Historische Notiz 171

Der griechischen Tragödie vorletzter Akt – Der Aufstand vom 14.-17. November 1973 im Athener Studentenviertel leitete das Ende der Diktatur ein. Historische Notiz 171 vom 13. November 2018

Der Athenbesucher kommt im Normalfall kaum am Besuch des wunderbaren Archäologischen Nationalmuseums vorbei, das, zurückgesetzt hinter einem geräumigen und hell strahlenden Vorplatz, wie ein griechischer Tempel die Umgebung prägt. Die wenigsten Touristen aber ahnen, dass sich unmittelbar neben diesem klassizistischen Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert im November 1973 eine Tragödie ereignete, bei der mindestens 23 Aufständische ihr Leben ließen, als das Militär am 17. November schießen ließ. Ort dieser Studentenrevolte war die Technische Hochschule Athens, ein ebenfalls klassizistischer Bau aus dem 19. Jahrhundert, der heute sehr unter dem Zahn der Zeit und dem Diktat der EU-Sparkommissare sichtbar leidet. An diesen Blutzoll des mutigen Aufstandes gegen die Diktatur der Obristen mit dem NATO-Segen erinnert die Skulptur einer sterbenden Studentin, die zwischen dem Hochschulgelände des Polytechneio und dem Nationalmuseum aufgestellt wurde. Man erreicht das Polytechneio, das im Stadtteil Exarcheia liegt, vom Omonia-Platz aus fußläufig über die Straße des 28 Oktober (Odos 28 Oktobriou) oder mit der U-Bahn und dem Bus von den Plätzen Monastiraki oder Syntagma aus.
An die studentische Erhebung des November 1973 und ihr Opfer für die Rückgewinnung der Demokratie gegen den Faschismus erinnert diese 171. Historische Notiz. Sie setzt die Reihe der Historischen Notizen fort, die an die Leidenszeit der Griechen zwischen 1967-1974 erinnern. Über den Putsch der Obristen am 21. April 1967, über den Papadopoulos-Attentäter und Widerstandskämpfer Alekos Panagoulis und über das Ende der Diktatur nach dem Zypern-Abenteuer des Militärs habe ich bereits in vorhergehenden Historischen Notizen geschrieben. Viele dieser Texte werden demnächst in einem Griechenland-Sammelband zusammengefasst werden und als Buch erscheinen.

Die Diktatur auf dem absteigenden Ast
Am 21. April 1967 putschten sich die dem Geheimdienst entstammenden Offiziere um Georgios Papadopoulos und Stylianos Pattakos, gedeckt von der NATO, die eine Linksentwicklung durch eine weitere Amtszeit des populären Linksbürgerlichen Georgios Papandreou fürchtete, an die Macht, einen Monat vor den geplanten Wahlen zum griechischen Parlament, der „Vouli“. Sie errichteten eine autoritäre, faschistoide Diktatur mit einem unbarmherzigen Polizeistaat, der in großer Zahl hemmungslose Folterknechte in seinen Diensten beschäftigte. Ein Großteil der Intelligenz floh ins Exil oder wurde in Internierungslagern wie auf den Inseln Giaros, Makronissos und Leros eingekerkert. Das Regime sollte unter Friedhofsruhe die Südostflanke der NATO schützen und gleichzeitig den Zypern-Konflikt mit der Türkei im Zaum halten. Doch immer wieder kam es zu Aktionen des Aufbegehrens oder der Verschwörung gegen die Diktatur. Im August 1968 scheiterte der Versuch von Alekos Panagoulis, mittels eines Bombenanschlags Papadopoulos zu töten. Panagoulis wurde verhaftet, bestialisch gefoltert und von der internationalen Öffentlichkeit aus seiner Haft befreit. Er blieb eine Gefahr und wurde mehrfach beinahe umgebracht. Doch aller Terror und alle Pressezensur erstickten nicht das demokratische Potenzial des griechischen Volkes. Schon 1970, gewiss zwar gedacht als Ermutigung, aber keinesfalls neben der Wahrheit, schrieb der spätere Ministerpräsident