Begleiterscheinungen

Schönheit und Unbehagen. Begleiterscheinungen, Teil 39 vom 24. Mai 2018

Die Nachrichten über aktuelle Ereignisse haben etwas Beunruhigendes, denn selten nur verkünden sie Gutes. Wenn erst einmal alles schief läuft, dann so richtig. Dieser Eindruck beschlich mich auf dem Weg nach Jena, als ich von den Unregelmäßigkeiten rund um die Bremer Dienststelle des BAMF hörte, die rund 1200 Asylanträge zu Unrecht positiv beschieden haben soll. Okay, man kann sich sicherlich darüber unterhalten, ob, wenn es sich um Ermessensspielräume handelt, stets die restriktive Sichtweise die richtige sein sollte. Aber darum geht es aber offensichtlich nicht. Man könnte auch vermuten, dass hier politische Interessen wirksam sind, die Stimmungen schüren oder aus Emotionalisierung politisches Kapital heraus schlagen möchten. Das wäre dann die AfD, die hier am Werke wäre. Aber auch die steht dieses Mal nicht dahinter. Vielmehr geriet ja selbst die Leiterin des BAMF in die Schusslinie, was auf gravierende Versäumnisse und Verstöße schließen lässt; von Gesetzesverstößen bzw. Missachtung der Dienstanweisungen ist die Rede. Wurden hier Asylbescheide quasi geschönt oder leichtfertig positiv beschieden? Sind unter den mindestens 1176 betroffenen Personen eventuell sogar Gefährder? All diese emotionsbeladenen Gedanken kommen jetzt auf und werden einmal mehr Wasser auf die Mühlen der AfD leiten. Demagogen können dann behaupten, es gäbe eine regelrechte „Bewilligungsindustrie“, hat doch Alexander Dobrindt von der CSU bereits von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ gesprochen und damit die Vorlage gegeben. So schafft sich die Demokratie ihre Gegner selbst.
Was hat das mit Jena zu tun? Auf den ersten Blick wenig, außer dass diese Nachrichten in die Zeit meines Besuches in Jena fielen. Auch Jena hat eine großartige und gleichzeitig eine dunkle Geschichte. Hier wirkten Carl Zeiss und Ernst Abbe, zahlreiche bedeutende Geister, von denen Goethe und Schiller nur die hellsten bzw. bekanntesten sind. Hier aber entstand auch eine Keimzelle des „NSU“, also der Mörder aus dem braunen Sumpf, deren Blutspur noch heute die Gerichte und Nachforschungen zum Verhalten der sog. „Verfassungsschützer“ beschäftigt. Neben technischem Fortschritt, Weltmarktproduktion und Sozialreform, neben protestantischem Geist und Humanismus existierten und existieren Menschenverachtung und Barbarei. Jena ist eine weltoffene, von Studentinnen und Studenten im Stadtbild geprägte Stadt der kurzen Wege und der landschaftlichen, historischen und kulturellen Schönheiten. Eine Stadt, die mich jedes Mal einnimmt.
Doch das Unbehagen, das mich begleitet, wenn ich Nachrichten höre, kann diese Stadt nicht vollständig wegwischen. Es ist das Unbehagen am immer stärker werdenden Verlangen nach Autoritäten, nach „festen“ Werten, nach einfachen Lösungen, nach den Trumps, Erdogans und Orbans dieser Welt. Jenas Schönheit kann viel davon vorübergehend vergessen machen. Eine Radtour an der Saale bis zur Burgauer Steinbrücke etwa, ein Besuch der Dornburger Schlösser, ein Fußmarsch zum Fuchsturm präsentieren Kleinodien wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Die Jugendbewegung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts besaß auf der Leuchtenburg bei Kahla einen Orientierungspunkt, den man nicht übersehen konnte. Doch auch hier liegen Schönheit und Unbehagen nahe beieinander. Nicht Wenige aus dieser anti-etablierten Jugendbewegung landeten in den Fängen der Hitlerfaschisten, wie eine Ausstellung am Panoramaweg der Leuchtenburg bemerkt. Übrigens kann man in Jena hervorragend Essen gehen, nicht nur vom gediegenem Ambiente her, mal deftig, mal vegetarisch, vom Ratskeller bis zum „Salü“, vom „Herakles“ bis zum nahegelegenen „Roten Hirsch“.
Wie schon in der Weimarer Republik liegen in der gegenwärtigen Phase der Berliner Republik Licht und Schatten, Stabilität und Bedrohung eng zusammen. Das erzeugt in mir Unbehagen. Die Politik sollte von Seiten der Regierung versuchen, hier Sicherheit zu schaffen statt Raum für falsche Propheten. Ein ist klar: nie war die Demokratie in unserem Lande so labil wie aktuell. Da ist Unbehagen keinesfalls fehl am Platze.

(Geschrieben in Berlin-Reinickendorf nach einem Jena-Besuch)