Kultur und Wissenschaft

Vortrag zur Geschichte der Novemberrevolution für das Seminar „Vergessene Revolution und Geburtsstunde der Republik“ von „Arbeit und Leben“ (6.2.2018), verfasst am 4. Februar 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in diesem Jahr begeht die Bundesrepublik Deutschland den 100. Jahrestag der Novemberrevolution von 1918/19, und ich glaube nicht in der Einschätzung fehl zu gehen, dass die Würdigung dieses Ereignisses eher sparsam denn opulent ausfallen dürfte. Es scheint, als sei der 9. November als Datum der deutschen Geschichte von anderen Ereignissen belegt, die einen wichtigeren Rang beanspruchen dürften als die Revolution von 1918. Damit ist nicht gesagt, dass die Öffnung der Berliner Mauer und der Grenzen der DDR am 9.11.1989 oder die nazistische Reichspogromnacht unwichtig seien, ganz im Gegenteil. Aber auch am 9. November 1918 hat ein Volk, und zwar eine soziale Klasse voran, die Arbeiterklasse, nicht zuletzt stellvertretend für das Bürgertum, sich von einer überkommenen, ungerechten und von Militarismus und Krieg zerfressenen Ordnung befreit – in ganz Deutschland. Und dass wir heute in einer demokratischen Ordnung leben, die sicherlich Mängel aufweist, zum Teil gravierende, was das Erfordernis einer sozialen Demokratie anbelangt, verdanken wir nicht allein der Befreiung vom Faschismus, sondern den Mutigen und Kriegsmüden, den Radikalen und den Verzweifelten, den Sozialisten und den fortschrittlichen Demokraten von vor 100 Jahren. Der 9. November 1923, das Datum des Hitler-Putsches in München, und der 9. November 1938, der Beginn der Judenverfolgung mit dem Ziel ihrer Vernichtung, waren im Kern Versuche der aggressivsten und reaktionärsten Kräfte des alten Regimes und der aus ihm entwachsenen Nazis, u.a. die verletzliche erste deutsche Demokratie wieder zu zerstören, bevor sie sich entfalten konnte.
Man kann den 9. November sogar noch weiterdenken. Am 9. November 1799 putschte sich Napoleon Bonaparte in Frankreich an die alleinige Macht, der bekannte 18. Brumaire. Dass dieser Staatsstreich folgenreich für das deutsche Reichsgebilde sein würde, konnte niemand ahnen, indes wissen wir es heute. Napoleons Siege bis 1807 veränderten das Gesicht der deutschen Staatenwelt außerordentlich: Der Flickenteppich aus Hunderten von Herrschaftsterritorien wurde auf 39 Staaten reduziert, das Heilige Römische Reich war aufgelöst, Preußen gestutzt und im Rheinbund, dem „dritten Deutschland“ neben Österreich und Preußen, der Code Civil eingeführt worden, das seinerzeit fortschrittlichste Gesetzbuch überhaupt. So gesehen gehört Napoleon eigentlich enger an den 9. November 1989 heran, als uns bewusst ist. Und ebenso unbewusst geworden ist uns der Tag der Hinrichtung des revolutionären Demokraten Robert Blum am 9. November 1848 in Wien, der wie viele der Revolutionäre seiner Zeit für die Einheit der Deutschen in einer Republik mit Verfassung und Menschen- und Bürgerrechten stand. Blum gab dafür sein Leben. Aber die Revolution von 1918 vereinte beide Elemente der fortschrittlichen Ideengeschichte der Deutschen: das Element der Einheit genauso wie das Element der Emanzipation, und Emanzipation sowohl politisch als auch sozial. Deshalb gebührt der Novemberrevolution als politischer und – wenn auch nicht durchgreifend – sozialer Revolution weit mehr Augenmerk und schöpferischer Erinnerungsarbeit als sie uns offiziell bevor zustehen scheinen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
blicken wir also zurück in die Vorgeschichte der Revolution. Welche Entwicklungen lösten sie aus? Durch welche Ereignisse oder Umstände wurden revolutionäre Prozesse gefördert? Wie veränderte sich das gesellschaftliche Bewusstsein, so dass sich ein fundamentaler Handlungsdruck entfalten konnte, der viele Menschen mitriss, und sei es nur über einen kurzen Zeitraum? Welche Kräfte drängten auf politische und soziale Veränderungen, welche Gegenkräfte mussten überwunden werden?
All das kann hier natürlich nur in einem Überblick geleistet werden, aber die Arbeit mit den Quellen soll die notwendigen Vertiefungen leisten. Ich werde an dieser Stelle bis ins Jahr 1917 zurück gehen, um dann in der Hauptsache die dramatischen Tage um dem 9. November 1918 herum zu beleuchten. Dabei steht auch die Frage im Raum, ob die Revolution in Deutschland eine „gemachte“ Revolution in dem Sinne war, dass ihre Entwicklung ein von den Revolutionären steuerbarer Prozess gewesen ist, oder ob sie quasi naturwüchsig aufkeimte, loderte, um dann zu einer revolutionären und ungehemmten Walze zu werden, die das „Alte, das Morsche“, wie es Philipp Scheidemann ausdrückte, zusammenbrechen zu lassen. Und vor allem ist für Euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, ja auch die Frage interessant, welche Rolle Gewerkschaften, Gewerkschaftsvertreter oder die radikalsozialistischen Betriebsräte, die „Revolutionären Obleute“ für den Verlauf der Novemberrevolution spielten. Schauen wir also zunächst auf die Entstehung der vorrevolutionären Situation im Jahr 1917 und wenden uns dann der revolutionären Situation und der Revolution selbst zu.