und Gründer der sozialdemokratischen PASOK, Andreas Papandreou, der Sohn des „alten Papandreou“ aus dem Exil in den USA: „Der fanatische Gegner der Junta jedoch ist die Jugend. Ihrer Freiheit und ihrer Vision von einem neuen, stolzen, fortschrittlichen, modernen und demokratischen Griechenland beraubt, unterdrückt wie kein anderer Teil der griechischen Gesellschaft, stellt sie die Führerschaft der neuen Widerstandsbewegung, die in Griechenland Gestalt annimmt“. (1) Demokratische Exilpolitiker wie Papandreou forderten vom Westen eine Isolierung der Junta statt deren Hofierung, da sie im Kalten Krieg als zuverlässige antikommunistische Kraft gebraucht wurde. Künstler wie Melina Mercouri oder nach seiner Freilassung 1970 Mikis Theodorakis machten im Ausland die Verbrechen der Obristen gegen Demokratie und Menschlichkeit öffentlich und wurden zu Leitfiguren des besseren Griechenland. Doch das Festhalten an der Diktatur auch seitens der NATO hielt die Clique um Papadopoulos an der Macht. Dem Westen, auch und gerade den USA, lag vielmehr an der Verschleierung des Polizeistaatscharakters der Diktatur. Dies um so mehr, als es dieser nicht gelang, eine stabile Basis in der Bevölkerung aufzubauen: „Das Regime schwankte zwischen dem Streben nach Verewigung der Diktatur einerseits und den Destabilisierungserscheinungen andererseits, welche sich zur Hauptsache daraus ergaben, dass zwischen den Machthabern und einer ansehnlichen Mehrheit des Volkes eine tiefe Kluft bestand“. Doch auch innerhalb der Junta und ihrer Umgebung bestanden Konflikte über die Grenzen der diktatorischen Gewalt. Besonders der Geheimdienstchef Ioannidis, der für das Terrorregime verantwortlich war, wurde zum Gegenspieler von Papadopoulos, der sich lieber als „väterlicher Diktator“ aufzuspielen gedachte. (2) Seine Pläne, diese Selbstilisierung als „Führer der Nationalen Revolution“ per Volksabstimmung in ein „pseudodemokratisches Präsidialsystem“, schienen zunächst erfolgversprechend: 78,4% Ja-Stimmen konnte Papadopoulos am 29. Juli 1973 für seine Pläne verbuchen. Doch scheuten sich die Obristen, die Verfassungsfarce auch umzusetzen, und präsentierten am 4. Oktober 1973 eine revidierte veröffentlichte Form, die gleichwohl den Schein eines restdemokratischen, für die USA akzeptablen Präsidialregimes aufrecht erhielt. Im gleichen Atemzug wurde ein zivil geführtes Kabinett mit dem Ministerpräsidenten Spyros Markezinis installiert. Hinter den Kulissen aber rangen die konkurrierenden Obristen- und Militärführer um die eigentliche Macht und gegen verbündeten sich auch gegen Papadopoulos. Sogar „freie Wahlen“ stellte das neuformierte Regime in Aussicht.(3) Am 19. August 1973 verkündete das Regime sogar eine Amnestie, die auch für Alekos Panagoulis galt. Nach einer gescheiterten Marineverschwörung im Mai 1973 wurde auch der Nationalkonservative Evangelis Averoff freigelassen, der fortan versuchte, über eine „Brückenpolitik“ einen leisen Übergang von der Diktatur in ein autoritäres Präsidialregime zu bewältigen. Doch insgesamt hatte das Jahr 1973 die Diktatur erheblich geschwächt: Die Militärs waren zerstritten, das NATO-Ausland besorgt über die Stabilität im Land und die Einsatzfähigkeit der NATO-Truppen, der öffentliche Druck wegen der Menschenrechtsverletzungen wuchs stark an, 25% der Griechen hatten das Referendum über die Verfassung boykottiert. Papadopoulos wollte mit Amnestie und Scheinzivilisierung der Macht seine Position retten. Doch er hatte die Rechnung ohne die Athener und die Studentenschaft gemacht.

