Historische Notiz 166

Mit der Religion in die Katastrophe Mitteleuropas – Der zweite Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 und der Dreißigjährige Krieg. Historische Notiz 166 vom 15. Mai 2018

Religionen führen die Menschen längst nicht immer zum Frieden. Häufig genug in der Geschichte waren es gerade die Religionen bzw. ihre Indienstnahme für oft zweifelhafte machtpolitische Ziele, die die Menschen in einer Schärfe gegeneinander aufhetzten, dass es zu furchtbaren Pogromen und Katastrophen kam, denen Unzählige, meistens Unschuldige zum Opfer fielen. War der Blutrausch vorbei oder mussten die Kriegsherren erkennen, dass ihnen auch die Berufung auf einen Gott oder eine Religionen nicht zum Sieg verhalf, konnte sich langsam, nicht selten nach einer Revolution, die Erkenntnis durchsetzen, dass hier im Namen Gottes Teuflisches geschehen war und die Menschen zur Reue und zur Versöhnung gezwungen sind, um eine Wiederholung des Grauens zu verhindern. Doch nicht immer war diese Katharsis von Nachhaltigkeit.
Wir können hier viele Völkermorde und Kriege aufzählen. Juden, Armenier, Russen und Polen, die Tutsi in Ruanda, die indigene Bevölkerung in Amerika, Herrero und Nama im heutigen Namibia, meistens traf es die Zivilbevölkerung, wenn skrupellose Machthaber einen Vernichtungskrieg entfesselten und so die Menschen in die Barbarei trieben. Wenn nicht im Namen der Religion, dann wurde im Namen der „Rasse“ oder des „Volkstums“ gemordet, nie aber blieb die Religion außen vor, denn sie war oft mehr als jede andere Ideenwelt in der Lage, Menschen aufzuspalten in Gut und Böse, Rechtgläubige und Ungläubige, Sieger oder Opfer.
Der Weg in die Barbarei und das politische Niemandsland in Mitteleuropa nahm seinen auslösenden Beginn am 23. Mai 1618 mit dem zweiten Prager Fenstersturz, der dreißig Jahre Krieg gebar, dem im Deutschen Reich jeder Dritte tödlich zum Opfer fiel. Was nicht die todbringenden Waffen vermochten, vollendeten Hunger, Elend und Seuchen, Chaos und Verzweiflung. Heute blicken wir in den Nahen Osten, wo seit der „Arabellion“ und dem Bürgerkrieg in Syrien, aber auch nach dem Anwachsen des islamistischen Fundamentalismus der labile Nicht-Kriegszustand zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten immer mehr wackelt. US-Präsident Trump zündelt und Israel macht sich immer mehr zum Pulverfass, indem es die Palästinenser unterdrückt und selbst mit Krieg gegen den Iran droht. Doch auch innerislamische Kriegsfronten drohen die Region zu sprengen. Vieles erinnert an den furchtbaren Krieg von vor 400 Jahren und nichts kann garantieren, dass sich die Geschichte hier nicht wiederholt. Nur einen gewichtigen Unterschied gibt es: Mit den beteiligten potenziellen Kriegsparteien USA, Russland, Israel und den miteinander verfeindeten Anrainern Indien und Pakistan sind Atommächte involviert. Die Befürchtung ist real, dass nach den Atombomben über Hiroshima und Nagasaki im Nahen und Mittleren Osten Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten. Deshalb möchte ich mit meiner 166. Historischen Notiz an den „zweiten Prager Fenstersturz“, seine Vorgeschichte und seine Auswirkungen erinnern. Dass dieses an einem Tag geschieht, an dem die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem und die Proteste der Palästinenser in Gaza im Zeitraum des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israels zu Dutzenden von Toten und Verletzten führten und führen werden, ist sicherlich kein Zufall. Hoffen wir, dass noch Zeit bleibt, den Kriegstreibern durch kluge Diplomatie einerseits und weltweite Massenaktionen andererseits in die Schwerthand zu fahren.

