Begleiterscheinungen

Verspätungsalarm. Begleiterscheinungen, Teil 41 vom 5. September 2018

Reisen bildet bzw. verleitet mich zum Niederschreiben von Gedanken, die mir auf Reisen in den Urlaub, im PKW, im Flugzeug oder in der Bahn so durch den Kopf gehen. Nun befinde ich mich auf dem Weg nach Linz in Österreich zur 54. Konfrenz der Internationalen Tagung der Historikerinnen und Historiker der Arbeiter- und sonstiger sozialer Bewegungen, die meistens hoch über dem Donaubogen im „Jägermayrhof“ der Arbeiterkammer Oberösterreich stattfindet. Dieses Mal beschäftigen mich zwei Aspekte, die in dieser „Begleiterscheinung“ zum Ausdruck kommen sollen: Einmal das neue Bahnmagazin „Mobil“ 09/18, zum Anderen die offizielle Gründung der linksorientierten Sammlungsbewegung „Aufstehen!“, die gestern von Sahra Wagenknecht, Ludger Vollmer und Simone Lange vorgestellt wurde. Als Klammer über beide so unterschiedliche Momente dient die Überschrift „Verspätungsalarm“. Dieser Service der DB nämlich schreckte mich heute morgen für einige wenige Sekunden aus der morgendlichen Warteruhe am Bahnhof Gesundbrunnen auf, als mir die App wegen einer 8-minütigen Verspätung des Regionalzuges zum Hauptbahnhof gleich die Umbuchung der Gesamtfahrt nahelegte. Da ich aber immer mit Zeitpuffer fahre, blieb es beim Verspätungsalarm statt einer manifesten Verspätung.
Nicht schlecht staunte ich im ICE, als ich auf dem Titel der „Mobil“ ein wetter- bzw. exzessgegerbtes Gesicht wiedererkannte, dessen blondes Haar noch immer wie bei einem Indianer oder Althippie das Gesicht umrahmte und nicht im mindesten die Narben und Falten des Lebens zu kaschieren vermochte, die Iggy Pop alias Jim Osterberg zu einem echten Charakterkopf machen, der sich über einem gestählten Oberkörper erhebt – nicht erhob! Iggy Pops Klassiker aus der Berliner Zeit – auch mit seinem Kumpel David Bowie (RIP) -, „The Passenger“ veranlasste die DB, ihn zu ihrem Werbeträger zu machen. Das Interview ist wirklich lesenswert, so dass ich das Heft in meinem Reisegepäck verstaut habe. Iggy Pop, der Ur-Punk mit den „Stooges“ und zugleich eine echte „Rampensau“ auf der Bühne, er ist sich treu geblieben und hat sich trotzdem in der Zeit bewegt, ohne ihren Moden großartig hinterher zu laufen. Das macht ihn sympathisch, und trotz seiner 71 Jahre, von denen einige Jahrzehnte sicherlich eher wie im Rausch vergingen, wirkt er unglaublich dynamisch und trotzdem weise. Er ist nicht im Mahlstrom der Zeitläufte untergegangen.
Dieses Schicksal aber droht meiner Ansicht nach der Partei DIE LINKE, wenn sie an ihrem Konzept der Priorität des Parlamentarismus und des sozialen Linksliberalismus festhält, wie ihn insbesondere eine Mehrheit der Mitglieder der Parteiführung repräsentieren. Die Umfragedaten sinken seit dem Parteitag stetig, was auch an der Weltfremdheit mancher Beschlüsse liegen mag. Gibt es kein Umdenken und keine politische Korrektur hin zu einer radikalen sozialpolitischen Kante, dann hat DIE LINKE wohl ihre Zukunft hinter sich. Die abgehängten „kleinen Leute“ werden sich dann noch stärker den Semifaschisten der AfD zuwenden, die wachsende Bedeutung der Linkspartei in intellektuellen und linksliberalen Milieus der Großstädte wird dies niemals kompensieren. Von daher begrüße ich die Gründung der Sammlungsbewegung „Aufstehen!“ sehr, denn ich betrachte diese außerparlamentarische und vor-parteiliche Initiative als eine wertvolle Gegenentwicklung zur rechten Hegemonie. Dazu gehört es aber auch, die Dinge beim Namen zu nennen, mithin auch offene Fragen der Einwanderungs-, Flüchtlings- und Minderheitenpolitik zu thematisieren. Das muss, und ich bin sehr sicher, wird „Aufstehen!“ leisten. Vor allem gilt, dass jede Politik zwei Dinge benötigt: Legitimierung durch das Recht und durch das Volk, den Souverän, und eine finanzielle Grundlage, also die Klarheit, wer die Musik bezahlt. Diese Gedankengänge sind bei Sahra Wagenknecht gut aufgehoben. Und von daher sehe ich „Aufstehen!“ als eine tragfähige Basis für eine Stärkung der gesamten Linken in der Republik, als Lebensversicherung für DIE LINKE, und als Regenerationsquelle für SPD und Grüne. Wird „Aufstehen!“ innerhalb der Linkspartei ausgegrenzt, dann hilft auch kein Verspätungsalarm mehr, dann ist der Zug abgefahren. Wie sagte doch einmal ein Michail Gorbatschow?: Gefahren warten nur auf denjenigen, der zu spät auf das Leben reagiert. Darüber sollten Katja Kipping, Bernd Riexinger und andere Gegner von „Aufstehen!“ einmal nachdenken. Sonst klingelt bei ihnen demnächst der Verspätungsalarm!

(Geschrieben im ICE von Berlin nach Nürnberg bzw. Linz)