne wankten. Doch wankten auch die Kommandohöhen der Wirtschaft, als Teile der Arbeiterschaft und der Arbeiter- und Soldatenräte die Sozialisierung der Großwirtschaft forderten und noch 1919 zu erkämpfen versuchten. Am Ende der Revolution standen die parlamentarische Demokratie, die Weimarer Verfassung und der Fortbestand des Kapitalismus, allerdings ergänzt um sozialstaatliche Elemente wie das Arbeitsrecht, den Achtstunden-Arbeitstag, die Zulassung der Gewerkschaften, die Installierung von Betriebsräten und das Koalitions- und Streikrecht der Arbeiter. Das war sicher weniger, als sich der linke Flügel der Arbeiterbewegung erhofft hatte, zumal sich die Mehrheitssozialdemokratie als Stabilisierungsfaktor der bürgerlichen Republik erwiesen hatte. Doch zeigen die Angriffe auf den Sozialstaat seit ca. 1990, dass selbst diese so selbstverständlich scheinenden Beschäftigtenrechte verteidigt werden müssen. An die unmittelbare Vorgeschichte der Novemberrevolution möchte diese 168. „Historische Notiz“ nun erinnern. Wer nach neuer Literatur über die deutsche Revolution sucht, sei auf einen von meinem Kollegen Rainer Holze und mir verfassten Literaturbericht hingewiesen. (1)

Die Übermacht der Alliierten
Der Weg in die Revolution begann mit dem Marsch in die Kriegsniederlage. Seit dem Eingreifen der USA in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten am 6. April 1917 machte sich die Übermacht der Alliierten im Westen immer stärker bemerkbar. Hatte die Neutralität der USA bis dahin die Aussicht geboten, in Präsident Woodrow Wilson einen Vermittler zwischen den Alliierten und den Mittelmächten zu sehen, der eine Verständigungspolitik verfolgte, so führte der Kriegseintritt der USA zu einer klaren Entscheidungsperspektive nach Sieg oder Niederlage der Mittelmächte um das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn.
Zu einer Verschnaufpause im Osten Europas verhalfen ihnen zwischenzeitlich die beiden russischen Revolutionen im Februar und Oktober 1917. Bekanntermaßen hatte die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) Wladimir Iljitsch Lenin durch deutsches Gebiet bis an die russische Grenze heran fahren lassen, um in Russland durch das unterminierende Wirken der Linken den Zarismus zu schwächen und zum Separatfrieden zu drängen. Dieser kam bekanntlich am 3. März 1918 zustande und veranlasste die OHL, im Westen die sog. „Frühjahrsoffensive“ einzuleiten. Das vorausgehende erfolgreiche militärische Eingreifen der deutschen Truppen an der italienischen Front erwies sich logistisch als ein Fiasko. Nach Jahren des zermürbenden und an Grausamkeit kaum zu überbietenden Stellungskrieges in Frankreich breitete sich Kriegsmüdigkeit aus. Die „Heimatfront“ litt seit dem „Steckrübenwinter“ von 1916/17 an Hunger und Not, die Grippewellen jener Jahre rafften Hunderttausende dahin.