Ursachen der revolutionären Entwicklungen im Jahr 1917 – die Entstehung einer vorrevolutionären Situation
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
von Anfang an waren die Ereignisse in Russland und in Deutschland miteinander verwoben. Nicht nur, dass sich die Armeen beider Kriegsparteien entlang einer Linie von Riga bis zum Schwarzen Meer gegenüberstanden, auch wirkten Ereignisse hier wie dort wie ein Funke, der überschlug. Nehmen wir die Februarrevolution in Russland, die den Zaren stürzte und eine provisorische konservativliberale Regierung an die Macht brachte. Russland stand kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, als sich die deutsche Oberste Heeresleitung entschloss, den im Exil in Zürich lebenden Wladimir Iljitsch Lenin in einem Zug bis an die russische Grenze zu bringen, damit er in Russland einen Friedensschluss durchsetzen könne, um die für das Deutsche Reich und seine Verbündeten lebensgefährliche Zweifronten-Kriegssituation zu beenden. Als sich Lenin auf dem Weg nach Petersburg befand, gründete sich gerade in Gotha die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, in der sich die Pazifisten, die traditionalistischen Marxisten Bebelscher Prägung und die neue radikale Linke der Spartakusgruppe zu einer heterogenen linkssozialistischen Partei zusammenfanden, die eigentlich vorwiegend die Vorkriegs-SPD zurückerobern wollte. Doch entstand mit der USPD ein Kulminationspunkt gegen den Krieg und für fundamentale Veränderungen in Deutschland, der auch die Industriearbeiterschaft zu radikalisieren begann. Noch im April 1917 kam es zum zweiten Massenstreik, als vom 16.-23. April vor allem in Berlin,aber auch in anderen Industriezentren zu massiven Streiks gegen die Kürzung der Brotrationen und das „Vaterländische Hilfsdienstgesetz“, das die totale Umrüstung der Wirtschaft auf den Krieg und die Mobilisierung aller potenziellen Arbeitskräfte, also auch der Frauen, der Jugend und der nicht mehr wehrfähigen Männer, festlegte und erkämpfte Schutzmaßnahmen für die Arbeiterschaft aussetzte, aufgerufen wurde. Zwar unterlagen die Streikenden in der Sache, in den Köpfen aber begann eine kollektive Radikalisierung. Diese ergriff auch die Soldaten, darunter besonders die Matrosen. Die Streitkräfte widerspiegelten nämlich die Klassengesellschaft auch im Krieg: die Befehlshaber entstammten dem Adel, dem per Geburt das Kommando vorbehalten war, die Fußtruppen entstammten vor allem der Arbeiterklasse. Während Letztere im Schützengraben vor Verdun krepierten, vergnügten sich viele der adeligen Epaulettenträger hinter der Front in der „Etappe“. Zugleich erfuhren die Abkömmlinge der kleinen Leute an der Front Schikanierungen und Fehlentscheidungen ihrer Vorgesetzten und wurden für Renitenz hart bestraft. Wer den Mut hatte, sich auch dem sinnlosesten Befehl entgegenzustellen wurde nach Kriegsrecht bestraft, oft füsiliert. Die bekanntesten Opfern des menschenverachtenden Militärstrafrechts waren die beiden Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis.
Max Reichpietsch wurde am 24. Oktober 1894 in Charlottenburg geboren, das damals noch eine rasant wachsende Stadt vor den Toren Berlins war. Seine Familie waren neuapostolische Christen. Max Reichpietsch wuchs also pietistisch geprägt auf. 1912 hatte er sich, fasziniert von der kaiserlichen Flottenpolitik, freiwillig zur Marine gemeldet. Albin Köbis erblickte am 18. Dezember 1892 in Berlin das Licht der Welt. Auch er meldete sich 1912 freiwillig zum Militärdienst bei der Flotte.
Vor 100 Jahren, am 5. September 1917, wurden die beiden jungen Matrosen Albin Köbis (25) und Max Reichpietsch (23) auf dem Schießplatz in Köln-Wahn nach ihrer Verurteilung zum Tode durch ein Kriegsgericht erschossen. Ihnen wurde vorgeworfen, als „Rädelsführer“ eine Demonstration gemeinsam mit Werftarbeitern gegen den Krieg vorbereitet zu haben. Der Protest der beiden Matrosen richtete sich vor allem gegen die schlechte Versorgung der Matrosen auf den durch die alliierte Seeblockade an die Häfen gefesselten Schiffen und gegen die andauernden Schikanen durch die Offiziere. Als Ausdruck ihres Protestes verweigerten sie am 19. Juli 1917 auf dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal den Befehl zur Weiterfahrt nach Wilhelmshaven. Politisch stand Köbis dann dem linken SPD-Flügel und später der USPD nahe. Während des Ersten Weltkriegs nahm er Kontakt zu Besatzungsmitgliedern anderer deutscher Kriegsschiffe auf, um eine Bewegung zum baldigen Ende des Krieges zu initiieren. 1917 war er Heizer auf dem Linienschiff SMS Prinzregent Luitpold. Die ständige Kürzung der Rationen führte zu Fällen von Befehlsverweigerung, auf der Fahrt von Kiel nach Wilhelmshaven am 19. Juli 1917 mitten im Kaiser-Wilhelm-Kanal, der dadurch blockiert wurde. Am 24. Juli trafen sich Vertreter der Besatzungen zu einer Beratung, auf der die Durchführung einer Friedensdemonstration zusammen mit Werftarbeitern als Ziel gesetzt wurde. Auf einer Vertrauensleuteversammlung am 27. Juli wurde das Aktionsprogramm konkretisiert und eine Koordinierungsgruppe aus Albin Köbis, Max Reichpietsch, Hans Beckers, Willy Sachse und Wilhelm Weber gebildet.
An ihnen statuierte die mächtige Marinejustiz ein Exempel, um die sich ausbreitende Antikriegsstimmung in der kaiserlichen Flotte zu unterdrücken. Köbis und Reichpietsch hatten vorher in Berlin während ihres Urlaubs den Kontakt u.a. zu den USPD-Abgeordneten Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Ewald Vogtherr gesucht. Diese politischen Verbindungen waren es, die die Militärjustiz zur Begründung des Todesurteils wegen „Rädelsführerschaft“ heranzog, wenngleich diese unbewiesen blieb. Man kann also von einem Justizmord sprechen. Doch durch ihr Schicksal ermutigten Köbis und Reichpietsch die weitere, wenn auch durch illegales Wirken erzeugte, Verbreitung eines auf Kriegsende und grundlegende Veränderungen orientierten Bewustseins bei den Mannschaften.

