Historische Notiz 155

Napoleons Gloire statt Preußens Gloria – Der Frieden von Tilsit vom 7./9. Juli 2017 und seine Auswirkungen. Historische Notiz 155 vom 29. Juni 2017

Nach der verheerenden Niederlage der preußischen Armee in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt begann die Schlussphase des vierten Koalitionskrieges, in der der siegreiche französische Kaiser und Feldherr die unterlegenen preußischen Truppen, die geflüchteten Hohenzollern und die mit Preußen verbündeten russischen Truppen nach Ostpreußen trieb, wo es zu den entscheidenden Schlachten kommen sollte, die den Aufstieg Preußens seit der Zeit des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), vor allem nur wenige Jahre nach seiner Glanzzeit unter Friedrich dem Großen (1712-1786) und Friedrich Wilhelm II. (1744-1797), in sein Gegenteil verkehrten und Preußens Existenz ernsthaft bedrohten. Der „Frieden von Tilsit“, geschlossen zwischen Napoleon Bonaparte (1769-1821) und dem russischen Zaren Alexander I. (1777-1825) am 7. Juli 1807, zwei Tage später zwischen Napoleon und dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III (1770-1840), bedeutete für die vormals stolzen Preußenherrscher der Hohenzollern eine schwere Demütigung, weil das Territorium der einstigen Großmacht halbiert und auf Ostmitteleuropa beschränkt, Preußen immense Kriegskontributionen an Frankreich auferlegt wurden und zum Tiefpunkt der Geschichte Preußens führten. Dies erzwang dennoch beträchtliche Reformanstrengungen und bildete gleichzeitig Napoleons Machtzenit aus, der sich von dort an wieder zu senken begann. Hieran erinnert diese Historische Notiz 155.

„Die Bataille ist verloren“ – Preußens Niederlage von 1806
Am 10. Oktober 1806 schlugen die französischen Truppen bei Saalfeld die preußische Vorhut unter Prinz Louis Ferdinand, der Preußenprinz kam dabei ums Leben. Vier Tage später trafen zwei Truppenteile der Franzosen und der Preußen bei Jena und Auerstedt aufeinander. In dieser Doppelschlacht siegten die Franzosen auf der ganzen Linie. Preußens militärischer Nimbus der Unbesiegbarkeit zerstob wie Staub: „Durch die Konfusion im Generalstab und in der Truppenführung hatten zwei Fünftel der preußischen Truppen überhaupt nicht am Kampf teilgenommen. Der Rest des Feldzuges war Flucht und Kapitulation.“(1) Die in Auflösung befindlichen preußischen Truppenteile versuchten, sich über den Harz in Richtung der Magdeburger Festung zu retten Nur Königin Luise schien in der Lage, den demoralisierten Preußen Mut zuzusprechen, doch auch dies half wenig. Die Armee Hohenlohe, die bei Jena gekämpft hatte, ergab sich am 28. Oktober bei Prenzlau. Auch Magdeburg, Erfurt, Stettin und Küstrin kapitulierten. Am 27. Oktober rückte Napoleon mit seiner Armee in Berlin ein. „Er besuchte Sanssouci, nahm einiges an sich und ließ sich in die Garnisonskirche an den Sarg Friedrichs [des Großen, HCz] führen. Dort soll er geäußert haben, man würde hier nicht stehen, wenn dieser König noch lebte“. (2) In der Tat galt Friedrichs zweiter Nachfolger Friedrich Wilhelm III. als ein wankelmütiger und zu schnellen Entschlüssen unfähiger Herrscher, gerade in Kriegszeiten ein wenig hilfreicher Charakterzug. Schon unmittelbar nach Jena und Auerstedt wollte er Friedensverhandlungen mit Napoleon führen, doch der Korse dachte überhaupt nicht daran, wies die Offerten des preußischen Monarchen ab und zog nach Berlin und Potsdam, um seiner heimlichen Bewunderung für den Inbegriff des preußischen Monarchen, Friedrich II., genannt der Große, Ausdruck zu geben. (3)
Am 30. Oktober 1806 schien Friedrich Wilhelm III., inzwischen nach Ostpreußen geflüchtet mitsamt dem Staatsschatz, doch noch Schlimmeres abgewendet zu haben, als er eine Verhandlungsvereinbarung (Präliminarfrieden von Charlottenburg) unterzeichnete, aber Bonaparte machte einen seiner Übermacht entspringenden Schwenk am 6. November „und bestand darauf, dass er nur dann einem Waffenstillstand zustimmen werde, wenn Preußen einwillige, als Operationsbasis für einen französischen Angriff auf Russland zu dienen.“ (4) Außerdem sollte Preußen Schlesien und Südpreußen sowie einige Festungen an Bonaparte abtreten. (5) Alles hing nun vom wankelmütigen Friedrich Wilhelm III. ab. Stimmte er zu, so machte dies Preußen zum Vasallenstaat Frankreichs. Lehnte er ab, so müsste er Russland gewinnen, an Preußens Seite den Krieg gegen Frankreich fortzusetzen. Entgegen der Mehrheit seines Kabinetts entschied der König, die französischen Bedingungen auszuschlagen und den Krieg fortzusetzen. Unter der Minderheit, die den König unterstützte, befand sich auch der Minister Carl Friedrich Freiherr vom und zum Stein, der zu Napoleons großem Gegenspieler werden sollte. Noch am 21. November rief Bonaparte von Berlin aus die Kontinentalsperre gegen England aus.

