Arthur Stadthagen-Journal

Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in Bernau – Streifzüge durch die Geschichte von 1848-1910. Vortragstext für die SPD Bernau (10. September 2012) vom 5. September 2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste der SPD in Bernau!

Auf Ihre freundliche Einladung hin, besonders von Seiten Ihres Vorsitzenden Rüdiger Klocke, habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, mit Ihnen über einen sehr bedeutenden Abschnitt der Geschichte dieser bedeutendsten deutschen Partei, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, zu sprechen. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands begeht nämlich am 23. Mai 2013 ihren 150. Geburtstag. An diesem Datum gründete sich in Leipzig der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ und wählte den Breslauer Publizisten Ferdinand Lassalle (1825-1864) zum ersten Vorsitzenden einer sozialdemokratischen Partei in der deutschen Geschichte. Das zu feiern wird ein großer Tag werden für alle, die sich in der großen demokratischen Tradition der deutschen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sehen.

Es geht in meinem Beitrag für den heutigen Abend vor allem um jene Phase der Geschichte, in der die Sozialdemokratie aus einer kleinen und verfolgten Arbeitervereinigung zur bedeutendsten politischen Interessenvertreterin der Arbeiterschaft und der „kleinen Leute“ werden konnte, um die Phase also, die wir auch heute noch mit dem Wirken von so wichtigen Persönlichkeiten wie August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Paul Singer, Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Friedrich Ebert, um nur einige zu nennen, verbinden. Es war die Zeit, in der die Sozialdemokratie, die sich vor dem Hallenser Parteitag von 1890 „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) nannte und sich auf diesem Parteitag ihren noch heute geltenden Namen gab, von Jahr zu Jahr und von Wahl zu Wahl beinahe automatisch stärker und stärker wurde, bis sie 1912 die mit Abstand kopfstärkste Reichstagsfraktion stellte. Ihr endgültiger Sieg und der Weg zum demokratischen Sozialismus schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, als dann, am 28. Juni 1914, mit den Schüssen von Sarajevo die Katastrophe des ersten Weltkrieges über Europa herein zu brechen begann. Als der Krieg endlich beendet wurde und das Deutsche Reich von einer absoluten Monarchie in der Novemberrevolution zur parlamentarischen Republik transformiert wurde, waren aus der alten und stolzen Vorkriegs-SPD zwei, bald schon drei Parteien geworden: die Mehrheitssozialdemokraten der MSPD um Fritz Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Wels, die Unabhängigen Sozialdemokraten der USPD um Hugo Haase, Georg Ledebour und Rudolf Breitscheid, und zuletzt die Kommunistische Partei Deutschlands, entstanden u.a. aus der Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie aus kleineren linksradikal-kommunistischen Gruppen wie z.B. der KAPD.

Auch der Kreis Niederbarnim, zu dem Bernau ja nicht nur zu Kaisers Zeiten gehörte, besaß ein prominentes Reichstagsmitglied und einen bekannten Sozialdemokraten der damaligen Zeit, den Rechts- und Sozialexperten Arthur Stadthagen aus Berlin. Seinen Namen kennen Sie längst auch als Straßennamen in Ihrer Stadt, aber Bernau hat diesen Vorzug recht exklusiv für sich. Da Arthur Stadthagen jedoch beinahe völlig vergessen ist, obwohl viele Errungenschaften des Sozialstaats und des Rechtsstaates seit der Revolution des November 1918 mit seinem Wirken verknüpft sind, nutze ich diese Gelegenheit gern, Ihnen auch unseren politischen Vorfahren Arthur Stadthagen einmal etwas näher vorzustellen. Er entzieht sich nämlich jeder einseitigen Vereinnahmung durch die eine oder andere Strömung der historischen Arbeiterbewegung durchaus.
Anknüpfen möchte ich dieses Portrait an die vorausgehenden Bemerkungen über die Geschichte der Arbeiterbewegung in Ihrer Stadt Bernau, und Sie werden sehen, dass Bernau in dieser Hinsicht eine beträchtliche Tradition vorzuweisen hat. Alle Arthur Stadthagen betreffenden quellenkundlichen Erkenntnisse habe ich übrigens in einer Biographie zusammengefasst, die unter dem Titel „Arthur Stadthagen – Anwalt der Armen und Rechtslehrer der Arbeiterbewegung“ bei Peter Lang erschienen ist. Da der Verkaufspreis dieser kleinen Auflage bei 100 Euro liegt, biete ich meine Autorenexemplare für 30 Euro an, denn ein Buch zu veröffentlichen heißt, immer erst Schulden zu machen. Vielleicht wecke ich ja heute oder später das Interesse bei dem einen oder der anderen unter Ihnen. Ich werde an verschiedenen Stellen auch etwas vorlesen, wenn Sie einverstanden sind.