Vom 5., dem Tag der Hinrichtung von Köbis und Reichpietsch, bis 12. September 1917 fand in Stockholm die dritte Konferenz der linkssozialistischen Zimmerwalder Bewegung statt, an der auch die USPD teilnahm. Mitglied der Delegation waren Arthur Stadthagen, Hugo Haase, Georg Ledebour, Adolf Hofer, Robert Wengels und Käthe Duncker. Angelica Balabanoff, die Sekretärin der „Zimmerwalder“, erschrak über die Zustand vieler Delegierter: „Die Teilnehmer der Konferenz, besonders die aus Deutschland und Österreich Gekommenen, trugen in ihrem ganzen Wesen den Stempel des Kriegselendes: unterernährt, gealtert! Besonders elend sah Arthur Stadthagen aus.“ Die Gespräche standen im Zeichen der sich zuspitzenden revolutionären Lage in Russland. Die Sympathien der meisten Teilnehmer der dritten Zimmerwalder Konferenz galten den Sowjets und den Bolschewiki.
So beschloss man eine Resolution, in der ein gemeinsamer internationaler Massenstreik zugunsten der Revolution in Russland gefordert wurde; an ihrer Abfassung war auch Ledebour beteiligt. Damit sollten das Weltgemetzel beendet und der sozialistische Frieden gesichert werden. Da diese Resolution de facto einen internationalen Revolutionsaufruf darstellte, beschloss man, bei seiner Veröffentlichung behutsam vorzugehen, um die Teilnehmer der Konferenz nicht zugefährden. Der Aufruf sollte erst dann nach der Rückkehr der Delegierten in ihre Heimatländer an die Öffentlichkeit gelangen, wenn die nicht in Stockholm anwesenden Parteien ihr zugestimmt haben würden. Nicht zuletzt die Mitglieder der USPD befanden sich in akuter Gefahr, denn die Unruhen in der deutschen Flotte hatten schließlich zur Vollstreckung von Todesurteilen an den Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis, die der USPD nahe standen, am 5. September 1917 geführt.
Arthur Stadthagen „war daran gelegen, aus der internationalen Aufmerksamkeit, die sich auf Stockholm richtete, den größtmöglichen Vorteil zu ziehen, und in dieser Absicht setzte er letztlich durch, dass das Manifest, das aus der Diskussion über den „Kampf für den Frieden“ entstand, den Titel erhielt: „Friedenskundgebung aus Stockholm““. Der Schwerkranke, der sich kaum noch vor Schwäche wach halten konnte, machte den Vorschlag: „Genossen, wollen wir unseren Aufruf „Friedensruf aus Stockholm“ nennen. Mit wehmütiger Spannung haben die gemarterten Völker der von den Mehrheitssozialisten versprochenen Friedenskonferenz entgegen gesehen. Ihre Hoffnungen sind enttäuscht worden. Beleben wir sie. Was die mächtige offizielle sozialistische Bewegung nicht imstande war zu geben, soll von Zimmerwald gegeben werden: die Hoffnung auf Frühling, auf Auferstehung des Sozialismus.“
Stadthagen schmuggelte das Manifest nach Deutschland, indem er es nach einem selbst entwickelten System auf eine Hemdmanschette stenographierte und auf eine Nachricht von Angelica Balabanoff hin verbreitete. Letztendlich führte die Stockholmer Konferenz insgesamt zu einer deutlichen Linksentwicklung innerhalb der USPD.
Nur wenige Wochen später eroberten die Bolschewiki in Russland die politische Macht und erklärten umgehend das „Dekret für den Frieden“, um für die Revolution eine Überlebenschance zu schaffen. Doch die OHL sah im vermeintlichen Siegesrausch im Osten die Chance auf Gebietsgewinne gekommen. Statt also, wie es strategisch naheliegend gewesen wäre, einen Waffenstillstand im November 1917 zu nutzen, um Truppen nach Frankreich und Belgien zu verlegen, begann man von Brest-Litowsk aus Druck auf die russische Delegation um Leo Trotzki auszuüben, die Demarkationslinie weit nach Weißrussland und in die Ukraine zu verschieben. Diese Expansionsdiplomatie stieß bei weiten Teilen der deutschen Industriearbeiterschaft auf scharfen Protest und verzettelte sich dank der Lenin-Trotzkischen Verzögerungstaktik, so dass letztlich der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, der Sowjetrussland schwer belastete, erst am 3. März 1918 zustande kam.
Aus Protest gegen die Erpressung Russlands durch die OHL drängten seit dem Dezemberende die „Revolutionären Obleute“ in Berlin auf einen Massenstreik, wie in Stockholm beschlossen, und wandten sich an den USPD-Vorstand, um eine Aussprache zu verlangen. Diese fand im Fraktionszimmer der USPD im Preußischen Abgeordnetenhaus statt, zu dem Polizeispitzel keinen Zugang hatten, am Tisch saßen neben den delegierten Obleuten um Richard Müller noch die USPD-Abgeordneten des Reichstags und des Preuß. Abgeordnetenhauses. Müller ging wahrscheinlich von einem bevorstehenden revolutionären Endkampf mit der Regierung aus und hoffte, durch einen mächtigen Massenstreik die Tendenz zum Zusammenbruch des Kaiserreichs beschleunigen zu können. Die Partei solle jetzt öffentlich zum Streik aufrufen, „damit ein Kampf entbrenne, den die Regierung nicht nochmals niederschlagen könne“.
Der beschlossene USPD-Aktionsaufruf rief zu „Willenskundgebungen der werktätigen Bevölkerung“ auf, um den Krieg zu beenden und einen Verständigungsfrieden zu erreichen: „Die Stunde ist gekommen, eure Stimme für einen solchen Frieden zu erheben! Ihr habt jetzt das Wort!“ (8). Über die Parteiorganisation der USPD wurde der Aufruf illegal gedruckt und in den Betrieben verbreitet. Der Streik wurde insgeheim für den 28 Januar vereinbart. Ausgerechnet ein Anhänger des Spartakusbundes jedoch machte aus Voreiligkeit den Termin bekannt; indem das auf ihn zurückgehende Spartakusflugblatt die Arbeiter über die Massenstreiks in Wien, Budapest, Prag und anderen Städten der Donaumonarchie und über die proletarischen Aktionsformen wie Besetzungen, Stilllegungen und Ausrufungen einer Republik informierte, trug es zur Radikalisierung und Mobilisierung nicht unbeträchtlich bei . Nachdem am 27. Januar Richard Müller auf einer Versammlung von 1500 Drehern den Streik angekündigt hatte, begann am Morgen des 28. der Ausstand. Die Revolutionären Obleute und die eingeweihten Dreher trugen den Streikbeschluss in die Betriebe: „Schläge mit Hämmern und Schraubenschlüsseln auf die Sauerstoffflaschen der Schweißgeräte gaben das unüberhörbare Signal“ . In den Betrieben würden prompt Wahlen zu einem Arbeiterrat vorgenommen, so dass am Nachmittag rund 414 Delegierte dieses Arbeiterrats im Gewerkschaftshaus am Engelufer zusammenkamen. Sie vertraten rund 400.000 Berliner Arbeiterinnen und Arbeiter. Sieben Forderungen wurden vorgebracht, diskutiert und einmütig vom Arbeiterrat angenommen: Verständigungsfrieden, Beteiligung der Arbeitervertreter an den Friedensverhandlungen, organisierte Lebensmittelversorgung, Aufhebung des Belagerungszustandes und Herstellung der politischen Freiheiten und der Arbeitsschutzregelungen, Demilitarisierung der Betriebe, Amnestie für politisch Inhaftierte, durchgreifende Demokratisierung und Einführung des demokratischen und allgemeinen Wahlrechts im Reich ab 20 Jahren.
Der Arbeiterrat wählte einen Aktionsausschuss mit Richard Müller als Vorsitzendem und forderte die USPD zur Benennung dreier Delegierter für den Aktionsausschuss auf. Die USPD schickte Hugo Haase, Georg Ledebour und Wilhelm Dittmann. Eine Aufforderung an die MSPD wurde zunächst abgelehnt, nach nochmaliger Abstimmung auf Intervention Müllers aber doch gerichtet. Fritz Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Braun (später Otto Wels) wurden von ihr entsandt. Dies geschah, obwohl die MSPD den Streik an sich zunächst ablehnte.
Schon bald nach dieser Wahl reagierte die Regierung, ließ die Streikleitungen in den Betrieben verbieten und veranlasste die Polizei zur Auflösung von Versammlungen. Eine Verhandlungsdelegation des Aktionsausschusses, die die Regierung aufsuchte, darunter neben Richard Müller und Paul Scholze (Obleute) auch Haase und Scheidemann, blieb vor verschlossenen Türen stehen. Letztlich wuchs durch den Unmut darüber die Anzahl der Streikenden. Am 30. Januar kam es zu Straßendemonstrationen und zu Zusammenstößen mit der Polizei, die auch mit blankem Säbel einschritt. Das bewog den Aktionsausschuss zur per Mundpropaganda angekündigten Durchführung mehrerer Volksversammlungen in Berlin und im Treptower Park am 31. Januar. Dittmann, der im Treptower Park als Redner auftrat, schätzte die Teilnehmerzahl an den Kundgebungen auf rund eine halbe Million Menschen. Er selbst wurde unmittelbar nach dem Beginn seiner Rede, vor ihm hatte Ebert gesprochen, von der Polizei verhaftet und mit einem Säbelhieb am Schienbein verletzt. Am 4. Februar wurde er vom Kriegsgericht zu fünf Jahren und zwei Monaten Festungshaft verurteilt, von denen er zwei Monate Gefängnis in Tegel abbüßte. Die Festungshaft begann nach Ostern und endete am 15. Oktober 1918 vorzeitig.
Doch leiteten diese Übergriffe das Abbröckeln der Streikbewegung ein. Ab dem 1. Februar drohten militärische Besetzungen einiger Betriebe.
Hatte der Januarstreik auch keine momentanen Erfolge, so schürte er den Hass auf Kaiser und Krieg und revolutionierte die Köpfe vieler Beteiligter. Diejenigen, die zum Strafeinsatz an die Front geschickt wurden, agitierten dort ihre Kameraden, so dass diese sich bei Kriegsende gegen ihre Befehlshaber wendeten. Nach einer kurzen Phase der Depression sollte sich im Herbst 1918, als die Kriegsniederlage sich abzeichnete und die Kriegsmüdigkeit in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich sich immer mehr in Unruhe verwandelte, zeigen, wie wertvoll die gewonnenen Erfahrungen und die erlebte Stärke für die deutsche Revolution des November 1918 werden sollten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Der Januarstreik war zwar noch kein revolutionärer Aufstand, aber der Probelauf für das Funktionieren einer basisdemokratischen Rätestruktur, von der sich der linke Flügel der Arbeiterbewegung den Durchbruch zum Sozialismus erhoffte. Und wenn Euch aufgefallen ist, wie eng die Ereignisse zwischen Berlin und St. Petersburg, Moskau und Mitteldeutschland miteinander in Beziehung stehen, so ist auch das eine Feststellung, die wir gewiss im November dieses Jahres selten hören werden, denn schon die Rezeption des 100. Jahrestages der russischen Revolutionen in der deutschen politischen Öffentlichkeit entfielen entweder vollends oder trugen einen starken aktuellen antirussischen Charakterzug. So können Historikerinnen und Historiker allerdings nicht zu Werke gehen, und deshalb ist es unerlässlich, auf diese Interdenpendenz zwischen den revolutionären Bewegungen in Deutschland und Russland hinzuweisen.
Während in Russland der Bürgerkrieg zwischen den „Roten“ und den „Weißen“ zu toben begonnen hatte, wendete sich an der Westfront infolges des Kriegseintritts der USA das Blatt entgültig gegen die Mittelmächte. Das Scheitern der deutschen Offensive, die Ende März begonnen hatte, war im Juli eigentlich nicht mehr zu leugnen. Dennoch dauerte es bis Ende September, bis die OHL im kaiserlichen Hauptquartier in Spa dem Kaiser die Karten auf den Tisch legen musste. Die Chefs der OHL, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, durch das „Vaterländische Hilfsdienstgesetz“ faktisch zu Militärdiktatoren befördert, verlangten von Wilhelm II. eine Parlamentarisierung der Regierung. Durch eine vom Parlament getragene Mehrheitsregierung sollen die Linksliberalen, das katholische Zentrum und die MSPD in die Verantwortung genommen, gerade um die unumgängliche Niederlage zu übernehmen: „Die sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben“, drückte es Ludendorff in Spa aus.
Den obersten Militärs schien die Möglichkeit einer revolutionären Wende im Deutschen Reich bewusster zu sein als den meisten Politikern selbst. Durch eine „Revolution von oben“ sollte eine „Revolution von unten“ verhindert werden. In der zeitgenössischen Presse jedenfalls fand der umgehend am 30. September veröffentlichte Parlamentarisierungserlass Wilhelms II. einen positiven Widerhall. Mit der Wahl des Prinzen Max von Baden durch den Reichstag am 3. Oktober kam nicht nur erstmals ein gewählter Kanzler in die Regierung, sondern es verbanden sich mit seiner Regierung, der auch Philipp Scheidemann und Gustav Bauer von der MSPD angehörten, neue Hoffnungen auf einen Verständigungsfrieden mit den Alliierten. Doch deren Vormarsch machte schnell deutlich, dass diese Hoffnungen blanke Illusionen waren. Die Alliierten bestanden auf dem 14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson, das u.a. die Räumung Elsaß-Lothringens,Frankreichs und Belgiens vorsah.
Unterdessen begann die Agitation der Kriegsgegner unter den Soldaten, darunter die schon erwähnten Revolutionären Obleute, USPD-Anhänger, Mitglieder der Spartakusgruppe usw., Wirkung zu entfalten. Die Zahl der Deserteure wuchs, die Truppen zeigten Auflösungserscheinungen. Gleichzeitig standen Österreich-Ungarn und Bulgarien, des Reiches Verbündete, kurz vor der Kapitulation, und die deutschen Bemühungen um die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen prallten an der Position der Alliierten ab, die keine Vorbedingungen seitens des kurz vor der endgültigen Niederlage stehenden Reichs akzeptierten. Dennoch schien die „Revolution von oben“, die durch einige zentrale Änderungen der Reichsverfassung das Deutsche Reich von einer halbabsolutistischen zu einer parlamentarischen Monarchie tarnsformiert hatte, sich behaupten zu können. Doch dann geschah in Wilhelmshaven das, was den revolutionären Stein ins Rollen brachte und die „Revolution von unten“ gebar. Mit einem Schlag befand sich das Land in einer revolutionären Situation.

