Begleiterscheinungen

Wurzelpflege und Wurzelverlust. Begleiterscheinungen, Teil 45 vom 18. Mai 2019

Bahnreisen besitzen eine andere Psychologie als etwa Flugreisen. Weil sie eine längere Dauer haben, entwickeln sich die Gedanken auch auf eine andere Weise. Der geistige Standortwechsel vollzieht sich langsamer, zwar schneller als mit dem PKW, aber eben doch zu ebener Erde und näher an den gespeicherten Erinnerungen. Es sind eher evolutionäre denn revolutionäre oder abrupte Prozesse, die sich aus dem Gedächtnis oder dem Unterbewussten heraus geltend machen.
Vor knapp fünf Jahren führte mich mein Weg nach Hagen, um dort meine Disputation abzulegen, also die Verteidigung meiner Dissertation. Seitdem war ich nicht mehr dort und werde auch heute nicht dorthin fahren, sondern nach Bonn zur Friedrich-Ebert-Stiftung ins Archiv der sozialen Demokratie. Aber der frühere Faden wird wieder aufgenommen werden, nämlich ein biographisches Projekt, zu dessen Umsetzung viele Archivrecherchen nötig sein werden. Vor exakt sechs Jahren führte mich mein Weg letztmalig in die ehemalige Hauptstadt der alten Bundesrepublik, wo die großen Friedensdemos 1981, 1982 und 1983 stattfanden, wo ich überhaupt 1979 erstmals an einer zentralen Demo teilnahm, nämlich gegen die Praxis der Berufsverbote. Damals aber benötigte man zwei bis drei Stunden mit Bus, Bahn oder VW Käfer nach Bonn, heute bin ich sechs Stunden unterwegs.
Eine weitere, allerdings flüchtige Lebensstation war Essen, wo ich bei Peter Lang 1988 meinen ersten Autorenvertrag unterschrieben hatte: „Konservatismus und nationale Identität in der Bundesrepublik Deutschland“. Diese Wurzel hat sich seit drei Jahrzehnten tief in den Boden eingepflanzt, nicht örtlich, aber als Bestandteil meiner Lebensweise als Autor und Wissenschaftler. Hagen ist hinzugekommen und hat sich mit „Essen“, das ich seither nie wieder besucht habe, zu einem Wurzelgeflecht verwachsen. Wenn nichts schief geht, wird dieses System eines der Stützen des Lebensbaumes bleiben!
Unterdessen, in Bonn-Friesdorf angekommen, unternahm ich einen kleinen Orientierungsspaziergang im Karree in der Nähe der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dabei erkannte ich die Straße mit der Pension wieder, in der ich vor sechs Jahren unterkam, indes gibt es sie nicht mehr, wohl aber den „Kroaten“ am Platz und den Metzger mit der leckeren Mettwurst und das Grundstück mit dem prächtigen Flieder, den ich seinerzeit fotographiert hatte. Trotzdem steuerte ich nicht den „Kroaten“ an, sondern den griechischen Imbiss. Zweite Heimat bleibt eben zweite Heimat.
Im Archiv selbst dauerte es nicht lange, bis ich fündig wurde, und zwar in einem Maße, das effektiver kaum sein konnte. Zwar handelt es sich lediglich um den Restnachlass des großen Sozialisten Georg Ledebour (1850-1947) eingebracht von seiner Frau, aber gerade die dort eingelagertern Geburtstagsglückwünsche und -artikel sowie die Nachrufe waren aufschlussreich und gaben gleich mehrere Untersuchungsaspekte preis. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Und ganz nebenbei waren sie auf einmal alle wieder präsent, die politischen Urahnen: Neben Ledebour daselbst noch Max Seydewitz, Wilhelm Dittmann, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Alfred Henke, Karl Radek usw. Zwischen den Bücher- und Aktenbeständen und den Büsten von Fritz Ebert, Holger Börner und vor allem Willy Brandt emfand ich wieder diesen Enthusiasmus des Entdeckers einer Art Familiengeschichte, der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland.
Womit wir beim weiteren Thema wären. Der zweite Teil dieser Reise führt mich ein weiteres Mal zurück nach Isenstedt, jenem Dorf nahe bzw. Ortsteil von Espelkamp, in dem ich geboren wurde, aufwuchs und bis zu meinem Studienbeginn lebte. Hier spüre ich die andere Seite des Älterwerdens. Wenn an einer Stelle neue Wurzeln wachsen und sich in die Erde drechseln, so sterben andere Wurzeln ab. Seit dem Tod meines Vaters im Herbst 2016 war unabwendbar klar, dass ein Abschied bevorstehen würde. Jetzt ist der Moment gekommen. Der Umzug meiner Mutter steht bevor, somit der Verkauf des elterlichen Hauses und der Cut mit der Verknüpfung mit diesem Ort. Ich erinnere mich, meinem Vater mittels Seifenkiste als Fünfeinhalbjähriger einen „Henkelmann“ mit Essen von der Wohnung zum Bauplatz gebracht zu haben, immerhin über eine Distanz von 1,5 Km. Gut, Autos gab es damals kaum, aber trotzdem. Und da es nur noch Wochen bis zum endgültigen Wegzug meiner Mutter sind, schaut man genauer auf jede Wand und in jeden Winkel, es dürfte ja das vorletzte Mal gewesen sein. Danach wird alles viel weniger sentimental sein. Was ist ein Hotelzimmer in der Stadt gegen ein ehemaliges Jugendzimmer? Eine dicke Wurzel stirbt dann unumkehrbar ab. So untersteht auch unser Leben den Gesetzen der Natur.
So manches haben wir heute schon in die neue Wohnung gebracht. Was ich als sentimental empfinde, ist für die ältere Generation ein schwerer Schritt ins Ungewisse. Die Haltekraft der Wurzeln lässt nach, die Hauptwurzel hat ihre Kraft verbraucht, neue Wurzeln an den Rändern sind anfälliger für Stürme und Unwetter. Mögen sie ausbleiben, damit man die Sonnenstrahlen des Lebens noch möglichst lange genießen kann.

Geschrieben in Bonn-Friesdorf und in Isenstedt