Historische Notiz 179

Der Versailler Vertrag: Ende des Ersten Weltkrieges und Sprengsatz für die junge Demokratie. Historische Notiz 179 vom 23. Juni 2019

Vor genau 100 Jahren endete mit der Unterzeichnung der Friedensvertrages von Versailles im gleichnamigen Schloss Ludwigs XIV. der erste Weltkrieg für das Deutsche Reich auf völkerrechtlicher Ebene. Die Siegermächte der Entente schlossen in den Pariser Vorortverträgen den Frieden mit jenen Staaten, die zu den Mittelmächten und damit zur Allianz um das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn gehört hatten. Außer in Versailles wurde in St. Germain (Deutschösterreich, später Österreich), Neuilly (Bulgarien), Trianon (Ungarn) und Sévres (Osmanisches Reich) verhandelt, so dass jeder besiegte Staat gesondert behandelt wurde. Dies entsprach den damaligen diplomatischen Gepflogenheiten und ebenso den strategischen Optionen der Siegermächte.
Heute wissen wir, dass der Versailler Vertrag nicht nur das Kriegsende und die Bildung des Völkerbundes als Vorläufer der Vereinten Nationen bedeutete, sondern für Deutschland eine schwerwiegende Belastung der innenpolitischen Kultur erzeugte, da sich das Deutsche Reich weder als Kriegsschuldiger noch als Verlierer begriff, wurde es doch nicht im eigenen Land besiegt, sondern auf fremdem Territorium. Die nationalistische Rechte, besonders die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), später die NSDAP Hitlers, verunglimpfte von Beginn an die demokratischen und linken Parteien der jungen Weimarer Demokratie mit Schimpfworten wie „Novemberverbrecher“ und forderte die Revision der „Schmach von Versailles“. Damit hatte sie kurz nach dem Ende der deutschen Revolution von 1918/19 jenen Hebel gefunden, das ihr verhasste parlamentarisch-demokratische System zu bekämpfen und zu beseitigen. Es dauerte keine vierzehn Jahre, als nach dem Verbort der SPD am 22. Juni 1933 die Hitler-Diktatur alle Parteien aus dieser Zeit abgeschafft und die demokratischen Verhältnisse zerstört waren. An den Versailler Vertrag soll von daher diese Historische Notiz rückblickend erinnern.

Die Eröffnung der Konferenz
Der damalige Reichskanzler Philipp Scheidemann schrieb zum Umfeld der Versailler Friedenskonferenz: „In die Friedensdelegation, die sich Ende April nach Versailles begab, wurden unter dem Präsidium des Außenministers Grafen Brockdorff-Rantzau berufen der Justizminister Landsberg, Postminister Giesberts und Landtagspräsident Leinert, Bankier Dr. Melchior-Hamburg und der Staatsrechtslehrer Prof. Schücking, Mitglied der Nationalversammlung. Der Friedensvertrag, der dieser Delegation am 7. Mai überreicht wurde, war das infamste Machwerk, das blinder Haß und sinnlose Wut jemals produziert haben.“ (1) Vergeblich hatte die deutsche Politik gehofft, dass die Alliierten auf der Basis der 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson mit den Deutschen verhandeln würden, was ein spürbares Entgegenkommen bedeutet hätte, selbst wenn Elsaß-Lothringen wieder an Frankreich zurückgegeben werden müsste und hohe Kriegsentschädigungen an Frankreich und Belgien zu zahlen gewesen wären. Stattdessen setzte sich Frankreichs harter Kurs durch, vertreten durch Ministerpräsident Georges Clemenceau, der auch das Saargebiet und die linksrheinischen Gebiete unter französische Kontrolle bringen wollte. Sein Motto lautete „L´ Allemagne paiera“, „Deutschland wird bezahlen“. Die Uneinigkeit unter den Alliierten Frankreich, Großbritannien USA konnte Clemenceau für seine Ziele ausnutzen, denn US-Präsident Wilson forderte vor allem eine Stärkung der Demokratien und Großbritannien blickte argwöhnisch auf ein zu starkes Frankreich. Reichskanzler Scheidemann sah wesentliche Vorbedingungen für halbwegs faire Verhandlungen als gegeben an: „Obwohl der Kaiser geflohen […] war; obwohl der preußische Militarismus vollkommen am Boden lag, während die der Entente angehörenden Länder in Waffen starrten; obwohl ein vom Volk gewähltes Parlament und eine Regierung mit sozialdemokratischen Reichs- und Ministerpräsidenten das deutsche Volk vertraten“, führte dies nicht zu einem Einlenken gegenüber den Deutschen.(2)
Am 7. Mai 1919 erhielt die deutsche Delegation die „Friedensbedingungen der alliierten und assoziierten Regierungen“ überreicht. Diese Bedingungen gingen weit über das hinaus, was die deutsche Regierung erhofft bzw. befürchtet hatte. „Daß Elsaß-Lothringen an Frankreich und das Gebiet um Posen an Polen fallen würden, überraschte niemanden mehr. Aber darüber hinaus sollte Polen ganz Oberschlesien und und den Hauptteil Westpreußens erhalten, wodurch Ostpreußen vom übrigen Reich abgeschnitten wurde. Danzig wurde zur freien Stadt unter einem Kommissar des zu errichtenden Völkerbundes erklärt; das Memelgebiet fiel unter die Verwaltung der Entente.“(3) Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit zu Polen oder Deutschland sollte es in Masuren und in den östlich der Weichsel gelegenen Gebieten um Marienburg und Marienwerder geben, auch die Nordschleswiger sollten sich entscheiden, ob sie zu Deutschland oder Dänemark gehören wollten. Weitere Abtretungen betrafen Eupen-Malmedy, das an Belgien fallen würde, und das Hultschiner Ländchen, das der Tschechoslowakei zugeschlagen wurde. Für Deutschösterreich und das Deutsche Reich galt das Anschlussverbot. Nicht völlig durchsetzen konnte sich Frankreich in der Frage der Saar- und Rheingebiete. Das Saargebiet sollte nun für 15 Jahre vom Völkerbund verwaltet werden, danach sollte auch hier eine Volksabstimmung stattfinden. Das Rheinland und das Ruhrgebiet wurden entmilitarisiert und von französischen Truppen besetzt. Die Kolonialgebiete fielen an den Völkerbund.
Die Rollenverteilung in Versailles war eindeutig. Die deutsche Delegation hatte bei der Ausarbeitung der Friedensbedingungen nicht mitwirken dürfen und erhielt nun neben den genannten, das Staatsgebiet betreffenden weitere, das Deutsche Reich massiv abrüstende und in Form der Kriegsentschädigungen finanziell erheblich belastende weitere Bedingungen überreicht. Der Schock saß tief, selbst der Sozialdemokrat Scheidemann sprach von einem „wahnsinnige(n) Diktat, durch das ein 70-Millionen-Volk für viele Jahrzehnte versklavt, ehr- und wehrlos gemacht werden sollte“. (4) Aber war diese Einschätzung zutreffend?