Von der Küste nach Berlin: Revolutionäre Situation und Revolution

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in den Tagen zwischen dem 29.Oktober und dem 12. November 1918 verschmolzen sämtliche Einflussfaktoren, Bewusstseinsentwicklungen, politischen Zielsetzungen mit dem kollektiven Wunsch nach sofortigem Ende des Krieges und dem Ende der Not, die das Volk durch Seeblockade und Hilfsdienstgesetz, Grippewellen, Hunger und Tod befallen hatte.
Während die diplomatischen Prozesse die Tür für Waffenstillstandsverhandlungen durch das Einschwenken der Regierung Max von Baden auf die durch die Wilson-Note präzisierten Bedingungen zu öffnen begonnen hatten, handelte die Seekriegsleitung bekanntlich auf eigene Faust, als sie der Schlachtflotte am 29. Oktober ohne Wissen des so hintergangenen Reichskanzlers den Befehl zum Auslaufen erteilte. Dass hier die betroffenen Matrosen auf eine faktische Todesfahrt um des Ehrgefühls der Admiralität und um des Prestiges des kaiserlichen Lieblingsprojektes willen geschickt werden sollten, veranlasste sie von Wilhelmshaven ausgehend zu Befehlsverweigerungen, die sich zu einer Militärrevolte ausweiteten. Die Verlegung dieser Mannschaften und der „Rädelsführer“ nach Kiel sowie die Absage der geplanten Kampfaktion sollten die Lage beruhigen, konnten die anrollende Welle der Rebellion jedoch nicht mehr aufhalten. Am 3./4. November übernahmen die Aufständischen Kiel, am 5. November griffen die Kämpfe zunächst auf die Hafenstädte, dann über Hamburg auf den gesamten Norden über und von dort aus in Richtung Binnenland. Am 9. November schließlich erfassten sie Berlin mit der Wucht des Massenstreiks und wälzten das politische System im Deutschen Reich um. Vom zerfallenden Österreich-Ungarn kommend, das am 3. November den Waffenstillstand unterschrieben hatte, erfasste eine weitere revolutionäre Welle den Süden des Reiches und beendete am 7. November die Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern, Kurt Eisner (USPD) wurde vom Arbeiter- und Soldatenrat zum Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern ausgerufen.
Von diesen dramatischen und im Eiltempo voranschreitenden Umwälzungen erfuhren die Menschen zunächst so gut wie nichts. Die verhängte Pressezensur verhinderte eine zeitnahe Berichterstattung über die lokalen Grenzen hinweg. Jedoch berichtet der „Vorwärts“ auf seiner dritten Seite am 5. November unter der Überschrift „Unruhen in Kiel“ unter Bezugnahme auf die „Schleswig-Holsteinische Volkszeitung“ über jene Matrosendemonstration von 3000 Menschen, die die Freilassung ihrer inhaftierten Kameraden forderten. Es folgte eine Befreiungsaktion, bei der es Schießereien mit hier gemeldeten acht Toten und 29 Verletzten gab.