I. Der Wahlkreis Niederbarnim

Beginnen möchte ich mit einer Charakterisierung des seinerzeitigen Reichstagswahl- und Landkreises Niederbarnim.
Der Reichstagswahlkreis Potsdam 6/Niederbarnim besaß eine enorme Ausdehnung, die ihn zu den flächenmäßig größten des Kaiserreiches werden ließ. Im Südwesten grenzte er an Spandau, zog sich nördlich entlang der Havel bis nah an Kremmen heran, erstreckte sich in nordöstlicher Richtung an Liebenwalde vorbei, beschrieb auf Höhe des Werbellinsees einen scharfen Knick nach Südost durch den Barnim nach Bernau, um von dort aus auf den Lauf der Löcknitz zu treffen. Ihrem Lauf in die Spree folgend, verlief die Wahlkreisgrenze in westlicher Richtung bis zur alten Stadtgrenze und im Norden um Berlin herum wieder Richtung Spandau.
Dieser Wahlkreis besaß eine flächenmäßige Ausdehnung von 1738,93 km2. Seine Einwohnerzahl belief sich im Jahre 1905 auf 391.521. Die anteilige Fläche der Städte betrug 146,18 km2, jene der Landgemeinden 836,24 km2. Die Gutsbezirke machten eine Fläche von 756,50 Km2 aus.
An der Bevölkerungsentwicklung im Wahlkreis Niederbarnim ist das schnelle Wachstum auffällig. Lebten Anno Domini 1871 noch 88.679 Bürger in ihm, so wuchs seine Einwohnerschaft bis 1895 auf 229.243.
Die Ursachen dieser demographischen Vervierfachung hängen mit der schnellen Industrialisierung des Berliner Raumes zusammen. Insbesondere in Lichtenberg, Reinickendorf, Tegel, Weißensee, Pankow, Boxhagen-Rummelsburg und Ober-Schöneweide ließ sich dieser Prozess am deutlichsten nachweisen. Hier sowie auch in Stralau und Wittenau bestanden bereits Industriebetriebe, wenngleich in unterschiedlicher Größe und Konzentration. Das Werden Tegels zu einem bedeutenden Industriestandort durch die Verlegung der Borsig-Werke aus Moabit (1898) und die Entstehung der Arbeitersiedlung Borsigwalde(1900) standen noch bevor.
Berlin hatte in seine Randgebiete auszugreifen begonnen. Der Bau von Eisenbahnlinien und allgemein von Verkehrswegen förderte diesen Expansionsprozess des Industriestandortes Berlin zusätzlich, außerdem konnten seine Stadtteile oft nicht mehr den nötigen Wohnraum bieten, so dass sich die zuströmenden Arbeitskräfte im Randbereich ansiedelten. Der Prozess der Agglomeration fand seinen administrativen vorläufigen Abschluss mit der Bildung Groß-Berlins am 27. April 1920. Wie die Stadtgeschichte Bernaus auf der Stadthomepage ausweist, besitzt Bernau ja bereits seit 1842 seinen Bahnhof an der Berlin-Stettiner Bahnstrecke.
Weitere infrastrukturell wichtige Standorte waren die mit dem Baugewerbe verbundenen Zweige der Steine und Erden, die sich rund um Berlin erstreckten wie Rüdersdorf, Mühlenbeck, Herzfelde und Birkenwerder. Bernau machte sich bekanntlich als Standort z.B. der Handschuhmacherei und der Braukunst seinen Namen.
Insgesamt führte die schnelle Industrialisierung des Umlands nicht nur zu dem bereits erwähnten regionalen Bevölkerungswachstum, sondern vor allem zu einem soziokulturellen Umwälzungsprozess. Während die Anzahl der Bauernhöfe schrumpfte, wuchs der Anteil der Lohnabhängigen und ihrer Familien bis 1900 in Weißensee auf 62,5 %, in Reinickendorf auf 61 %, in Boxhagen-Rummelsburg auf 55,4 %. Der Berliner Durchschnitt hingegen betrug 54,8 %.
Gleichzeitig transportierte die zunehmende Verflechtung der Stadt Berlin mit ihren Umlandgemeinden sozialdemokratisches Gedankengut in die Randbereiche. Träger dieser kulturellen Strukturveränderung waren sowohl die Arbeiterfamilien, die aus Berlin in die Randgemeinden zogen als auch die Arbeitskräfte aus dem Umland, die in Berliner Betrieben beschäftigt waren und so in die Agitation und Organisation der Arbeiterbewegung einbezogen wurden. So vermeldete bereits am 10. Juli 1878 der Landrat des Kreises Niederbarnim, Georg Scharnweber (1816-1894), an den Regierungspräsidenten in Potsdam: „Die sozialdemokratischen Ideen fanden zuerst Eingang im Jahre 1872 und wurden in den Kreis hineingetragen von Personen, die in Folge der damaligen Wohnungsnoth aus Berlin in die angrenzenden Ortschaften des Kreises anzogen. Gleichzeitig fanden dieselben Eingang durch die im Kreise wohnenden Bauhandwerker, die in den Jahren 1872/75 fast ausschließlich in Berlin arbeiteten und durch die Bernauer Weber, die für Berliner Geschäfte arbeiteten.“
Insgesamt bevorzugte die zunächst überwiegend agrarische Struktur des Wahlkreises die Konservativen. In den Wahlen vom 10. Januar 1874 setzte sich der Kandidat der Deutschen Reichspartei, Ulrich de Tanneur von Saint-Paul-Illaire noch deutlich gegen seine Konkurrenten von den Nationalliberalen (Rüxleben) und der Fortschrittspartei (Gründel) durch.
Im Jahr 1877, ebenfalls am 10. Januar, konnte der Konservative Saint- Paul-Illaire sich nicht mehr in der Hauptwahl durchsetzen und musste sich in der Stichwahl vom 25.1.1877 seinem Kontrahenten Dr. Emanuel Mendel (Fortschrittspartei) geschlagen geben. Der Kandidat der SAPD, der Berliner Carl Finn, verbuchte in einigen städtischen Bereichen Achtungserfolge in der Hauptwahl. So erhielt er in Friedrichsfelde, Friedrichshagen und Lichtenberg die meisten Stimmen.
Bereits im Jahr 1874 kamen ADAV und SDAP auf einen addierten Stimmenanteil von 20,59 % der abgegebenen Stimmen, was exakt 2142 Stimmen bedeutete. Im Reichsdurchschnitt belief sich der Anteil der Sozialisten auf 6,8%. Eine hochinteressante Entwicklung bahnte sich an. Der Niederbarnimer Landrat Scharnweber warb daher massiv für Versuche der Infiltration, der Bildung von Konkurrenzorganisationen, und, als diese Versuche wirkungslos verpufften, für die administrative Beschränkung der Wirkungsmöglichkeiten der Arbeiterbewegung im Niederbarnim.
Dessen ungeachtet wuchs die Wählerschaft der Sozialisten weiter an, gefördert durch die Vereinigung von ADAV und SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) im Mai 1875 in Gotha. Im Januar 1877 votierten 2877 Wähler für die Sozialisten. Die Reichstagsneuwahl im Juli 1878 im Vorfeld des Sozialistengesetzes ließ das Wahlergebnis etwas schrumpfen, noch 2775 Voten für die immer stärker bedrängte Arbeiterpartei wurden dennoch verbucht.
Die erste Wahl unter dem Sozialistengesetz fand am 27. Oktober 1881 statt und zeigte zunächst die von den Konservativen erhoffte Wirkung: Nur noch 935 Männer gaben der SAPD ihre Stimme, für die der Schuhmachermeister Friedrich Arndt aus Bernau im Niederbarnim kandidierte. Er stand auch drei Jahre später, am 28.10.1884, als Kandidat der Sozialdemokratie zur Wahl und erhielt diesmal wieder 2893 Stimmen, nominell also eine Wiederanknüpfung an die Ergebnisse aus der Zeit vor der Illegalisierung.
Dabei fällt überdeutlich ins Auge, dass gerade die wachsenden Stadtsiedlungen am Rande Berlins das Potenzial der Sozialdemokratie bargen. Die anwachsende Arbeiterbevölkerung wurde durch die Bestimmungen des “Sozialistengesetzes” massiv von einem Votum für die Sozialdemokratie im Jahr 1881 abgehalten. 1884 konnte die SAPD ihre Wählerzahl zumindest in diesen Bereichen des Wahlkreises Niederbarnim wieder stabilisieren. Die Landgemeinden und Gutsbezirke blieben “Diaspora”, zumal die Landbevölkerung unter dem politischen Druck der Honoratioren und Gutsbesitzer stand. Hier benötigten die Sozialdemokraten einen längeren Zeitraum, um sich eine kleine Wählerschaft zu erarbeiten.

1886/87 wurde der bekannte bayerische Sozialdemokrat und spätere Revisionist Georg von Vollmar als SAPD-Kandidat für den Niederbarnim nominiert. Sein Auftreten, kombiniert mit der wachsenden Stärke der SAPD auch unter den Bedingungen der Illegalität, ließ die Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl vom 21.2.1887 eine Verdoppelung ihrer Wählerstimmen feiern.