Der militärische Zusammenbruch von 1807
Napoleons Truppen nahmen umgehend die Kampfhandlungen wieder auf und rückten unaufhaltsam durch preußisches Gebiet bis nach Osten vor. Indes hatte Zar Alexander I. in einem Schreiben an Friedrich Wilhelm III. die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Preußen bekräftigt, was den Preußenkönig zu dem militärischen Wagnis verleitete. Zu politischen Zugeständnissen war er nicht bereit und entließ sogar am 3. Januar 1807 seinen Minister Freiherr vom Stein, als dieser eine Kabinettsreform einforderte. (6) Napoleon zog in Richtung Ostpreußen. Am 7. und 8. Februar musste sich Napoleon gegen eine russische Streitmacht, verstärkt durch preußische Kontingente, bei Preußisch-Eylau wieder zurückziehen. Rasch unterbreitete er dem Preußenkönig ein verbessertes Friedensangebot, was diesem den Verzicht auf seine Gebiete westlich der Elbe abverlangte, also Minden-Ravensberg, die Mark, Kleve, Friesland, Osnabrück und Lingen und die Altmark, doch nun lehnte Friedrich Wilhelm III. ab. Prompt setzten sich die Kriegshandlungen fort. Das russisch-preußische Bündnis, am 26.4.1807 im Vertrag von Bartenstein verbrieft und vorher von Minister von Hardenberg vermittelt, sollte nun die napoleonischen Angreifer zurückwerfen. Doch verwandelten die nachfolgenden Kämpfe, bei denen beide Seiten hohe Verluste verzeichneten, Ostpreußen in Ödland. (7) Derweil war Napoleons Versuch, durch einen Separatfrieden mit Preußen die preußisch-russische Koalition zu sprengen, in Bartenstein gescheitert. Ein Separatfrieden mit England am 28. Januar 1807 gab der Koalition vermeintlich Rückendeckung, jedoch schaltete sich England nicht nennenswert in die Kriegshandlungen ein, auch Österreich versagte sich dem Kampf gegen einen seinerzeit schier übermächtigen napoleonischen Gegner. Und so folgte die militärische Niederlage auf dem Fuße:„Am 14. Juni wurde die vereinigte russisch-preußische Armee bei [Preußisch-]Friedland entscheidend geschlagen. Damit gewann auch in Russland der Gedanke an einen Friedensschluss die Oberhand, denn die Franzosen standen siegreich in Ostpreußen, und vom Zurückdrängen über den Rhein konnte jetzt keine Rede mehr sein.“ (8) Zar Alexander I. suchte dringend nach einem Waffenstillstand nach. „Die preußischen Truppen biwakierten zwischen Memel und Tilsit. Scharnhorst zog Bilanz: „Unsere Taten sind nicht groß gewesen, indes haben wir uns doch mit dauernder Achtung aus dem Spiel gezogen.“ (9) Russland blieb nichts anderes übrig, als Napoleon gegenüber auf der Fortexistenz des gedemütigten Preußen zu bestehen. Die Verhandlungen jedenfalls ließen nichts Gutes für die Hohenzollernmonarchie erwarten.