Parallel zur Selbstermächtigung der rebellierenden Arbeiter und Soldaten in den Küstenstädten und zur von dieser ausgehenden revolutionären Welle brach die Front im Westen zusammen, die Lageberichte sprachen eine unmissverständliche Sprache. Hinter den Kulissen wurde längst das Schicksal des Kaisers verhandelt, beteiligt waren unter anderem der Reichskanzler Max von Baden, Philipp Scheidemann und General Groener, der neue OHL-Chef. Als am 7. November in München der erfolgreiche Aufstand gegen den bayerischen Monarchen, dessen Abdankung und die Einsetzung Kurt Eisners zum Ministerpräsident des Freistaates Bayerns bekannt wurde, sah sich die MSPD-Spitze zum unverzüglichen Handeln veranlasst und beschloss einen Aufruf, in dem u.a. die Demokratisierung Preußens, die Zurückhaltung von Militär und Polizei bei Massenaktionen sowie die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des Kronprinzen bis zum Mittag des 8. Novembers gefordert wurden.
Von der Küste hieß es, „Bremen, Hamburg und Kiel in den Händen von Arbeiter- und Soldatenräten.“ (Vorw., 8.11) Die durchaus positive Berichterstattung weist auf die Option hin, die sich nun auch der MSPD mit der Rätebewegung stellte, nachdem Gustav Noske dort den Einfluss der Partei gestärkt hatte. Doch bestand die Strategie der Partei- und Fraktionsführung nicht darin, über Massenaktionen den Regimewechsel herbeizuführen, sondern unter Beruhigung der revolutionären Bewegung auf gouvernementalem Wege. Insgesamt vermittelte diese Ausgabe wohl nicht ohne Absicht den Eindruck, die MSPD setze zielstrebig die politischen Veränderungen durch, die notwendig und wünschenswert seien.
Das Ultimatum der MSPD an den Reichskanzler, in dem auch die Abdankung Wilhelms II. gefordert und andernfalls der Austritt aus der Regierung angekündigt wurde, brachte der „Vorwärts“ nun am 8.11. Die Berichte über die Ereignisse in Hamburg, Bremen und Kiel ließen deutlich erkennen, dass sich die Rebellion an der Küste zu einer Revolution beschleunigte. (Ebd., 8.11.)
Die revolutionäre Welle nahte am 8. November immer klarer heran. Noch früher als von der Küste hatten aber die Umwälzungen in Bayern und in Österreich die Massen erreicht. Der kommende Morgen sollte die Entscheidung bringen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wie Richard Müller in seinem zeitgenössischen Erinnerungswerk schildert, begann die revolutionäre Gärung, die sich am 9. November Bahn brechen sollte, bereits in der Nacht bzw. in den frühen Morgenstunden. Das aus Naumburg nach Berlin verlegte 4. Jägerbataillon, das gegen Aufständische vorgehen sollte, weigerte sich, Dienst zu tun. Die Sympathien zur MSPD machten sich geltend. Aber die Berliner Polizei galt im Areal zwischen Schloss und Rathaus noch als schussbereit. Doch zunächst blieb es scheinbar ruhig und die Berliner Arbeiterschaft schien sich in den Betrieben aufzuhalten.
Bereits seit dem 2. November plante ein aus Revolutionären Obleuten und Linkssozialisten, darunter auch Georg Ledebour und Karl Liebknecht, betehendes Revolutionskomitee den Aufstand. Zunächst orientierte man auf einen Massenstreik und Demonstrationszüge aus den Betrieben und Quartieren in die Stadt, dann aber wurde die revolutionäre Aktion wegen noch unzureichender Bereitschaft in vielen Betrieben verschoben. Die endgültige Entscheidung sollte am 6. November fallen, doch drangen diese geheimen Absprachen an die Polizei, die mit Verhaftungen begann, wie Ledebour ausführte. Als am 8. November Ernst Däumig (USPD) verhaftet wurde, beschloss das Revolutionskomitee, am Morgen des 9. November die Revolution zu beginnen. Mittels von Aufrufen wurden die Belegschaften darüber informiert.
Doch noch bestand die Gefahr einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit dem Militär. Wie sich Richard Müller erinnerte, gab das Oberkommando in den Marken erst am Nachmittag des 9. November den Befehl, nicht von der Waffe Gebrauch zu machen. Aber gleichzeitig schützte die um sich greifende revolutionäre Welle auch in der Armee die Erhebung. Noch einmal Richard Müller, der hier den Stellvertreter des Reichskanzlers Max von Baden, Friedrich von Payer, zitierend:
„Von überall her kamen die Meldungen über die Bildung von Soldatenräten im Heere, vom Verschwinden oder vom passiven Verhalten der Offiziere oder von deren gewaltsamer Absetzung, gelegentlich auch Mißhandlung. Kam einmal irgend woher eine Meldung, daß die eine oder andere Truppe, für die Berlin überhaupt in absehbarer Zeit erreichbar war, noch ihren Befehlshabern gehorche oder nach der Meinung ihrer Vorgesetzten zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung bereit sei, so stellte sich, sobald die Probe geamcht werden sollte, das Gegenteil heraus.“

Als der Morgen des 9. November anbrach, schien alles zunächst wie gewohnt vor sich zu gehen. Nichts deutetete auf den geplanten Massenstreik hin. Die Arbeiter gingen oder fuhren zu ihrer Arbeitsstelle, die Büros und Geschäftshäuser füllten sich. Doch nach der Frühstückspause begann die Erhebung. Die Arbeiter verließen ihre Fabriken und Werkstätten, die Straßen füllten sich mit Menschenmassen, Demonstrationszüge formierten sich am Stadtrand und zogen in Richtung Zentrum. Soldaten schlossen sich ihnen an. Die Bewaffnung zahlreicher Demonstranten und der Soldaten zeigte, dass der Aufstand mit großer Entschlossenheit vor sich ging.
Dies betraf nicht zuletzt die weniger Streikwilligen, zum Beispiel die Straßenbahner, die ihre Tätigkeit noch als eine hoheitliche begriffen und dem Aufstand fernblieben. So besetzten Demonstranten die Kraftwerke und legten die Stromversorgung lahm, so dass auch die „Elektische“, wie die Straßenbahnen Berlins genannt wurden, stillstand.
Bei einem der Demonstrationszüge gab es die einzigen Todesopfer der revolutionären Aktionen des 9. November. In der Chausseestraße, die vom Wedding in Richtung Bahnhof Friedrichstraße führt, kam es beim Versuch, solisdarisierungswillige Soldaten der Maikäferkaserne zu befreien, zum Schußwaffengebrauch durch die Wachmannschaft der Kaserne. Drei Tote, der Metallarbeiter und Revolutionäre Obmann Erich Habersaath, der Gastwirt Richard Glatte und der Monteur Franz Schwengler.
In Moabit und in Tegel sorgten Demonstranten dafür, dass politische Gefangene und Militärgefangene aus den Gefängnissen entlassen wurden.
Müller weiter: „Die Soldaten der übrigen Kasernen waren bereits im Verlaufe des Vormittags teils einzeln, teils truppweise zu den Aufständischen übergegangen. Aus den Kasernen wurden Waffen und Miunition geholt und an die Arbeiter verteilt. Am Nachmittag glich das Zentrum Berlins einem Heerlager.“
Wenn Ihr Euch heute das Areal des Berliner Tiergartens und der Straße Unter den Linden mit dem Brandenburger Tor vorstellen, könnt Ihr ermessen, welche ungeheure Menschenmenge auf den Beinen war. „Automobile mit Soldaten und Arbeitern besetzt, fuhren duch die Straßen. Es wurden Ansprachen gehalten. Die Freude über den Sturz des alten Regimes war unbeschreiblich groß“, erinnert sich Müller weiter.

Georg Ledebour, Wilhelm Dittmann und Ewald Vogtherr verbrachten die Nacht im Fraktionszimmer der USPD im Reichstag. Am Morgen des 9. November erschienen unerwartet Fr. Ebert, Ph. Scheidemann und Otto Braun bei den Unabhängigen, um ihnen das Angebot der gemeinsamen Revolution zu unterbreiten: „Bitte, meine Herren, wir sind bereit, mitzumachen, wir haben auch so etwas im Werke“. Die Erfahrung in Kiel, als Gustav Noske an die Spitze des Arbeiter- und Soldatenrates trat, hatte der MSPD-Führung nahegelegt, sich an jene der Bewegung zu stellen. So hatte auch Friedrich Ebert gegenüber dem Reichskanzler ultimativ als Druckmittel formuliert, dass Massenaktionen unvermeidlich seien, wenn Wilhelm II. nicht abdanke. Insofern griffen in dieser Situation der bevorstehenden Erhebung Elemente der „Revolution von oben“ durch die MSPD und der „Revolution von unten“ durch das Revolutionskomitee ineinander, so dass nach der Frühstückspause die Massendemonstrationen ausgelöst wurden. Und so mag es sich tatsächlich vollzogen haben, wie es Richard Müller darlegte, als er von „gewaltigen Menschenmassen“ in den Straßen, von „der Peripherie, wo die größten Fabrikbetriebe liegen“ schrieb, von der aus „sich große Demonstrationszüge [formierten]) die dem Mittelpunkt der Stadt zuströmten. Dass es sich nicht um eine friedliche Demonstration handelte, zeigten die zahlreichen Pistolen, Gewehre und Handgranaten, die überall sichtbar waren.“ Von den Fraternisierungen der Soldaten mit den Demonstranten erfahren wir bei ihm weiterhin, dass es „zumeist keiner Aufforderung (bedurfte), sie schlossen sich freiwillig den Arbeiterzügen an. Männer, Frauen, Soldaten, ein Volk in Waffen, flutete durch die Straßen den zunächst gelegenen Kasernen zu.“