II. Die Anfänge der Bernauer Arbeiterbewegung

Hier ist nun der Zeitpunkt gekommen, Ihnen über die Entstehung der Sozialdemokratie in Bernau zu berichten. Dabei verstehe ich unter Sozialdemokratie neben ihren Parteien, also ADAV, SDAP, SAPD und schließlich SPD sämtliche gewerkschaftliche, kulturelle, sportliche und gesellige Organisationen im Umfeld der „Mutterpartei“.
Zusammenschlüsse von Arbeitern im Kreis Niederbarnim lassen sich bereits bis in die Zeit der Revolution von 1848 zurückverfolgen. In Bernau beispielsweise entstand in jenem Jahr der „Demokratische Sozial-Verein“, der rund 400 Mitglieder organisiert haben soll. Geleitet wurde er vom Kupferschmied Polack, den Lehrern Eduard und Ludwig Zaar und den Webern Meltzheimer, Wünsch, Kluck, C. Balke und dem Werksführer F. London. Die Mitgliedschaft bestand vorwiegend aus Webermeistern, Webern, Handwerkern anderer Gewerke und aus Tagelöhnern. Wegen seines Engagements auch für Lohnfragen schloss ihn der Bernauer Magistrat im Juni 1849. Nach diesem Vereinsverbot traten die Mitglieder dem königstreuen „Patriotischen Verein“ Bernaus bei, den sie alsbald majorisierten, so dass auch dieser Verein trotz seines obrigkeitstreuen Namens Ende 1850 ebenfalls dem Verbot zum Opfer fiel. Das gleiche Schicksal erfuhr der lokale Verein der „Arbeiterverbrüderung“, immerhin aus 111 Mitgliedern bestehend. Sie alle wurden im Zuge der Zurückdrängung der Revolution von 1848 und der Paulskirchenbewegung geschlossen. Diese wertvollen Auskünfte gibt uns die Potsdamer Dissertation von Gerhard Pardemann, auch wenn sie auf der Ebene der Deutungen noch den Vorgaben der Ulbricht-Zeit folgt. Eduard Bernsteins „Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung“ ist eine ungemein wertvolle zeitgenössische Fundgrube, bezieht allerdings nur punktuell den Niederbarnim ein. Insgesamt aber gelang es der Obrigkeit, die aufkeimende Arbeiterbewegung für Jahre völlig zu unterdrücken. Viele ihrer Repräsentanten wie Stefan Born, der Gründer der „Arbeiterverbrüderung“, gingen ins Exil, andere wie Wilhelm Weitling vom „Bund der Geächteten“ wanderten gar aus in die Vereinigten Staaten von Amerika.
Nach einer restriktiven Phase der Obrigkeit gegenüber der Opposition im „Deutschen Bund“ kam es um 1858/59 zu einer etwas liberaleren Phase, in der sich erste Parteien wie der „Deutsche Nationalverein“ bilden konnten. Auch die Arbeiter-Bildungsvereine erwachten wieder zum Leben. Aus dem Gewerblichen Bildungsverein in Leipzig, der zunächst eng an den „Nationalverein“ angelehnt war, sollte sich 1869 die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SDAP) mit Wilhelm Liebknecht und August Bebel gründen.

Diese Liberalisierungstendenz mit der Chance zur Gründung bisher strikt untersagter Organisationen erreichte selbstverständlich auch Bernau. 1863 gründete sich der „Consumverein sozial-demokratischer Richtung zur Beschaffung billiger Lebensmittel“, dem rund 100 Bernauer angehörten. Als Leiter fungierte der Weber Buchholz. Im gleichen Jahr entstand der „Männer-Turnverein“ mit etwa 50 Mitgliedern. Beide Vereine galten der Obrigkeit als verdächtig, weil sie „nachtheiligen Einfluß“ ausübten.
Als im „Norddeutschen Bund“ im Mai 1869 ein beschränktes Koalitions- und Streikrecht in Kraft trat, schlossen sich im Niederbarnim, vor allem in Bernau, die ersten gewerkschaftlichen Organisationen zusammen: „1869 wurde der Ortsverein der Stuhlarbeiter, 1872 der Sozialverein der Handschuhmachergehilfen und 1873 der Lokalverein des allgemeinen deutschen Maurervereins und ebenso der Gewerkschaftsverein der Maurer- und Schornsteinfegergesellen gegründet.“ Bismarcks Sieg über Österreich bei Königgrätz am 3. Juli 1866 und die damit verbundene Entscheidung für eine „kleindeutsche Lösung“ ohne Wien verlangte nach Konzessionen an die liberale Bewegung, die eine „großdeutsche Lösung“ mit Deutsch-Österreich abgelehnt hatte und so an der Seite Preußens und Bismarcks stand. Im Schatten dieser zeitweiligen Liberalisierung keimte auch der Sproß der Sozialdemokratie in Bernau heran.

Die ersten sozialdemokratischen Parteiorganisationen sind seit 1871 in Bernau nachweisbar. Eine Ortsgruppe des lassalleanischen ADAV wurde wohl 1871 gebildet und vom Arbeiter W. Siering geleitet, eine Ortsgruppe der SDAP, also der „Eisenacher“, ist seit 1873 nachweisbar. „Im Jahre 1873 hatte die Ortsgruppe der Eisenacher in Bernau, wie Bernstein schreibt, durch Weber Gladewitz eine Versammlung mit dem Thema „Leipziger Hochverratsprozeß und die Sozialdemokratie“ ins „Elysium“ einberufen.“ Doch traten beide Arbeiterorganisationen zunächst auch gegeneinander auf. Dabei nutzte dem ADAV wohl vor allem, dass er auf eine vergleichsweise längere Organisationsgeschichte zurückblicken konnte, denn seine Gründung datierte auf den 23. Mai 1863, die Gründung der SDAP auf den 7./8. August 1869. Und so stellte auch Franz Mehring fest: „Die Lassalleaner waren die ältere Fraktion und hatten eine sechsjährige Kriegserfahrung vor den Eisenachern voraus; die günstigsten Quartiere waren schon in ihren Händen, als die Eisenacher begannen. Die Lassalleaner waren weit überwiegend in dem einzigen Großstaate des neuen Reichs vertreten; sie hielten die Reichshauptstadt und eroberten von ihr aus die Mark Brandenburg.“ Die Unterschiede zwischen beiden Ursprungsparteien der Sozialdemokratie lagen vor allem in der Betrachtung der Rolle des Staates und der daraus resultierenden politisch-praktischen Konsequenzen. Während die „Lassalleaner“ den Staat, besonders den preußischen, als weitgehend neutrale Instanz verstanden, sahen die „Eisenacher“ in ihm, getreu der Haltung von Marx und Engels, den geschäftsführenden Ausschuss des Unternehmertums. Praktisch hieß das, dass der ADAV für seine Idee der Produktiv- und Konsumgenossenschaften vom Staat Kredite erwartete und deshalb zu begrenzter Kooperation bereit war, wohingegen die SDAP eine, wie man heute sagen würde, fundamentaloppositionelle Position verkörperte, die auf den letztlichen Zusammenbruch des Kapitalismus vertraute.
Trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen erreichte die spätere vereinigte Sozialistische Arbeiterpartei bei den Reichstagswahlen erste Achtungserfolge. Am am 10. Januar 1874 wählten 2142 Männer im Niederbarnim den Vertreter des ADAV, Crüwel, der somit auf 20,59 % der Stimmen kam, wohingegen das Reichsergebnis lediglich auf 6,8 % für ADAV und SDAP zusammen lautete. Im Gegensatz zu den sechs Berliner Wahlkreisen kandidierten im Niederbarnim ADAV und SDAP nicht gegeneinander. In Bernau selbst lässt sich folgende weitere Wählerentwicklung für die sozialdemokratische Bewegung bei den Reichstagswahlen dokumentieren:

Hauptwahl 10.1.1877: Carl Finn 237 Stimmen
Hauptwahl 30.7.1878: Friedrich Arndt 234 Stimmen
Hauptwahl 27.10.1881: Friedrich Arndt 46 Stimmen
Hauptwahl 28.10.1884: Friedrich Arndt 221 Stimmen
Hauptwahl 21.2.1887: Georg von Vollmar 357 Stimmen.

Nach dem Tiefpunkt von 1881 unter den Bedingungen der Verfolgung durch Staat und Polizei war die SAPD 1884 beinahe wieder an die Wählerzahl der Zeit vor dem „Sozialistengesetz“ heran gekommen.