Ausbruch und Verlauf des Aufstands vom 14.-17. November 1973
Am 4. November 1968 war Georgios Papandreou, der populäre Politiker der linksliberalen Zentrumsunion, verstorben. Am 5. Jahrestag seines Todes versammelten sich mehrere tausend Menschen in Athen und begannen nach einer kirchlichen Trauerfeier, Slogans gegen die Junta zu skandieren und ins Athener Zentrum zu marschieren. Als die Polizei eingriff, kam es zu einer Straßenschlacht mit zahlreichen Verletzten auf beiden Seiten. Als einige Studenten als „Rädelsführer“ vor Gericht gestellt wurden, kam es zu spontanen Protesten in Athen, Patras und Thessaloniki. Am 14. November wurde das Polytechneion besetzt, die Protestierenden versammelten sich in den Gebäuden der Universität. Unter anderem forderten sie freie Wahlen zu einer Studentenvertretung, die für den 4. Dezember angesetzt werden sollten. Es kam zu Verhandlungen mit Regierungsvertretern, in deren Folge diese Forderung zugestanden wurde, allerdings erst für den Februar 1974. Diese Verschiebung war für die Protestierenden unannehmbar, bedeutete sie doch, dass das Regime Zeit zu gewinnen trachtete, um die Proteste aufzuweichen oder niederzuschlagen. Die Stimmung wurde aggressiver, zudem angeheizt von agents provocateurs, die dem Regime den Vorwand zum Eingreifen liefern sollten. Die Universitätsleitung stellte sich auf die Seite der Studenten, diese installierten einen Kurzwellensender. „Während der Nacht herrschte lebhafte Aktivität im Gebäude und im Hof. Die Studenten verbarrikadierten alle Türen und das Hoftor, installierten einen Kurzwellensender und diskutierten in Arbeitsgruppen über ihr weiteres Vorgehen. Gegen Mitternacht übernahm ein gewähltes Komitee die Führung. Athener Sympathisanten brachten Lebensmittel. Gegen 2 Uhr in der Frühe des 15. November wurde die erste Sendung von Radio Polytechnio ausgestrahlt.“(4) Am Folgetag solidarisierten sich immer mehr Athener mit den Protestierenden, die nun zu Aufständischen wurden, indem sie Aufrufe zu Frieden und Demokratie über den Radiosender und mittels Flugblättern verteilten. Bis zum Abend waren 15000 Menschen auf das Gelände ds Polytechneion gekommen, eine Streikleitung wurde gebildet, der auch zwei Arbeiter und ein Auszubildender angehörten. Die Stimmung war fröhlich, die politische Grundstimmung links auf breiter Ebene, von sozialdemokratisch bis frei-kommunistisch oder anarchistisch, auch linksliberal. Der konservative Politiker Panagiotis Kannelopoulos und der populäre kretische Musiker Nikos Xilouris besuchten das Polytechneion zum Zeichen ihrer Solidarität, Xilouris sang die kretische Freiheitshymne „pote tha kani xasteria“ – wann wird es wieder hell werden?” (5) Auch die Hochschulen von Patras und Thessaloniki wurden von Studenten besetzt.