Georg Ledebour beschrieb den weiteren Fortgang der Revolution des 9. November in seiner Verteidigungsrede in dem gegen ihn wegen des Januaraufstands angestrengten Prozeß:
„Um 12 Uhr war die Revolution schon siegreich…Ich bin mit meiner Frau und meinem Freund Adolf Hoffmann durch die Stadt gefahren. Wir haben unterwegs Ansprachen gehalten. Am Schloß trafen wir auf Liebknecht. Auch am Polizeipräsidium haben wir drei dann geredet.“ Das Polizeipräsidium befand sich damals am Alexanderplatz und war berüchtigt.
Um die Mittagszeit dann strebte die revolutionäre Situation ihrem Höhepunkt zu. Um 14 Uhr proklamierte Ph. Scheidemann vom Reichstagsgebäude aus, wo die MSPD-Fraktion zu Mittag aß, die Republik. Vorher, am Morgen, hatte es eine geheime Besprechung des Prinzen Max mit Friedrich Ebert gegeben, bei der der Noch-Reichskanzler Ebert um die Übernahme der Kanzlerschaft dringend bat, wie sich Philipp Scheidemann erinnert. Gegen Mittag schlug dann die Stunde der polischen Revolution. Scheidemann: „Um die Mittagszeit des 9. Novembers machte sich die von der Vertrauensmännersitzung bestimmte Deputation auf den Weg zum Reichskanzler: Otto Braun, Ebert, Scheidemann sowie als Vertreter der Berliner Betriebsobleute Brolat und Heller.“ Die Deputation, namentlich Ebert, forderte von Prinz Max die Übergabe der Reichskanzlerschaft und des Oberkommandos an Vertreter der MSPD. Scheidemann beschrieb die Situation so: „Den Arbeitermassen, ebenso den Parteikörperschaften, die die Deputation zum Reichskanzler schickten, war es nur darauf angekommen, den noch Regierenden zu sagen, daß ihre Uhr abgelaufen sei und daß nunmehr das arbeitende Volk die Regierung übernehmen werde.“

Bei seiner Vereidigung durch den Prinzen Max wurde bereits vereinbart, dass „im Reichstag ein Gesetzentwurf vorgelegt wird, der die Wahlen zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung ausschreibt. Diese Versammlung würde dann entscheiden, wie Deutschland künftig regiert werden soll. Ebert: Mit dem Gedanken dieser Nationalversammlung könnten wir uns einverstanden erklären“, wie sich der scheidende Kanzler Max von Baden erinnerte. Doch noch war Kaiser Wilhelm II. Staatsoberhaupt. Interessant ist der Dissens zwischen Scheidemann und Ebert: „Für mich waren in jener Stunde der Kaiser mitsamt der Monarchie erledigt. Ebert sah die Situation, wie wir bald erkennen werde, anders an.” Ging es der MSPD-Spitze um eine rein politische Revolution und um die Vermeidung einer sozialen, so war die Reichweite der politischen Umgestaltung selbst noch nicht entschieden. Doch gegen Mittag wurde die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt.
Sofort richtete der neue Reichskanzler das Angebot zur Zusammenarbeit an die USPD, deren Delegation aus Oskar Cohn, Wilhelm Dittmann und Ewald Vogtherr bestand. Während Georg Ledebour eine gemeinsame Regierung mit der MSPD rundweg ablehnte, stimmte auf Drängen Dittmanns eine Mehrheit der USPD-Spitze einer gemeinsamen Regierungsbildung und einer paritätischen Ämterbesetzung zu. Damit war die künftige Richtung der Revolution vorstrukturiert, die MSPD hatte es verstanden, die politische Initiative zu ergreifen und sie den Obleuten und der USPD und der kleinen, aber aktivistischen Spartakusgruppe, die den Aufstand geplant und ins Werk gesetzt hatten, abspenstig zu machen.

Doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, wie kam es zur zur Ausrufung der Republik?
Schlagen wir wieder nach bei Scheidemann: „Mit Ebert, der nun auch aus der Reichskanzlei in den Reichstag gekommen war, und anderen Freunden saß ich hungrig im Speisesaal…Da stürmte ein Haufen von Arbeitern und Soldaten in den Saal, gerade auf unseren Tisch zu…“Philipp, du mußt herauskommen und reden!…Jawohl, Scheidemann, komm´ schnell, vom Schloßbalkon aus redet Liebknecht!“…“Liebknecht will die Sowjetrepublik ausrufen!“ Nun sah ich die Situation kar vor Augen. Ich kannte seine Forderung: „Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!“ Deutschland also eine russische Provinz, eine Sowjet-Filiale? Nein! Tausendmal nein! Kein Zweifel: Wer jetzt die Massen vom Schloß her „bolschewistisch“ oder vom Reichstag zum Schloß hin „sozialdemokratisch“ in Bewegung bringt, der hat gesiegt!“
Diese Situation führte zu der bekannten Ansprache Scheidemanns, die mit den Worten schloß: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“
Doch Scheidemann musste sich erst gegen Ebert durchsetzen: „Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was aus Deutschland wird, ob Republik oder was sonst, das entscheidet eine Konstituante!“ Scheidemann führte dieses Verhalten auf Eberts vertraulich geführte Gespräche zurück, die dieser sowohl mit Vertretern der bürgerlichen Parteien und des Militärs geführt hatte und somit Rücksichten zu nehmen gehabt hätte.
Gegen 16 Uhr rief Karl Liebknecht vom Berliner Schloss aus die freie sozialistische Republik aus. Damit war die deutsche Variante einer „Doppelherrschaft“ von Regierung und Räten entstanden, die bis zum Reichsrätekongress vom 16.-21. Dezember die Diskussionen und Auseinandersetzungen über den weiteren Weg der Revolution bestimmen sollte: Parlamentarische Republik oder Räteherrschaft?