III. Die Entwicklung nach dem Gothaer Parteitag vom Mai 1875

Doch wie entwickelte sich die sozialdemokratische Organisation im Bereich um Bernau herum? Mangels direkter örtlicher Quellen muss ich vor allem die generelle Entwicklung im Niederbarnim aufzeigen, aus der sich die entsprechenden Rückschlüsse ziehen lassen.
Der politische Druck auf die Arbeiterparteien beschleunigte deren Vereinigung. Der Zusammenschluss von ADAV und SDAP in Gotha zur SAPD wiederum beschleunigte die Bildung von Organisationsstrukturen der Sozialdemokratie im Niederbarnim. Für die Niederbarnimer Sozialdemokraten nahm Otto Kapell, selbst Berliner, am Vereinigungsparteitag in Gotha teil. Er vertrat 25 Genossen aus Weißensee. Dass die Dominanz der Lassalleaner auch nach dem Gothaer Parteitag von 1875 fortbestand, lässt sich an den Kandidaten der Sozialdemokratie für den Reichstagswahlkreis Niederbarnim ablesen. Carl Finn entstammte ebenso dem ADAV wie der Bernauer Schuhmacher Friedrich Arndt, der als Kandidat auf Finn folgte.
In den Jahren vor der Verhängung des Sozialistengesetzes am 21. Oktober 1878 gingen die Behörden und die Fabrikbesitzer sehr repressiv gegen die junge Arbeiterbewegung vor. Am Stadtgericht Berlin obwaltete seit Anfang 1874 als erster Staatsanwalt nun Hermann Ernst Christian Tessendorf. Er befolgte besonders nach dem Gothaer Vereinigungsparteitag vom 22. bis 27. Mai beflissen Bismarcks Linie, der ein „energisches Vorgehen gegen die sozialistischen Vereine, insbesondere auch gegen die Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften, Fachvereine)“ im gesamten Reichsgebiet gefordert hatte. Wer als Sozialdemokrat identifiziert war, verlor häufig seine Arbeit und bekam große Probleme, wenn es einen neuen Arbeitsplatz zu finden galt. Landrat Scharnweber unterstützte das rigide Vorgehen von Behörden und Betrieben. In der Ära Tessendorf wurden allein in Preußen in den ersten Monaten 87 ADAV-Mitglieder zu insgesamt 211 Monaten und drei Wochen Gefängnis verurteilt.
Im Anschluss an den Gothaer Parteitag gründeten sich neue „Sozialistische Arbeiter-Wahlvereine“, so auch in Bernau. Jedoch gerieten die neuen Organisationsgliederungen schnell in den Fokus der behördlichen Überwachung. Tessendorf ließ am 19. März 1876 den Berliner Verein verbieten und setzte durch, dass das Betätigungsverbot für die SAPD am 30. März 1876 auf ganz Preußen ausgedehnt wurde. Unter den Bedingungen der Halbillegalität führte nun das „Zentral-Wahlkomitee“, das aus der Reichstagsfraktion konstituiert wurde, die SAPD. Ihm gehörten unter anderem Ignaz Auer, Heinrich Brasch, Carl Derossi, August Geib, Georg Wilhelm Hartmann und Wilhelm Hasenclever an.
Im Niederbarnim überwachte die Polizei die sozialdemokratischen Bestrebungen, wie beispielsweise in Weißensee: „Vom 1. April 1877 bis zum 31. März 1878 wurden von ihr neun sozialdemokratische Veranstaltungen bespitzelt.“ Besonders auf dem Land war es ausgesprochen schwierig, sich als Sozialdemokrat zu betätigen: „Dagegen war es nur in wenigen Ortschaften möglich, größere Versammlungen abzuhalten, weil die geeigneten Lokale für die Sozialisten nicht hergegeben wurden“, wie Eduard Bernstein resümierte. Jedoch half der „Märkische Volksfreund“, der seit dem 1. Oktober 1876 zwei Mal pro Woche erschien, bei der Aufklärungsarbeit im Berliner Umland weiter.
Insgesamt hielt die Sozialdemokratie im Niederbarnim auch der rabiaten Agitation der herrschenden Kräfte nach den Attentaten auf Wilhelm II. stand und behauptete sich bei den „Attentatswahlen“ vom 30. Juli 1878. Friedrich Arndt bekam immerhin noch 2775 Stimmen statt 2855 bei der Januarwahl 1877. Im Mittelpunkt der Wahlkampfführung stand der Kampf gegen die Steuerpolitik der Reichsregierung. In einem Wahlaufruf, verantwortet vom „Vorstand des Arbeiter-Wahlvereins für den Nieder-Barnimer Kreis“, griffen die Sozialisten Kanzler Otto von Bismarck scharf an, er wolle zugunsten der Militärrüstung die indirekten Steuern erhöhen, „Der Tabak, der Zucker, das Bier, der Branntwein und das Petroleum sollen die Steuerobjekte bilden!!…Diese Steuern werden zum großen Theil von den ärmeren Klassen der Bevölkerung getragen.“
Der vormalige Niederbarnimer Kandidat Carl Finn musste übrigens für die Durchsetzung des „Sozialistengesetzes“ am 21. Oktober 1878 herhalten. Nach dem Attentat auf Wilhelm I. am 2. Juni 1878 schrieb der kaisertreue Reporter Bennemann, er habe den Attentäter Karl Eduard Nobiling auf einer Landpartie mit Wilhelm Hasenclever, dem Berliner Reichstagsabgeordneten, und Carl Finn gesehen. Dies erwies sich zwar als völlig falsch, half Reichskanzler Otto von Bismarck jedoch beim Kampf gegen die aufstrebende Sozialdemokratie, die nun per Gesetz weitgehend illegalisiert werden sollte.

