Begleiterscheinungen

Zeitreise „reloaded“. Begleiterscheinungen, Teil 43 vom 28. Dezember 2018

Dass eine Fahrt zurück in den Raum von Kindheit und Jugend eine Form der Zeitreise darstellt, dürfte sich nicht zum ersten Male herumgesprochen haben. Es ist ja auch keine neue Erkenntnis an sich. Und so werden bestimmte Erinnerungen oder Sinneswahrnehmungen „reloaded“, d.h. sie treten aus dem Unbewussten wieder hervor und binden so Heutiges und Vergangenes zusammen. Als ich gestern wieder nach Ostwestfalen-Lippe fuhr – mit der Bahn, versteht sich -, musste ich mangels eines Taxis am Lübbecker Bahnhof erst einmal einen knappen Kilometer mit meinem Reisegepäck in Richtung Stadt laufen, um am dortigen Busbahnhof endlich ein Taxi anzutreffen. Ich weiß gar nicht, wann ich letztmalig diesen Weg gegangen war, vermutlich seit mehr als 35 Jahren nicht mehr. Und da es theoretisch hätte sein können, dass ich auch dort kein Taxi angetroffen hätte, bekam ich schon fast Lust, den Bus von Lübbecke nach Frotheim bis zur Isenstedter Kirche zu nehmen. Diesen Bus habe ich als Kind und Jugendlicher gefühlte Hundertmale benutzt, anfangs entweder mit meiner Oma, wenn sie einen Arzttermin in Lübbecke, z.B. beim Augenarzt hatte, oder mit meinen Eltern. Bei meiner Oma fiel immer eine Bratwurst ab, damals am Alten Markt am Lübbecker Rathaus, als sich der Busbahnhof noch dort befand. Thieker-Reisen aus Frotheim, ich weiß gar nicht, ob es diesen Fuhrbetrieb überhaupt noch gibt. Aber am Busbahnhof stand ein Taxi, und so blieb ich von dieser Vernetzung des Vergangenen mit dem Heutigen entbunden. Da ich eine sehr gesprächige und nette Taxichauffeurin hatte, war die Fahrt nach Isenstedt recht kurzweilig.
Dass es immer ein merkwürdiges Gefühl erzeugt, in das elterliche Haus zurück zu kommen, zumal man vor fast vierzig Jahren seine Zelten abzubrechen begonnen hatte, liegt auf der Hand. Aber seit gut zwei Jahren lebt nur noch meine Mutter in ihm, und so konzentrieren sich die Erinnerungen und das Unbewusste auf die verbliebene Person. Aber natürlich entsteht dann die Gelegenheit, im Gespräch über Vergangenes manches aufzuklären. Klar ist auch – sollen Lebenserfahrungen und Erinnerungen tradiert werden -, dass dem Alter der Vortritt gebührt. Einiges, was man in der Jugend womöglich als nervtötend oder störend empfunden hatte, erschließt sich so eher durch ein ruhiges abendliches Gespräch bei einem guten Roten. Bei meiner Mutter z.B. dreht sich Vieles um ihr Schicksal als Flüchtling und Vertriebene. In vielen Wertungen waren und sind wir uns nicht einig und werden es auch nicht sein, aber der Respekt vor der Biographie ist unerlässlich. Und Verhaltensweisen, typische zumal, erklären sich nicht selten aus solchen Erlebnissen oder ihrem sozialen und politischen Hintergrund. Durchaus auch eigene.
Und so sitze ich jetzt wieder im Zug nach Bielefeld, meinem Umsteigebahnhof für den ICE nach Berlin und bin zufrieden, über so manchen Aspekt gesprochen zu haben. Und ich bin bei aller früheren und jetzigen Kontroversität des weltanschaulichen Verhältnisses froh, die Energie meiner Mutter mitbekommen zu haben. Dass sich die politischen Dinge und Sichten in den seltensten Fällen vereinbaren lassen ist die eine Sache. Die andere Sache ist zu verstehen, warum das so ist. Und dass funktioniert immer durch gegenseitiges Reden und Zuhören. Womit wir bei Bundespräsident Frank Walter Steinmeier wären. Ach ja, die Jusos Ostwestfalen-Lippe! Aber das ist eine weitere Zeitreise. Wahrscheinlich ein anderes Mal.

(Geschrieben in der „Ravensberger Bahn“ (Eurobahn) von Rahden nach Bielefeld)