Begleiterscheinungen

Kleinod Jena. Begleiterscheinungen, Teil 37 vom 30. Oktober 2017

Nach Jena reiste ich erstmals im Juni 1988 von Bielefeld aus. Ja, von Bielefeld. Nicht, dass es seinerzeit schon die „Bielefeld-Verschwörung“ gegeben hätte. Aber eineinhalb Jahre vor dem Fall der Mauer war es nicht unbedingt üblich, zu Forschungszwecken von West nach Ost zu reisen, es sei denn, man war ein angesehener Wissenschaftler. Das war ich auch damals nicht, aber ich besaß Kontakte aus der Konservatismusforschung, die einen Besuch an der Friedrich-Schiller-Universität ermöglichten und mich einluden. Besonders zu Dank verpflichtet bin ich auch noch heute Prof. Dr. Ludwig Elm, dem damals renommiertesten Konservatismusforscher der DDR, der dem „Interdisziplinären Forschungszentrum für Konservatismusforschung“ (IZK) vorstand. Also reiste ich per Bahn von Bielefeld über Altenbeken und Kassel nach Jena, wo mich am „Paradiesbahnhof“ Martin Steinbach abholte, einer der beiden wissenschaftlichen Betreuer meines Aufenthalts. Der andere, Claus Remer, ist leider mittlerweile verstorben. Während dieser einen Forschungswoche war ich in einem Studentenwohnheim in der Großsiedlung Jena-Lobeda untergebracht. Das Universitätsgebäude befand sich teils im „Jentower“, wie der 146 Meter Hohe runde Turm mit einem paradiesischen Rundblick über Stadt und Saaletal und die Hügellandschaft herum heute heißt. Die Bibliothek befand sich meiner Erinnerung nach ziemlich weit oben, ich meine im 23. Stock. Es kann aber auch eine andere Uni-Institution gewesen sein, die in so exponierter Höhe angesiedelt war. Im Jenaturm, spöttisch m.E. 1988 sprachlich als „penis jenensis“ „veredelt“, recherchierte ich zu meinem Konservatismusthema über den Stand der DDR-Forschung, sprach mit Historikern wie Ludwig Elm etc., diskutierte Thesen und Methodik und erhielt einen repräsentativen Einblick auch in forschungsinterne Differenzen zwischen dem IZK in Jena und dem IPW in Berlin. Jedenfalls hat diese Woche meine Studien und deren Resultat – meine Abschlussarbeit und mein erstes Buch – in der Schlussphase der Entstehung noch einmal spürbar voran gebracht.
Heute befindet sich die Friedrich-Schiller-Uni nicht mehr im nunmehr kommerziell genutzten Turm, sondern in einem nahen Gebäudekomplex bzw. in vielen, z.Tl. sehr schön anzusehenden Gebäuden über die Stadt Jena verteilt. Ich behielt Jena in bester Erinnerung, auch die nahezu familiären Kontakte zu meinen Kolleginnen und Kollegen wie Lutz Elm, Claus Remer, Martin Steinbach oder Constanze Tenner. Leider wurden sie fast alle ohne Zögern nach 1990 aus der Universität entfernt.
Nun brachten die Launen der Biographie meine Tochter zur Friedrich-Schiller-Universität nach Jena. Der erste „Sondierungsbesuch“ im Winter 2017 ließ so manche Erinnerung wach werden, gemahnte an die drei SPD-Parteitag von 1905, 1911 und 1913 im „Volkshaus“ und zeigte, welche Veränderungen das Stadtbild seither erlebte. Nicht zu seinem Schlechten. Auch zu DDR-Zeiten konnte man Jena als eine schöne Stadt bezeichnen, jetzt erst recht. Der Markt mit dem historischen Rathaus, dem Bismarck-Brunnen und dem Standbild des Kurfüsten Johann Friedrich I. („der Großmütige“), der im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 die Protestanten gegen Kaiser Karl V. führte und nach der Niederlage bei Mühlberg/Elbe in kaiserliche Gefangenschaft geriet. Nach seiner Freilassung gründete er die Universität zu Jena, nachdem ihm Karl V. die Kurfürstenwürde aberkannt hatte. Diesem Landesherren („Hanfried“) sei Dank, für meine Erfahrungen und für die hoffentlich guten, die meine Tochter hier machen wird.
Jena lebte und lebt von den Zeiss-Werken, gegründet von Carl Zeiss, dem großen Unternehmer und Sozialreformer, und getragen von Ernst Abbe, seinem kongenialen Mitstreiter, ebenfalls ein Sozialreformer von erstrangiger Bedeutung. Die Gebäude der Zeiss-Werke und die Radioteleskope prägen Stadtbild und Umgebung. Die historischen Innenstadtgebäude des Optik-Weltmarktführers beherbergen nun Teile der Universität und das Einkaufszentrum „Goethe-Galerie“. Apropos Umgebung: 1806 wurde in der Umgebung Jenas die für Preußen katastrophale Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen Napoleon geschlagen, derer u.a. in Jena-Cospeda mit dem Napoleonstein gedacht wird. Auf der anderen Stadtseite gelangt man durch das Ziegenhainer Tal zum „Fuchsturm“ mit seiner Aussicht. Und Weimar und sein kulturgeschichtlich böses Gegenstück, das ehemalige KZ Buchenwald mit heutiger Gedenkstätte, sind auch in der Nähe. Noch immer frappiert der Gegensatz zwischen Weimarer Klassik hier, NS-Barbarei nur wenige Kilometer entfernt.
Auf jeden Fall werde ich mich künftig häufiger in Jena aufhalten. Fahre ich mit der Bahn, steige ich ganz sicher im „Paradies“ aus. Ein schöner Name für einen zweigleisigen Bahnhof. Aber Schätze besitzt Jena in großer Zahl, soviel ist sicher. Es ist eine altehrwürdige mitteldeutsche Stadt mit einer bedeutenden Kulturgeschichte, geprägt von Luther, Goethe, Schiller, Wieland, Hufeland, Zeiss und Abbe, zugleich mit einem Studierendenanteil um die 20 %, der das öffentliche Bild sichtbar verjüngt. Übrigens wurde auch Sarah Wagenknecht in Jena geboren. Jena, ein Kleinod an der Saale.

(Geschrieben am 28. Oktober im Hotel „VielHarmonie“)