IV. Unter dem „Sozialistengesetz“

Am 21. Oktober trat 1878 das „Sozialistengesetz“ in Kraft. Am 28. November wurde gemäß dem § 28 Absatz 3 des Ausnahmegesetzes der „kleine Belagerungszustand“ auch über den Reichstagswahlkreis Niederbarnim verhängt. Die Sozialdemokratie und alle ihr angeschlossenen Vereine befanden sich von nun an in der Illegalität oder wurden umgehend verboten. Im Dezember 1878 griff die Polizei zum Mittel der Ausweisung. Während der zwölfjährigen Dauer betraf diese Maßnahme fünfzehn Aktivistinnen und Aktivisten der Sozialdemokratie Niederbarnims. In diesen zwölf Jahren schuf sich auch die Niederbarnimer Parteiorganisation ein illegales Vertrauensmännersystem und stellte die ersten Kontakte zu den Berliner Nachbarn her. Man gründete Kranken- und Sterbekassen, unter deren Dach sich wieder Sozialdemokraten zusammen fanden und sich oft recht erfolgreich der Bespitzelung entziehen konnten. Trotzdem brachte man Agitationsmaterial unter das arbeitende Volk: „Für den Zusammenhalt in der Partei ist es bezeichnend, daß dennoch bis in die entlegeneren kleinen Ortschaften persönlich der Entschluß zur Teilnahme verbreitet worden, und schon am Abende vor der Wahl die Stimmzettel vertheilt worden sind“, konstatierte die überwachende Polizei womöglich nicht ohne Staunen. Überhaupt funktionierte die illegale Arbeit der Sozialdemokratie nach folgendem Muster: „Die Parteimitglieder schlossen sich in den einzelnen Orten und Kreisen den jeweiligen lokalen Bedingungen entsprechend zusammen. Für diese vor der Polizei verborgene, illegale Organisation bürgerte sich bald die Bezeichnung „innere Organisation“ ein. Die Parteimitglieder wählten sogenannte Vertrauensmänner, die die Verbindung mit den illegalen Organisationen der Nachbarorte hielten. Andere bewährte Mitglieder hielten den Kontakt mit der Redaktion und Expedition des „Sozialdemokrat“. Grundsätzliche Fragen der Parteiarbeit und –politik wurden auf geheimen Versammlungen, den sogenannten Corpora-Versammlungen, die oft im Freien stattfanden, beraten und geklärt.“ Am 16. Januar 1890 jedoch traf sich an anderer Stelle, in Berlin, nämlich „abends von 8 1/2 bis 10 1/2 Uhr …in dem Tanzlokal von Gruschwitz, Friesenstraße N. 12 eine Corpora-Versammlung der Vertrauensleute des II-ten Wahlkreises unter Vorsitz des Tischlers Schuhmann…An gen. Veranstaltung nahmen zirka 50 bis 60 Personen teil. (Es) wurden folgende Personen als Reise-Agitatoren gewählt: 1. Buchdrucker Werner, 2. Schuhmacher Baginski, 3. Rechtsanwalt Stadthagen“.
Gleichwohl bestand der berechtigte Wunsch nach legalen Kontakten. Zu diesem Zweck schrieben sich viele Niederbarnimer Sozialdemokraten, die am Rande der Großstadt beheimatet waren, auch in Gesangvereine, Theatergesellschaften, Pfeifenklubs etc. ein. Dies stärkte den Zusammenhalt. Die Vertrauensmänner wiederum trafen sich an Abenden oft im Freien. Aber auch Organisationsgründungen politischer Natur wurden versucht, so in Weißensee, als sich 1884 die „Partei der werktätigen Bevölkerung“ zusammenfand. Bis 1889/90 verstärkte sich zudem der Organisationsgrad der gewerkschaftlichen Fachvereine in Berlin und Umgebung. Hierbei wuchs die Verbundenheit der Mitglieder aus beiden Reichstagswahlgebieten. Und im Jahre 1887 schloss sich die Niederbarnimer Sozialdemokratie der Berliner Organisation an, was den Zusammenhalt insgesamt stärkte und ein Verflechtungsnetz zu erzeugen half, das die Gesamtorganisation stützte. Zur Reichstagswahl am 21. Februar 1887 verteilten die Niederbarnimer Sozialdemokraten ein doppelseitiges Wahlflugblatt für ihren Kandidaten Georg von Vollmar, gerichtet an die „Arbeiter! Handwerker! Landleute!“ Die letzten Zeilen des Flugblattes beschrieben nochmals die Umstände, unter denen die Arbeiterpartei ihren Wahlkampf führen musste: „Es wird uns unmöglich gemacht, persönlich oder durch Versammlungen zu Euch zu reden, da in den meisten Ortschaften die Lokale versagt worden sind, sehen wir uns veranlaßt, auf diesem Wege unsere Meinung kund zu geben. G. Maynhardt, J. Vieweg“.
Den Wahlkreis verteidigte Arnold Lohren, die Sozialdemokratie aber bekam 22,43 % der abgegebenen Stimmen im ersten Wahlgang. Diese Erstarkung der Arbeiterpartei dürfte nicht unwesentlich zur Ausweisung weiterer Vertreter der Niederbarnimer Organisation im Frühjahr 1887 beigetragen haben. Andere wurden auf Geheiß der Obrigkeit entlassen, wie am 1. April 1887 der Posthilfsbote Schibolsky in Bernau, der auf seinen Botengängen in Schönow nicht nur Post austrug, sondern in seinen Gesprächen häufig sozialistisches Gedankengut äußerte oder gar Flugblätter verteilte. „Die sozialdemokratischen Wühlereien des Genannten sind dem Postamte in Bernau nicht unbekannt geblieben“, hieß es dann auch aktenkundig. Dessen ungeachtet musste Landrat Scharnweber im Juli 1888 berichten: „Die Socialdemokratie hat zur Zeit noch nicht an Anhängern verloren, im Gegentheil noch gewonnen, zum Theil selbst dadurch, daß in Folge des Zwanges des Gesetzes das Verhalten im Allgemeinen äußerlich ruhiger geworden…“ist.“ Die „Zahl der kleinen Agenten und Agitatoren habe sich ebenfalls vermehrt“. Und mit einigen von diesen Vertretern der Niederbarnimer Sozialdemokratie wird auch Arthur Stadthagen beruflich oder konspirativ, vielleicht über seine Kanzleiräume in der Landsberger Straße 62, in Kontakt gekommen sein. Die Bernauer Sozialdemokraten, so resümierte Pardemann, „ließen sich deshalb in ihrem Kampf gegen den militaristischen Obrigkeitsstaat und das Sozialistengesetz nicht beirren, so daß der Landrat der Bernauer Polizei am 16.4.1887 anrät, den Bernauer Turnverein stärker als bisher zu überwachen. Tatsächlich war er ein Sammelbecken der Sozialdemokraten.“
Und so überstand die Sozialdemokratie Niederbarnims die Jahre des Sozialistengesetzes von 1878-1890 gestärkt und nicht geschwächt, wie es ihre obrigkeitlichen Gegner zu erzwingen versucht hatten. überall im Reich veranstalteten die Sozialdemokraten spontane Freudenfeiern am 25. Januar 1890. Dennoch bleibt als traurige Gesamtbilanz der Unterdrückungsjahre festzuhalten, dass 155 periodische und 1200 nichtperiodische Drucksachen verboten worden waren, rund 900 Ausweisungen vollzogen wurden, darunter von 500 Familienvätern, sowie 1000 Jahre Gefängnisstrafe für 1500 Personen im Reich verhängt worden waren. 332 Arbeitervereine, darunter auch Gewerkschaftsverbände, fielen der Verbotspraxis zum Opfer. Und so gelangte denn auch Eduard Bernstein zu seiner abschließenden Würdigung des Sozialistengesetzes: „Es ist schwer zu sagen, ob die Art und Weise, wie dies Machwerk sein Ende fand, Bismarck und seine Kartellparteien nicht in noch viel schimpflicherem Lichte erscheinen lässt, als die Mittel, mit denen es in die Welt gesetzt worden war. Lüge und Fälschung hatten ihm Atem gegeben, Hinterhältigkeit und Bosheit bliesen ihm, soweit seine Stützen in Betracht kamen, das Lebenslicht aus. Ein würdiges Ende.“ Und Franz Mehring charakterisierte rückwirkend mit den folgenden Worten die psychologisch-politische Wirkung des Sieges der Arbeiterbewegung über das Sozialistengesetz „Sie war in den Kampf gezogen, ein Jüngling mit schnell aufgeschossenen Gliedern, mit manchen schwärmenden Gedanken im Kopf; als sie heimkehrte, war sie ein muskelkräftiger und wettergehärteter Mann, entschlossen, fertig, klar, gewachsen welch Höchstem immer.“ Dieses Lob dürften auch die Bernauer Sozialdemokraten gern auf sich bezogen haben.