Die Reaktion der deutschen Politik
Am Nachmittag des 12. Mai tagte die Nationalversammlung in der Berliner Universität. Zuvor hatte das Kabinett am Vormittag eine Sitzung abgehalten, um über die Friedensbedingungen zu beraten. Nur die Regierungsmitglieder der linksliberalen DDP drängten auf ein absolutes Nein in der Friedensfrage. Die Mehrheit der Regierung schloss sich diesem Votum an und erklärte: „Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar!“(5) Mit dieser Absage sollten die Alliierten zu Zugeständnissen gedrängt werden. Vor der Nationalversammlung hielt Kanzler Scheidemann eine Rede, in der er die Zusammengehörigkeit der Deutschen beschwor, und dies mit einem deutlich nationalistischen Zungenschlag, wenn er von einem gemeinsamen deutschen Leib sprach, in den mit einem mörderischen Messer geschnitten werden solle. Nach einem Vergleich der Versailler Bedingungen mit Wilsons 14 Punkten kam er zu dem Ausspruch: „Ich frage Sie: wer kann als ehrlicher Mann, ich will gar nicht sagen als Deutscher, nur als ehrlicher vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“(6) Auch der preußische Ministerpräsident Paul Hirsch (SPD) und der Präsident der Nationalversammlung, Konstantin Fehrenbach (Zentrum) legten entsprechend nach. Letzterer drohte gar: „Auch in Zukunft werden deutsche Frauen Kinder gebären und diese Kinder werden die Sklavenketten zerbrechen und die Schmach abwaschen, die unserem deutschen Antlitz zugefügt werden soll.“(7) Dennoch gab es gerade in der SPD und der Zentrumspartei mahnende Stimmen, die zum Einlenken rieten, sollte nicht die Wiederaufnahme von Kriegshandlungen der Preis sein. Die USPD hielt sich fern von wortgewaltigen Reaktionen der Regierung und riet zu Verhandlungen. Letztlich zeigte die Nationalversammlung nach außen große Empörung und grimmige Entschlossenheit, schlug aber die Tür für Verhandlungen nicht zu. Anders hingegen die Konservativen. Der Historiker und Politiker Hans Delbrück schrieb 1929: „Als wir besiegt und entwaffnet waren, haben unsere Feinde nicht nur unseren Volksboden verstümmelt und für unabsehbare Zeiten die wirtschaftliche Sklaverei über uns verhängt, sondern auch versucht, unsere nationale Ehre zu schänden und uns im Kreise der Kulturvölker als ein Verbrechervolk zu kennzeichnen. Sie zwangen uns, im Friedensvertrage einen Schuldartikel zu unterzeichnen und anzuerkennen, daß Deutschland und seine Verbündeten durch ihren Angriff den Anderen den Krieg aufgezwungen hätten, und sie erläuterten diesen Satz in ihrem Ultimatum dahin, daß Deutschland den allgemeinen Krieg entfesselte, um eine Welthegemonie zu erwerben“. (8)
Obwohl Delbrück ein Gegner der Dolchstoßlegende war, der zufolge die Demokraten das deutsche Heer im Siegeslauf quasi hinterrücks erdolcht hätten, finden sich in seiner Rede viele Versatzstücke wieder, die zur nationalistischen Aufladung der deutschen Innenpolitik führten und so die geistige Gegenrevolution durchzusetzen halfen. Dass die deutsche Kriegsschuld unabweisbar war, hatte ein Untersuchungsausschuss, dem u.a. auch Karl Kautsky USPD) angehörte, längst durch Sichtung der Akten herausgefunden. Und Eduard Bernstein (SPD) hatte ebenfalls dafür plädiert, die Schuld des Kaiserreichs am Kriegsausbruch endlich anzunehmen.(9) Scheidemann aber blieb bei seiner unnachgiebigen Position. Die Weigerung, hier Klartext zu reden, führte dazu, dass der Kriegsschuldartikel 231 des Vertrages von Versailles von den politischen Rechten als Kampffigur gegen die sogenannten „Novemberverbrecher“ permanent eingesetzt werden konnte.