Dennoch bot eine Frühjahrsoffensive im Westen scheinbar einen Ausweg aus der militärisch-politischen Krise, zumal noch im März 1917 das deutsche Heer eine geringfügige Überlegenheit an Mannstärke und Bewaffnung zu haben schien. (2)
General Erich Ludendorff, mit Paul von Hindenburg gemeinsam Chef der OHL, plante einen schnellen Durchbruch durch die französischen Linien bei St. Quentin („Operation Michael“): „Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich. So haben wir es in Rußland auch gemacht“, äußerte er gegenüber dem bayerischen Kronprinzen Rupprecht. (3) Doch die militärische Operation scheiterte, am 5. April musste sie eingestellt werden. Franzosen und Deutsche hatten in zwei Wochen mehr als 500.000 Soldaten verloren! Bis zum Juli 1918 gelangen den französischen Truppen bedeutende Geländegewinne, womit die deutschen Besatzer immer weiter zurückgedrängt werden konnten. Eine Entscheidung aber war noch nicht unmittelbar in Sicht. Von hoher symbolischer Bedeutung war deshalb ein französischer Panzerdurchbruch am 18. Juli, dem die deutschen Truppen nichts mehr entgegenzusetzen hatten, da alle Reserven verbraucht waren. Der Weg in die Niederlage war nun beschritten und führte zur weiteren Demoralisierung der Truppen. Hieran nun konnten die sozialistischen Soldaten anknüpfen, die in den eigenen Reihen für eine Beendigung des Krieges agitierten. Unter ihnen waren viele Männer, die nach den Januarstreiks 1918 an die Front strafversetzt worden waren, weil sie auf der Seite der Arbeiterräte gewirkt hatten.

Die vertuschte Niederlage: Das nahende Kriegsende in der Presse
Dass ein siegreiches Kriegsende in immer weitere Ferne rückte, konnte auch die – natürlich unter Militärzensur stehende – Presse kaum mehr verschweigen. So zitierte die linksliberale „Berliner Volkszeitung“ am 13. September aus einer Rede des Vizekanzlers Friedrich von Payer von der linksliberalen Fortschrittspartei in Stuttgart: „Ich will auch nicht zum Durchhalten ermahnen. Auch das ist schon mehrfach von berufenster Seite geschehen, und der größte Teil unseres Volkes wird einer solchen Mahnung auch nicht mehr bedürfen. Das Durchhalten besorgen wir schon von selber, das liegt in der deutschen zähen und kräftigen Art, die sich von niemand unterkriegen lässt, wer es auch sei. Das Durchhalten sind wir unserer und unseres Bundes Ehre schuldig“. (4) Nach markigen Worten und gleichzeitigen Durchhalteparolen forderte von Payer einen Verständigungsfrieden. Doch die auf Annexionen und „Siegfrieden“ ausgerichtete Kriegspolitik der deutschen Reichsleitung hatte längst die Bereitschaft der Alliierten zu einem Verständigungsfrieden weitgehend eliminiert, allein auf US-Präsident Wilson und auf seinen 14 Punkten konnte eine letzte, aber schrumpfende Hoffnung ausgerichtet sein. Doch dass Payer in seiner Ansprache so häufig und so massiv vom Durchhalten sprach, wenngleich er deren Notwendigkeit bestritt, macht deutlich, dass sich die hohe Politik mit dem Gedanken einer Niederlage vertraut zu machen begonnen hatte. Die rückte unaufhaltbar näher, seit Österreich-Ungarn eine „Friedensnote“ an die Alliierten richtete, worüber die „Morgenpost“ am 15. September 1918 berichtete. Diese „Friedensnote“ regte eine „vertrauliche und unverbindliche Aussprache“ an und signalisierte damit, dass Österreich-Ungarn zu Gesprächen bereit sei, da „alle Völker, auf welcher Seite sie auch kämpfen mögen, das baldige Ende des blutigen Kampfes herbeisehnen“. (5) Tatsächlich erschöpfte sich die Kraft der mit Berlin verbündeten K.u.k.