V. Die Reichstagswahl vom Februar 1890

An dieser Stelle möchte ich nun zur Stadthagen-Biographie greifen, um Ihnen eine Passage daraus vorzulesen:
„Am 15. Januar 1890 veröffentlichte das „Niederbarnimer Kreisblatt“ in seinem amtlichen Teil die „Verordnung betreffend die Wahlen zum Reichstag vom 8. Januar 1890: Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen verordnen auf Grund der Bestimmungen des § 14 des Wahlgesetzes vom 31. Mai 1869, im Namen des Reichs, was folgt: Die Wahlen zum Reichstag sind am 20. Februar 1890 vorzunehmen.“ Die Niederbarnimer Sozialdemokraten nominierten auf mehreren Wahlversammlungen den Berliner Rechtsanwalt Arthur Stadthagen zum Reichstagskandidaten der Partei. Stadthagen, schlagfertig, redegewandt und forsch, dementsprechend unbeliebt bei seinen Berufskollegen, zumal er jüdischen Glaubens war, trat seit 1887 immer offener für die Sozialdemokratie ein. Aber wie sollte Arthur Stadthagen öffentlich auftreten, wenn das geltende „Sozialistengesetz“ es der Polizei gestattete, jede verdächtige Zusammenkunft sofort zu untersagen? Doch Arthur Stadthagen und seine Niederbarnimer SAPD-Genossen waren findig.Um die Staatsmacht an der Nase herum zu führen, betitelte sie einige von Stadthagens Versammlungen mit einem Zitat aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell: „An´s Vaterland, an´s theure, schließ Dich an!“ Es wurde der Anschein einer patriotischen Zusammenkunft erweckt, die ein präventives Verbot ausschloss. So konnte die Polizei erst dann einschreiten, wenn ein Verstoß gegen die Bestimmungen des § 9 vorlag, ein präventives Verbot war ausgeschlossen. Das Scheitern Bismarcks mit seinem Versuch der erneuten jährlichen Verlängerung dieses Illegalisierungsgesetzes gegen die Arbeiterbewegung im Herbst 1889 brachte der Sozialdemokratie einen unerhörten Auftrieb. Die Intensivierung ihrer Agitationsarbeit zu den Wahlen war die logische Folge.
In vielen Orten des Wahlkreises lud Stadthagen unter diesem Motto der Vaterlandstreue oder mit Themen wie „Über das Koalitionsrecht der Arbeiter“ die Anhänger der Sozialdemokratie zu Hunderten auf seine Kundgebungen ein, unterstützt von Flugblättern, die die Arbeiter und die Landbevölkerung auf die bestehenden sozialen und politischen Benachteiligungen der „kleinen Leute“ hinwiesen. Stadthagen forderte in seinem Vortrag die vollständige Durchsetzung des Koalitionsrechtes der Arbeiter und betonte die Notwendigkeit der Mitgliedschaft in Interessenorganisationen. Es sei notwendig, „unsere Lehre weiterzuverbreiten, täglich, stündlich“, um die Arbeiterklasse mächtig zu machen. Waren dann mehrere hundert Anhänger zusammengekommen, konnte die Polizei lediglich bei verdächtigen Handlungen oder aufrührerischen Reden die Versammlung auflösen. Der Preis dafür war hoch, denn jede Auflösung bedeutete einen Gesichtsverlust für die staatliche Autorität.“
Zur Unterstützung des Wahlkampfes bildete sich sich ein Niederbarnimer Zentralwahl-komitee, dem auch der geschasste Postbote W. Schibolsky aus Bernau angehörte. Von November 1889 bis zur Stichwahl am 1. März 1890 fanden im Wahlkreis Niederbarnim insgesamt 46 größere Wahlversammlungen der SAPD statt, hinzu kamen 14 „Besuche“ bei den Freisinnigen. Auch in Bernau trat Stadthagen mehrfach vor der Anhängerschaft der Sozialdemokratie auf. Als er „am 3. November 1889 in Bernau in einer sozialdemokratischen Versammlung referieren wollte, stand weder ein Lokal zur Verfügung noch war die Veranstaltung unter freiem Himmel erlaubt. So zogen die 500 Teilnehmer in die nördlich Bernaus gelegenen Wälder.“ Ein weiterer Wahlkampfauftritt fand am 8. Februar 1890 in Bernau statt: „„Am Sonnabend, den 8. d. Mts., Abends 8 Uhr, findet im Saale des „Elysiums“ eine Wähler-Versammlung statt. Alle 3 Kandidaten des diesseitigen Kreises sind eingeladen. Herr Arthur Stadthagen hält zur Vorbereitung der Reichstagswahl einen Vortrag.“ Als Einlader fungierte G. Schöder. Am 12. Februar schrieb das Niederbarnimer Kreisblatt über die von rund 750 Wählern besuchte Versammlung: „Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden Herrn Schöder um 8 ½ Uhr eröffnet, und ergriff dann der socialdemokratische Wahlcandidat, Rechtsanwalt Stadthagen aus Berlin das Wort und legte in einer ca. 2 ½ Stunden dauernden Rede das Programm der socialdemokratischen Partei und seine eigenen Ansichten klar. – Hierauf…sprach dann noch der hiesige Schuhmachermeister Arndt im socialdemokratischen Sinne…Zum Schlusse erfolgte noch eine kleine Debatte wegen Hergabe der Säle des Elysiums und Schützenhauses zu socialdemokratischen Versammlungen.“ Der Sozialdemokratie blieb auch in den folgenden Jahren manch Versammlungssaal versperrt. Und auch die Konservativen kämpften mit harten Bandagen. Noch am 19. Februar wiederholte das „Niederbarnimer Kreisblatt“ den Aufruf zur Wahl gegen Stadthagen und die Sozialisten: „Zur Wahlurne! Donnerstag, den 20. Februar hat jeder Wähler seine Stimme für die Neuwahl des Deutschen Reichstages abzugeben. Der Kaiser hat gerufen, Jeder folge dem kaiserlichen Rufe! Niemand darf sagen, „Auf meine Stimme kommt es nicht an“; ganz im Gegentheile:„es kommt auf jede Stimme an“. Keiner darf fehlen! Vorwärts mit Gott für Kaiser und Reich!“

Am 25. Februar 1890 druckte das „Niederbarnimer Kreisblatt“ das amtliche Endergebnis der Hauptwahl für den Wahlkreis Niederbarnim ab. Das Ergebnis kam einem Erdrutsch gleich. 13362 Stimmen entfielen auf Arthur Stadthagen, das bedeutete einen Stimmenanteil von 45,27%! Arnold Lohren, der bisherige konservative Mandatsinhaber, verbuchte 11482 Stimmen, alle anderen Kandidaten endeten abgeschlagen. In Bernau votierten mehr als doppelt so viele männliche Wähler für Arthur Stadthagen als im Jahre 1887 für Georg von Vollmar, nämlich 770 statt 357. Da aber weder Arnold Lohren noch Arthur Stadthagen die absolute Mehrheit in der Hauptwahl erreichen konnten, musste am 1. März 1890 die Stichwahl entscheiden. Schon am 26. Februar veröffentlichte das Niederbarnimer Kreisblatt einen Wahlaufruf aller bürgerlich-konservativen Parteien für Arnold Lohren. Am Wahltag kam es zu jenem berüchtigten tätlichen Übergriff auf sozialdemokratische Stimmzettelverteiler in Blumberg, der als das „Massaker von Blumberg“ in die Annalen der hiesigen Arbeiterbewegung einging. Dabei wurden mehrere Sozialdemokraten von Kriegervereinlern und anderen aufgeputschten Dörflern krankenhausreif geprügelt. Dennoch konnten die Konservativen den Wahlsieg Stadthagens nicht verhindern, der am Schluss mit 15411 gegen 15025 Stimmen vorn lag. Dabei waren vermutlich jene Stimmen mitentscheidend, die in der Hauptwahl für die linksliberalen Freisinnigen abgegeben worden waren: Das Niederbarnimer Kreisblatt mutmaßte, dass sich die vormals rund 4223 Stimmen aus der Hauptwahl wie folgt aufteilten: „ 1450 sich der Wahl enthalten, 1150 für Lohren und 1623 für Stadthagen gestimmt haben.“In Bernau selbst erhielt Stadthagen nun 942 Stimmen, Lohren hingegen nur 473 anstatt 431 in der Hauptwahl. Die Bernauer wählten also mit großer Mehrheit sozialdemokratisch. Das sollte sich während der Jahre bis zum Ende des Kaiserreiches nicht mehr großartig ändern. Stadthagen verteidigte den Wahlkreis Niederbarnim bis zu seinem Tod am 5. Dezember 1917 stets erfolgreich mit wachsenden Mehrheiten.