Der Frieden von Tilsit und das geschrumpfte Preußen
Christopher Clark schreibt über das Szenario der Friedensverhandlungen: „Am 25. Juni 1807 trafen sich Kaiser Napoleon und Zar Alexander in einem ungewöhnlichen Ambiente, nämlich auf einem prächtigen Floß mitten auf der Memel bei Piktupönen in der Nähe der ostpreußischen Stadt Tilsit. Das Floß war auf Befehl Napoleons gebaut worden; da der Fluss offiziell die Demarkationslinie des Waffenstillstandes war und die russischen und französischen Heere sich auf beiden Flussufern gegenüberlagen, war das Floß eine geniale Lösung. Es bildete den neutralen Boden, auf dem die beiden Herrscher sich auf Augenhöhe treffen konnten. Friedrich Wilhelm von Preußen wurde nicht eingeladen. Stattdessen wartete er stundenlang am Ufer, umgeben von den Offizieren des Zaren und eingewickelt in einen russischen Mantel. Das war nur eine der unzähligen Maßnahmen, mit denen Napoleon der ganzen Welt den niederen Rang des unterlegenen Königs von Preußen kundtat.“ (10) Die Demütigungen des Preußenkönigs setzten sich fort, da das Floß lediglich mit den Initialen Napoleons und Alexanders geschmückt war und auch die Fahnen Frankreichs und Russlands gehisst worden waren. Als am 8. Juli dann Friedrich Wilhelm III. vorgeladen wurde, glich dies wohl eher einer Audienz bei Napoleon denn ebenbürtigen Verhandlungen, Napoleon ließ ihn zunächst im Vorzimmer warten, während er selbst Korrespondenzen erledigte. Über seine Pläne zur Zukunft Preußens ließ Napoleon Friedrich Wilhelm im Unklaren, stattdessen hielt er diesem dessen militärische Fehler während des Krieges vor. „Es wird berichtet, er [Napoleon, HCz] habe Friedrich Wilhelm III., als dieser in das Gespräch eingreifen und seine Interessen vertreten wollte, herablassend zurechtgewiesen: Ew. Majestät vergessen, daß Sie nicht in der Lage sind zu verhandeln und daß ich nur mit dem Kaiser von Rußland verhandle“. (11) Auch der berühmte Bittgang der schönen Preußenkönigin Luise zu Napoleon hatte nicht verhindern können, dass der Kaiser der Franzosen keinen Deut von seinen harten Bedingungen abwich. Wohl nur auf Drängen Alexanders haben die Hohenzollern ihren Thron behalten, heißt es außerdem. (12)
Preußen wurde territorial halbiert und aus seiner Großmachtposition entfernt. Im Frieden von Tilsit vom 9. Juli, Preußen betreffend, wurde dieses „bis auf die Kernlande zurückgestutzt: Brandenburg östlich der Elbe, Ost- und Westpreußen ohne Danzig, Pommern und Schlesien.“(13) Alle Besitzungen westlich der Elbe inklusive der Altmark und Magdeburg, fielen an Napoleon. Diese Gebiete wurden mit den braunschweigischen, hannoverschen, hessischen und oranischen Gebieten zum „Königreich Westfalen“ zusammengefügt, das Napoleons Bruder Jerome Bonaparte („König Lustig“) übertragen wurde. Rest-Preußen wurden Kriegskontributionen in der illusorischen Höhe von 154,5 Mill. Franken auferlegt.
Preußen schien am Ende zu sein, die Kontributionen schwächten die Wirtschaftskraft, schürten aber auch den Franzosenhass. Was blieb Preußen nun anderes übrig, als sich zu reformieren, um die Wirtschafts- und Finanzkraft und die militärische Schlagfähigkeit zu stärken? Und so holte Friedrich Wilhelm III. seinen geschassten Minister von und zum Stein in das Kabinett zurück. Dieser nahm ein Reformwerk in Angriff, das später seinen Namen und den Hardenbergs tragen sollte und das Preußen befähigte, sich zu modernisieren und später Napoleon zu trotzen. Dieses Reformwerk wird noch in diesem Herbst in einer weiteren Historischen Notiz beschrieben werden.

Anmerkungen
1) Günter Vogler/Klaus Vetter, Preußen. Von den Anfängen bis zur Reichsgründung, Köln 1981,
S. 138.
2) Gerd Heinrich, Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1984,
S. 283.
3) Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947, Bonn 2007, S. 359.
4) Ebd., S. 360.
5) Vogler/Vetter, S. 140.
6) Ebd.
7) Vgl. Heinrich, S. 286-287.
8) Vogler/Vetter, S. 141.
9) Gerhard von Scharnhorst (1755-1813), preußischer General und Militärreformer, zitiert nach Heinrich, S. 287.
10) Clark, S. 360-361.
11) Vogler/Vetter, S. 141-142.
12) Heinrich, S. 287.
13) Clarke, S. 362.