-Monarchie zusehends, die Fronten in Südosteuropa drohten zusammen zu brechen. Da konnte ein Friedensangebot nur dienlich sein, wenngleich in Berlin die Alarmglocken läuten mussten: Wäre Wien zu einem Separatfrieden bereit, stünde der Kollaps der deutschen Kriegsmaschinerie unmittelbar bevor. Doch lasen sich die Kriegsberichte aus der Hand der OHL völlig anders: „Beiderseits der Straße Péronne-Cambrai sind erneute Angriffe der Engländer gescheitert…Nördlich von Armentière griff der Feind von Neuem an; wir wiesen ihn ab und machten Gefangene…Zwischen Nilette und Aisne nach mehrfach vergeblichen Teilangriffen gegen Abend zum geschlossenen Angriff vor; er wurde auf der ganzen Front teilweise im Nahkampf und durch Gegenstöße blutig abgewiesen. Zwischen Aisne und Besle scheiterten Teilangriffe, in der Champagne Teilangriffe des Gegners.“ (6) Während die Presse punktuell versuchte, die offizielle Beschönigung der Kriegslage etwas zu relativieren, hielt die Frontberichterstattung an der offiziell verkündeten Siegesillusion fest. Dass auch der sozialdemokratische „Vorwärts“ dieser Linie folgte, war der seit dem 4. August 1914 eingeschlagenen „Burgfriedenspolitik“ geschuldet. Nur die USPD verweigerte sich bekanntlich dieser Übereinkunft. Zur österreichischen Note hieß es im USPD-Mitteilungsblatt lakonisch: „Von einer Friedensaktion oder gar von einer Friedensoffensive kann man in Bezug auf den österreichischen Vorstoß nicht reden. Es handelt sich im besten Falle nur um ein Friedensmanöver, das in absehbarer Zeit wieder abgebrochen werden dürfte, wenn es die wirklich ausschlaggebenden Befehlsgewalten für notwendig halten.“ Das „Mitteilungsblatt“ hielt es sogar für angeraten, die Arbeiterschaft vor „irgendwelchen optimistischen Illusionen auf ein baldiges Zustandekommen des Friedens“ zu warnen.(7)
Unterdessen übte sich die OHL in Siegesmeldungen: „Erneute Angriffe des Feindes zwischen Ailette und Aisne sind im Großen gescheitert…An der Cambraifront setzt der Engländer seine Angriffe fort. Allerdings hat es den Anschein, als ob die Stoßkraft seiner Truppen durch die acht Tage hindurch fortgesetzten Anstürme bereits gelitten hat“. Auch von den anderen Frontabschnitten las man in der Heimat lediglich Erfolge, wenngleich die OHL konzedieren musste, dass besonders die französische Armee unter dem Kommando von Marschall Foch mit großer Zähigkeit kämpfte. (8) Noch am 20. September schien alles weitgehend unter Kontrolle zu sein: „Die bis zum Abend anhaltenden Kämpfe endeten mit vollem Mißerfolg für den Gegner“. (9) Dennoch konnte es dem aufmerksamen Leser kaum entgehen, dass die deutschen Truppen unter massivem Druck standen und allenfalls um das Halten der Stellungen gekämpft wurde.
Gleichzeitig bahnte sich das Scheitern der österreichischen Friedensnote an. Am 19.9. erörterte auch das Zentralblatt der MSPD die österreichische Friedensnote und zeigte sich eher pessimistisch, was deren Wirkung anbelangte. Man rechnete in der Ausgabe mit ihrer Ablehnung durch die USA und Frankreich, da der 14-Punkte-Plan des US-Präsidenten Woodrow Wilson die Verhandlungsbasis der Entente markiere und überdies in Rechnung stelle, dass die Mittelmächte eine Ablehnung der Note als Begründung für weitere Kriegsführungsmaßnahmen benötigten. (10) In der deutschen Politik machte sich nun angesichts der wankenden Fronten hektische Betriebsamkeit breit, die Zeichen standen auf eine Einbeziehung der MSPD in die Regierung. Prompt gab diese ihre Bedingungen bekannt: Zu den sechs von Reichstagsfraktion und Parteiausschuss beschlossenen Bedingungen zählten ein klares Bekenntnis zu Verständigungsfrieden, Völkerbund und Abrüstung, die Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die Verhandelbarkeit des Friedens von Brest-Litowsk mit Russland, die allgemeine Einführung des gleichen und unmittelbaren Wahlrechts in Preußen, eine parlamentarische Reichsregierung, die Abschaffung des „persönliches Regiments“ sowie die Wiederherstellung der Versammlungs- und Pressefreiheit und die Beschränkung der Zensur auf rein militärische Belange. (11)