Vom „ersten Prager Fenstersturz“ zum brüchigen „Augsburger Religionsfrieden“: Vorgeschichte 1415-1555
Die Vorgeschichte des zweiten Prager Fenstersturzes wurzelte im Wirken des böhmischen Reformators Jan Hus und seiner Verbrennung als Ketzer anlässlich des Konzils von Konstanz am 6. Juli 1415. Hus, durch seine Kritik am Papsttum und seinen Bezug auf die Bibel als einziger Glaubensautorität ein Vorläufer Luthers, hatte eine breite Bewegung in Böhmen hinter sich mit Prag als Mittelpunkt. Nach seiner Hinrichtung stürmten am 30. Juli 1419 seine Anhänger, die Hussiten bzw. Taboriten, das Neustädter Rathaus in Prag und warfen zehn Personen aus dem Fenster: den Bürgermeister, zwei Ratsherren, den Stellvertreter des Richters, fünf Gemeindeältere und einen Knecht. Die Gestürzten wurden anschließend getötet. Damit wurden die „Hussitenkriege“ ausgelöst, die 1434 mit der Niederlage der Aufständischen beendet wurden. Doch riss mit der Niederlage der Hussiten die reformatorische Bewegung nicht ab, sondern erlebte bis Martin Luther immer wieder soziale und theologische Aufbrüche, von denen die deutsche Reformation die bedeutendste war.
Nachdem Luther 1521 in Acht und Bann getan worden war, entwickelte sich die Reformation auf dem Wege der Fürstenreformation fort und führte zu theologisch-politischen Spaltung im Heiligen Römischen Reich, das vom Hause Habsburg regiert wurde. Kaiser Karl V. Hatte nach Luthers Tod (1546) im „Schmalkaldischen Krieg“ 1546/47 die Rekatholisierung militärisch durchzusetzen versucht, doch vermochte auch der militärische Sieg der Kaiserpartei gegen die Protestanten nicht den Augsburger Religionsfrieden von 1555 zu verhindern. Dieser Kompromiss zwischen den Anhängern des lateinischen und des protestantischen Christentums sah vor, dass die Landesherren die Konfession bestimmten und ihre Untertanen zur Konfessionsangehörigkeit verpflichtet seien („cuius regio, eius religio“) bzw. das Recht hätten, andernfalls das Land zu verlassen. Damit war ein wackeliger Religionsfrieden hergestellt worden, der jedoch nur ein temporäres Kräfteverhältnis festschrieb. Schon bald danach betrieben die Habsburger Herrscher eine erneute Rekatholisierung, an der die Jesuiten einen bedeutenden Anteil besaßen. Damit bahnte sich jener Konflikt an, der am 23. Mai 1618 in den „zweiten Prager Fenstersturz“ und in die Katastrophe des „Dreißigjährigen Krieges“ einmünden sollte.

