Begleiterscheinungen

Auf leisen Sohlen (Zeitreise re-reloaded). Begleiterscheinungen, Teil 44 vom 26. März 2019

Wie groß auch immer die Entfernung zum elterlichen Haus oder zur elterlichen Wohnung, in der man aufgewachsen ist, sein mag, immer hat man das Gefühl, es „war schon immer so“. Dementsprechend muss es auch immer so bleiben. Wie mancher Vogel immer zu seinem Ort zurückfindet, an dem er geschlüpft ist, so reist man immer zurück in Vertrautes. Das Kinderzimmer, die Küche, die Plätze, wo Leckeres zu finden war, alles scheint für die Ewigkeit zu sein. Doch dann kommt der Moment, der einen aus allen Ewigkeitsräumen heraus reißt: Die Zeit ist gekommen, Abschied zu nehmen, der verbliebene Elternteil entschließt sich zum Umzug, zum Verkauf. Die Zeit ist gekommen, sich mit dem Unaufschiebbaren zu befassen. Das Nest wird geräumt. Nun auf einmal bricht sich die Gewissheit Bahn, dass jeder Besuch der letzte gewesen sein könnte. Nicht dass man erwarten würde, dass es mit diesem Prozess nun besonders schnell ginge, aber das Zeitgefühl kehrt sich um. Zumal dann, wenn man diese Erfahrungen von Vergänglichkeit bereits einmal gemacht hat. Bislang stand immer ein Zimmer für den Besuch frei. Bald aus und vorbei. Dann heißt es, sich ein Hotel als Stützpunkt für einen Besuch heraus zu suchen. Und es heißt auch, sich häufiger auf den Weg zu machen, denn vor allem die Person, um die es geht, führt einem wie ein Spiegel die Vergänglichkeit des Gewohnten und des Daseins vor Augen. Mancher umgesetzte Baum verdorrt schnell, sind erst einmal die Wurzeln gekappt. Das trifft nicht auf alle Charaktere in gleicher Weise zu, aber doch vom Prinzip. Es ist eine letzte Etappe, die Zielgerade des Lebens vielleicht schon. Froh kann man sein, wenn noch die Zielkurve dazwischen liegt. Aber man weiß eh nicht, ob das Leben als Sprint oder als Langstrecke seinen Lauf nimmt, seinen letzten. Hoffen kann man, dass die Natur der Person, die einem vor Urzeiten das Leben schenkte, sich als genau so robust erweist, wie man sie immer gekannt hat.
Der suchende Blick richtet sich auf alles, was man bislang als gegeben hingenommen hat, aber genau so auf Übersehenes, beinahe Vergessenes, vermeintlich Weggelegtes. Hie und da finden sich noch Schätze aus der Zeit des eigenen Heranwachsens, beispielsweise ein Friedensposter aus der Zeitung der DGB-Jugend, „ran“. Es ist das Bedürfnis, im Wissen um die Unumkehrbarkeit des Abschieds nichts zurück zu lassen, was einem lieb und wert ist, oder sogar geschmerzt hat. An jeder Türleiste, an jeder Ecke hängt schließlich eine gemeinsame Erinnerung. Darin könnten noch Überraschungsmomente liegen, zumindest kurzfristig. Es verdrängt aber nicht die aufkommende Melancholie des Abschieds auf leisen Sohlen.
Der Blick auf das Wiehengebirge hatte bis gestern etwas Heimatliches. Seit gestern umgibt diesen „meinen“ Höhenzug ein Hauch von Wehmut und Abschied. Möge er sich nicht nur auf leisen Sohlen vollziehen, sondern auch ruhig, freundlich und möglichst langsam. Ich wünsche mir noch viel Zeit für ein Aufnehmen und Einbrennen von Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Und es spätestens jetzt an der Zeit, Danke zu sagen, solange noch die Zeit da ist. Danach tragen wir die Schuhe mit den leisen Sohlen.

(Geschrieben in Berlin-Reinickendorf nach einem Besuch in Isenstedt)