Die Annahme des Vertrages
Nach heftigen innenpolitischen und innerparteilichen Auseinandersetzungen im Juni hatten die Alliierten noch kleinere Zugeständnisse geleistet, so z.B. eine Volksabstimmung in Oberschlesien und eine mögliche vorzeitige Räumung des Rheinlandes. In der Kriegsschuldfrage aber gab es kein Entgegenkommen, und ohne alte Debatten wieder aufzunehmen oder Christopher Clark ein weiteres Mal zu kritisieren, muss gesagt werden, zu Recht. Philipp Scheidemann trat deshalb am 21. Juni 1919 als Reichskanzler zurück und wurde durch Gustav Bauer, ebenfalls SPD, ersetzt. Die DDP schied ganz aus der Regierung aus. Die entscheidende Abstimmung über die bedingungslose Annahme oder Ablehnung des modifizierten Vertragsentwurfs fand am 23. Juni 1919 statt. Auch Außenminister Brockdorff-Rantzau war zurückgetreten, sein Nachfolger wurde Hermann Müller (SPD). Nach heftigen Debatten stimmte die Nationalversammlung mit 237 gegen 138 Stimmen die Annahme des Vertrages. Die Unterschrift wurde am 28. Juni 1919 in Versailles geleistet.
Damit wurden die bereits genannten Bedingungen völkerrechtlich rechtswirksam. Deutschland musste weiterhin seine Truppenstärke auf 100000 Soldaten und die Marine auf 15000 Soldaten abrüsten, Panzer, Luftwaffe und U-Boote übergeben. Den härtesten Bissen, den es zu schlucken galt, bildeten die Reparationen an die Kriegsgegner. Diese beinhalteten Demontagen, Abgaben an Material, Handelsschiffen, Lebensmitteln, sowie Kohlelieferungen an Frankreich, Belgien, Luxemburg und Italien. Die abschließende Höhe der Reparationen wurde erst im Juni 1920 mit 269 Millionen Goldmark festgelegt und blieb immer eine schwärende Wunde für die deutsche Innenpolitik, denkt man z.B. an die Ruhrbesetzung von 1923 und den Generalstreik, die die Volkswirtschaft und die Währung ruinierten und so zu einem massiven Rechtsruck führten. Insgesamt büßte das Deutsche Reich rund ein Siebtel seines Territoriums und ein Zehntel seiner Bevölkerung ein. Auch Kohle- und Erzvorkommen fielen an Polen, Frankreich und Belgien bzw. unterstanden dem Völkerbund (Saargebiet).
Gewiss war dies kein angenehmer Friede. Und die Aussage des französischen Marschalls Ferdinand Foch, dass es sich nicht um einen Frieden, sondern um einen Waffenstillstand auf 20 Jahre handele, sollte sich 1939 bewahrheiten. Viele Deutsche fühlten sich von Versailles gedemütigt und unterdrückt, aber viele kannten die Umstände des Kriegsausbruchs und des Kriegsverlaufs nicht oder wollten nichts davon wahrhaben. Insofern griffen hier diplomatische Unnachgiebigkeit drüben und politische Ignoranz hüben in einer gefährlichen Umarmung ineinander, ohne die der Aufstieg eines „böhmischen Gefreiten“ zum schlimmsten Kriegsverbrecher aller bisherigen Zeiten undenkbar ist.

Anmerkungen

1) Philipp Scheidemann: Erinnerungen eines Sozialdemokraten, 2. Band, Dresden 1928, S. 362f.
2) Ebd., S. 363.
3) Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bonn
2002, S. 398.
4) Scheidemann, S. 363.
5) Ebd., S. 365.
6) Ebd., S. 367.
7) Zitiert nach Winkler, S. 400.
8) Hans Delbrück: Der Friede von Versailles, Berlin 1930 (3.), S. 5.
9) Vgl. Winkler, S. 401.