Hegemonialstreben und Religion: „Union“ und „Liga“
Die europäische Staatenwelt hatte sich unterdessen gewandelt. Während im Heiligen Römischen Reich die Konfessionalisierung eine weitere Föderalisierung zu Lasten des Kaisertums bewirkt hatte, waren Spanien durch Reconquista und Eroberung der „Neuen Welt“ und Frankreich zu konkurrierenden Großmächten im Westen des Kontinents heran gereift. Im Norden wiederum hatte sich England durch den Sieg über die spanische Armada zur Seemacht aufgeschwungen, der Ostseeraum befand sich im Hegemonialkonflikt zwischen Schweden, Dänemark und Russland. Das Heilige Römische Reich befand sich quasi im Schnittpunkt zahlreicher Machtprojektionen. (1) Spanien betrachtete sich als wichtigste katholische Ordnungsmacht und unterstützte, geschmiedet durch die habsburgischen Familienbande, die Rekatholisierung des Reiches durch den Kaiser in Wien. Frankreich wiederum wehrte sich eine Umklammerung durch Madrid und Wien, zumal der alte Dualismus mit England fortbestand. Von daher unterstützte es die protestantischen Fürsten im Reich. Dänemark und Schweden, längst protestantische Monarchien, hatten ein Auge auf die Ostsee und deren Ressourcen geworfen, zumal nach dem Niedergang der Hanse. Nicht zufällig erinnert diese Gemengelage an die Machtinteressen der Groß- und Regionalmächte im Nahen Osten. Von daher darf man ein eben so großes Konflikt- und Gewaltpotenzial annehmen wie vor 400 Jahren.
Im Jahre 1608 eskalierte die Lage im Reich, als nach der Wahl eines Protestanten zum Präsidenten des Reichskammergerichts die katholischen Stände erklären, die Rechtsprechung des höchsten Reichsgerichts nicht mehr anzuerkennen. Damit war der Rechtsfrieden bedroht, zumal nun das Gegengewicht des Reichsgerichts, der Wiener Reichshofrat, extrem aufgewertet wurde. Der Konflikt um das protestantische Donauwörth, das vom katholischen Bayern annektiert wurde, verschärfte die Spannungen. Der Reichstag von 1608 scheiterte folglich, weil die protestantischen Stände, darunter die Pfalz und Brandenburg, ihn unter Protest verließen. Die meisten protestantischen Stände gründeten 1608 die „Union“, die dem „Schmalkaldischen Bund“ nachempfunden war, weitere Reichsstädte und Stände traten ihr nachfolgend bei. Als Reaktion schmiedete Herzog Maximilian I. von Bayern die katholische „Liga“ von 1609. Damit waren die militärischen Konstellationen eines Krieges gegeben. (2)

Die böhmische Revolution und der „Prager Fenstersturz“
Die böhmischen Stände bestanden auf ihren alten Mitspracherechten und wollten dem Kaiser in Wien zumindest nicht ohne bedeutende Gegenleistungen entgegen kommen. So hatte es in den Jahren der Gründung der protestantischen und katholischen Allianzen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Ständen in Böhmen und den Habsburger Herrschern gegeben, die 1609 mit dem „Majestätsbrief“ Kaiser Rudolf II., der als regierungsunfähig galt und sich nicht länger gegen seinen Bruder Matthias behaupten konnte, beendet wurden. Der „böhmische Friede“ garantierte den Ständen Religionsfreiheit und Kirchenhoheit, respektierte also den Protestantismus. 1617 allerdings wendete sich das Blatt, als der strenge und eifernde Katholik Ferdinand von Steiermark zum König von Böhmen gewählt wurde. 1618 folgte seine Wahl zum König von Ungarn. In beiden Teilstaaten des Heiligen Römischen Reiches, die Hoheitsgebiete der Habsburger waren, setzte schnell eine gegenreformatorische Politik ein, die die Stände in die Opposition trieb. Schon bei Ferdinands Krönung entbrannte ein heftiger Streit zwischen den protestantischen Vertretern im böhmischen Herrenstand und dem Kanzler des Reichs, wobei die Ständevertreter offensichtlich überrumpelt wurden, so dass sie ihr Akklamationsrecht, ohne das kein König gekrönt werden konnte, nicht wahrnahmen.
Doch unmittelbar nach der Inthronisierung Ferdinands gingen die Stände zur offenen Opposition über. Der König ließ zur Durchsetzung seiner gegenreformatorischen Bestrebungen die Rechte der Stände, darunter die Religionsfreiheit und die Kirchenhoheit, an seinen eigenen Kanzler übertragen und somit de facto an den Kaiserhof in Wien. Zur Abschreckung ließ man die evangelische Kirche in Klostergrab im Erzgebirge abreißen und die St. Wenzels-Kirche in Braunau schließen. Diese Maßnahmen eröffneten die Phase des offenen Aufstands. Gleichzeitig wurden die Untertanen auf den königlichen Besitzungen in Böhmen zwangskatholisiert.
In Prag trafen die Vertreter der Protestanten auf zwei Treffen zusammen. Die entmachteten „Defensoren“, die Verwalter der 1609 errungenen Freiheiten, rieten zum offensiven Vorgehen. So kam es am 23. Mai zur „Defenestration“ der beiden katholischen unter den zehn Statthaltern in Prag und ihres Sekretärs. Sie fielen 15 Meter aus dem Rathaus in die Tiefe, landeten aber, wie die nicht nachprüfbare Überlieferung angab, in einem Misthaufen und kamen mit dem Leben davon. Andere Vermutungen sprechen davon, sie seien in dem Entwässerungsgraben des Rathauses gelandet. Doch war dieser „zweite Prager Fenstersturz“ nicht etwa eine Form rabiater symbolischer Politik, sondern nachgerade eine Revolution, wandte er sich doch direkt gegen die kaiserlich-königliche Autorität und wollte die einmal errungenen vertraglichen Freiheiten der Stände als repräsentativer Körperschaften verteidigen.