Als es Abend in Berlin wurde, hatte Max von Baden die Abdankung des Kaisers auf eigene Faust erklärt und seine Reichskanzlerschaft an Friedrich Ebert übergeben, Philipp Scheidemann gegen 14 Uhr die Republik ausgerufen und zwei Stunden nach ihm Karl Liebknecht die sozialistische Republik, war aus einer kurzzeitigen parlamentarischen Monarchie eine demokratische Republik mit einer provisorischen Regierung in spe geworden, der Vertreter von MSPD und USPD angehören sollten. Auch die Kooperation der beiden sozialistischen Parteien wurde während der revolutionären Umwälzungen vereinbart, allerdings nicht mit der Zustimmung aller Unabhängigen. So erklärte sich Georg Ledebour gegen seinen Eintritt in den „Rat der Volksbeauftragten“ und gegen eine Kooperation der USPD mit der MSPD in dieser revolutionären Übergangsregierung. Auch Scheidemann erinnerte sich beinahe etwas selbst heroisierend an die Ereignisse zwischen den Morgen- und Nachmittagsstunden des 9. November.
Der „Vorwärts“ war an diesen Tagen des 9. und 10. November die Zeitung, an der sich die Massen orientierten. Die Hauptausgabe entstand zweifelsohne unter größtem Zeitdruck und ohne die Gewissheit über die kommenden Vorgänge. Doch als die Ereignisse sich ab dem Vormittag zu überstürzen begannen, folgten zwei Extraausgaben des „Vorwärts“. Das erste Extrablatt trug die in riesigen Lettern gedruckte Überschrift: „Generalstreik!“, rief zum allgemeinen Ausstand und zur Aufrechterhaltung der Versorgung und von Ruhe und Ordnung auf, informierte die Leserschaft über die Fraternisierung der Truppen mit der Revolution und bekräftigte die gemeinsame Leitung der Bewegung durch SPD und USPD. Das zweite Extrablatt wiederum gab die Abdankung des Kaisers bekannt, die Max von Baden in seiner Eigenschaft als Reichskanzler vollzogen hatte. „Der Kaiser hat abgedankt! Und „Es wird nicht geschossen!“ hieß es in großen Lettern. Den im Sturmschritt voran schreitenden Revolutionsschritten folgend hieß es im 3. Extrablatt: „Arbeiter, Soldaten, Mitbürger! Der freie Volksstaat ist da!…Fritz Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, ist Reichskanzler geworden“. Die vierte Extraausgabe richtete sich speziell an die Soldaten und rief diese zur einstweiligen Rückkehr in die Kasernen auf.
In Ermangelung einer eigenen Druckerei besetzten Anhänger des Spartakusbundes, unter ihnen Hermann Duncker, die Räume des konservativen „Berliner Lokal-Anzeigers“ und publizierten zwei Tage lang die Aufrufe des Spartakus als „Rote Fahne“ zur sozialistischen Revolution, bevor die Räume wieder entsetzt wurden.
Am 10. November bildeten nach zähen Verhandlungen MSPD und USPD den „Rat der Volksbeauftragten“ als provisorische Revolutionsregierung. Der Rat aus je drei Vertretern beider Parteien, also Ebert, Scheidemann, Landsberg (MSPD) und Haase, Dittmann, Barth (USPD), sah sich durch die Arbeiter- und Soldatenräte einerseits und, was die Person Eberts anbelangt, durch die überwundene Ordnung legitimiert, hatte doch Max von Baden ihm das Reichskanzleramt am Vortag übertragen.
Richard Müller schrieb dazu: „Der „Vorwärts“ war an diesem Tage die Zeitung, die sich jeder Arbeiter zu verschaffen suchte[...]Was der „Vorwärts“ schrieb, wirkte ungemein stark auf die Arbeiter; selbst auf die, die noch am gestrigen Tage seine erbittertsten Feinde waren. Die ganze Kriegspolitik mit ihren Wirkungen auf die Lage der Arbeiter, der Burgfrieden mit der Bourgeoisie, alles was die Arbeiter bis aufs Blut gereizt hatte, war vergessen. Die Freude über den Sieg der Arbeiterklasse und der Widerwillen gegen den jahrelangen Bruderkampf drückten jede Überlegung nieder.“ Teilweise wurden Berichte aus dem regulären „Vorwärts“ zusätzlich als Extraausgabe verteilt. In der „fünften Extraausgabe teilte der neu gegründete Soldatenrat „an alle Militärpersonen von Groß-Berlin“ mit, dass er sich am Abend „im Reichstagsgebäude, Zimmer 17“ treffen werde. Es folgte die Aufforderung: „Soldaten bleibt in Euren Kasernen, Ihr werdet dort verpflegt. Zapfenstreich 10 Uhr.“ Und auch der neue Reichspräsident Friedrich Ebert nutzte den „Vorwärts“ noch einmal als Forum. In der sechsten Extraausgabe des 9. November 1918 wandte er sich „an die deutschen Bürger“ und teilte ihnen mit: „Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Bestreben wird sein müssen, dem deutschen Volke den Frieden schnellstens zu bringen und die Freiheit, die es errungen hat, zu befestigen.“ Und die 7. Extraausgabe am 10. November schließlich meldete die getroffene Übereinkunft zwischen beiden sozialdemokratischen Parteien über die gemeinsame Bildung des „Rates der Volksbeauftragten“ mit der Schlagzeile: „Die Einigung zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien ist vollzogen. Ebert, Haase, Scheidemann, Dittmann, Landsberg und Barth werden die neue Regierung bilden“. Es schloss sich ein Aufruf an die Soldaten zur Disziplin an, um die Bahntransporte zur Lebensmittelversorgung nicht zu gefährden.
Im Berliner Arbeiter- und Soldatenrat, der am Abend des 10. November im Zirkus Busch tagte, wogte eine heftige Debatte über die Zusammensetzung des Vollzugsrates. Die Soldatenräte vor allem forderten eine paritätische Zusammensetzung zwischen revolutionären Obleuten und Mehrheitssozialdemokratie, die Obleute und einige Vertreter der Unabhängigen hingegen einen Vollzugsrat ohne die Mehrheits-SPD.

Richard Müller dazu: „Nachdem Barth eine kurze Ansprache gehalten hatte, in der er die gefallenen Opfer der Revolution ehrte und die Bedeutung des Tages würdigte, erhielten nacheinander Ebert, Haase und Liebknecht das Wort. Ebert sprach über die schwierigen Aufgaben, die jetzt gelöst werden müsste und betonte sehr stark die Notwendigkeit der Einigung der beiden Parteien, die bereits durch die Verständigung über eine gemeinsame Regierung geschaffen sei. Alles Trennende müsse jetzt zurückgestellt werden, denn nur so könne der Sieg der Revolution gesichert werden. Haase sprach im gleichen Sinne, während Liebknecht sich scharf gegen Ebert wandte und die auf Gefahren hinwies, die von jener Seite der Revolution drohten.“
Schließlich wurden je sieben Vertreter der MSPD und der USPD und vierzehn Vertreter der Soldatenräte in den Vollzugsrat gewählt. Unter den USPD-Vertretern befanden sich Emil Barth, der gleichzeitig Mitglied im „Rat es Volksbeauftragten“ war, Richard Müller, Ernst Däumig und Georg Ledebour, für die MSPD wurden u.a. Franz Büchel und Gustav Heller gewählt, Herrmann Müller kam am Folgetag im Tausch gegen Hiob hinzu. Insgesamt zeigten die Debatte und die Wahl des Vollzugsrates, dass eine überwiegende Mehrheit der Rätevertreter die Einheit der Arbeiterparteien einer schnellen Durchsetzung revolutionärer Maßnahmen durch eine stärkere Linksorientierung der Leitungskörperschaften vorzog.

