Begleiterscheinungen

Kommos-Reflexionen. Begleiterscheinungen, Teil 42 vom 3. November 2018

Nirgendwo in Griechenland fühlt man sich dessen Göttern näher als am Olymp. Und nirgendwo auf Kreta gilt dasselbe für die Messara-Ebene oder den Psiloritis in Bezug auf den kretischen Zeus. Das Psiloritis-Massiv wölbt sich vor einem in Richtung Norden hoch in den Himmel, bis zu seinen Ausläufern sind es keine zwanzig Kilometer. Bei klarer Sicht erkennt man die Kamares-Höhle, nicht weit entfernt liegt die Idäische Höhle, eine jener beiden Berggrotten, in denen der Sage zufolge Zeus geboren wurde bzw. aufgewachsen war. Auf halbem Wege zwischen Meer und Psiloritis erstreckt sich der Hügel von Phaistos mit seinem Palast, dem zweitbedeutendsten der minoischen Epoche vor rund 3700 Jahren, als sich Europas früheste Hochkultur herausbildete, beeinflusst von Ägyptern und Kanaanitern, den Vorläufern der Phönizier. Und an keinem Platz der Messaraküste genießt man solch einen herrlichen Rundblick wie vom Strand von Kommos aus. Hier liege ich nun und schaue in die Runde.
Nach zwei Tagen mit unseren Glienicker Nachbarn, die wir u.a. mit einer Tagestour rund um den Kedros und den Psiloriti gestalteten – Kloster Arkadi, Gerakari, Amari, Anogia – und sowohl an die große kretische Kultur und Tradition als auch an die Opfer des Kampfes gegen die osmanischen und deutschen Besatzer erinnert wurden, und einem kompletten Regentag, stellen sich nun langsam die erwartete Ruhe und Routine ein. Der Wind bläst heuer stark kräftig entlang des Psiloritis von Ost nach West, die Wellen tragen auf dem offenen Meer weiße Kämme und dringen wie in einem Bogen auf die Küste ein. Genau nach Westen, als Mittelpunkt und Blickfang des Meerblicks, schaut man auf die beiden Paximadia-Inseln. Bis fast nach Agios Pavlos in Richtung Plakias reicht die Sicht entlang der Küste. Über Agia Galini, das wie ein Vogelnest zwischen Gebirgen und Steilküsten eingezwängt zu sein scheint, thront der 1777 Meter hohe Kedros, jener Bergzug, an dem entlang im Sommer 1944 die beiden englischen Agenten William Stanley Moss und Patrick Leigh Fermor mit einer tollkühnen Gruppe von kretischen Partisanen, den „Andarten“, den deutschen General Heinrich Kreipe zur Bucht von Rodakino brachten, um ihn nach Ägypten zu entführen. Anogia und Gerakari wurden als Racheaktion der Wehrmacht niedergebrannt, die Männer, derer man habhaft wurde, wurden erschossen. Das große Andartenmonument auf der Nida-Hochebene am Psiloritis kündet vom Gedenken an den Freiheitswillen der Kreter, den auch die barbarischsten Strafaktionen der Besatzer nicht zu brechen vermochten, aber auch von der Bereitschaft zur Versöhnung, in deren Genuss wir als Nachfahren der Besatzer heute kommen, durch die sprichwörtliche kretische Gastfreundlichkeit.
Über Kokkinos Pirgos und Tymbaki hinweg schwenkt der Blick zum Psiloritis mit seinem sich etwas im Hintergrund reckenden höchsten Gipfel, dem Timios Stavos, immerhin 2456 Meter hoch. Markanter aber ist das Doppelhorn im Vordergrund, der Mavri, durch den der Psiloritis seine Stiergestalt erhält, ein geradezu mythologischer Ort und Ursprung der weltbekannten Sagen und Erzählungen, die am Beginn unserer Kultur stehen. Fortan verstellen die Hügel am Kommos den Blick in die Ferne, allerdings kann man ja recht zügig am Strand entlang nach Kalamaki gehen, dem nächsten bekannten Urlaubsort an der Küste, außer Matala. Auf nicht einmal halbem Wege gruben kanadische und amerikanische Archäologenteams die mykenische Hafenanlage von Phaistos aus, das antike Kommos. Sand und Felsen gehen von nun an in einem gelb-brauen Farbtongemisch ineinander über. Nach Jahren der mutwillig erzeugten Erosion, ein Parkplatz wurde „freigeschoben“, bepflanzte man das Gestein mit Wolfsmilchgewächsen, was deutliche Stabilisierungserfolge zeitigt. Immer mehr Macchiaknollen wachsen die Hügel hinauf. Das Kirchlein Agios Panteleimon krönt die Felsen am Kommos, es bietet phantastische Ausblicke, ein echter Kultort, zu dem ich fast jedes Mal hinauf klettere.
Der Rundblick wird abgeschlossen durch die eindrucksvolle Felsenklippe, die Kommos von Matala trennt. So wie sich die „Taverna Kommos“ und das „Bunga Bunga“ in die Ecke der Bucht schmiegen, so säumen zwei Restaurants, das „Mystical View“ und das „Vrachos“ die atemberaubende Oberkante der Klippe. Zwischen ihrem Kap und den Paximadia-Inseln taucht gelegentlich Gavdos auf. Südlicher geht’s nimmer in Europa. Und mittendrin ich.
Kommos erleichtert. Die Seele wird beflügelt. Manches Problem kommt seiner Lösung näher. Denn in Kommos, unter Zeus´ kretischen Augen, wird man an eine Tugend erinnert, die einem der neoliberale Alltag zu oft raubt: Geduld!

(Geschrieben am 25. Oktober 2018 am Kommos. Nach der Lektüre eines Büchleins von Arn Strohmeyer beschloss ich kurz darauf, aus meinen Dutzenden von Beiträgen zu Griechenland und seiner Kultur, Landschaft und Geschichte einen Sammelband zu machen, der 2019 erscheinen könnte. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt!)