Dreißig Jahre Krieg
Bald braute sich das Unwetter über Prag zusammen, als die katholischen Herrscher in Wien und Madrid einig wurden. Während die böhmischen Stände an einer neuen Verfassung arbeiteten und einen neuen König suchten, begann im Sommer 1618 jener furchtbare Krieg, der dreißig Jahre andauern sollte und erst im „Westfälischen Frieden“ von Münster und Osnabrück sein Ende fand. Das Heilige Römische Reich lag in Trümmern, sein politisches Gewicht hatte sich verringert, die Randmächte wie Frankreich, Schweden und Dänemark hatten sich an strategischen Territorien bereichert. Das katholische Frankreich unterstützte wie zuvor das protestantische Schweden die „Union“, die vereinten Habsburger Herrscherhäuser in Wien und Madrid die „Liga“. Die Kriegführung wurde brutalisiert, die Zivilbevölkerung terrorisiert, Städte wie Magdeburg gebrandschatzt und entvölkert. „Warlords“ wie Albrecht von Wallenstein machten Karriere und finanzierten Söldnerheere.
Kirchenlieder wie jene von Paul Gerhardt beschreiben die Gräuel und das Leiden der Menschen, Grimmelshausens „Simplicissimus“ oder das Kinderlied „Maikäfer flieg“ gehören zum kulturellen Erbe der Deutschen.
In der „Allgemeinen Geschichte der Neuzeit“ aus der DDR hieß es 1986 treffend: „Die verschiedenen regionalen Rivalitäten und Konflikte verschmelzen im zweiten Jahrzehnt des 17. Jh. zu einem sich ständig ausweitenden, ettappenweise ablaufenden europäischen Krieg mit peripheren Konflikten, dessen Hauptschauplatz die deutschen Territorien werden: zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648)“. (3)
Schaut man heute in den Nahen Osten und ersetzt die „deutschen Territorien“ durch Syrien, dann scheint sich Geschichte nach 400 Jahren zu wiederholen. Aber kann es nach einem Krieg unter der Drohung mit Atomwaffen noch einen „Westfälischen Frieden“ geben? Hoffentlich reicht die Vernunft der Staatenlenker über phallische Messgrößen hinaus, wie sie der berüchtigtste unter ihnen von Übersee aus schon eingebracht hat. In Zeiten von Autokraten und Warlords jedenfalls, auch das zeigen der Fenstersturz und seine Folgen, führt die Vernunft ein Schattendasein.

Anmerkungen:

1) Vgl. dazu Golo Mann, Das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, in: Propyläen Weltgeschichte, Band 7:Von der Reformation zur Revolution, Frankfurt am Main und Berlin 1986, S. 135-233.
2) Ebenda, S. 152-154.
3) Autorenkollektiv unter Leitung von Manfred Kossok, Allgemeine Geschichte der Neuzeit 1500-1917, Berlin (DDR) 1986, S. 106.