Wenige Tage später beschäftigte der drohende Kriegsaustritt Bulgariens auf der Seite der Mittelmächte den „Vorwärts“, da ein solcher Schritt im Südosten Europas das strategische Gleichgewicht und die psychologische Kriegslage immer stärker zu Gunsten der Entente verändern würde. Auch der tägliche Kriegsbericht der OHL vermeldete zunehmende Erfolge der durch die USA verstärkten Alliierten an der gesamten Westfront. Und so nahmen auch im „Vorwärts“ jene Stimmen zu, die eine Kriegsniederlage nicht mehr ausschließen wollten. Weiterblickenden sei immer klar gewesen, dass dieser Krieg stets mehr bedeutete „als ein reiner deutscher Verteidigungskrieg. Als solcher muß er jetzt so rasch wie möglich und so gut wie möglich zu Ende gebracht werden. Wir Volk haben dazu unsere Pflicht getan und denken nicht, sie im letzten Augenblick zu verlassen. Nun tut auch Ihr oben Eure Pflicht, bescheidet Euch in Dankbarkeit für all das, was Euch erspart und erhalten blieb und begreift, daß die neue Zeit da ist, in der die Völker sich selbst regieren!“ (12) Unterdessen vermochte der militärische Lagebericht kaum noch die riesigen Probleme zu kaschieren, die die deutschen Truppen mit der alliierten Offensive im Westen besaßen. Bulgarien nahm überdies die Friedensbedingungen der Entente an, so dass Deutschland den Krieg faktisch verloren geben musste. Dieses Eingeständnis nötigten Hindenburg und Ludendorff am 29. September in Spa Wilhelm II. ab, verbunden mit dem Auftrag an eine nun von den Mehrheitsparteien zu bildende Regierung, ein unverzügliches Waffenstillstands- und Friedensangebot an die Alliierten zu richten. Diese neuen Regierungskräfte unter Einschluss der MSPD sollten nach Ludendorffs Dolchstoßlegende „die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben“ (13) Nun galt für die für die militärische Niederlage verantwortlichen Generäle wie Hindenburg und Ludendorff die Parole: „Rette sich wer kann!“
Wenige Tage später trat Reichskanzler Graf Hertling zurück, sein Nachfolger wurde Prinz Max von Baden, als erster Kanzler dem Reichstag verantwortlich; Philipp Scheidemann und Gustav Bauer von der MSPD traten in die Regierung ein. Die Umwandlung des Deutschen Reiches von einer halbabsolutistischen in eine parlamentarische Demokratie sollte einen Verständigungsfrieden mit den Alliierten erleichtern. Doch während die Regierung Max von Baden und der Reichstag an den „Oktoberreformen“ arbeiteten, begannen die Ereignisse sich zu beschleunigen. Revolution ante portas!

Anmerkungen:

1) Holger Czitrich-Stahl/Rainer Holze, 100 Jahre Novemberrevolution. Ein Literaturbericht, in: Zeitschrift marxistische Erneuerung 115 (September 2018); S. 33-43.
2) Vgl. Sönke Neitzel, Weltkrieg und Revolution 1914-1918, Berlin 2008, S. 76.
3) Vgl. ebenda, S. 77.
4) Berliner Volkszeitung (VZ) vom 13. September 1918. Zu Friedrich von Payer (1847-1931) siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Payer, Zugriff am 26. August 2018.
5) Berliner Morgenpost (MP) vom 15. September 1918.
6) Vorwärts vom 10. September 1918.
7) Mitteilungsblatt der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend (Mbl) vom 22. September 1918.
8) MP vom 17. September 2018.
9) Vorwärts vom 20. September 1918.
10 Ebd., 19. September 2018.
11) Ebd., 24. September 2018.
12) Ebd., 28. September 2018.
13) Vgl. dazu Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bonn 2000, Band 1, S. 363.