VI. Das weitere Auftreten der Arbeiterbewegung in Bernau bis 1900

Im Folgenden möchte ich mit Ihnen nun den Streifzug durch die Aktivitäten der Arbeiterbewegung in Bernau fortsetzen, ohne den geringsten Anspruch auf jedwede Vollständigkeit zu erheben. Dennoch wird sich an dieser kursorischen Betrachtung das Wachstum der Arbeiterbewegung deutlich machen lassen.
Schon am 1. Mai 1891 kam es zu einer weiteren Massenversammlung der Sozialdemokratie in Bernau, auf der Arthur Stadthagen, der nunmehrige Reichstagsabgeordnete der SPD, sprach. Einmal mehr war das „Elysium“ der Schauplatz der Feier des 1. Mai als des Kampftages der Arbeiter. Es „füllte sich Abends zur Feier des Tages und Abfassung einer Resolution der große Saal des hiesigen Elysiums von Männern und Frauen bald derartig, daß viele Personen keinen Zutritt finden konnten. In der Versammlung sprach der Reichstags-Abgeordnete Stadthagen und wurde…eine auf den 8stündigen Arbeitstag bezügliche Resolution gefaßt. Mit einem Hoch auf den 8stündigen Normalarbeitstag wurde die von 500 bis 600 Personen besuchte Versammlung geschlossen. Der Saal war an der Bühne mit rothen Fahnen decorirt.“ Am folgenden Sonnabend, dem 2. Mai, veranstaltete die Sozialdemokratie ihre eigentliche Maifeier, über die das Niederbarnimer Kreisblatt ebenfalls ausführlich berichtete: „An der Vormittags stattgehabten Waldpartie haben 6-700 Personen theilgenommen, darunter über 120 Berliner. Der Zug bewegte sich mit einem Musikcorps und mit rothen Fahnen vom Mühlenberge aus nach der Borderheide. Der Rückmarsch erfolgte Nachmittags 3 Uhr, und wurde dabei das Dorf Schönow durchzogen. Von 4 Uhr ab nahm die Feier im hiesigen Schützenhause ihren Fortgang, zunächst durch Concert und von Abends ab durch Ball in beiden Sälen. Sowohl Nachmittags, als auch Abends waren die Räumlichkeiten des Schützenhauses drückend gefüllt, so daß man hier über 1000 Festtheilnehmer zählen konnte.“ Dieses Wochenende gehörte in Bernau also 1891 der Arbeiterbewegung, am 4. Mai wurde in der Stadt das traditionelle „Hussitenfest“ begangen. Bernau nämlich besitzt historische Erfahrungen mit Belagerungen. So widerstand es 1402 einem Angriff der Quitzows und widersetzte sich 1432 erfolgreich den Hussiten. Daran erinnert das jährliche Hussitenfest. Überdies genoss Bernau einen weit über seine Grenzen hinausgehenden guten Ruf als Brauerstadt in der Mark. Das wissen Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, am besten.
Belagerungen im politischen Sinne erlebte Bernau im deutschen Kaiserreich gleich mehrere. Zwei große Versammlungslokale in Bernau dienten den politischen Kontrahenten immer wieder als Adresse für ihre Versammlungen: das „Elysium“ und das „Schützenhaus“. An das „Elysium“ erinnert ja noch heute der Name „Elysiumteich“. Das „Elysium“ selbst lag am damaligen Königstor. In seinen Räumlichkeiten fanden sowohl Veranstaltungen der Kaiserlichen, der Liberalen und der Sozialisten statt. Schon am 20. Mai 1893 an einem Sonnabend trat Arthur Stadthagen in Bernau vor seine Anhänger. Als Veranstaltungsort dieser öffentlichen Wählerversammlung wurde einmal mehr das „Elysium“ ausgesucht; die Kundgebung begann um 18.30 Uhr und kostete jeden Besucher einen „Arbeitergroschen“, also 10 Pfennige. Am darauf folgenden Tag sprach Stadthagen um 13 Uhr im Lokal des Herrn Damis in Prenden, bei Klosterfelde in der Nähe des Wandlitzsees gelegen. Auch im Juni 1893 fanden Reichstagswahlen statt. Am 1. Juni 1893 sprach im „Elysium“ der Kandidat der Konservativen, Prof. Irmer aus Berlin, am 6. Juni 1893 folgte ihm der freisinnige Kandidat, Schriftsteller Arnold Perls (Berlin). Der Reichstagsabgeordnete Arthur Stadthagen wich am 9. Juni ins „Schützenhaus“ aus, etwa 350 Zuhörer folgten seinen Ausführungen, wie das „Niederbarnimer Kreisblatt“ vom 11.6.1893 berichtete. Außerdem unterstützten ihn die Sozialdemokraten Schöder und Krüger aus Bernau. Das Kreisblatt selbst wirkte stets als Sprachrohr der konservativen Kräfte im Kreis. Dennoch gewann Stadthagen auch im Juni 1893 abermals das Mandat, zum letzten Male benötigte er dafür die Stichwahl gegen Prof. Irmer.
Dabei steigerte er sein Wahlergebnis von 766 Stimmen in der Hauptwahl auf 891 in der Stichwahl, was aber gegenüber 1890 einen kleinen Verlust bedeutete.
Fünf Jahre später wiederholte sich das Szenario. Am 19. Mai 1898, dem Himmelfahrtstag, mobilisierte die katholische Zentrumspartei ihre Anhängerschaft ins „Elysium“. Ihr folgten der „Conservative Volksverein“ des Kreises, der erneut Prof. Irmer zur Wahl stellte. Wenige Tage vor der Wahlentscheidung trat Irmer am 10.6.1898 im „Schützenhaus“ auf, während Arthur Stadthagen für den 11.6.1898 das „Elysium“ gemietet hatte. Der „Freisinn“ folgte an gleicher Stelle am 13. Juni mit seinem Kandidaten Plonz.
Doch obwohl vor allem die Konservativen alle Kräfte anspannten und sogar die publizistische Unterstützung des Grafen Posadowsky-Wehner erhielten, immerhin Staatssekretär im Innenministerium und Vizekanzler im Reich, der im „Niederbarnimer Kreisblatt“ vom 12. Juni 1898 zur Wahl gegen die Sozialdemokratie als „Umsturzpartei“ aufrief, gewann Arthur Stadthagen erneut das Reichstagsmandat. Im Gegensatz zu 1890 und 1893 siegte er dieses Mal bereits im Hauptwahlgang mit großem Vorsprung von 23017 Stimmen gegen 19330 Stimmen der gesamten Konkurrenz. In Bernau erhielt Stadthagen im Hauptwahlgang 752 Stimmen, Irmer bekam 400, Plonz nur 196 Stimmen. Abermals verbuchte die SPD einen minimalen Stimmenverlust. Diesen wogen aber die Gewinne in den unmittelbaren Vororten Berlins mehr als nur auf. Außerdem verlor auch die Konkurrenz, und zwar deutlicher, so dass sich der Vorsprung Stadthagens sogar noch vergrößerte.
Der Aufstieg der Bernauer Arbeiterbewegung zur stärksten politischen Kraft, wie es in den Reichstagswahlen als Ausdruck der Kräfteverhältnisse niederschlug, verlief natürlich keinesfalls ohne Störungs-, Infiltrations- und Observierungsbemühungen der Obrigkeit. Schon nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ am 30. September 1890 intensivierte die Polizei ihre Beobachtungen der sozialdemokratischen Gliederungen, Organisationen und Repräsentanten. Auf Basis des Runderlasses des Potsdamer Regierungspräsidenten vom 11. Dezember 1890 legte die Polizei Listen führender Vertreter der Arbeiterbewegung im Kreis Niederbarnim an, denen wir heute die Namen einiger Aktivisten der damaligen Zeit entnehmen können. Für Bernau waren vermutlich im Jahre 1895 verzeichnet:

Wilhelm Weber, Webermeister, 36 Jahre alt, Weinbergstr. 23, Vorsitzender des
Gesangvereins „Freiheit“ in Bernau,
Otto Leist, Webermeister, 31 Jahre alt, Wallstraße 2, Kassierer der Hilfskasse der
Textilarbeiter im Ort,
Gustav Krüger, Seidenwirker, 33 Jahre alt, Weinbergstr. 59, früherer Vertrauensmann
und Vorsitzender des Arbeiter-Bildungsvereins in Bernau,
Hermann Schibolsky, Maurer, 40 Jahre alt, Weinbergstraße 79,
Heinrich Höhne, Seidenwirker, 35 Jahre alt, Weinbergstraße 79,
Carl Schulz, Seidenwirker, 30 Jahre alt, Weinbergstraße 32, Spediteur des
„Berliner Volksblattes“ und des „Vorwärts“,
Adolf Gartz, Seidenwirker, 36 Jahre alt, Weinbergstraße 79, Stadtverordneter.

VII. Fazit und Ausblick

Um 1900 zählte die sozialdemokratische Parteiorganisation in Berlin rund 20.000 Mitglieder; rund 95.000 organisierte Gewerkschafter sowie Tausende von Mitgliedern in den sozialdemokratischen Massenorganisationen widerspiegelten die Tatsache des Bestehens einer mächtigen Gegenbewegung gegen das kaiserliche Deutschland. Und so ließ es sich August Bebel nicht nehmen, in einem sozialdemokratischen Kalender für das Jahr 1901 die Aufgaben der Sozialdemokratie im neuen Jahrhundert zu erläutern. Er erklärte das 19. Jahrhundert als „der Geschichte anheimgefallen“, beschrieb die Errungenschaften des Kapitalismus und der Industrialisierung als zwingende Voraussetzungen für die Durchsetzung einer sozialistischen Perspektive und benannte die zahlreichen Versuche und Methoden, die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. „Die Bewegung wird, darin liegt ihr Wesen und ihr Leben, nur dadurch ihr Ende finden, daß sie ihr Endziel erreicht. Eher kommen die ausgebeuteten und unterdrückten Klassen nicht zur Ruhe, als bis auch der letzte
Rest von Ausbeutung und Unterdrückung verschwunden ist. Die Menschheit wird endlich erlangen, wonach sie bisher vergeblich gestrebt, sie wird ein Geschlecht von Freien und Gleichen werden und so ein Ziel erreichen, das den vorgeschrittensten Geistern aller Völker und Zeiten vor Augen schwebte.“
Es entsprach die den gesamten Text wie ein roter Stimmungsfaden durchziehende euphorische Zukunftserwartung vollkommen der Stimmungslage in der Arbeiterbewegung, deren Wachstum und Organisationskraft beständig zunahmen. Neben der SPD und den freien Gewerkschaften belebten zahlreiche weitere Organisationsformen das Leben der Arbeiterschaft. „Aus den Gesellenverpflegungs- und Krankenunterstützungskassen und –vereinen früherer Zeiten wurden regionale oder nach Gewerkschaften organisierte Invaliden-, Witwen-, Spar-, Arbeiterversorgungs- und Streikkassen, aber auch Heirats- und Begräbniskassen.“ So schuf sich die Arbeiterklasse um 1900 ein eigenes soziales und kommunikatives Netz und kämpfte gleichzeitig um eine ihren Interessen stärker entsprechende Sozialgesetzgebung. Hinzu kamen ein ausgeprägtes Genossenschaftswesen für die Wohnungs-, Lebensmittel- und Werkzeugversorgung, die Arbeitersportbewegung, die Jugendverbände, die Frauenorganisationen, Bildungsvereine, Rechtsberatungen, der Arbeiter-Samariter-Bund, Abstinenzlervereine, Gesangvereine usw., die bewusst den bürgerlichen oder kirchlichen Organisationen entgegentraten und so ein eigenes Arbeiterbewusstsein zu unterstützen bestrebt waren.

Die Mitgliederentwicklung in Stadthagens Kreiswahlverein Niederbarnim nahm einen vergleichbaren Verlauf wie in Berlin. Es bestanden dort „12 Bezirkswahlvereine mit knapp 2000 Mitgliedern. Etwa 5000 Arbeiter waren Abonnenten des „Vorwärts“. Die Mitgliederstärke der Niederbarnimer Parteiorganisation entwickelte sich wie folgt:

1901 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908
2671 3526 4150 5281 6090 6730 9194 11105 Mitglieder.“

Da der Kreiswahlverein Niederbarnim 1897 rund 1500 Mitglieder vereinte, lässt sich ein direkter Zahlenvergleich mit der Berliner Sozialdemokratie ziehen. Diese wuchs zwischen 1897 und 1905 um rund 5800 Mitglieder, was mehr eine Verdoppelung bedeutete. Im selben Zeitraum stieg der Mitgliederbestand im Niederbarnimer Wahlverein von rund 1500 auf 6090 Mitglieder, also ein Zugewinn von 4590, gleichbedeutend mit einer Vervierfachung. Diese Mitgliederentwicklung vollzog sich jedoch vor allem in den industrialisierten Vororten Berlins, wohingegen auf dem „platten Lande“ kaum Bindungen von Sozialdemokraten existierten. Bezirks- oder Ortswahlvereine gab es 1904 in Bernau, Dalldorf, Erkner, Friedrichsfelde, Friedrichshagen, Lichtenberg, Neuenhagen, Oranienburg, Oberschöneweide, Pankow, Reinickendorf, Rummelsburg, Stralau, Tegel, Waidmannslust, Weißensee und Wilhelmsruh.
Über die in Bernau existierenden sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen wie geselligen Vereine der Arbeiterbewegung lässt sich hier im Einzelnen noch wenig sagen. Aber eine regionalgeschichtlich orientierte Quellenforschung könnte hier sicherlich viele neue Erkenntnisse zu Tage fördern, die den Aufstieg der Arbeiterbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts auf auf örtlicher Ebene sichtbar werden lassen. Bislang kann man lediglich die der Aufstiegsbewegung im Deutschen Reich entsprechende Tendenz in Bernau vor allem wahlpolitisch mit Blick auf das Wirken Arthur Stadthagens nachzeichnen. Es fehlen allerdings fundamentale organisationsgeschichtliche Ergänzungen und Vertiefungen, die aber durch geduldige Arbeit in den Archiven zustande kommen könnten. In einer Zeit, in der die einseitig neoliberale Interpretation der Globalisierung viele Erkenntnisprozesse zu verschütten droht, die „sich nicht rechnen“, lohnt sich diese historische Rekonstruktionsanstrengung umso mehr. Ich würde mich freuen, wenn dieser Vortrag an dieser Stätte Sie dazu anregen könnte, auf diesem Gebiet initiativ zu werden. Der anstehende 150. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sollte ein guter Grund hierfür sein.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!