Die Bildung des „Rates der Volksbeauftragten“ als eines quasi „sechsköpfigen Reichskanzlers“ (Philipp Scheidemann) und seine Bestätigung durch den Arbeiter- und Soldatenrat bedeutete nur den ersten Schritt einer Regierungsbildung. Es folgten weitere Personalentscheidungen auf nachgeordneter Ebene, die die unterschiedlichen Richtungsvorstellungen von USPD und MSPD ebenso widerspiegelten wie auch die auseinander gehenden Legitimitätsvorstellungen. Friedrich Ebert residierte, wie um seine „doppelte Legitimität“ (Böckenförde) zu demonstrieren, weiterhin im Reichskanzlerzimmer. Er war kraft seiner persönlichen Autorität und der ihm zugefallenen Ministerialkompetenzen (Militär, Inneres) der „starke Mann“ innerhalb des Rates. Neben je einem Staatssekretär von den Reihen von MSPD und USPD kamen auch Bürgerliche wie Eugen Schiffer (Reichsschatzamt) und Hugo Preuß (Inneres und Verfassung) in Amt und Würden, da sie als Fachleute galten. Doch der Berliner Linksliberale Hugo Preuß drängte entschieden auf die Einberufung einer Nationalversammlung und formierte somit ein starkes politisches und verfassungsjuristisches Gegengewicht gegen sozialistische Vorstellungen etwa von einer Räteherrschaft. So schrieb er schon unmittelbar nach den Tagen der Revolution: „Nicht Klassen und Gruppen, nicht Parteien und Stände in gegensätzlicher Isolierung, sondern nur das gesamte deutsche Volk, vertreten durch die aus völlig demokratischen Wahlen hervorgehende deutsche Nationalversammlung, kann den deutschen Volksstaat schaffen[…] Gewiß muß eine moderne Demokratie vom Geiste eines kräftigen sozialen Fortschritts erfüllt sein, aber ihre politische Grundlage kann niemals der soziale Klassenkampf[…)bilden.“ Insofern war die Richtungsentscheidung über Nationalversammlung oder Räteherrschaft die zu bewältigende Hauptaufgabe des Rates der Volksbeauftragten. Weiterhin war die Frage der künftigen Struktur der bewaffneten Macht grundsätzlich zu klären. Nachdem General Groener noch am 10. November mit Friedrich Ebert telefoniert und die Truppen der neuen Regierung unterstellt hatte, einigte man sich auf den Einsatz der alten Armee zur Wahrung von Ruhe und Ordnung, zur Bekämpfung des „Bolschewismus“, und auf die Demobilisierung der Truppen unter Leitung der Generalität. Damit sollten zugleich die Versuche des Arbeiter- und Soldatenrates zur Bildung einer eigenen bewaffneten Macht, der „Roten Garde“, konterkariert werden. Am 12. November verabschiedete der Rat der Volksbeauftragten einstimmig einen Erlass zur Wahrung der Vorrechte der Offiziere, so dass die Soldatenräte auf eine beratende Funktion beschränkt und ebenfalls in die Staatsschutzaufgaben eingebunden wurden. Die regionalen Gliederungen insbesondere der USPD, aber auch zahlreiche ihr nahestehende Zeitungen protestierten in den folgenden Tagen scharf gegen diesen als gegenrevolutionär eingestuften Militärerlass.
Über diese Entwicklungen berichtete der „Vorwärts“ in seiner Ausgabe vom 12. November in aller Ausführlichkeit. Neben der Nachricht vom Waffenstillstand appellierte die Regierung an den Korpsgeist und die Einigkeit der Soldaten sowie an deren Loyalität zur neuen Demokratie. Interessanterweise platzierte die Redaktion eine Meldung an zentraler Stelle auf der ersten Seite, in der namentlich über Hindenburgs und Groeners Initiative, die Armee der Regierung zur Verfügung zu stellen, „um ein Chaos zu vermeiden“, berichtet wurde. Wie um diesem Vorgehen mehr Vertrauen zu verschaffen, fungieren in dieser Meldung der Kölner und der Hamburger Soldatenrat als Übermittler. Eine Kurzmeldung über den Militärerlass befand sich auf der 2. Seite, ansonsten nahm die Bildung der neuen, aus MSPD und USPD bestehenden Regierung einen breiten Raum ein. (Vorw., 12.11.)
Die Ausgabe vom 13. November publizierte die ersten Verordnungen der neuen Regierung, die die bürgerlichen Rechte, das allgemeine demokratische Wahlrecht, die Aufhebung der kriegsbedingten Ausnahmegesetze, den Arbeiterschutz und die allgemeine Koalitionsfreiheit sowie die Einführung des Achtstunden-Arbeitstages in Kraft setzten. In seinem Leitartikel „Die Reichsregierung und die Arbeiter- und Soldatenräte“ plädierte Vorwärts-Chefredakteur Friedrich Stampfer für eine einheitliche Versammlung der Arbeiterschaft hinter dem Rat der Volksbeauftragten, allerdings mit dem Ziel, über die Wahl einer Nationalversammlung durch das gesamte Volk legitimierte Regierung zu schaffen. Die Arbeiter- und Soldatenräte, so sein Appell, sollten sich in den Dienst dieser Aufgabe stellen, die Räteorganisationen also ein vorübergehendes Instrument zur Herstellung der Demokratie verstehen. Dazu sollte sicher auch der Aufruf zur Bildung von Bauernräten auf dem Land dienen, vor allem um die Lebensmittelversorgung zu sichern. Der Kampf um die Richtung der Revolution begann also umgehend. Dass auch der Militärerlass vom 12. November die Räte als temporär behandelte, konnte durchaus aus seinem im Wortlaut veröffentlichten Text herausgelesen werden. (Vorw., 13.11.) Die großen Probleme der Räte zur Selbstermächtigung offenbarte sich in der Meldung des „Vorwärts“ vom 14. November, nach der der Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates bekannt gab, auf die Bildung der „Roten Garden“ zu verzichten. Damit war der Vorrang der regulären Truppen vor den revolutionären Einheiten faktisch durchgesetzt. (Vorw., 14.11.)
Auch die „Morgenpost“ vermeldete am 12. November zunächst die Annahme der Waffenstillstandsbedingungen in Compiégne. Zur Bildung der sozialistischen Regierung in Preußen aus Vertretern der MSPD und der USPD nach dem Muster der Volksbeauftragten und zu den Entscheidungen des Arbeiter- und Soldatenrates brachte das Blatt Berichte auf der Titelseite, ergänzt um die Meldungen über die Abdankung Kaiser Karls in Wien. Dass die künftige Entwicklung dem Blatt Kopfzerbrechen bereitete erkennt man an der kommentierten Veröffentlichung einer Nachricht der konservativen „Deutschen Tageszeitung“, die auf die Mitwirkungsrechte des Reichstags pochte und dessen mögliche Umgehung als „glatten Staatsstreich“ verurteilte. Mitten auf der zweiten Seite erfuhr man, dass sich Hindenburg auf die Seite der Regierung gestellt habe. Somit begann hinter dem Rücken der Öffentlichkeit der Ebert-Groener-Pakt Wirkung zu entfalten. Dass die Lage in Berlin noch immer sehr angespannt schien, verdeutlichen einige weitere Berichte der Ausgabe. (MP,12.11.) Die vom Rat der Volksbeauftragten vorgenommenen Richtungsentscheidungen fanden sich in Ausgabe des 13. November wieder. Sowohl der Militärerlass als auch die Absicht zur Wahl einer Nationalversammlung sowie die Sofortmaßnahmen vom 12. November wurden vollständig abgedruckt. Interessant ist, dass auf der zweiten Seite die Ankunft Wilhelms II. in den Niederlanden gemeldet wurde, der Monarch aber immer noch ohne Hinweis auf seine Abdankung als „Kaiser“ bezeichnet wurde. (Ebd., 13.11.) Als einen offensichtlich großen Erfolg bewertete das Blatt den Verzicht des Arbeiter- und Soldatenrates, eine „Rote Garde“ aufzustellen, denn diese Entscheidung prägte die Titelseite der Ausgabe vom 14. November: „Keine Rote Garde in Berlin“. Der Kommentar dazu trug den Titel: „Soldaten gegen den Terror“, eine weitere Meldung gab bekannt, dass „Hindenburg in Wilhelmshöhe“ mitsamt dem „großen Hauptquartier“ eingetroffen sei, um „auf dem Posten zu bleiben, bis das Heer in seine Heimat zurückgekehrt ist“. Die Wirkungen des Militärerlasses und die Vorbereitung einer Nationalversammlung dominierten die Folgeseiten. Offenbar sollte von diesen umfangreichen Darstellungen ein beruhigender Effekt auf die Leserschaft ausgehen. (Ebd., 14.11.)
Andere Akzente setzte die „Volkszeitung“, als sie am 12. November über die Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates am 10. November unter der Schlagzeile „Die Soldaten gegen die Quertreiber“ berichtete, worunter die Vertreter der USPD und des Spartakusbundes verstanden wurden, deren radikalere Initiativen mehrheitlich abgewiesen wurden.

Dieser abschließende Blick in die Presse sollte Euch zeigen, dass sich noch in der Revolution nach derem politischen Sieg am 9. und 10. November die Umgruppierungen vollzogen, die sich künftig anhand der Fragen der Sozialisierung und der sozialen Revolution einerseits und der Klassenkooperation, so wie sie der Stinnes-Legien-Pakt formulierte, andererseits bzw. an der Frage Nationalversammlung contra Rätesystem in heftigen und blutigen Konflikten entladen sollten.
Auf der einen Seiten befanden sich die Revolutionären Obleute der Betriebe, die Mehrheit der USPD, vor allem der Groß-Berliner Verband, die Spartakusgruppe usw., die eine zweite, die soziale Revolution durchsetzen wollten, auf der anderen Seite die MSPD, eine Mehrheit in den Arbeiter- und Soldatenräten, besonders bei den Soldaten und die fortschritttlichen bürgerlichen Parteien, die die Umgestaltung auf republikanisch-demokratischer Grundlage anstrebten und sichern wollten. Wie jede „Doppelherrschaft“, so wie sie in Russland von Februar bis Oktober 1917 geschah, musste auch die deutsche entschieden werden. Dies weist uns auf die Entscheidungssituationen und Kämpfe von Dezember 1918 bis März 1919 hin.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit!