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Irrwege. Holzwege oder verschlungene Pfade? Auch der Muslim gehört zu Deutschland – ob wir es wollen, er es will, oder nicht! Gedanken über Eckpunkte einer vergangenen und zukünftigen Identität. Beitrag für den Arbeitschwerpunkt „Politik“ vom 30. März 2011

Bundespräsident Christian Wulff betonte bei mehreren Gelegenheiten, dass der Islam nun zu Deutschland gehöre. Widerspruch erntete er von verschiedener Seite, zuletzt auch vom neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der jüngst verlautbaren ließ, dies lasse sich „“aus der Historie nirgends belegen.“ Bereits im vergangenen Herbst hatte Friedrich dem Staatsoberhaupt in dieser Frage widersprochen. Nach der Rede Wulffs zum Tag der Deutschen Einheit zählte der damalige CSU-Landesgruppenchef zu den ersten Unionspolitikern, die dem Bundespräsidenten widersprachen. „Die Leitkultur in Deutschland“, hatte Friedrich gesagt, „ist die christlich-jüdisch-abendländische Kultur, nicht die islamische“.“(1) Auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler äußerte sich im Oktober 2010 negativ über die Zugehörigkeit des Islam zum europäischen Kulturkreis und besonders zum deutschen: „„Was der Bundespräsident sagt, ist historisch falsch“, sagte der Bielefelder Wissenschaftler dem Tagesspiegel. Der Islam sei über Jahrhunderte hinweg immer ein Gegner Europas gewesen und „kein Teil der Kultur oder des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland geworden, egal ob Sie das Recht, die Politik oder das Verfassungsdenken ansehen“.“ (2)
Gewiss, die historische Argumentationsweise scheint beiden auf den ersten Blick Recht zu geben, denn in der Tat wurde das moderne Europa aus der christlich-abendländischen Tradition, also der Überlieferung griechisch-römischer sowie christlich-jüdischer Traditionen, aus dem Aufbruch in die Moderne durch Humanismus und Renaissance und durch das seit der Frühen Neuzeit entstandene Verfassungs- und Rechtsdenken jenseits der Theokratie geformt. Die daraus entstandene Sichtweise vom Menschen als eines zur freien Entscheidung befähigten Individuums, das mit Hilfe der Vernunft Alternativen des Handelns abzuwägen und zu entscheiden vermag steht in erkennbarem Widerspruch zu einer Haltung, die das Schicksal des Menschen als vorherbestimmt annimmt und ihn somit seiner Handlungsfreiheit in existenziellen Situationen beraubt. Doch schon hier muss Widerspruch eingelegt werden, denn die Haltung des Fatalismus ist keineswegs eine Exklusivität des Islam als „kismet“, sondern findet sich selbst in modernen existenzphilosophischen Gedankenwelten wieder und war auch der christlichen Religion nicht wesensfern.
Wer über die Frage der Bedeutung des Islam für unsere Gesellschaft von gestern, heute und morgen sinniert, denkt im Grunde über die Frage der „Identität“ nach, also der Summe an Eigenschaften, Geschichten, Prägungen, Symbolen und Haltungen, die eine Nation oder einen Kulturkreis als eine Art unverwechselbare Einheit oder Gruppe zu kennzeichnen vermögen. Und daher greift eine rein historische Betrachtungsperspektive genau so kurz wie eine ausschließlich religiöse, eine bloß soziologische oder rein kulturwissenschaftliche Sicht. Vielmehr bedarf es der Zusammenschau all dieser identitätsbestimmenden und identitätsstiftenden Teilperspektiven. Und hier zeigt sich, dass es die Deutschen vor allem mit einem Volk besonders schwer haben: mit sich selbst. Und nichts ist verräterischer für diese Diagnose als das gegen den Islam verwendete – für sich genommen absolut zutreffende – Argument, Deutschland sei von der christlich-jüdischen Kultur besonders geprägt worden. Denn steckt nicht gerade in dieser Entgegnung gleichzeitig auch der Drang zu betonen, dass wir Deutschen unsere Barbarei gegenüber den europäischen Juden verarbeitet hätten? Es scheint mir so, als ob die Anerkenntnis dieser Tatsache erst in dem Moment scheinbar offensiv durch die Regierenden in die Öffentlichkeit getragen wurde, als sie durch die Integrationsdebatte, die Diskussion über den Islam und seine Gläubigen und durch die polarisierenden und auf Konfrontation angelegten Äußerungen eines Herrn Sarrazin herausgefordert wurde. Da möchte man den widerspenstigen Deutschen nicht noch mehr Fremdes zumuten, als wir soeben mühevoll bewältigt haben. Wir werden also genau hinschauen. Doch zuallererst möchte ich von jenem Befund ausgehen, den der Schriftsteller Zafer Senocak im „Tagesspiegel“ dargelegt hat: „In Deutschland werden die Fragen der Identität, der Einwanderung und der Integration als Projektionsfläche für Ängste und Sehnsüchte der Mehrheitsgesellschaft missbraucht. Die Masseneinwanderungen sind ein Phänomen unserer Zeit und werden ein solches Phänomen bleiben.“ (3) Er fordert eine erfolgsorientierte und zugleich pragmatische Auseinandersetzung mit den Einwanderungen und den Einwanderern. Der Blick also muss sich also vor allem auf Verbindendes und Gemeinsames richten, anstatt immer wieder nur das Trennende und Unterschiedliche aufzusuchen. Mit anderen Worten: Wir alle leben in einer Weltgesellschaft, und in dieser ist jede soziale oder politische Ansammlung von Menschen ein weltgesellschaftlicher „melting pot“. Wer da Identität lediglich als nationale Identität begreift, hat so gut wie nichts begriffen! Doch was eigentlich heißt „Identität“?

Zum Begriff der Identität

Schon vor rund zwanzig Jahren habe ich mich mit dem Begriff der „nationalen Identität“ eingehend beschäftigt. In den siebziger und achtziger Jahren, also am Beginn dessen, was man heute „Globalisierung“ nennt, entwickelte sich ein starkes Bedürfnis, besonders in konservativen Kreisen, aber nicht nur dort, Eckpunkte einer politisch-kulturellen Selbstvergewisserung zu definieren, die in jenem Fall die Deutschen in ihrer damals noch geteilten staatlichen Existenz in „kontingenter Weise“ von anderen Völkern zu unterscheiden erlaubte. Besonders die rechtskonservativen Kräfte, die damals besonders in intellektuellen Zirkeln und Zeitschriften, in der Regel rechts von den Unionsparteien CDU und CSU angesiedelt, ihre Positionen verbreiteten, formulierten ein Identitätsbild, das in besonderer Weise auf das Deutsche Reich von 1871 bis 1918 zurückverwies und die Wiederherstellung der deutschen Einheit zur Hauptvoraussetzung einer „deutschen Identität“ erklärte. (4) Vertreter einer solchen, lediglich auf den deutschen Nationalstaat fixierten nationalkonservativen Haltung waren etwa Armin Mohler, Günter Rohrmoser, Gerd-Klaus Kaltenbrunner und Bernard Willms oder Hellmut Diwald. Parallel dazu entstand vor allem im Umkreis der Unionsparteien und ihrer politischen Stiftungen und Zeitschriften eine liberalkonservative Strömung der Identitätsbestimmung, die im weiteren Sinne die Deutschland- und Europapolitik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) vordachte und begleitete. Hiernach hatte sich neben die traditionelle nationale Identität der Deutschen – auch über deren Teilung hinweg – eine europäische Identitätskomponente gesellt, die das Resultat der Einbettung des Weststaates BRD in die europäischen und transatlantischen Kooperationsinstitutionen wie etwa EG/EU und NATO reflektierte. Dieser Identitätsbestimmung lag mithin eine deutliche Abkehr von nationalistischen Denkbildern und Projektionen zugrunde. Auf Seiten der politischen Linken allerdings gab es in dieser Richtung vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren wenig Ertragreiches zu vermerken, weshalb sie – das galt sowohl für Sozialdemokraten, Grüne und Kommunisten – noch stärker als die bürgerlichen Parteien von der Einheit der Deutschen überrascht wurden, die sich 1989 Bahn brach. Ich habe deshalb dieses Desiderat zum Anlass genommen, um selbst eine demokratische nationale Identität der Deutschen einer Erörterung zu unterziehen. Deshalb möchte ich eine etwas längere Passage zitieren, um die gedankliche Grundlegung der nachfolgenden Gedankengänge herzustellen: „Identität…ist als Begriff tatsächlich auch ein Kulminationspunkt gesellschaftstheoretischer Überlegungen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß sie keinen endgültigen empirisch-wissenschaftlich zu erfassenden und zu standardisierenden Inhalt besitzt, sondern auf Bedingungen fußt, die sich aus einem Bündel je historischer, nationaler, internationaler, ökonomischer und politischer Faktoren bilden, und als Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Konsensbildung artikuliert wird. Wie der Konsens strukturiert ist, über welche Bereiche oder Probleme er sich erstreckt, welche er ausschließt, das ist das Ergebnis politischer und geistig-kultureller Dynamiken, die menschlicher Lebenstätigkeit selbst erwachsen. Und so betrachtet, ist Identität als demokratische nationale Identität um so demokratischer, als daß sie weniger über Teilfragen und temporäre Interessen, politische Ideologien oder Freund-/Feindbilder Konsens herstellt, sondern über den Pluralismus, die Internationalität und Zugänglichkeit, die Relativität und die Diskussionsbedürftigkeit von Werten, Chancen, Ideen und Prinzipien sowie über die Notwendigkeit, den Frieden zu erhalten und Verbindungen auszubauen, die die Rückkehr zu einer nationalen Identitätsbildung als nationalistische Formierung auf entschlossenen Widerstand stoßen lassen…Humanismus, Friedensverantwortung, Weltbürgerlichkeit, Selbstbewusstsein und Aufgeklärtheit in Gegenwart und Geschichte, in Erbe und Tradition, National- und Multikulturalität, Liberalität, Rechts- und Sozialstaatlichkeit, Toleranz und Offenheit, und Menschenrechtlichkeit – mögliche Merkmale demokratischer nationaler Identität der Bundesrepublik Deutschland, auf die ein alternatives Zukunftsprojekt sich stützen könnte?“ (5)
Die Diagnose der Realität fällt, formulieren wir es vornehm, ernüchternd aus. Manche Aspekte gesellschaftlicher oder politischer Moral sind auch von mir an anderer Stelle erörtert worden; ein Werteverfall bedrohlichen Ausmaßes prägt die Gegenwart. Die Weltbürgerlichkeit und die Friedensverantwortung sind gerade in den jüngsten Tagen auf dem Altar des billigen Rohöls geopfert worden. Aber darum geht es hier nicht. Es geht aber um den in meiner Identitätserörterung abgelehnten Versuch der Bestimmung von Freund und Feind sowie um eine rein nationale Identitätsbestimmung. Diese beiden rückwärts gewandten Elemente wurden nicht zuletzt von Herrn Sarrazin bedient, mobilisieren immer wieder rechte Splittergruppen in „deutschfreundlichem“ Gewande und bestimmen politische Debatten und Diskurse vor allem im Regierungslager. Kurz gesagt soll uns folgendes Glaubensbekenntnis beigebogen werden: Der Islam ist unser Feind! Alles, wofür „wir“ stehen, wolle dieser umstürzen, den Djihad und die Scharia im Sturmgepäck! So einfach ist das.
Zunächst einmal erinnert mich dieser Ausgrenzungsreflex fatal an die Zeit des Aufstiegs der Arbeiterbewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert, als eine sozial und politisch schnell anschwellende Gegenmacht, die Sozialisten, zu „vaterlandslosen Gesellen „ erklärt und durch das „Sozialistengesetz“ und eine Vielfalt von Ausgrenzungsmethoden kriminalisiert wurden. Die „Umsturzpartei“ stand in den Augen der Herrschenden und der Spießbürger für die Ablehnung all dessen, was ihnen „heilig“ war: Militarismus, Nationalismus, Kapitalismus, das Bündnis von Thron und Altar, das Duckmäusertum usw. Der Arbeiterbewegung und der Arbeiterklasse wurde der Negativstatus einer „Parallelgesellschaft“ aufgenötigt. Ähnlichkeiten mit der Situation von Migrantinnen und Migranten sind daher kaum zufällig. Auch sie reflektieren die Verweigerung großer Teile der Gesellschaft, neue Entwicklungen zu registrieren und schöpferisch in sich aufzunehmen, allen Konflikten zum Trotze. Den heutigen Realitätsverweigern sei daher nur der Wink gegeben, dass diese Politik des Wegsehens in der Revolution von 1918 endete, die die Voraussetzungen für die fällige zumindest formal-rechtliche Gleichberechtigung der Arbeiterbevölkerung schuf.
Pauschalisiert und durchgerührt wird auch heute kräftig. Daher will ich mich einer Frage an dieser Stelle besonders widmen: der Frage der Religion. Wie wichtig ist Religion für unsere moderne Identität? Wie verhalten sich die drei Buchreligionen Christentum, Judentum und Islam zueinander? Welche Bedeutung besaß der Islam für die europäische Entwicklung? Dabei muss ich ehrlicherweise vorausschicken, dass ich weder religiös gebunden noch theologisch ausgebildet bin. Dafür aber mangelt es mir hoffentlich an jenen Scheuklappen, die man gerne an des Volkes Augen sähe. Wie schrieb doch der Ökonom und Denker Amartya Sen: „Wir müssen vor allem dafür sorgen, daß unser Geist nicht durch einen Horizont halbiert wird.“ (6)

Religion ist keine Fiktion, sondern Realität

Man darf nicht mit besserwisserischer Arroganz behaupten, dass Religion eine fromme Fiktion sei, es Gott ohnehin nicht gäbe und die Gläubigen allesamt Hinterwäldler wären. Wer so vorgeht, ignoriert die Tatsache, dass es unter den eingetragenen Christen aller Konfessionen, den Muslimen und den Juden zumindest jeweils bedeutende Minderheiten, wenn nicht Mehrheiten gibt, für die Glaube zugleich Lebenspraxis heißt. Von daher ist Religion eine Realität unserer Gegenwart. Und im Weltmaßstab gesehen ist Religion, in welcher Form und in welchem Bekenntnis auch immer, die am weitesten verbreitete Weltdeutung. Das Christentum und der Islam wiederum besitzen weltweit die größte Anhängerschaft. Daran konnten im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts weder Nationalismus noch Sozialismus etwas ändern. Wenn man also hierzulande von gesellschaftlicher oder kultureller Identität meint sprechen zu müssen, gilt es in Rechnung zu stellen, dass die Muslime die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach den katholischen und den protestantischen Christen bilden. Wer dann noch zu behaupten wagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der muss sich Realitätsverlust attestieren lassen. Glaubt man denn allen Ernstes an eine schlussendliche Konversion der Muslime zum Christentum oder gar zum religionslosen Konsumismus und Egoismus neoliberaler Observanz? Wer also von Identität spricht, darf von Religion nicht schweigen. Im Jahre 2004 gehörten rund 25,986 Millionen Menschen der katholischen Kirche und ca. 25,63 Millionen der evangelischen Kirche an. Weitere 2 Mio. zählten zur orthodoxen Kirche oder zu freikirchlichen Gemeinschaften. Zum Judentum bekannten sich 2004 rund 106.000 Menschen, dem Islam wurden ca. 3,2 Mio. Menschen zugerechnet. Etwa ein Drittel der Bevölkerung galt als nicht religiös gebunden. (7) Welche Veränderungen vor sich gehen, zeigt der Blick in den Datenreport von 1999. Hiernach zählte der Katholizismus 1996 noch rund 27,5 Millionen und der Protestantismus sogar noch 27,6 Mio. Mitglieder. Jüdischgläubige registrierte man 1997 etwa 67.000, die Anhängerschaft des Islam bestand gemäß der Volkszählung von 1987 aus rund 1,7 Mio. Muslimen. Rund 29 % der Deutschen gehörten keiner Religion an. (8) Während die beiden großen christlichen Konfessionen einen beträchtlichen Mitgliederschwund verzeichnen, gewinnen vor allem der Islam, aber auch die orthodoxe Kirche und das Judentum an Mitgliedern hinzu. Parallel wächst die Anzahl der Religionslosen. Deutschland tut also gut daran, das Verhältnis von Staat und Religion im Allgemeinen und zwischen Gesellschaft und Islam im Besonderen neu zu justieren. Bundespräsident Wulff hat die richtigen Worte gefunden. Wer über Integration und Einbeziehung von Migrantinnen und Migranten reden will, muss wissen, dass deren Religion nicht ein Problem, sondern Teil einer Lösung sein wird. (9) Doch was ist eigentlich mit dem Islam? Seine Kritiker oder Gegner stellen ihn in einen Gegensatz zu einer Form „deutscher Leitkultur“, die wie selbstverständlich mit dem Christentum einhergehe. Sie bedienen sich also der Mehrheitsreligion, um die Religion einer Minderheit auszugrenzen. Doch die Religionen besitzen allesamt Dialogpotenzial, das es fruchtbar zu machen gilt. Diesen „verschlungenen Pfad“ möchte ich skizzieren, denn die Beschwörung eines Kulturkonflikts ist ein Irrweg und das Beharren auf einer deutschen Leitkultur mit der Konsequenz einer Assimilationsanforderung ein Holzweg.

Der Islam ist ein historischer Bestandteil auch unserer Religionsgeschichte

Allein die Aufzählung einiger aus dem Arabischen stammender Lehnwörter, die sich auf Gegenstände unseres täglichen Bedarfs beziehen, widerlegt die Position auch Hans-Ulrich Wehlers, nach der der Islam bzw. der ihn repräsentierende arabische und nordafrikanische Kulturraum zur unserer Kultur nichts oder nur sehr wenig beigetragen hätten. Wörter wie Admiral, Algebra, Alkohol, Amulett, Artischocke, Balsam. Benzin, Diwan, Droge, Giraffe, Jacke, Jasmin, Joppe, Kabel, Kaffee, Karaffe, Karussell, Kittel, Konditorei, Kuppel, Lack, Laute, lila, Magazin, Mandoline, Marzipan, Maske, Mokka, Saphir, Sirup, Smaragd, Spinat, Tamburin, Watte, Ziffer und Zucker entstammen dem Orient und sind aus unserer Kultur nicht wegzudenken. Allein jedoch die Tatsache, dass wir mit arabischen Ziffern rechnen und daher die Null benutzen, die das Rechnen erheblich vereinfachte, verdeutlicht den Einfluss der islamischen Welt auf unsere Kultur. Soviel nur eingangs zum Grundsätzlichen.
Der Islam selbst als Religion entstand bekanntlich in Mekka durch den Kaufmann Muhammad (Mohammed), der um 570 als Familienmitglied der Banu Hashim in Mekka geboren wurde. Mit sechs Jahren wurde er Waise. Später arbeitete er als Schafhirte und nahm der Überlieferung nach an zwei Handelskarawanen nach Syrien teil: Die Überlieferung berichtet ebenfalls, dass dort der Mönch Bahira (Sergius Bahira), ein „Nestorianer“, also ein Anhänger des früheren arianischen Christentums, ihn als Propheten erkannt habe. Dieser Umstand ist religionsgeschichtlich durchaus bedeutend, wie ich später noch erörtern werde.
Ab ca. 609 erfährt der religiösen Sinn suchende Mohammed in der Grotte des Berges Hira (Jabal an-Nur) ein erstes Offenbarungserlebnis, also im Alter von knapp vierzig Jahren. Weitere sollten bis zu seinem Tode folgen. Er trat im Laufe der folgenden Jahre dem Polytheismus der Religion der Araber entgegen und verkündete die Lehre „von dem Einen Gott, dem Jüngsten Gericht und dem Paradies“. (10) Gleichzeitig forderte er einen tatsächlichen Gottesdienst, verkörpert durch das Hinknien und Niederwerfen zum Gebet, was bei den polytheistischen Arabern verpönt war. Das brachte ihn und seine vorwiegend wohl männliche Anhängerschaft aus den sozial schwächeren Schichten Mekkas in einen schroffen Gegensatz zur den städtischen Führungsklassen und zur eigenen Verwandtschaft, so dass 622 Mohammed und seine Anhänger nach Yathrib, dem heutigen Medina, flohen. Diese Hijra gilt als Beginn der islamischen Zeitrechnung. In Medina schließlich bildete Mohammed als religiöser und politischer Führer die Grundlagen der späteren islamischen Gemeinschaft, der Umma, aus, zu der anfangs auch Juden gehörten. Gudrun Krämer, die deutsche Islamwissenschaftlerin, schrieb zum speziellen Verhältnis Mohammeds zu den Juden: „Religions- und machtpolitisch besonders bedeutsam war Muhammads Wendung gegen die Juden von Medina. Folgt man den muslimischen Quellen (auf jüdische Zeugnisse können wir nicht zurückgreifen), so rechnete Muhammad damit, von den Juden als Prophet anerkannt und legitimiert zu werden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Enttäuschung führte zur Entfremdung und schließlich zum offenen Konflikt: Entschiedener als zuvor deutete Muhammad den Islam nun als Erneuerung der monotheistischen „Religion Abrahams“ … und wertete damit das Juden- wie das Christentum als spätere und zudem verfälschende Versionen dieser ursprünglich-reinen Offenbarungsreligion ab.“ (Krämer, S. 22f) In diesen Charakterisierungen aller drei monotheistischen Buchreligionen als „Offenbarungsreligionen“ bzw. als deren Abkömmlinge liegt das spezifische Wesen des Islam, liegen aber auch die Gemeinsamkeiten über alle Divergenzen hinweg. Doch kann man manche theologischen Kernaussagen des Islam kaum verstehen geschweige denn beurteilen, wenn man sich nicht auf Spitzfindigkeiten der Theologie des frühen Christentums einlässt. Und an dieser Stelle begegnen wir wieder dem Nestorianer Sergius Bahira aus Syrien und dem Erbe des arianischen Christentums. Wie wir sehen werden, ist die Nähe des Islam zu diesem Zweig des frühen und historisch ausgegrenzten Christentums eng, aber erschließt sich nur auf verschlungenen Pfaden. Man muss zuerst akzeptieren, dass unsere gemeinsame religiöse Vorstellungswelt auf Abraham beruht und eng mit Offenbarungsereignissen verbunden ist, die wir vor allem im Alten Testament nachzulesen vermögen.

Mohammed und die Arianer und Nestorianer

Offenbarungsschilderungen finden sich im Alten Testament an mehreren Stellen. Am bekanntesten ist sicherlich jene Erzählung, nach welcher Gott in Gestalt eines brennenden Dornbusches Moses auf dem Berge Horeb erscheint und ihm offenbart, dass er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei.(11) Auch den Propheten Elias, Jeremias, Daniel und Jesaja sollen göttliche Offenbarungen zuteil geworden seien. Im Neuen Testament wiederum kennen wir die Offenbarung des Johannes (Apokalypse), aber auch Erlebnisse in der Apostelgeschichte und das Bekehrungserlebnis des Saulus zum Apostel Paulus. Insofern reiht sich Mohammed in die Kette von Propheten dieses Typus ein, und sein Selbstanspruch schien auch auf diese Parallelität abzuzielen, wenn er hoffte, durch das Judentum als Prophet anerkannt zu werden. Der grundlegende theologische Unterschied zwischen Juden- und Christentum besteht in der Gottesvorstellung. Gott im Glauben der Juden ist ein einziger, unabbildbarer Gott, im mehrheitlich christlichen Verständnis jedoch ein Gott der Trinität, also der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Mohammed aber folgte der jüdischen Gottesvorstellung und erteilte jeder Form der „Beigesellung“ (shirk) eine eindeutige Absage. (12) Jesus konnte also weder Gottes Sohn noch eine Gottesform sein, daher konnte er lediglich Prophet und Mensch gewesen sein. Tatsächlich existiert Jesus als Sohn Marias (Isa ibn Maryam) im Koran als Gesandter Gottes, als Prophet. Und hier ist nun der richtige Ort, den Arianismus und seinen „Nachfolger“, den Nestorianismus ins Spiel zu bringen.
Diese auf den Kirchenvater Arius (ca. 260-336 n. Chr.) zurückgehende, in sich durchaus vielfältige und zerstrittene Richtung des Christentums vertrat als eine ihrer gemeinsamen Hauptstandpunkte die Auffassung, dass allein Gottvater Gott sei, Jesus hingegen zwar gottähnlich, aber nicht gottgleich sei. Damit stand der Arianismus im Gegensatz zur Trinitätslehre, die auf dem Konzil von Nicäa 325 beschlossen worden war. Kaiser Konstantin übrigens berief dieses Konzil zur Klärung strittiger theologischer Fragestellungen ein und setzte gemeinsam mit Papst Sylvester das im Grunde noch heute geltende trinitarische Glaubensbekenntnis durch. Damit wurde Jesus zur Gottheit erhoben, was monotheistisch gesehen problematisch war: Die arianische Lehre fußt auf einer Interpretation des von Origenes vertretenen Subordinatianismus:
„Wenn der Vater und der Sohn zwei Personen sind, dann verstieße man gegen das Monotheismusgebot, wenn man annähme, dass Vater und Sohn vom gleichen Wesen seien, denn dann hätte man zwei Götter; andererseits kann es sich aber nicht um eine Person handeln, denn das wäre der gleichfalls schon verurteilte Modalismus“, was auf eine andere als Häresie bezeichnete Richtung verwies. (13) Doch liegt der politische Hintergrund dieses theologischen Streites durchaus offen. Um das Christentum als römische Staatsreligion durchzusetzen, ohne den Status des Kaisers als Gottheit völlig aufzugeben, musste es ein Pendant zum Imperator auch im Göttlichen geben. Dieses Pendant wurde der Menschensohn Jesus Christus, der als Prophet und Kirchenlehrer gottähnliche Verehrung längst erfahren hatte. Damit konnte ein römischer Kaiser Integrationswirkung auch unter den polyheistischen Römern entfalten, um seine Macht nach dem Ende der Tetrarchie, des „Vierkaisertums“ zu stabilisieren. Um diese an sich mit dem Monotheismus kaum in Einklang zu bringende Wende der christlichen Theologie zu verankern bedurfte es der Ausgrenzung der Arianer als Häretiker, also Ketzer. Dieses geschah im Jahr 381 durch Kaiser Theodosius I. mit Hilfe seines Ediktes, dass Kircheneigentum nur an jene Kirchen fiele, die die Trinität unterstützten.
Doch damit war der Arianismus zwar verketzert, aber keineswegs ausgelöscht. Im „Nestorianismus“ fand er seine adäquate Fortsetzung im Großraum Syriens. Auch Nestorius (ca. 381-451 n. Chr.) vertrat die Lehre, nach der Gottvater allein Gott sein könne und Maria daher „Christusgebärerin“ oder „Menschgebärerin“und nicht „Gottesgebärerin“ (Panagia theotokou) gewesen sein könne. Dafür wurde Nestorius, von 428-431 Patriarch von Konstantinopel, exkommuniziert. Das Konzil von Ephesos 431 erklärte diese Lehre für häretisch und zwang so die Anhänger des Nestorius zur Auswanderung in das Reich der Sassaniden. Sie sammelten sich vorwiegend in Syrien und Ägypten und bildeten eigene kirchliche Strukturen auf Basis der Ablehnung der Trinität aus. Auch Sergius Bahira, Mohammeds Bekehrer, gehörte zu den Nestorianern, deren Gottesbild dem ursprünglichen Christentum, das dem messianischen Judentum entwachsen war, viel eher glich als dem konstantinisch- nicäanischen Christentum des Römischen Reiches. Nach der islamischen Überlieferung bestand seine Erkenntnis von Mohammeds Prophetenstatus in der Enthüllung des Siegels des Prophetentums (einem Muttermal) zwischen Mohammeds Schultern und der Zeichen, die angeblich auch Juden und Christen in ihren Schriften hatten. Er soll dem etwa 12-jährigen Mohammed seine prophetische Berufung vorhergesagt haben. (14)
Ob dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat kann nicht mit Sicherheit belegt werden. Als auch womöglich mythische Rahmenhandlung jedoch weist es auf das theologische Selbstverständnis des Religionsstifters Mohammed im Kontext der damaligen Zeit und der Entwicklungen innerhalb der beiden Buchreligionen Judentum und Christentum hin. Es ging Mohammed offensichtlich um eine Erneuerung des abrahamitischen Monotheismus aus seiner ursprünglichen Substanz heraus, die besonders in den Offenbarungserlebnissen der Propheten zu suchen gewesen sein wird. Andere Bestandteile des Alten Testaments, also etwa die Bücher der Könige oder jene der Chroniken, sind vor allem historisch und mythisch mit dem Volk der Hebräer verknüpft und wären daher kaum von Offenbarungscharakter. Außerdem war das Judentum nach den verlorenen Aufständen gegen die Römer im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert in der Diaspora verstreut und in seinem Optimismus zerbrochen.
Das Christentum hingegen hatte sich in seiner Mehrheitslinie mit dem römischen Kaisertum verbandelt, das nun von Byzanz/Konstantinopel aus regierte. Minderheitenströmungen wie die Arianer/Nestorianer waren längst exkommuniziert worden, so dass das Christentum von einer urkommunistischen Volkskirche zur Staatskirche transformiert worden war. In die dadurch entstandene Traditionslücke einer volksnahen wie an Offenbarungen orientierten Religion gedachte Mohammed wieder einzudringen. Während das Judentum vornehmlich das Schicksal seiner Vertreibung beklagte und das Christentum Herrschaft zu entfalten begann, suchte Mohammed die Rückkehr zur „Beseelung“ der Religion durch die Hingabe an Gott, den „Islam“, so wie seine Wortbedeutung lautet. Man könnte ihn daher als einen revolutionären Traditionalisten bezeichnen. Anders ausgedrückt, stellt der Islam keinen Außenseiter im Rahmen der sich auf Abraham gründenden Religionen dar, sondern er ist Fleisch vom Fleische der Substanz derselben. Allein die Tatsache, dass sich die theologische Substanz des Islam mit einem Kulturkreis verband, der an der Peripherie der das spätere Abendland prägenden Reiche und Kulturen lag bzw. außerhalb dieser angesiedelt war, ließ ihn eine fremde Außenerscheinung annehmen und ihn zur religiösen Ummantelung eines Hegemoniekonfliktes im Mittelmeerraum werden. Dieselbe Transformationen trifft auf seinen Cousin, das Christentum, nicht minder zu. Beide Religionen waren weder die Ursache für die Kreuzzüge, für den Untergang Byzanz´ oder für die Vertreibung der Mauren aus Spanien, sondern die Waffe, die die Herrscher scharf zu machen und zu führen wussten. Mohammed gilt dem Christentum als ein „falscher Prophet“. Dies ist folgerichtig, weil einer seiner Hauptanknüpfungspunkte in der arianisch-nestorianischen Lehre liegt, die seit Nicäa als Häresie gilt. Der Gegensatz in der Theologie zwischen staatsreligösem Christentum und Islam entstand also als Folge einer politisch gewollten Entwicklung im Umfeld Kaiser Konstantins. Es wird nach fast 1700 Jahren Zeit, sich von dieser Fessel zu befreien.
Nebenbei bemerkt: Der „Arianismus“ bzw. der „Nestorianismus“ mögen zwar als Richtung des Christentums ausgestorben sein, dennoch gab es immer wieder prominente Denker, die sich in der Distanz zum Staatschristentum mit ihnen identifizierten. Zuerst möchte ich hier das naturwissenschaftliche Genie Isaac Newton (1643-1727) nennen, der sich neben seinen physikalischen Studien auch intensiv mit der Theologie befasste und so zeitweilig um seinen Lehrstuhl in Cambridge bangen musste. (15) Schwere Konflikte mit der griechisch-orthodoxen Kirche, der Nachfolgerin des Konstantinismus, nahm lebenslang der kretische Schriftsteller und Denker Nikos Kazantzakis (1883-1957) auf sich, der in seinen Romanen wie „Die letzte Versuchung Christi“ oder „Griechische Passion“ immer wieder am Karfreitag einen Menschen sterben ließ, um die Menschengestalt Christi literarisch der Trinitätslehre entgegenzuhalten. Selbst in „Alexis Sorbas“ starb die Witwe, im Film von Irene Papas unvergleichlich dargestellt, an einem Karfreitag. In „Mein Franz von Assisi“ ließ Kazantzakis den Heiligen Franz tatsächlich die Kreuzigungszeichen Christi körperlich empfangen, um die Gottähnlichkeit eines Menschen quasi im Umkehrschluss möglich werden zu lassen. (16)

Rück- und Ausblicke

Unter welchen Voraussetzungen können wir innergesellschaftlich, aber auch weltpolitisch ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben und Zusammenarbeiten voranbringen, dass auch unterschiedlichen kulturellen Herkünften Rechnung tragen kann? Abschließend möchte ich einige Gedanken niederschreiben, die positive Beispiele von fruchtbaren Dialogen und Auseinandersetzungen zwischen Muslimen, Juden und Christen im Kontext der drei großen Buchreligionen repräsentieren. Es sind dies die Geistesschmieden im maurischen Spanien, also Toledo und Cordoba, die Philosophen und Mediziner Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Ruschd (Averroes), der staufische Kaiser Friedrich II., die Templer sowie die jüdische Aufklärung, die Haskala. Auf den Schultern ihrer Fragen und Erkenntnisse stehend müsste es doch gelingen, endlich einmal durchgreifend Trennendes zu überwinden und Gemeinsames hervorzuheben und fortzuentwickeln. Es liegt diesen Gedanken die These zu Grunde, dass im Grunde jede Religion oder ihr angehörige Strömungen sich vor allem in der Synthese mit sie aufnehmenden Kulturströmungen ihre je spezifischen Ausprägungen erhalten hat. Ich erinnere dabei nur an die christliche Befreiungstheologie in Lateinamerika, die anknüpfend vor allem an die Vorstellungen des Heiligen Franz von Assisi eine politische und soziale Religion an der Seite der Unterdrückten Lateinamerikas werden konnte, weil sie sich mit dem Elend der Massen in der neuen Welt auseinandersetzte und verband. Dafür stehen fortschrittliche Priester wie Don Helder Camara, Leonardo Boff und Ernesto Cardenal als Christen mit einem tiefen sozialen Empfinden. Was die Befreiungstheologie in Lateinamerika möglich machte, müsste doch auch in Europa entstehen können. Wenn also das „Abendland“ seine politische, kulturelle und religiöse Arroganz dem „Morgenland“ gegenüber aufgibt und den Staaten der arabisch-islamischen Welt endlich auf Augenhöhe zu begegnen bereit ist, könnte viel gewonnen werden.
Der arabische Kulturkreis fungierte im Hochmittelalter als Umschlagplatz der Ideen. Cordoba, Sitz des gleichnamigen Kalifats, beherbergte zu seiner Hochzeit um 1000 etwa 500.000 Einwohner und galt nach Konstantinopel und Bagdad als die größte Stadt der bekannten Welt. Hinzu kamen als kulturelle Zentren Toledo sowie Palermo und Messina auf Sizilien. In diesen Großstädten blühte die arabische Wissenschaft, arbeiteten Gelehrte aller drei Religionen durchaus einträchtig an der Erschließung des antiken und frühmittelalterlichen Erbes, übersetzten große Werke in ihre jeweiligen Hauptsprachen und führten einen kulturellen Austausch herbei, der in die gesamte christliche wie islamische Hemisphäre geistig voran brachte. Dass es allerdings durchaus ethnische, politische und religiöse Auseinandersetzungen gab, die im westlichen Mittelmeerraum das Bild einer vollständigen Eintracht zwischen den Religionen und Kulturen, den herrschenden Arabern und den ethnischen Spaniern wie den zum Islam konvertierten „Mozarabern“ differenzierten, soll hier nicht verschwiegen werden. (17) Mit der „Reconquista“ und der Errichtung des katholischen Königreiches von Kastilien und Aragon durch Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon 1492 endete die arabische Periode auf der iberischen Halbinsel.
Zu den bedeutendsten Wissenschaftlern mit religionsüberschreitender Wirkung gehörte der Arzt und Philosoph Ibn Sina, der 980 bei Buchara geboren wurde und 1037 in Hamadan im heutigen Iran starb. Das Abendland kennt ihn unter dem Namen Avicenna. (18) Schon mit zehn Jahren kannte Ibn Sina den Koran auswendig, mit 21 Lebensjahren galt er als ein berühmter Arzt. Seine Werke „Buch der Genesung“ und „Canon medicinae“ revolutionierten die mittelalterliche Medizin. Sie gelten nach wie vor als Meisterwerke ihrer Wissenschaft. Dabei flocht Ibn Sina stets seine auf Aristoteles zurückgehenden Reflexionen über zahlreiche Fragen des Lebens und der Wissenschaften ein, vermied aber stets offene Konflikte mit der Orthodoxie des Islam. Sein Gesamtwerk trug dazu bei, auch die christliche Orthodoxie, nach der zur Wissenschaft lediglich die Deutung der Bibel und der Schriften der Kirchenväter gehöre, zu einer offeneren Haltung zu zwingen.
Zur Aristotelesrezeption innerhalb der Buchreligionen aber trug vor allem der 1126 in Cordoba geborene Philosoph Ibn Ruschd (Averroes) bei. Seine Wirkungsgeschichte erstreckte sich weit in die christliche Universitätslandschaft hinein; wie Ibn Sina muss er als Kulturträger in zwei Kulturkreisen gewürdigt werden. Auch die christlichen Philosophen Thomas von Aquin und Albertus Magnus lasen seine Schriften. Sein Kommentar von Platons „Politeia“ begründete die Republik als die ideale Staatsform und formulierte einen positiven Standpunkt zur Gleichberechtigung der Geschlechter schon im 12. Jahrhundert. Dabei musste auch er in seiner Aristotelesrezeption, die ja vor allem auf dessen Betrachtungen der Natur fußte, Konflikte mit der Orthodoxie des Islam vermeiden, einer Situation, die auch christlichen Denkern durchaus vertraut war. Bei allen Experimenten des Denkens musste man eine Art Versöhnung mit der Religion anbieten. So formulierte er, der akribische Naturforscher, dass es sich bei aller Wahrheit der Natur nur um einen Schatten der Offenbarung Allahs handele. Die islamische Lehre gab sich damit zufrieden, in der Christenheit jedoch forcierte Ibn Ruschd das Drängen auf eine Stärkung der Rolle der Logik gegenüber der Theologie. Man dachte nun unter der geistigen Herrschaft des Kreuzes über die Frage nach, ob es nicht doch zwei Wahrheiten gäbe, eine göttliche und eine natürliche. (19) Ibn Ruschd starb 1198 in Tanger.
Nicht zufällig gehörte der staufische Kaiser Friedrich II. zu den bedeutenden Wanderern zwischen den Welten der Christen und Muslime. Er wurde 1194 im süditalienischen Jesi geboren und wuchs in Palermo auf, einem Schmelztiegel religiöser und kultureller Einflüsse, auch dem der Araber. 1198 wurde er König von Sizilien, 1211 deutscher König und 1220 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Seine Bildung galt als legendär, zumal er mehrere Sprachen beherrschte (Deutsch, Italienisch, Latein, wohl auch Arabisch) oder verstand (Französisch, Griechisch). Immer wieder wird sein Buch über Falken und die Falknerei erwähnt, das ihn als einen Mann der Wissenschaft präsentierte. Durch seinen auch dem Papsttum gegenüber verdeutlich Oberherrschaftsanspruch geriet der Staufer schnell in einen Konflikt mit der Papstkirche. 1227 bannte ihn der Papst, nachdem er einen Kreuzzug wegen einer Seuchengefahr nicht antrat. 1228 wiederum begann er mit diesem Kreuzzug, den er als Gebannter eigentlich nicht hätte antreten dürfen, jedoch ignorierte Friedrich II. das päpstliche Anathem und zog gen Jerusalem. Im Heiligen Land schließlich ließ er seine Kreuzfahrer nicht kämpfen, sondern führte fünfmonatige Verhandlungen mit dem Sultan von Kairo. Das Ergebnis war ein zehnjähriger Waffenstillstand, die Rückgabe der Stadt Jerusalem, abgesehen vom alten Tempelbezirk mit dem heutigen Felsendom, an die Christen nebst der Städte Nazareth und Bethlehem und eines Korridors zur Küste. Damit ereichte Friedrich II., dessen Gespräche mit dem Sultan auch von arabischen Chronisten aufgezeichnet wurden, einen für die düstere Zeit der Kreuzzüge mustergültigen Friedensschluss, der aber vor allem in Rom keine Anerkennung fand, aber auch in der muslimischen Welt auf Skepsis stieß. Seither wurde Friedrich II. als „getaufter Sultan“ oder als Christusleugner denunziert. (20) Tatsächlich profitierte er von dem reichen Wissen der arabischen Welt: „Und es endete mein Grübeln noch lange nicht bei dem muslimischen Arzt und Philosophen Avicenna, der mich mit dem geeisten Skalpell seiner aufgeklärten Metaphysik schmerzlos von der biblischen Offenbarung eines vorweltlichen Schöpfers losschnitt: Jedes Ding, das neu entsteht, hat vor seinem Werden in sich die stoffliche Möglichkeit zu existieren, oder es ist unmöglich.“ (21) Dieses Zitat wiederum aus der Biographie Horst Sterns über den großen Stauferkaiser verrät eindeutig, dass auch Friedrich II. an der Gottesgestalt Christi gezweifelt haben dürfte und so zu jener durchaus moderaten Haltung dem Islam gegenüber fand, die ihm als Ketzerei verübelt wurde. Die Konflikte mit dem Papsttum verfolgten ihn bis an sein Lebensende am 13. Dezember 1250.
Religiöse Achtung erwiesen sich gegenseitig auch die Muslime und die christlichen Tempelritter. Dieser um 1118 in Frankreich gegründete Mönchsritterorden übernahm die Aufgabe, die Pilgerstraßen für die Wallfahrer nach Jerusalem zu sichern. Entstanden im Umfeld von Bernhard von Clairvaux, des wortgewaltigsten Kreuzzugsbefürworters jener Ära, wurde er 1139 dem Papst direkt unterstellt und somit quasi unantastbar. Seine wirtschaftlichen Aktivitäten machten den Templerorden zu einer reichen Organisation, die den neidvollen Blick der weltlichen Herrscher, die immer wieder Geld für Kriege und Kreuzzüge benötigten, auf sich zog. Die Verfolgung und Auflösung des Ordens 1312 hängt unmittelbar hiermit zusammen. Durch ihre permanente Anwesenheit im Heiligen Land kamen die Tempelritter nach und nach in engeren Kontakt mit ihren muslimischen Kontrahenten, so dass die Beziehungen nicht ausschließlich feindlicher Natur waren, sondern auch ökonomisch-rationaler. Ebenfalls übernahmen die Templer wohl Standards der arabischen Baukunst und vermittelten so wichtige Aspekte des Übergangs von der Romanik zur sakralen Baukunst der Gotik. Außerdem ist neben den zahlreichen Zeugnissen blutrünstiger Kämpfe um das Heilige Land auch folgendes Ereignis überliefert, in dem ein Muslim berichtete: „Als ich Jerusalem besuchte, ging ich in die Moschee Al-Aqsa, die sich im Besitz der Tempelritter, meiner Freunde, befindet, um dort ein Gebet zu verrichten(…)Ich war in mein Gebet vertieft, als einer der Franken sich auf mich stürzte und mein Gesicht nach Osten drehte, indem er sagte: „So betet man!“ Eine Schar Templer ergriff ihn und trieb ihn hinaus. Dann entschuldigten sie sich bei mir und sagten: „Er ist ein Fremder, weil er erst in diesen Tagen aus Europa angekommen ist. Er hat noch nie gesehen, dass jemand nicht nach Osten betet.““(22) Auch hier liegt ein Beispiel von Gewöhnung an das Fremde vor, das eben über Kommunikation und Handel positiv aufgenommen wurde, und zwar von beiden Seiten, und das in einer Lage größtmöglicher Konfliktträchtigkeit in Gestalt der Kreuzzüge. Auch den Templern wurde später die Allzweckwaffe der Orthodoxie, der Ketzervorwurf, vorgehalten. Teils wollte der französische König Philipp IV. an das Ordensvermögen gelangen, teils wollte das Papsttum seine Abhängigkeit von Frankreich loswerden. Die Einigung erfolgte zum Preis der Auflösung der Templer, der Konfiskation ihres Besitzes und der Verbrennung ihres Führungskörpers um Großmeister Jacques de Molay 1314 in Paris. Wieder einmal standen die Kommunikation und der Ausgleich der Interessen der Machtpolitik im Wege.
Die jüdische Aufklärung, die Haskala, wiederum wäre ein eigenständiges Thema für sich. Sie, im 18. Jahrhundert als jüdisches Pendant zur Aufklärung in den europäischen Staaten entstehend, beschrieb den Prozess des Durchdringens des bis dahin vorwiegend orthodox lebenden Judentums mit Elementen fortschrittlicher Bürgerlichkeit und Rationalität, wie sie ihren Ausdruck fanden in den neuen politischen Ideen des Vertragsdenkens und des Konstitutionalismus oder gar Republikanismus und in den Aufklärungsvorstellungen vor allem in England, Deutschland und Frankreich. Seit dem „Alten Fritz“ entwickelte sich die Haskala auch in Preußen zur dominierenden geistig-kulturellen Strömung des Judentums. Die Haskala befruchtete in ihrer Wirkungsgeschichte die deutsche Kultur und Wissenschaft und machte das Judentum zu einem bedeutenden Antriebsmoment von Bürgerlichkeit und Fortschritt, bis hin zum sozialen Fortschritt und dem Sozialismus. Erst die faschistische Barbarei beendete diese fruchtbare Phase einer auf geschichtete Identität setzenden Geistesströmung. (23)
Man muss auf die Chancen einer geschichteten Identität setzen, wie sie sich in der Generation der Heranwachsenden zu entwickeln beginnt. In Städten wie Berlin und anderen Großstädten ist es längst zur Normalität geworden, dass die Schulklassen ethnisch heterogen strukturiert sind und dass der Anteil der Abiturienten und Studierenden mit Migrationshintergrund ansteigt. Dies zeigt, dass sich Gesellschaften an realen materiellen Bedingungen entlang entwickeln und nicht an erstarrten Homogenitätsvorstellungen, die es sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch unter den Migranten gibt. Doch der Verlauf der Islamkonferenz vom 29.3.2011 unter Leitung des eingangs erwähnten Bundesinnenministers Friedrich (CSU) hinterließ den Eindruck, als ob es jenem zunächst um die Behauptung der Orthodoxie ging und er die Aufgabe der Integration zuvörderst dem Verfassungsschutz und dem BKA zuweisen wolle. Die Muslime wie potenzielle Feinde zu behandeln ist eine Analogie zum Umgang mit der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Diese Realitätsverweigerung wird Tendenzen der Abgrenzung der Migranten, vor allem des Islam zur Mehrheitsgesellschaft geradezu erzwingen. Wo die eine Seite die pauschale Keule des Vorwurfs der Integrationsverweigerung schwingt, wird die andere Seite ihrerseits den differenzierenden Blick verweigern und mit den Vorwurfsvokabeln wie „Ungläubige“ und „Schweinefleischfresser“ antworten. Einen solchen Ringkampf der Orthodoxien soll und muss man verhindern!
Der Islam ist nicht „der Islam“. Er besitzt seine je kultur- und sozialspezifischen Variationen – wie etwa das Christentum auch. Auch politische Theorien bilden solche Spezifika aus. Dies zeugt von Lernfähigkeit. Diese einer großen Religions- und Kulturfamilie abzusprechen ist arrogant und vermessen. Vielmehr weisen die historischen und geistigen Gemeinsamkeiten und Durchdringungen auf einen Ursprung zurück, der für unseren gesamten Großraum zwischen Alaska und Afghanistan identitätsbildend war: die abrahamitische Religion, aus der nacheinander das Judentum, das Christentum und der Islam entstanden. Ihre Differenzierungsprozesse vollzogen sich an historischen Schnittpunkten und sind daher systematisch nachvollziehbar, auch wenn sie theologisch überhöht gedeutet wurden, um so die Eigenständigkeits- und Identitätsprozesse zu konstituieren.
Auch eine multiethnische Gesellschaft wie die der Bundesrepublik Deutschland wird eine neue Identität ausbilden bzw. befindet sich längst in diesem Prozess. Er wird umso mehr gelingen, wenn alle Beteiligten sich nicht hinter Orthodoxien religiöser oder politischer Observanz verstecken, sondern gegenseitiger Respekt diese Entwicklung begleitet. Mal ganz provokativ dahin gesagt: Wer sich am Kopftuch stört, sollte erst einmal begründen, was denn an den Sexshops in Berliner Straßen fortschrittlich ist. Wie sagte Jesus Christus etwa sinngemäß: Was zeigst Du auf den Splitter im Auge Deines Nächsten, siehst Du nicht den Balken in Deinem eigenen Auge?
Der Islam gehört zu Deutschland. Jedenfalls seit den achtziger Jahren, als sich die Anwesenheit besonders der türkischen Arbeiter verstetigte. Wer meint, der Islam habe Deutschland nicht nennenswert geprägt, besitzt die Vordergründigkeit auf seiner Seite. Aber der Blick auf Phasen der Geschichte, in der es einen Kultur- und Wissenstransfer gab, ohne den das „christliche Abendland“ nicht es selbst geworden wäre, verweist auf gegenseitige Einflüsse zu beiderseitigem Nutzen. Insofern bleibt auch Hans-Ulrich Wehlers Betrachtung, bei aller ihm gebührenden Ehre, vordergründig und somit in Teilen unrichtig.
Was wir nicht brauchen ist Orthodoxie. Wir brauchen den Mut, uns gegen sie aufzulehnen und müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen, sie zu überwinden. Dafür standen auch in der Geschichte jene Menschen, die in diesem Essay zur Sprache kamen: Jesus Christus, Arius und Nestorius, Sergius Bahira, Mohammed, Ibn Sina (Avicenna), Ibn Ruschd (Averroes), Friedrich II., die Tempelritter, Isaac Newton und Nikos Kazantzakis. Sie besaßen mehr oder minder eine Eigenschaft, die sie zu Ketzern werden ließ oder in diese Gefahr brachte: Den Mut zur Häresie, der ihrer Zeit das Rüstzeug zur Weiterentwicklung gab. Mut und Überwindung des Orthodoxen sind auch hier und heute wieder als Tugend gefragt.

Anmerkungen

1) Friedrich: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, Der Tagesspiegel vom 8. März 2011, http://www.tagesspiegel.de/politik/friedrich-der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland/3913486.html, Zugriff vom 16. März 2011
2) Was der Bundespräsident sagt, ist historisch falsch, Der Tagesspiegel vom 7. Oktober 2010,
http://www.tagesspiegel.de/kultur/glaube/was-der-bundespraesident-sagt-ist-historisch-falsch/1951406.html, Zugriff vom 16. März 2011
3) Zafer Senocak, Wo bleibt der deutsche Traum? Der Tagesspiegel vom 13. März 2011. Senocak wurde 1961 in Ankara geboren und lebt seit 1970 in der BRD, seit 1990 in Berlin
4) Holger Czitrich, Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main-Bern-New York-Paris 1989, S. 86ff
5) Ebd., S. 131f
6) Amartya Sen, Die Identitätsfalle.Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, Bonn 2007, S. 193
7) Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2006, Bonn 2006, S. 172ff
8) Ebenda, Datenreport 1999, S. 172ff
9) Dies betonen auch Bodo Ramelow/Frank Schenker, Religion ist Teil der Lösung, Neues Deutschland vom 24. Dezember 2010
10) Gudrun Krämer, Geschichte des Islam, Bonn 2005, S. 20
11) 2. Buch Mose, Kap. 3, 6ff
12) Krämer, S. 20
13) http://de.wikipedia.org/wiki/Arianismus, Zugriff vom 23. März 2011
14) http://de.wikipedia.org/wiki/Bah%C4%ABr%C4%81, Zugriff vom 25. März 2011
15) http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Newton, Zugriff vom 29. März 2011
16) http://de.wikipedia.org/wiki/Nikos_Kazantzakis, Zugriff ebd.; Holger Czitrich-Stahl, “Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei” – Zum 125. Geburtstag von Nikos Kazantzakis, Von Abendroth bis Zoologie, Band 3, Selbstverlag 2008, S. 44ff
17) Gudrun Krämer, a.a.O., S, 139ff
18) Autorenkollektiv (Hrsg.), Philosophenlexikon, Berlin (DDR) 1987, S. 426ff; Charles van Doren, Geschichte des Wissens, Augsburg 2003, S. 158f
19) Philosophenlexikon, S. 421ff; Van Doren, S. 161ff
20) Horst Stern, Friedrich II. Mann aus Apulien, Augsburg 1986, S. 17
21) Ebenda, S. 20
22) Zitiert nach Zeitreise 2, Stuttgart 2006, S.63
23) Holger Czitrich-Stahl, Arthur Stadthagen – der erste sozialdemokratische Jurist im Deutschen Reichstag, JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2009/III, S. 75ff