Historische Notiz 158

500 Jahre Reformation, 200 Jahre Wartburgfest in Jena und die historische Rolle Martin Luthers: Zwischen Nationalheld, Kirchenspalter und Protagonist des Fürstenabsolutismus? Historische Notiz 158 vom 11. Oktober 2017

Vor 500 Jahren begannen die Folgen eines theologischen Streits das Gebälk er europäischen Ordnung zu erschüttern und mit ihr die frischen Strukturen einer neuen Weltordnung zu prägen. Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg hämmerte den Beginn eines Prozesses in die Öffentlichkeit, den wir als die Reformation kennen. Diese Reformation verhalf einem neuen Weltbild auch theologisch zum Durchbruch, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht, theologisch unmittelbar zu Gott, vermittelt durch dessen Wort in der Bibel. Nicht mehr die feudale Herrschaftlichkeit der römisch-katholischen Amtskirche mit einem Papst an der Spitze, der zu Luthers Zeiten wie ein weltlicher Fürst im Prunk lebte, sollte die christliche Gemeinde lenken, sondern diese sich selbst als Kommunität mit einem aus ihrer Mitte gewählten Pfarrer ohne Zölibat, geleitet von der Heiligen Schrift als unmittelbarer Willensäußerung Gottes, die im Grunde „jedermann“ selbst erfahren könne.
Noch viel mehr hängt an diesem kulturgeschichtlichen Durchbruch in eine neue Zeit, das Bildungsverständnis, ein weltliches Ethos, aber auch eine neue Form des Regierens, nämlich eines klugen, aber absolutistisch regierenden Fürsten. So gesehen kann heute 500 Jahre nach Wittenberg die Frage nach Luthers historischer Rolle neu aufgerollt werden. Weder war er ein Kirchenspalter, wie es der Katholizismus lange Zeit sah, noch war er der Vorläufer einer demokratischen Bewegung, zu dem ihn das „Wartburgfest“ vom 18/19. Oktober 1817 oder Heinrich Heine und später die DDR-Historiographie in dessen Tradition stilisierten. Aber was war Luthers historische Rolle wirklich? Neue Ansätze zur Betrachtung sind vorhanden und sollen einbezogen werden.

Was geschah am 31. Oktober 1517 in Wittenberg?
Die 95 Thesen zu Wittenberg fielen nicht vom Himmel, sondern sie bilden den Höhepunkt einer intensiven theologischen Entwicklung, in der die Vergebung der Sünden und die Buße sowie die Ablasspraxis den Ansatzpunkt bildeten: „Im Ergebnis dessen wandelt sich der Gott, der mit guten Werken, kostspieligen Fürbitten, Wallfahrten, Seelenmessen usw. „versöhnt“ werden muß, in einen gnädigen Gott, dessen Gnade nicht teuer erkauft zu werden braucht, sondern der jeden annimmt, der sich ihm gläubig naht.“ (1) Dieses vor allem auf den spätantiken Kirchenvater Augustinus zurück gehende Gottesbild schlug sich im September 1517 in den 97 „Septemberthesen“ nieder, die am 4. September in einer Disputation verteidigt wurden. Schon damals versuchte Luther, öffentlich zu agieren, denn er ließ die Septemberthesen versenden, u.a. an den Scholastiker Johannes Eck in Ingolstadt. (2) Im Ergebnis nahmen die „Septemberthesen“ Kernpunkte der bekannteren „95 Thesen“ vorweg und spitzten sein neu entwickeltes theologisches Verständnis in einigen Kernfragen zu, beispielsweise anhand der „Sünde“: „Sünde hat nichts zu tun mit dem, was zwischen Menschen geschieht. Sie ist nicht eine Art von Verbrechen, das gesühnt werden kann. Sünde gibt es nur vor Gott. Der Begriff bezeichnet einzig und allein ein Grundverhältnis zwischen Mensch und Gott, außerhalb dieses Bezugssystems wird der Sündenbegriff sinnlos.“ (3) Sünde wurde zur Natur des Menschen und ihm von Gott auferlegt. Damit entfielen theologisch wie kirchenpraktisch sämtliche Instanzen des Moralisierens und Richtens über die Menschen. Die katholische Praxis der Ohrenbeichte mit auferlegten Bußen, ausgesprochen von einem Beichtvater im Auftrag der Amtskirche verlor in Luthers Theologie ihre Existenzberechtigung. Dass dieses einem Generalangriff auf die römisch-katholische Kirche gleichkam, war aber selbst Luther nicht bewusst. Er wollte die Reform der Theologie, nicht aber die Spaltung der Kirche. „Nicht gleich die Kirche als Ganzes, sondern zunächst nur einige Missbräuche, die sich deren sorglose Diener zuschulden kommen ließen, wollte Luther mit den Thesen angreifen“, die er tatsächlich wohl am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeheftet hat. (4) Ich wage jetzt nicht ernsthaft den Versuch einer theologiehistorischen Rekonstruktion der Ereignisse oder Thesen, nehme aber einige wenige exemplarisch heraus, denn außer der Tatsache ihrer Existenz dürfte wohl den wenigsten von uns ihr Inhalt geläufig sein. (5) So heißt es in These 6 zur Vergebung der Sünden: „Der Papst kann Schuld nur vergeben, indem er erklärt und bestätigt, daß sie von Gott vergeben sei, jedenfalls in den Fällen, die ihm vorbehalten sind. Würde man dies mißachten, so bliebe die Schuld ganz und gar bestehen.“ (S. 15) Zum Ablaßhandel schrieb Luther in These 21: „Deshalb irren die Ablaßprediger, die da sagen, daß durch des Papstes Ablaß der Mensch von aller Strafe befreit und selig werde.“ (S. 16/18) Oder als Zuspitzung in These 45: „Man lehre die Christen, daß der, der einen Bedürftigen sieht und nicht beachtet, sondern Ablaß kauft, sich nicht des Papstes Ablaß, sondern Gottes Zorn einhandelt.“ (S. 19) Und auch zum ökonomischen Zweck des Ablaßhandels, dem Bau des Petersdoms und anderer Gotteshäuser, schwieg Luther nicht, wie These 86 ausweist: „Ferner: Warum baut der Papst, dessen Schätze heute größer sind als die des reichsten Crassus, nicht wenigstens den einen Dom St. Peter lieber von seinem Geld als von dem der armen Gläubigen?“ (S. 23)
Die Stoßrichtung der Thesen verlief gegen die päpstliche dogmatische Interpretation von Sünde, Buße und Vergebung, allesamt in der Gewalt der Amtskirche, und prangerte die damit verbundene Täuschung der um ihr Seelenheil Fürchtenden wortreich an. Gleichzeitig aber erkennt man den sozialen Blickwinkel Luthers, was verständlich macht, weshalb seine Thesen und späteren reformatorischen Schriften so unglaublichen Widerhall in der Bevölkerung fanden.Und Luther schien es bewusst gewesen zu sein, dass er die Autorität des Papstes und der Amtskirche herausforderte, denn mehrfach bezog er den Papst, wie zitiert, auch direkt in seine Kritik ein. Die Thesen „berührten vielmehr die Hoheit des Papstes sowie die Obliegenheiten und Interessen eines Erzbischofs. Da war Vorsicht geboten und auch einige Diplomatie in den Formulierungen. Aber bei aller Vorsicht mußte doch gesagt werden, was seiner Meinung nach unbedingt zu sagen war, nämlich daß der Ablaßhandel religiöser Betrug an den Menschen sei.“ (6)
Die 95 Thesen fanden bald den erhofften Widerhall. Um sie von der theologischen Ebene, auch in sprachlicher Hinsicht, in eine volkssprachlich verständliche Version zu bringen verfasste Luther 1518 den Sermon von dem Ablass und Gnade. (7) Dies trug ihm die Anzeige in Rom durch Albrecht von Mainz ein. Luther stand nun unter dem Verdacht der Häresie, der Ketzerei. Damit nahmen die dramatischen Ereignisse ihren Lauf, die mit seiner Scheinentführung auf die Wartburg durch Kurfürst Friedrich den Weisen am 4. Mai 1521 ihren Höhepunkt erreichten. Von daher soll auf weitere biographische Ausführungen zugunsten einer sehr knappen Darstellung seines Wirkens bis zum Ende des Bauernkrieges 1525/26 verzichtet werden. Der Konflikt mit der Kurie in Rom und der gegen ihn angestrengte Prozess machten Luther landauf landab bekannt und kristallisierten ihn immer mehr zu einem Volkshelden, an dessen Person und Lehre sich die Hoffnungen zahlreicher bürgerlicher und unterbürgerlicher Schichten, der Bauern wie der Reichsritter und der Humanisten knüpften. Die Jahre 1520/21 führten durch sein theologisch-publizistisches Schaffen und mutiges Auftreten auf dem Reichstag zu Worms gegen Kaiser Karl V. zum Bruch mit Rom und zu seiner In-Acht-und- Bann-Setzung, der er wohl nur durch das Eingreifen Friedrichs des Weisen entging. Seine größte literarische und kulturell wirksame Leistung war sicherlich die Übersetzung des Neuen Testaments, später auch des Alten, ins Deutsche, womit er dem noch lange nicht zur Nationsbildung bereiten Volk eine sprachliche und religiöse Grundlage verschaffte, zumindest den ihm folgenden Landesherren und deren Untertanen. Dass Luthers Lehre unmittelbar das Bildungsstreben in den protestantisch werdenden Gebieten förderte, ergibt sich aus der Logik seiner Theologie: Wer Gottes Wort erfahren und verstehen will, muss es lesen können. Deshalb entstanden immer mehr Schulen in den Städten, in denen Bürgerkinder das Lesen der Heiligen Schrift erlernten, überhaupt das Lesen zu einer zunächst bürgerlichen, dann allgemeinen Kulturtechnik wurde. Das alles gehört zur Reformation, auch die Entstehung der Landeskirchen als Folge der Abwendung von Rom und der Hinwendung zur gemeindlichen Pfarrerwahl und zur territorialen Kirchenverwaltung. Dass sich Luther im Bauernkrieg gegen die aufständischen Bauern wandte und die Fürsten aufforderte, sie niederzuwerfen, warf einen langen Schatten auf sein Wirken. Doch es weist auch auf die Grenzen hin, will man Luther als einen Vertreter der „frühbürgerlichen Revolution“ verstehen, wie es die DDR-Historiographie lange Zeit handhabte. Doch welche historische Rolle kann man Martin Luther zumessen?

Das Lutherbild im Wandel: Von Leopold von Ranke bis zur Gegenwart
Der preußische Machtstaat besann sich früh auf die tragende Rolle, die der Protestantismus in den von protestantischen Fürsten regierten Landesherrschaften einnehmen konnte. Durch die „Confessio Augustana“ vom Juni 1530 wurde die Luthersche Theologie zum Glaubensbekenntnis und zur politischen Bindekraft unter den Anhängern Luthers gegen den Papst, aber auch gegen die radikaleren Strömungen um Huldrych Zwingli (Zürich) in den oberdeutschen Städten. In den Religionskriegen zwischen 1546/46 (Schmalkaldischer Krieg) und dem Westfälischen Frieden von 1648 entstand so der Machtbereich innerhalb des Reiches, der sich dauerhaft vom Katholizismus entfernte. Es entstanden aber auch dem deutschen herrschaftlichen Flickenteppich gemäß neue absolutistische Fürstenstaaten, deren Entwicklung die politischen Folgen der Reformation erst möglich gemacht hatten.
War Martin Luther ein bloßer Reformator der Kirche und Begründer einer eigenständigen, wenngleich vielgestaltigen Konfession, des Protestantismus? Oder war er ein hervorragender Exponent der frühbürgerlichen Revolution oder gar der demokratischen Bewegung in Deutschland? Oder gibt es neuere Ansätze zu seiner historischen Einordnung?
Zunächst einmal möchte ich hier den preußischen Historiker Leopold von Ranke (1795-1886) sprechen lassen, um dann an einige andere Ansätze, explizit unter Berücksichtigung des Wartburgfestes von 1817 zu erinnern.
Von Ranke schrieb über das Auftreten Luthers in Worms und dessen Folgen: „Für die Zukunft der deutschen Nation kam nun alles darauf an, ob sie diese Gefahr bestehen würde oder nicht, ob es ihr gelingen würde, sich von dem Papsttume zu trennen, ohne zugleich den Staat und die allgemeine, langsam gewonnene Kultur zu gefährden, zu welcher Verfassung – denn ohne größere politische Veränderung konnte es nicht abgehen – die Nation alsdann sich entwickeln würde.“ (8) Martin Luther – ein Nationalheld im Preußengeiste?

Das Wartburgfest von 1817 und seine Nachwirkungen
Seinen Ausgangspunkt nahm das Gedenken an Luther und die Reformation von den Burschenschaften , die sich 1815 in Jena zur „Allgemeinen Deutschen Burschenschaft“ vereinigten und so Verankerung an mehreren deutschen Universitäten fanden. Zu den Mitbegründern dieses damals vorwiegend fortschrittlich, weil national und konstitutionalistisch ausgerichteten Studentenbundes gehörte auch der spätere Präsident der Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche, Heinrich von Gagern. Zum 4. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, dem 18./19. Oktober 1817, versammelten sich rund 500 Studenten aus elf Universitäten in Eisenach und zogen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen hinauf zur Wartburg, um des Sieges über Napoleon und der Lutherschen Reformation gleichzeitig zu gedenken. „Mußte nicht Deutschland wieder durch eine kühne Tat reformiert werden?Ginge es nicht erneut um die Freiheit von fremden, drückenden Mächten? Zum ersten Mal ging es nicht um die Freiheit vom korsischen Tyrannen, sondern von den vielen einheimischen Tyrannen“. (9) Und so forderten viele Redner den Umsturz des bestehenden Systems und die Schaffung eines einigen und freien Deutschlands, veranstalteten dazu öffentliche Turnübungen und verbrannten Symbole des fürstlichen Absolutismus in Deutschland. Luther wurde in diesem Kontext zu einem Vorkämpfer für ein einheitliches und freies Deutschland hochstilisiert, der Papst, sein Gegenspieler, und Napoleon vereinigten sich in diesem Denken zu Verkörperungen der Fremdherrschaft, denen entschlossen entgegen zu treten sei, wie auch die protestantischen Fürsten dem Kaiser gegenüber aufgetreten seien. Diese gefährliche Entwicklung beunruhigte die Herrschenden im Metternichschen System von 1815, das die Fürstenmacht restauriert hatte. Die polizeiliche Überwachung nahm zu und führte 1819 zu den Karlsbader Beschlüssen.
Das liberale und demokratische Lutherbild aber überstand die Verfolgungen durch die Polizeien im Deutschen Bund. Hartmut Henicke weist diese Kontinuitätslinien in einem jüngst veröffentlichten Aufsatz nach. (10) Der Autor lotet dabei deren „Erkenntnisse und Grenzen“ aus. Henicke liegt die Rekonstruktion der historisch-materialistischen Aufarbeitung der Ereignisse der Reformation am Herzen, dabei stellt er bereits eingangs ein „geistesgeschichtliches Defizit“ aus dem Blickwinkel der Arbeiterbewegung fest. Der Autor erinnert zunächst an Heinrich Heines positives Lutherbild, das ihn zu einem frühen Aufklärer stilisierte, der das päpstliche Wahrheitsmonopol gebrochen und eine Zeit der „religiösen Demokratie“ ermöglicht habe. Diese durch den Vormärz geprägte Sichtweise nahm Luther für die demokratischen und nationalen Bewegungen in Beschlag und stand nicht von ungefähr im Kontext des „Wartburgfestes“ von 1817. Kritischer betrachtete Ferdinand Lassalle den Reformator, dem er Lessing vorzog, und sah nicht in der radikalen Bewegung der Bauern und Plebejer die revolutionäre Option, sondern im Bündnis zwischen Landesherren, Adel und Ritterschaft und dem Patriziat. H. pflichtet Lassalle im Kern bei und regt eine Neurezeption der damaligen, zwischen Lassalle und Engels geführten Debatte um Lassalles Drama „Franz von Sickingen“ an. Engels wiederum hatte seine bedeutende Schrift „Der deutsche Bauernkrieg“ verfasst, in der er Reformation und Bauernkrieg als „Revolution No. 1 der Bourgeoisie“ charakterisiert hatte. Diese Schlussfolgerung hatte er aus dem Vergleich der Zeit von 1517-1526 mit der Revolution von 1848/49 abgeleitet und somit das marxistische Paradigma von der „frühbürgerlichen Revolution“ geprägt, das die wissenschaftlichen Arbeiten der DDR-Historiographie bis weit in die 1980er Jahre dominierte. H. sieht dieses Paradigma kritisch, im Deutschland des 16. Jahrhunderts habe es keine nationale Kraft gegeben und Luther habe als einziger Revolutionär seinerzeit in Übereinstimmung mit den Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Produktivkräfte und der politischen Alternativen gehandelt.
Franz Mehring indessen bewertete Luther als weniger wirkungsmächtig als etwa Jean Calvin in Genf. Luther habe deshalb so großen Widerhall gefunden und die Köpfe der Menschen erreicht, weil er „mit seiner Derbheit“ die Sprache des Volkes sprach und mit seiner Kirchenkritik an der Papstkirche zur Bildung einer Volksbewegung entscheidend beitrug. Für Mehring waren Personen „Träger, nicht Schöpfer der Veränderungen“. Hierin sah Mehring Luthers historische Rolle, vor notwendigen sozialen Veränderungen habe er versagt, wie sein Verhalten den Bauern gegenüber dokumentiere. Damit stellte er sich nicht zuletzt der Glorifizierung Luthers durch die Hohenzollern entgegen.
Als letzter Protagonist einer historisch-materialistischen Lutherrezeption wird Karl Kautsky vorgestellt. Seine Arbeiten über „Die Ursprünge des Christentums“, „Vorläufer des neueren Sozialismus“ und „Thomas More und seine Utopie“ sind für H. die ausgereifteste Rekonstruktion der Verhältnisse des Reformationszeitalters, und dies sowohl inhaltlich als auch methodisch. Thomas More war für Kautsky der Typus eines radikalen Humanisten, wohingegen Thomas Müntzer das Vorbild eines mobilisierenden Kommunisten repräsentierte. Luther hingegen personifizierte für Kautsky einen dritten Revolutionärstypus, nämlich den des Vorkämpfers für das „absolute Fürstentum“, das letztlich das revolutionärste und erfolgsträchtigste Revolutionskonzept der damaligen Epoche darstellte. Damit rückte er an diesem Punkt näher an Lassalle heran. H. Fazit lautet, dass Luther endlich von den an seine Person geknüpften Instrumentalisierungen befreit werden müsse und ist sich sicher, dass eine Neurezeption der Arbeiten der genannten Klassiker des Sozialismus wesentlich mehr zu bieten hat als bisher wahrgenommen oder durch Determinismus verschüttet wurde. Voraussetzung für eine aktualisierte historisch-materialistische Analyse und Einordnung der Epoche der Reformation und der Person Luthers ist sicherlich eine Loslösung von gegenwartsgenetischen Erkenntnisinteressen und eine Hinwendung zu Erklärungen aus der Epoche selbst und ihren ökonomisch-politischen und ideologischen Strukturmustern heraus. (11)
Martin Luther bleibt eine Herausforderung, auch 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg. In Vielem aber ist vor allem Karl Kautsky zuzustimmen.

Anmerkungen

1) Gerhard Zschäbitz, Zum marxistischen Lutherbild, in: Max Steinmetz (Hrsg.), Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland, Berlin (DDR) 1985, S. 154.
2) Gerhard Brendler, Martin Luther. Theologie und Revolution, Köln 1983, S. 95. Als Scholastik bezeichnet man die Methode der theologischen Beweisführung, die auf Aristoteles aufbauend theologische Fragen rational zu erörtern und zu entscheiden beanspruchte. Hauptvertreter der Scholastik war Thomas von Aquin (1225-1274).
3) Ebd., S. 99.
4) Ebd., S. 106f.
5) Siehe Martin Luther, Die reformatorischen Grundschriften, Band 1: Gottes Werke und Menschenwerke. Neu übertragene und kommentierte Ausgabe von Horst Beinker, München 1983. Die 95 Thesen mit Luthers Einladung zur Disputation sind abgedruckt auf S. 15-23. Die gesamte Reihe besteht aus vier Bänden.
6) Brendler, S. 115f.
7) Luther, Grundschriften, Band 1, a.a.O., S. 25-29.
8) Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, Erster Band, Hamburg 1957, S. 229.
9) Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat, München 1985, S. 73.
10) Hartmut Henicke, Arbeiterbewegung und Reformationsrezeption vom Vormärz bis zum Ersten Weltkrieg – Erkenntnisse und Grenzen. In. Arbeit-Bewegung-Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft 2017/II, Berlin, S. 86-104.
11) Holger Czitrich-Stahl, Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft 2017/II, auf https://globkult.de/geschichte/rezensionen/1199-arbeit-bewegung-geschichte-zeitschrift-fuer-historische-studien,-16-jahrgang-heft-2017-ii-berlin-metropol-verlag-2017.