Ab dem 16. November drängte das Regime zum Handeln. Zwar plädierte Papadopoulos auf der Kabinettssitzung für ein bewaffnetes Einschreiten ohne direkte Anwendung massiver Gewalt, doch unterlief offenbar Ioannidis´ Geheimdienst ESA diese Marschrichtung und setzte erneut Provokateure ein. Auf dem zentralen Syntagmaplatz vor dem heutigen Parlament, dem alten Königsschloss, fand eine Protestkundgebung zur Solidarität mit den Aufständischen statt, die nicht vom Polytechneion, wo es weiter ruhig blieb, ausging, sondern von anderen Athener Hochschulen. Vor dem Ministerium für Öffentliche Ordnung kam es zu Gewaltaktionen, die Polizei umstellte das Gebäude und ließ Warnschüsse abgeben. Gleichzeitig wurde beschlossen, das Polyteichneion, in dem es weiter friedlich war, mit militärischer Gewalt zu entsetzen. Eine Stunde nach Mitternacht war das Polyteichneion von Panzern umstellt. Eine studentische Delegation bot einen freien Abzug innerhalb einer halben Stunde an, die Militärs gewährten lediglich zehn Minuten. Kurz nach zwei Uhr begann der brutale Einsatz: „Als sich ein Panzer näherte, riefen sie ‚Nicht schießen, wir sind Brüder‘. Dann begannen sie, die Nationalhymne zu singen. Noch bevor die zehn Minuten abgelaufen waren, rollte ein Panzer auf das schwere, schmiedeeiserne Tor der Hochschule zu. Pressefotos zeigen den Panzer mit der Kanone gegen das Polytechneion gerichtet mit dem Kommandanten im Turm stehend. Hinter dem Tor hatten die Studenten einen alten Mercedes als weiteres Hindernis geparkt. Der Panzer durchbrach das Tor und überrollte das Auto. Studenten und Journalisten, die auf den seitlichen Torpfeilern saßen, wurden heruntergeschleudert. Dabei soll es Tote gegeben haben. Die Soldaten drangen in das Gebäude ein. Um 2.45 Uhr endeten die Sendungen von Radio Polytechneion. Die Studenten auf dem Gelände und im Gebäude versuchten zu fliehen. Vielen gelang die Flucht, aber eine große Zahl wurde verhaftet.“ (6)

Opfer und Bedeutung des Aufstands im Polytechneion
„Präzise nachprüfbare Angaben über die Zahl der Toten, Verletzten und Verhafteten liegen bis heute (2012) nicht vor. Die im späteren Prozess gemachten Angaben schwanken. Danach hatte es zwischen 700 und 1.000 Verhaftete, zwischen 180 und 200 Verletzte und 23 Tote gegeben. Bei der Polizei soll es weniger als ein Dutzend Verletzte gegeben haben, von denen keiner Schussverletzungen hatte. Nur ein Polizist war ernsthaft verletzt. Eine Untersuchung der griechischen Forschungsstiftung (Ethniko Idryma Erevnon) aus dem Jahr 2003 nennt 24 Tote und 886 Verhaftete, unterscheidet aber nicht zwischen [den Vorfällen] an Polytechneion und Ministerium.“ (7) So heißt es bei Wikipedia und dürfte den Tatsachen sehr nahe kommen. Pavlos Tzermias schreibt dazu: „In hohem Ausmaß trug zur Entlarvung der Pseudodemokratisierung Papadopoulos´ die in ethischer Hinsicht großartige, von der Bevölkerung der griechischen Hauptstadt mitgetragene Erhebung unbewaffneter Studenten und Arbeiter im Athener Polytechneion vom 14. bis zum 17.11.1973 bei […] Trotz ihrer blutigen Niederschlagung in der Nacht vom 16. zum 17. November war sie jedoch gleichsam das Präludium zum im Sommer 1974 erfolgten Zusammenbruch des Diktaturregimes“.(8) Denn umgehend stürzten Ioannidis und Kumpane Georgios Papadopoulos und setzten sich selbst an die Spitze des Staates. Doch ihr Zypern-Abenteuer im Juli 1974 machte ihnen den Garaus und der Demokratie die Bahn frei. Die Aufständischen des Polytechneio, denen mit der eingangs erwähnten Skulptur ein Denkmal gesetzt wurde, haben den Weg dahin geebnet.

Anmerkungen
1) Andreas Papandreou: Die griechische Tragödie. Von der Demokratie zur Militärdiktatur, Wien/München/Zürich 1971, S. 320.
2) Pavlos Tzermias: Neugriechische Geschichte. Eine Einführung. Tübingen und Basel 1993 (2.), S. 199.
3) Ebd., S. 197-199.
4) https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_am_Polytechnio_Athen, Zugriff am 13. November 2018.
5) Davon gibt es auf einer DVD des Radiosenders ET1 über Nikos Xilouris ein Tondokument. Ansonsten siehe Anm. 4.
6) Vgl. Anm. 4.
7) Ebd.
8) Tzermias, S. 198.